Beiträge von Bartlebooth

    Der 16jährige Miles Halter hat keine Freunde, darum beschließt er, die letzten Jahre seiner Schulzeit auf einem Internat zu verbringen, denn - so seine Überlegung - uninteressantere Menschen als in seiner floridischen Heimat können hier auch nicht auf ihn warten. Womit er nicht rechnet: Er hat das große Los gezogen, teilt ein Zimmer mit dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Chip, der ihn in seine Clique einführt, die vor allem noch aus Takumi und Alaska besteht, einem Mädchen, in das sich Miles auf den ersten Blick verliebt. Doch Alaska gibt ihm auch Rätsel auf. Im einen Moment ist sie die liebenswürdigste Person, die man sich nur vorstellen kann, im nächsten erscheint sie in sich gekehrt, dann wieder von einer unbekannten Verzweiflung übermannt, so dass sie praktisch nicht mehr zurechnungsfähig ist.
    Mit Alaska, Chip und Takumi verbringt Miles nun einen unglaublichen Sommer, voller Drogenerfahrungen, Alkohol, Zigaretten und großer Gefühle. Miles beginnt zu leben und mit seiner Clique Streiche zu planen, so dass über allem auch immer die Furcht liegt, der Schule verwiesen zu werden, eine Sache, die vor allem Chip hart treffen würde, da er auf diese Weise niemals zu einem Stipendium für ein gutes College käme.
    Dennoch lassen sich die Freunde nicht von ihrem Leben auf der Überholspur abbringen, bis eines nachts Alaska tränenüberströmt und sehr angetrunken bei Chip und Miles auftaucht und sie bittet, den Aufseher des Colleges abzulenken, damit sie unbemerkt verschwinden kann. Die Entscheidung, die nun in einem kurzen Moment getroffen wird, verändert das Leben aller Beteiligten.


    John Green ist ein junger Autor (29 Jahre alt), der mit "Looking for Alaska", seinem Erstling, sofort große Erfolge feiern konnte. Unter anderem war er am letzten Freitag zwei Mal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
    Was Green kann, ist zweifellos das Leben von pubertierenden Teenagern zu beschreiben. Der Hunger nach Leben und nach Zukunft, der gleichzeitig ein Hunger nach allen möglichen Erfahrungen ist, ist so typisch für diesen Lebensabschnitt, dass man sich fragt, warum er dann doch in vielen Jugendromanen fehlt. Vielleicht wollen die gutmeinenden Verlage ihre Klientel nicht mit so destruktiven Gefühlen konfrontieren? Ich weiß es nicht, jedenfalls habe ich die rauchenden und trinkenden Teenager, die eben trotzdem nicht auf die "schiefe Bahn" geraten, sehr genossen. Die Darstellung Greens nimmt ihre jugendlichen Protagonisten sehr ernst und das ist angenehm. Green gelingt es dabei außerdem die Teenager meistenteils wie solche klingen zu lassen. Das Buch ist nicht platt, selten rührselig und dabei sehr emotional.


    Ein wenig schnell geht es allerdings am Ende, wo eine religiöse Note in den Vordergrund drängt. Green kriegt hier gerade noch eben die Kurve, aber nur gerade eben. Ein Gang weniger wäre hier mehr gewesen.
    Außerdem wird ein wichtiges Thema am Ende aufgebracht, aber leider stiefmütterlich kurz behandelt, nämlich das der pubertären Egozentrik, der völligen Überwältigung durch die eigenen Gefühle, die einen oft daran hindern, die Welt unabhängig von der eigenen Person zu betrachten. Vielleicht hatte Green hier keine zündende Idee, so dass eine etwas laue Pointe das Buch abschließt.


    Zertört wird es dadurch nicht, ohne Zweifel einer der besseren Jugendromane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Gerade ist auch Greens zweiter Roman bei Hanser erschienen. Irgendwann werde ich mit Sicherheit auch in den einen Blick werfen.


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    Edit: Dt. Titel und die dazugehörige ISBN eingefügt, damit die deutsche Ausgabe auch über das Verzeichnis zu finden ist. LG JaneDoe

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    Original von Sigrid2110
    Es beleuchtet den Versuch eines Spagates zwischen dem anglikanischen England des 21. Jahrhunderts und den muslimischen Regeln des Irans, der mit seinen Vorschriften und Verboten für unsere westliche Gesellschaft in längst vergangener Zeit stecken geblieben zu sein scheint.


