Beiträge von Bartlebooth

    „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist das Hauptwerk des österreichischen Schriftstellers Robert Musil und ein unvollendeter Roman, dessen von Musil zu Lebzeiten autorisierten Teile allein mehr als 1000 Druckseiten umfassen. Er ist von 1921 bis zu Musils Tod im Jahr 1942 entstanden.


    Im Zentrum des Romans steht Ulrich, der von seinem Freund Walter relativ zu Anfang als „Mann ohne Eigenschaften“ bezeichnet wird, das ist jemand – um einen weiteren Begriff aus dem Buch heranzuziehen –, der Möglichkeitssinn hat, das heißt eine Fülle von Fähigkeiten, die er versucht in unterschiedlichster Weise einzusetzen (beim Militär, als Ingenieur, als Mathematiker). Alles gelingt ihm bis zu einem gewissen Grad, nichts erfüllt ihn, mit nichts stimmt er voll und ganz überein. Und das ist nicht zuletzt ein Zug der Zeit, in der alle möglichen auch gegensätzlichen Ansichten nebeneinander bestehen, keine einen Vorrang besitzt, keine über die andere den Sieg davonträgt. Und so beginnt alles langsam aber sicher zu verschwimmen, die Moral ist nichts mehr, das inhaltlich bestimmt werden könnte, sondern etwas, das Verhalten in einer Gesellschaft regelt, also eine rein funktionale Größe.


    So lässt es sich auch nicht sagen, inwieweit Ulrich moralisch oder amoralisch handelt, wenn er sich etwa in die Verästelungen der Parallelaktion hineinziehen lässt, einer auf oberster staatlicher Ebene angesiedelten Festaktion zum 70jährigen Thronjubiläum des österreichischen Kaisers. In vielen Sitzungen und Gesprächen wird auf den über 1000 Seiten nach einer großen vaterländischen Idee gesucht, die als Klammer um alle Einzelbemühungen, die das Jubeldatum hervorbringt dienen könnte. Im Laufe der Handlung gerät das immer mehr aus dem Ruder und als sich die Waagschale zugunsten einer militärischen Aufrüstungsaktion zu senken scheint, wird eine Resolution verabschiedet (oder auch nicht, das hätte der Fortgang des Buches zeigen müssen), die das Töten, das nicht aus tiefer innerer Überzeugung geschieht, zum eigentlichen Straftatbestand des Mordes erklärt.


    Daneben ist Ulrich auch in amouröser Sicht nicht eben moralisch einwandfrei – oder vielleicht eben doch? Er hat einige Geschichten am Laufen, die er aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen aufnimmt oder beendet, am Ende bahnt sich gar eine Liebesverstrickung mit der eigenen Schwester an, wenn ausdrücklich bis zum Ende des freigegebenen Teils auch nichts geschieht.


    Auch die Interventionen Ulrichs bei seiner Schwester, die nach dem Tode des Vaters das Testament fälscht, um ihren ungeliebten Ehemann von seinem Erbteil auszuschließen, sind alles andere als eindeutig. Wenn er auch viel gegen ihr Vorhaben redet, so tut er doch nichts, um es zu stoppen.


    Und das ist vielleicht eine Sache, die den Roman insgesamt durchzieht. Das Reden steht im Vordergrund, das Handeln wird zwar immer wieder mit Worten ausgerufen (etwa von Graf Leinsdorf in der Parallelaktion), aber es kommt nie dazu. Am sinnfälligsten wird diese Idee vielleicht an Ulrichs Freundin Clarisse, die mit dem Musiker Walter, einem alten Freund Ulrichs, verheiratet ist, von dem sie große Taten erwartet, die ihn in nietzscheanischer Manier (Clarisse führt Nietzsche beständig im Mund) über die Masse der Menschen hinausheben sollen. Doch Walter stagniert und möchte sich in einen einfachen Brotberuf schicken. Clarisse treibt diese Erkenntnis langsam aber beständig in den Wahnsinn. Sie sieht keinen Ausweg unter den Bedingungen der Welt, also schert sie aus ihnen aus. Doch auch dieser Strang wird nicht beendet.


    Als Gegenfigur zu Ulrich fungiert nicht nur Walter, sondern auch Paul Arnheim, eine Art Medienintellektueller avant la lettre („Großschriftsteller“ sagt Musil), der zu allem etwas Kluges zu sagen hat und damit in einer immer weiter zerfasernden Welt enorme Erfolge feiert. Arnheim wird als Autor eingeführt, der zu allen Problemen der Zeit und in allen Wissenschaften Beachtliches, wenn auch nicht Herausragendes geleistet hat. Hauptberuflich ist er jedoch Rüstungsindustrieller, der sich dem Kreis um Graf Leinsdorf und den Parallelaktivisten nähert, um Zugriff auf die galizischen Ölfelder zu erlangen, dabei aber der unglücklich verheirateten Cousine Ulrichs Hermine „Ermelinda“ Tuzzi, genannt Diotima, verfällt, einer hochmoralischen Dame, die sich sowohl dem Gedanken an eine Scheidung, wie auch dem Gedanken an eine Affäre entzieht, was seinerseits wieder zu interessanten Gesprächen über Moral führt. Am Ende versucht Diotima ihr Problem zu rationalisieren, indem sie sich in das Studium der Sexualwissenschaften stürzt.


    Ein gewaltiger Roman, ein Zeitpanorama, eine detaillierte Bestandsaufnahme nicht nur der österreichisch-ungarischen Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch, sondern vor allem der klassischen Moderne und ihrer Unübersichtlichkeit, die gleichzeitig von dem Bestreben begleitet ist, alles zu erfassen und logisch aufzulösen. Die Unmöglichkeit dieser Bestrebung wird durch den Bibliotheksbesuch des Generals Stumm verdeutlicht, der nur eine Person findet, die den Überblick über die Wissensbestände der zeit behält: den Bibliotheksdiener, der sich um die Kataloge kümmert. Der Preis für den Überblick ist hoch. Der Bibliotheksdiener liest niemals ein Buch und beherrscht das Wissen nicht etwa inhaltlich, sondern nur strukturell.


    Das ist mehr als das, was man am Ende von Musil behaupten kann. Ihm entgleitet sein Roman, verliert sich in endlosen Vorträgen und Gesprächen, die nicht selten eine etwas repetitive Note haben. Natürlich ist das im „Mann ohne Eigenschaften“ Programm, denn es geht ja gerade um die moderne unüberbrückbare Fülle von Gegensätzlichem. Und doch bricht der Roman an manchen Stellen einfach unter der Last der nirgends hinführenden Philosophie zusammen, immer wieder tauchen neue Ideen auf, die irgendwie aus den alten hervorgegangen sein mögen, so ganz letztgültig ist das wohl nicht zu klären.


    Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. Mit einem zeitgenössischen „show, don’t tell“ kann man an diesen Roman wohl nicht herangehen, aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, denn im Grunde ist der Roman von Anfang an so, dass sehr viel referiert und sehr wenig gehandelt wird. Und noch einmal fällt auf – es wiederholt sich auf der Erzählebene, was auf der Handlungsebene angelegt ist. Die Idee des Romans scheint also eine weniger statische Ausführung gar nicht zuzulassen. Und es ist und bleibt eine Leistung, dass man das Buch dennoch gut lesen kann, viel besser als vergleichbare Werke mit großem „W“, wie etwa den „Ulysses“. Der „Mann ohne Eigenschaften“ – und das ist ihm sehr positiv anzurechnen – hat nichts Esoterisches oder übermäßig Gelehrtes. Er liefert die nötigen Informationen zu seinem Verständnis, manchmal gar in mehrfacher Ausführung. Ein Buch, das, wenn man sich auf es einlässt, viel veranschaulichen kann, viel über das 20. Jahrhundert und seine ideologischen Grabenkämpfe, viel über das, was geistesgeschichtlich seit der Jahrhundertwende passiert ist.


    *

    Im letzten Abschnitt gibt es noch einmal eine Sitzung der Parallelaktion im hause Tuzzi. Und während Graf Leindorf immer unleidlicher wird, weil er zwar die Parole der Tat ausgegeben hat, diese aber trotz aller Lippenbekenntnisse zu nichts Präsentablen führt, zerfällt das Bemühen um die große vaterländische Idee immer mehr in seine Einzelteile, so dass am Ende ein Eklat steht, in dem sich die Pazifisten- mit der Gewaltfraktion auf einen seltsamen Beschluss einigt, in dem eine relativierte Moral zum Ausdruck zu kommen scheint: Jemand ist dann ein Mörder, wenn er aus Ideen tötet, die nicht der eigenen Überzeugung entspringen. Leider ist das Schicksal dieser Idee im von Musil abgesegneten Teil des Romans nicht mehr nachzulesen.