    Ach. Tut es das nicht gerade nicht? Die Vorschriften und Verbote sind doch viel stärker auf der englischen Seite angesiedelt.


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    Original von Aqualady
    Vor allem der unterschwellige Konflikt zwischen den drei Frauen, bei dem die ersten beiden Ehefrauen an ihrer Einstellung zu einer enthaltsamen Ehe anzweifeln, bringen Tracy dazu nochmals über ihre Situation nachzudenken.


    In dem Satz ist was schiefgegangen und ich verstehe ihn nicht. Konflikte zwischen den Ehefrauen? Daran kann ich mich nicht erinnern.


    Was ich auch nicht ganz verstanden habe, ist das "Orientalische" am Buch. Habt ihr dafür ein Beispiel?


    Herzliche Grüße, Bartlebooth.

    Clarissa, Monika und Ulrich Berg erben das Vermögen ihres unermesslich reichen Onkels Roberto. Bevor das Testament jedoch in Kraft tritt, ist dummerweise eine Bedingung zu erfüllen. Die (Halb)Geschwister müssen ein Heim für euphemistisch betitelte "Finalisten", dh für Selbstmörder, auf dem ehemaligen Landsitz von Onkel Roberto, der Ludwigshöhe in der Nähe des Starnberger Sees, einrichten. Die Lebensmüden sollen nur in ihrem Drängen unterstützt, nicht therapiert werden.
    Es werden also Kärtchen gedruckt und unauffällig an den neuralgischen Punkten der Verzweiflung verteilt: In Arztpraxen, auf dem Arbeitsamt usw.usf. Nach und nach stellen sich die Todessehnsüchtigen auch ein und beziehen die Zimmer der heruntergekommenen Villa. Doch damit ist für die Bergs natürlich noch nichts gewonnen, denn bevor sich die Finalisten nicht umgebracht haben, gibt es auch kein Erbe. Ärgerlich nur, dass die Ludwigshöhe eine eigene Dynamik entwickelt. Die potentiellen Selbstmörder erzählen sich gegenseitig ihre Geschichten und haben es gar nicht so wahnsinnig eilig, aus dem Leben zu scheiden.


    Was für eine Idee! Und wie unglaublich grandios versemmelt sie Hans Pleschinski. Ich bin ein bisschen fassungslos, wie jemand, auf dessen Konto das außerordentlich lesenswerte "Bildnis eines Unsichtbaren" geht, ein so schwaches Buch wie "Ludwigshöhe" abliefern kann - obwohl die Idee stimmt. Was hätte man aus ihr nicht alles machen können. Alle möglichen Gewissens- und Gesetzeskonflikte liegen auf der Hand. Die Insassen der Ludwigshöhe hätten in zauberbergscher Manier die eigene Existenz ausloten, miteinander in Verbindung treten können. Ein allwissender Erzähler hätte das geheime Geflecht des Schicksals hinter all dem für den Leser aufscheinen lassen können. Nichts dergleichen geschieht. Leider auch sonst nichts oder nichts Erwähnenswertes.


    Zu allererst versteht man schon einmal nicht den Ausgangspunkt: Wie lautet das Testament? Wann um alles in der Welt ist es erfüllt? Nach einer bestimmten Zeit? Nach einer bestimmten Anzahl Toter? Wie sind die nachzuweisen, wenn die Finalisten, wegen der praktischen Illegalität ihres Treibens nach ihrem Tod nicht etwa offiziell gemeldet werden können, sondern von den Bergs in Kühltruhen im Schuppen eingelagert werden sollen? Muss der Notar das dann irgendwann begutachten? Wieso wird ein Testament mit offensichtlich illegalen Erfüllungsbedingungen nicht angefochten? Wie kann so ein hanebüchener Unsinn in einem Verlag mit bedeutender Jura-Sparte erscheinen?


    Insofern versteht man schon einmal bei den Betreibern nicht, warum sie handeln, wie sie handeln. Die ganze Ausgangssituation ist schief und wird auch bis zum fernen Ende nicht gerade gerückt.