    Dieser Abschnitt hat vor allem zwei Schwerpunkte: Sexualität und Wahnsinn.
    Während sich Diotima nämlich in das Studium der Sexualwissenachft stürzt und in der nymphomanen Bonadea eine willige Elevin findet, konterkariert Ulrich diese Bemühungen, indem er erstens Bonadea verführt (ein ziemlich erschütterndes Kapitel) und sich gleichzeitig seiner Schwester annähert, die nun bei ihm einzieht. Es wird immer deutlicher, dass Ulrich eine Figur ist, die alle Bemühungen nach Ordnung und Vereindeutigung torpediert. Auch die Annäherung an Agathe erfolgt nicht geradlinig, sondern in Schüben von enormer Widersprüchlichkeit. Leider erfahren wir bis zum Ende des Buches nicht, wie diese Geschichten ausgehen.


    Ein weiteres, sehr aufschlussreiches Kapitel ist das, in dem der Besuch Clarissens in der Psychiatrie geschildert wird. Hier wird vor allem deutlich, wie sehr ein bestimmtes Moralsystem und ein bestimmter Begriff von Normalität auf Gewalt fußen. Es ist nicht zu entscheiden, ob die Gewalttätigkeit der "Irren" eine Reaktion oder eine Aktion ist - und genau das soll wahrscheinlich auch nicht entschieden werden.

    Ulrich kehrt nach Wien zurück und muss feststellen, dass sich die Parallelaktion inzwischen in eine sehr militärische Richtung entwickelt – natürlich nicht offiziell, das würde Diotima nicht mitmachen, aber unter der Hand, wie er von General Stumm erfährt. Die keusche Liebe zwischen Arnheim und Diotima scheint ihren Zenit überschritten zu haben, Diotima leidet und sucht sich – wie wir im nächsten Abschnitt erfahren – ein neues Terrain.


    Clarisse und Walter haben indessen Besuch ihres alten „Freundes“ Meingast erhalten, ein Philosoph, der etwas Stefan George-Artiges an sich hat und sich in den diffusen Sphären der Mystik zu bewegen scheint. Ulrich mag ihn nicht wirklich.


    Es kommt zu einer interessanten Szene, in denen Walter, Clarisse, Meingast und Ulrich gemeinsam vom Hause des Ehepaares aus einen Exhibitionisten beobachten – und aus den unterschiedlichsten Gründen nichts unternehmen. Die Sexualität wird als Thema immer wichtiger, was seinen Kulminationspunkt aber erst im nächsten Abschnitt erreicht. Clarisse (wir erinnern uns, dass sie in einige sehr unschöne sexuelle Erfahrungen, zum Teil Missbrauchserfahrungen, involviert war) glaubt jedenfalls, das Sexuelle anzuziehen.


    Agathe möchte das Testament ihres und Ulrichs Vater fälschen, damit ihr verhasster Ehemann nichts bekommt. Ulrich rät ab, hindert sie aber nicht aktiv an ihrem Treiben. Gemeinsam beschließen sie, dass Agathe bei Ulrich einziehen soll, doch in diesem Abschnitt weilt sie noch im Elternhaus, um die letzten Formalitäten (inklusive der Testamentsfälschung) zu erledigen.


    Dieser Abschnitt erschien mir insgesamt eher einer des Übergangs zu sein. Die Themen, die vorbereitet werden (Sexualität vor allem, inklusive der erotisch aufgeladenen Beziehung zwischen Ulrich und Agathe), kommen erst im nächsten Abschnitt voll zur Entfaltung.

    Im Haus von Ulrichs verstorbenem Vater lernen wir nun Agathe, Ulrichs Schwester, kennen, die schon mit 20 Jahren Witwe wurde (ihr erster mann wurde auf der Hochzeitsreise vom Typhus dahingerafft) und die daraufhin - offenbar aus einer mir nicht ganz durchsichtigen Selbstkasteiung heraus - den furchtbar langweiligen Professor Hagauer geheiratet hat.
    Ulrich und Agathe kommen sich bei den Vorbereitungen für das Begräbnis näher, es gibt auch wieder lange Gespräche zwischen den beiden. Auf einer Landpartie werden sie für wein Liebespaar gehalten, doch ansonsten vermag ich keine erotische Spannung wahrzunehmen (ich habe auf irgendetwas gewartet, da hier ja offenbar ein denkbarer Inzest vorbereitet wird).
    Agathe entschließt nun, sich aus der Umklammerung des ungeliebten Gatten zu lösen: Er darf nicht im Haus der Familie wohnen und - wie im nächsten Abschnitt deutlich wird - versucht sie, das Testament zu fälschen, um ihn um seinen Erbteil zu bringen.
    Ich muss sagen, dass mir die ganzen Gespräche, die nirgends hinzuführen scheinen und so hochartifiziell das Zentrum des Romans bilden, inzwischen etwas ermüdend finde. Während ich am Ende von "Seinesgleichen geschieht" noch den Eindruck hatte, dass die Parole, zur Tat zu schreiten, die Graf Leinsdorf ausgibt, nun endlich auch auf den Roman durchschlüge (die Gespräche zwischen Ulrich und Gerda bzw. Ulrich und Diotima haben mir da gut gefallen), so beginne ich zu befürchten, dass wir wieder in eine Stagnation endloser Gespräche fallen.
    Daran "verzweifle" nicht nur ich, sondern langsam aber sicher auch Clarisse, die immer deutlicher dem Wahnsinn verfällt. Langsam gehen mir die Auswege aus der unstrukturierten Überfülle der Gedanken auf, die Musil skizzieren möchte: Wahnsinn, Krieg, Verbrechen, Politik (im Falle Arnheims), vielleicht auch der immer einmal in einem Nebensatz ins Spiel gebrachte Selbstmord. Konstrultive Auswege scheint es nicht zu geben, das Erdensekretariat für Genauigkeit und Seele ist in weite Ferne gerückt.

    Im Rest von "Seinesgleichen geschieht" kommt jetzt die Handlung doch noch einmal etwas weiter.
    Die Parallelaktion tritt auf der Stelle, so dass Graf Leinsdorf eine Krisensitzung anberaumt, in der Ulrich die Einrichtung eines Erdensekretariats für Genauigkeit und Seele vorschlägt, denn es erweist sich, dass alle eingegangenen Ideen nicht konsensfähig sind, sondern es immer eine relevante Gruppe gibt, die der Verwirklichung entgegensteht. Als nun - zum Unbehagen nicht nur Graf Leinsdorfs - plötzlich im Raum steht, dass die militärische Aufrüstung, die General Stumm als Notnagel vorgeschlagen hatte, plötzlich die einzige übergreifende Idee zu sein sheint, auf die man sich irgendwie eingen kann, kommt Ulrich mit diesem abseitigen, aber doch so rettenden Vorschlag, dass Graf Leinsdorf ihn in Erwägung zieht. Das Erdensekretariat soll eine "geistige Generalinventur" vornehmen, scheint also so etwas zu sein, wie der Katalog in der Bibliothek, der General Stumm so beeindruckt hatte.
    Zum anderen wird die Paralleaktion bald aus allen Richtungen angefeindet, was zum Teil auch auf ihren universalistischen Zuschnitt zurückzuführen ist.


    Zugleich gerät nun Arnheim in Verdacht mit dem russischen Zaren zu kooperieren bzw. nur in Österreich zu sein, um die galizischen Ölfelder unter seine Kontrolle zu bringen. Er bleibt also eine geheimnisvolle Figur, dessen Motive und Ziele immer noch nicht völlig klar sind. Eine Annäherung zwischen ihm und Ulrich findet dergetsalt statt, dass Arnheim Ulrich vorschlägt, in seine Dienste zu treten - ein Vorschlg, den er allerdings für sich sogleich wieder bereut.