    Doch auch der Haufen "Finalisten" ist einzig und allein da, damit uns Pleschinski eine traurige Alltagsgeschichte nach der nächsten in immer derselben Sprache mit immer ähnlichen Pointen auftischen Kann. Und es genügen auch nicht die Geschichten der Todeskandidaten selbst, nein, es muss auch immer mal wieder ein Kapitel vom Wurstwarenvertreter, von der Supermarktkassierin oder der Versicherungsangestellten zwischengeschoben werden, die überhaupt nichts mit der Ludwigshöhe zu tun haben. So wird das Buch auf monströse 580 Seiten aufgebläht, die einzig dazu da sind, die konturlosen Figuren nebeneinander sitzen, stehen, liegen zu lassen und sich immer wieder ausgehend von der eigenen Lebensgeschichte seitenweise über den schlechten Zustand der Welt zu beklagen, gebildete Literatur über den Tod und mannigfaltige Jenseitsvorstellungen zu referieren und undifferenziert über die ganze Mansche zu philosophieren. Haarsträubend.


    Das alles geschieht zu allem Überfluss in einer grausigen Sprache. Da reichen nicht die Namen der geschätzt anderthalb Dutzend Einwohner der Ludwigshöhe, nein, sie werden die ganze Zeit mit Gerundformen und anderen unschönen Substantivierungen charakterisiert (die 38järige, die Turbanträgerin, der Sitzende, die Ludwigshafenerin usw.). Da geht der Thesaurus mit Pleschinski durch und walzt dabei offenbar das gesamte Lektorat platt! Wie kann man so etwas durchgehen lassen? Für divenhafte Zurückweisung des Lektorats ist Pleschinski eigentlich nicht bekannt genug.


    Summa summarum ist das Buch leider eine vollendete Zeitverschwendung. Es wirkt wie zusammengestückelt, bleibt am Ende fast vollständig pointenlos, bevölkert von nur aufgrund der schrecklichen Substantivierungen unterscheidbaren Figuren, die entweder gar nicht oder in völlig austauschbarer Beziehung zueinander stehen (in diesem Zusammenhang wirken die sich bildenden Freundschaften und Liebesgeschichten bis auf rare Ausnahmen restlos unglaubwürdig und konstruiert). Es tut mir aufrichtig leid, aber das war gar nichts.


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    Original von Tam
    Wo würden denn deiner Meinung nach Manga-Rezensionen im Moment hingehören? ;-)


    Na, du kannst die Besprechungen ja thematisch einordnen (Fantasy, SF. historisch, allg. Belletristik, Jugendliteratur...)

    Je öfter ich Nabokov lese, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass mir nur die Hälfte seines Werkes liegt. Leider kann man es nicht nach den bekannten Perioden einteilen. Nach dem grandiosen "Leben des Sebastian Knight" (The Real Life of Sebastian Knight")- dem ersten Roman, den er auf Englisch verfasste - war ich angefixt, wechselte dann ins russische Frühwerk - "Einladung zur Enthauptung" (Priglaschenie na kasn') - eine seltsame Erfahrung. Also wieder zurück zum englischen Spätwerk - "Verzweiflung" ("Despair") - eine noch seltsamere Erfahrung. So verstaubten die nächsten fälligen Nabokovs im Regal. Ein Versäumnis, das mir jetzt wieder ganz deutlich vor Augen getreten ist, nach der Lektüre von Nabokovs letztem auf Russisch geschriebenen Roman "Die Gabe" ("Dar"). In dem 600 Seiten und fünf Kapitel umfassenden Erzählwerk wird von dem russischen Emigranten Fjodor Godunow-Tscherdynzev berichtet, der im Berlin der Zwanziger Jahre ein kärgliches Dasein fristet, das er vollständig dem bohèmienhaften Leben und dem Schreiben unterordnet. Nabokov schildert im ersten Kapitel den Einzug Fjodors bei der Zimmerwirtin Klara Stoboi, dann erfahren wir einiges über die Kindheit Fjodors und zwar anhand seiner erfolglos publizierten und etwas unbeholfenen Gedichte. Fjodor stammt aus gutem Hause, ist eigentlich Graf, aber durch die Oktoberrevolution vollständig verarmt und in die Diaspora gezwungen. Sein Vater, dessen Leben das zweite Kapitel skizziert, ist ein berühmter russischer Naturforscher, der die halbe Welt bereist hat und bei Ausbruch der russischen Unruhen in den Weiten Asiens verschwand.