    Ulrich hat einige amouröse Bedrängnisse zu bewältigen: Rachel ist in ihn verliebt, doch gibt sich in einer Übersprungshandlung Soliman hin; Bonadea blitzt zum wiederholten Male bei Ulrich ab; Gerda erleidet schon nackt auf dem Bett Ulrichs sitzend, einen hysterischen Anfall, so dass der Beischlafsversuch abgebrochen werden muss; Clarisse weigert sich, Walter ein Kind zu gebären und bedrängt nun Ulrich, mit ihr zu schlafen, damit dieser, von schlechtem Gewissen gepeinigt, Walter fürderhin zu dem antreiben solle, zu dem Clarisse ihn vorgesehen hat: zu künstlerischem Genie. Doch Ulrich entzieht sich diesen Avancen.


    Schließlich stirbt Ulrichs Vater, so dass im nun folgenden Abschnitt eine Testamentseröffnung stattfinden wird, zu der Ulrich sich als letzte Handlung in "Seinesgleichen geschieht" aufgemacht hat.


    Alles in allem hält mich die Entwicklung der Parallelaktion als Leser bei der Stange. Ulrichs Frauengeschichten beginnen hingegen, mich etwas zu langweilen, ebenso wie seine langen Reflexionen über die eigene Verfasstheit. Interessant ist hingegen das immer unabwendbare Abdriften Clarissens in den Wahnsinn, nicht zuletzt verursacht durch die Enttäuschung darüber, dass ihr Leben in der Bedeutungslosigkeit zu versanden droht. Diese Parallele zur Parallelaktion würde ich mir bisweilen ein bisschen besser herausgearbeitet wünschen.

    Und weiter geht es mit den gelehrten Gesprächen. In die Geschichte scheint mir in diesem Abschnitt ein bisschen Bewegung zu kommen. Da ist zum einen General Stumms Begegnung mit dem Weltwissen, das die bittere Erkenntnis mit sich bringt, dass der einzige, der sich noch einen Überblick über das vorhandene Wissen bewahren kann, der Bibliotheksdiener ist, der nichts als den Katalog bedienen kann. Inhaltlich weiß er nichts, aber er kennt sich in der Verweisstruktur des Wissens aus, weiß, wo man was zu welchem Stichwort findet. Damit ist gewissermaßen auch der Kern der Parallelaktion erfasst, der Grund, warum sie zu scheitern droht: Nichts kann als große, zusammenführende Idee ausgewählt werden, denn entweder befasst man sich mit Inhalten und verliert den Überblick und die Fähigkeit sie zu korrelieren und zu gewichten, oder man verschafft sich einen Überblick, kann aber dann inhaltlich keine Aussagen mehr treffen, da die Fülle der INhalte zu groß ist. Wie auch immer, General Stumm gefällt es in der Bibliothek, denn indem er die Bücher liest, die vorher Diotima gelesen hat, fühlt er sich dieser näher.


    Diotima und Ulrich haben eine Aussprache und da kommt doch tatsächlich (! John, du hattest recht) so etwas wie erotische Spannung auf, die natürlich nicht ausgelebt wird. Endlich entschlüsselt sich auch das Verhältnis von Diotima zu Arnheim. Er will sie heiraten, sie will ein Opfer bringen. Beide sind so von den Usancen und den Abwägungen ihrer Liebe und den äußeren Gegebenheiten durchdrungen, dass es sicherlich noch einige Zeit dauern wird, bis wir erfahren, ob sie sich zu einer Affäre durchringen können.


    Und dann kommt es noch zu einem ausführlichen Gespräch zwischen Gerda Fischel und Ulrich, in dem dieser darauf hinweist, dass die Taten und die Entscheidungen des Einzelnen für den Gang der Weltgeschichte irrelevant sind: "wir können rechts oder links, hoch oder tief denken und handeln, neu oder alt, unberechenbar oder überlegt: es ist für den Mittelwert ganz gleichgültig, und Gott und Welt kommt es nur auf ihn an, nicht auf uns!" (S.491) Hier kapituliert Ulrich gewissermaßen vor der Statistik; das Persönliche wird in einer weiten Perspektive natürlich irrelevant. Erstaunlicherweise geht Ulrich aber nicht darauf ein, dass ja ein Mittelwert einer zwischen extremen ist, und sich also der Mittelwert verändert, wenn man auf die Extreme verzichtet. Und noch erstaunlicher: Er wirft Gerda und ihrer deutschnationalen Entourage vor, kein Ziel zu haben, wo er doch eigentlich selbst keines verfolgt.