    Fjodor lebt nun von der Hand in den Mund, gibt Stunden in den zahlreichen Sprachen, die er wegen seiner aristokratischen Erziehung beherrscht, und lehnt gerne auch mal einen Übersetzungsauftrag ab, weil ihm Übersetzungen ins Deutsche so sehr zuwider sind. Überhaupt ist festzustellen, dass Fjodor mit Deutschland nichts anfangen kann (es gibt einen sehr schönen Abschnitt, in dem er in der Straßenbahn sitzt und die ganzen Nachteile der Deutschen aufzählt), sondern dem verlorenen Paradies des zaristischen Russland nachhängt.
    Ein erstes Romanprojekt über den eigenen Vater scheitert, doch nach einiger Zeit hat Fjodor die grandiose Idee das Leben des russischen Hardcore-Utilitaristen Nikolaj Tschernischevskij nachzuzeichnen, der mit seinem Roman "Was tun?" (Schto delat') und seiner protonaturalistischen Ästhetik zu einem der Säulenheiligen des sozialistischen Realismus wurde. Das vierte Kapitel referiert Fjodors Buch, das erwartungsgemäß voller Spott ist und im fünften Kapitel eine große Debatte in russischen Emigrantenkreisen hervorruft.


    Nabokov ist sprachlich ein wahrer Meister. Kompositorisch ist er sicher gewöhnungsbedürftig, man muss den verschlungen Arabesken des Denkens seiner Hauptfiguren folgen und sich ab und an darauf einstellen, dass sich die letzten fünf Seiten nicht wirklich zugetragen haben, sondern ein fiktives Gespräch im Kopf Fjodors waren.
    Nabokov ist außerdem sehr belesen und ein großer Kenner (nicht nur, aber vor allem) der russischen Literatur. Ein ausführlicher Anhang macht die vielen Anspielungen, die sich in dieser Hinsicht in Nabokovs Texten finden bei den Rowohlt Taschenbüchern dankenswerterweise leicht nachvollziehbar. Es schadet aber auch nichts, zusätzlich noch eine russische Literaturgeschichte neben sich liegen zu haben. Über die Berliner Bohème lernt man bei Nabokov nichts, zu sehr ist sein Blickwinkel eingeengt auf die russische Emigrantenszene, die international besser vernetzt ist als mit der ortsansässigen deutschen Kunstszene.


    Nabokov zu lesen ist immer ein Spiel, es ist nichts für den ökonomischen Leser, nichts für jemanden der keine Exkurse mag. Allerdings sind die Exkurse bei Nabokov fundiert und kurzweilig. Und (s.o.) man sollte natürlich gerade zum Einstieg die weniger symbolhaften Texte erwischen. Vielleicht werden sich mir bei einer Zweitlektüre auch noch die anderen besser erschließen, für den Augenblick bin ich glücklicher mit der süffigen und angenehm dünkelhaften Prosa, wie sie in "Die Gabe" zur Vollendung gebracht ist.


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    Original von Delphin
    Ein allgemeines Comic-Forum fände ich gar nicht schlecht. Manche Comics sind intelligenter gemacht als manche Romane.


    Ich würde auch ganz gerne mal einen Manga lesen und meine Bibliothek hat auch eine recht große Auswahl, allerdings fehlt mir der Überblick, was lesenswert wäre.


    Geht mir genauso. Und ich finde es schon ein bisschen befremdlich, mit welcher Vehemenz hier gegen ein bestimmtes Genre von Literatur polemisiert wird, das die hier tonnenweise und unwidersprochen vorgestellten seichten Liebesschnulzen und Tolkien-Epigonen um Längen schlägt. Manchmal komm ich aus dem Wundern nicht mehr raus. :wow

    Da ich gerade wieder an ihn denke, weil mir gerade dankenswerter Weise die "Ludwigshöhe" ins Regal gestellt wurde, hier ein weiterer Tipp:
    Hans Pleschinskis "Bildnis eines Unsichtbaren" erzählt die sehr interessante und ergreifende Liebesgeschichte zwischen Hans und dem deutlich älteren Volker - zweifellos autobiographisch inspiriert.