    Hallo John,


    ich bin verblüfft, dass du noch mit einer Annäherung zwischen Diotima und Ulrich rechnest. Ich habe nun auch schon den nächsten Abschnitt hinter mir und rede deshalb auch nicht ganz ins Blaue, aber eine richtige erotusche Spannung zwischen diesen beiden könnte ich mir inzwischen nur noch als Übersprungshandlung vorstellen - Diotima ist ganz klar auf Arnheim fixiert, der auch als "Mann mit allen Eigenschaften" viel besser zu ihr passt als der nihilistische Ulrich.


    Danke auch, dass du noch auf die sprechenden namen à la "Hans Sepp" hingewiesen hast. Das sind wirklich Abziehbilder von großem Unterhaltungswert.


    Der Brief von Ulrichs Vater über seinen Streit mit Professor Schwung hat mich auch beschäftigt. Ob es ein Streit um Henne und Ei ist, weiß ich noch nicht. Ich bin mir vor allem nicht sicher, was Professor Schwung eigentlich sagt. Das Beharren auf dem "oder" anstelle eines "und" (".... so dass er nicht die Fähigkeit besaß, das Unrecht seiner Handlung einzusehen oder seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen war", S.318), scheint mir die bemerkung zu konterkarieren, die Ulrichs Vater am Ende paraphrasiert, nämlich dass "unser Wille frei sei" (S.319). Alles in allem begreife ich deshalb nicht recht, worum sich die beiden streiten...

    Die Parallelaktion geht immer noch nicht voran und langsam beginnen die Beteiligten, sich damit abzufinden. Sehr interessant ist, wie schon erwähnt, das erste Kapitel dieses Abschnitts, in dem deutlich wird, dass es in der Zeit Ulrichs für alles Vereine, also Verfechter und Anhänger gibt - eine schwierige Situation, wenn man - wie Diotima - auf der Suche nach einer großen zusammenführenden Idee für die Parallelaktion ist.
    Urlich sinniert nun über das Wesen der Geschichte und kommt zu einigen sehr griffigen Formulierungen, so dass die Geschichte nicht einem angestoßenen Billardball, sondern einem Menschen ähnelt, der durch die Gassen streift und von allem möglichen abgelenkt wird. geschichte, so die Quintessenz, hat nichts zwingendes. Könnte man die Zeit zurückdrehen, würde sie sich erst ein bisschen parallel zu der Geschichte, wie wir sie kennen, entwickeln, dann aber abschweifen, und keiner weiß, warum.
    Die großen historischen Ideen scheinen also verlorenzugehen, und doch ist das 20. Jahrhundert, auch zur Zeit der Entstehung des MoE, ein Jahrhundert der großen Ideologien. Während die Geschichte "fortwurstelt", wie es bei Musil so schön heißt, zersplittert die Wahrheit immer mehr, jedoch nicht die Vehemenz, mit der jede Gruppe glaubt, ihrer teilhaftig zu sein.


    Das Verhältnis von Diotima und Arnheim wird immer schlüpfriger, dabei lernen wir sehr viel über sie und ihre Nöte, Wünsche und schlaflosen Nächte, aber wir lernen recht wenig über die Sicht Paul Arnheims. Langsam bekomme ich Zweifel daran, dass aus den beiden noch etwas wird. Sektionschef Tuzzi schöpft langsam auch Verdacht, doch er ist ein viel zu vollendeter Diplomat, um irgendetwas beim namen zu nennen. So wird uns die Ungewissheit, ob Diotima zum Seitensprung ansetzen wird, wohl noch eine Weile begleiten.


    Schließlich noch das schöne Kapitel über den "Großschriftsteller", der eigentlich selber gar nichts mehr Großartiges produzieren muss, sondern vollkommen in seiner repräsentativen Funktion für das schöngeistige Establishment erstarrt. Arnheim fungiert als solcher, wahrscheinlich erfahren wir auch deshalb so wenig über die Inhalte seines Denkens. Alles an ihm ist geschmeidige Rhetorik und glänzende Fassade; zwar ist er nicht inhaltsleer, doch er bringt die Diskussion auch nicht wirklich voran, auf keinem der Gebiete, auf denen er dilettiert. Sollte in dieser Saturiertheit auch einer der Gründe liegen, warum nicht nur die Parallelaktion von ihm keine Impulse erfährt, sondern auch Diotima so ohne Hoffnung auf Erfüllung schmachtet?