    Hans Pleschinski war mir vor diesem Buch kein Begriff, obwohl er nun auch nicht mehr gerade zu den Nachwuchskräften der deutschsprachigen Literatur gehört. Ein sehr lesenswertes Portrait einer besonderen Liebe. "Eine der schönsten, weil reifsten Liebesgeschichten, die die deutsche Literatur dieser Jahre zu bieten hat", schrieb Tilman Krausse seinerzeit in der Welt.


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    Original von Googol
    Zumindest nennt der Autor das Buch eine Fabel: "The Boy in the Striped Pyjamas: A Fable". Und schon sind wir wieder bei der Frage ob der Autor seine Ziele erfolgreich umsetzt. Wenn das Buch nicht als Fabel funktioniert dann funktioniert das Buch nicht (was ja durchaus möglich ist).


    Das würde ich so gar nicht unbedingt sehen. Marketingabteilungen und auch Autoren kennen sich ja beileibe nicht immer in literarischer Terminologie aus. Falls die Bezeichnung bewusst gewählt wurde und nicht einfach, um dem ganzen den Anstrich "ist halt ein Märchen" zu geben (was ich allerdings vermute), dann könnte man sich immer noch darüber Gedanken machen, ob man die Tatsache, dass hier keine sprechenden Tiere mit exemplarischen menschlichen Eigenschaften vorkommen, übersehen möchte. Ich habe aber den Eindruck, dass (Boyne und) der Verlag mehr auf Effekt, wie Eskalina angemerkt hat, als auf Konsistenz setzen (setzt).


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    Original von Googol
    Aber wenn z.B. die Verbindung Naivität/Deutschland/Nazizeit direkt zu einer Abwehrhaltung führt und man sich ohnehin nicht auf das Buch einlaßen kann und will, ja, dann ist es tatsächlich eine Meta-Diskussion.


    Also, ich glaube, wir haben nicht die gleiche Vorstellung davon, was eine Metadiskussion ist. Eine Abwehrhaltung, die sich aus der Tatsache speisen würde, dass man die Verbindung von Nazizeit und Naivität nicht angemessen fände, wäre eine Diskussion auf manifestester Textebene und keinesfalls "meta". Die verbindung des geschichtlichen Moments mit der pseudokindlichen Perspektive ist doch geradezu ein Konstruktionsprinzip des Textes, oder?

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    Original von Googol
    Was ich nicht ganz verstehe: die Naivität in der Erzählperspektive wird doch schon im Titel deutlich gemacht. Es wird auch schnell deutlich, dass es sich hier um eine Fabel handelt, die sehr viel mit Vereinfachungen arbeitet. Das ist keine realistische Erzählung.


    Naja, man müsste erst einmal begreifen, was diese Einordnung soll, dh wo die Parallelen zur Gattung "Fabel" sind, die man nicht einfach auf "nicht realistisch" reduzieren kann. "Der Junge im Gestreiften Pyjama" ist ja einfach keine Fabel, wenn er auch genauso unrealistisch ist wie eine. Was eine Fabel allerdings auch ist: Exemplarisch. Und hier könnte eine Diskussion ansetzen. Ist "Der Junge..." exemplarisch? Gibt es eine (für Fabeln typische) Moral von der Geschicht?


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    Original von Googol
    Die Kritik, die ich hier hauptsächlich lese, hat wenig mit der erfolgreichen oder unerfolgreichen Umsetzung der Idee zu tun, sondern die Idee selber wird kritisiert ("das darf man nicht", "das ist ärgerlich"). Das ist zwar eine legitime Diskussion, aber doch schon fast eher eine Meta-Diskussion ("für wen ist das Buch?", "erfüllt es einen Zweck?", "ist es gar populistisch?").


    Was ist denn "die Idee" von John Boyne? Auschwitz aus Sicht eines Kindes darzustellen? Das gelingt offensichtlich nicht, und dafür gab es hier doch schon sehr viele Argumente weitab einer Metadiskussion. Was ist etwa an meinen Hinweisen auf die schiefe Struktur der "kindlichen" Naivität "meta"? Wieso kritisiere ich damit "die Idee" selbst? Oder der Hinweis auf die nicht gegebene Authentizität der Naivität von Eskalina? Das ist doch eine Anmerkung zur Technik nicht zur Legitimität der Idee?

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    Original von Googol


    Also ich erinnere mich mit Schrecken an so manche Artikulationsschwäche als Kind. Man gewöhnt sich eine bestimmte falsche Aussprache an oder verwechselt einfach Wörter, wird von den Erwachsenen vielleicht auch nicht korrigiert und bleibt dann erst einmal dabei. Ob das nun immer phonetisch besonders anspruchsvolle Begriffe waren, wage ich zu bezweifeln.


    Der Erstspracherwerb ist gewöhnlich mit vier oder fünf Jahren so ziemlich abgeschlossen. Einzlene Wörter können auch dann noch falsch ausgesprochen werden. Das gibt sich aber gewöhnlich recht schnell.
    Du magst dich an eigenartig ausgesprochene Wörter erinnern - aber das war sicherlich nicht mehr im Alter von 10 Jahren bzw. in der vierten Klasse. Falls doch, warst du mit Sicherheit in logopädischer Behandlung ;-).


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    Original von Googol
    Irgendwas muss der Autor einfach versuchen, um der Erzählung einen naiven Anstrich zu verpassen. Worauf wir uns vielleicht einigen können ist, dass es durchaus etwas Formelhaftes hat. Ich denke, was du zu wenig durchsichtig findest finde ich zu durchsichtig. Beides ist suboptimal.


    Natürlich hat das etwas Formelhaftes und ich habe auch zwei Interpretationsmöglichkeiten dafür geliefert. Ich glaube nicht, dass diese beiden Wörter einfach nur ausgewählt wurden, um kindliche Naivität auszudrücken. Um Naivität auszudrücken - darüber ließe sich reden, führt aber in die genannten Komplikationen.

    Hallo Googol,

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    Original von Googol
    Furor und Aus-wisch als Begriffe finde ich da durchaus passend.


    Und genau hierfür würde mich eine Begründung interessieren. Denn, siehe meinen beitrag, die Begriffe sind phonetisch nicht schwierig und können gewöhnlich von einem Fünfjährigen korrekt ausgesprochen werden.


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    Original von Googol
    ...aber ich würde dem Autor nie böse Absichten unterstellen wollen. Höchstens fehlendes Können.


    Mir fällt es - wegen der auffälligen Auswahl der Begriffe - einfach schwer, hinter diesem - tja, wie nenn ich's? - Stilmittel? - keine Absicht zu vermuten. Ob sie erzählerischer oder sonstiger Natur ist, keine Ahnung. Von "böse" habe ich allerdings nichts gesagt.


    Um es noch einmal zu verdeutlichen: Wollte man eine kindliche Schwierigkeit mit der Artikulation darstellen, sollte man doch eher schwierig zu artikulierende Wörter falsch artikulieren lassen, oder?

    Hallo Googol,


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    Original von Googol


    Ich denke nicht, dass das kein Kniff sein soll, sondern einfach eine durchgehend glaubwürdige Kinderperspektive, ohne nachträglich implantiertes Erwachsenendenken. Also reine Erzähltechnik. Inwiefern der Autor diese Technik beherrscht ist natürlich eine andere Frage (m.E. nur bedingt).


    Verstehe ich nicht. Ist es nun "durchweg glaubwürdig" oder "gelingt es nur bedingt". Das finde ich schon entscheidend. Mit Verlaub: Ein 10-jähriger kann das deutsche Wörtchen "Führer" doch gewöhnlich völlig problemlos aussprechen. Wenn ich also einem Kind einen so überzogenen Sprachfehler in den Mund lege, liegt der Gedanke nicht fern, dass ich als Autor damit etwas bezwecke. Und es ist doch auch sehr auffällig, welche beiden (phonetisch nicht besonders schwierigen) Wörter Bruno nicht aussprechen kann.