    Susan Sontags Essay von 1975 war einer, der zur Pflichtlektüre der ersten Aids-Generation gehörte, obwohl in "Krankheit als Metapher" Aids gar nicht thematisiert wird, da es zu dieser Zeit noch nicht bekannt war. Vielmehr hat sich Sontag mit diesem Thema anlässlich ihrer Krebserkrankung auseinandergesetzt. Tragischerweise hält sie diese Erkrankung für überwunden, als sie "Aids und seine Metaphern" schreibt, stirbt aber 2004 an Leukämie.


    Sontags Anliegen ist es, die Verwendung von Krankheiten in einem metaphorischen Sinn bzw. von ihrer metaphorischen Aufladung aus anderen semantischen Feldern, vor allem aus dem militärischen.


    "Krankheit als Metapher" beschäftigt sich vor allem mit Tuberkulose und Krebs. Beide Krankheiten betrachtet Susan Sontag als individuelle Krankheiten, was sie von den Seuchen unterscheidet, die eher als gesellschaftliche, kollektive Krankheiten angesehen werden (Pest, Cholera).
    Krebs ist nun metaphorisch eine Krankheit der Verdrängung, nicht ausgelebter Triebe und Energien, die sich nach innen wenden und den Menschen zerstören. Tuberkulose ist hingegen eine Krankheit der geistigen Verfeinerung, die sogar im 19. Jahrhundert eine Phase erlebte, in der sie oder wenigstens das ausgezehrte Erscheinungsbild, das mit ihr einherging, als chic galt.
    Sontag gibt eine ganze Reihe von Beispielen aus Literatur und politischer Diskussion für ihre Darlegungen, die häufig den Charakter des etwas zu Offensichtlichen haben. Erstaunlich erscheint es eigentlich nur, dass es tatsächlich eine Krankheit (die Tuberkulose) gibt, die zu einem gewissen historischen zeitpunkt positiv besetzt war. Eine negative Besetzung von Krankheiten und auch ihre dahingehende Verwendung ist hingegen wenig überraschend, wobei die Geeignetheit z.B. der Krebsmetapher im Einzelnen natürlich fragwürdig ist.


    Interessant ist auch, dass Sontag eine Psychologisierung von Krankheiten allein im Zusammenhang mit ihrer Metaphorisierung sieht. Psychologisierung ist für Sontag in etwa gleichbedeutend mit Individualisierung, und also damit, die Schuld auf den/die Kranke/n zu verschieben. Selbst kein großer Anhänger jeglicher Psychologisierung, scheint es mir im Zusammenhang mit Krankheiten jedoch inzwischen ein medizinischer Gemeinplatz zu sein, dass sich die Psyche auf den Krankheitsverlauf auswirkt. ich sehe darin zunächst auch erst einmal noch keinen Zusammenhang mit einer wie auch immer gearteten Beschuldigung. Dem Buch fehlt ganz klar eine wenigstens grobe Darstellung des medizinischen Forschungsstand. An Stellen wie dieser bemerkt man dieses Fehlen immer wieder deutlich.


    Der Zwölf Jahre später als "Krankheit als Metapher" erschienene Aufsatz zu Aids, kümmert sich im Grunde schwerpunktmäßig gar nicht um Aids. Er widmet noch einmal einigen Raum dem Problem der Seuchen und ihrem kollektiven, metaphorischen Charakter, wirft auch noch eine Blick auf die sexuelle Induziertheit mancher Seuchen (in diesem Zusammenhang wird die Syphillis als naheliegender Vergleich herangezogen) und skizziert die - auch wieder recht offensichtliche - Eignung dieser für eine moralische Aufladung.


    Interessant erscheint mir an diesem Aufsatz vor allem, dass Sontag genau die Stimmen, die Aids zu sexistischen ("Schwulenpest") oder rassistischen (angeblicher Ursprung der Krankheit in Afrika) Invektiven instrumentalisieren, eigentlich gar nicht recht ernst nimmt, sondern eher auf den veränderten Umgang mit Seuchen in diachroner Sicht eingeht. Aids ist ein Rückschlag für die moderne Gesellschaft, die sich gegen virale und bakterielle Krankheiten eigentlich ganz und gar gefeit sah. Die Verheerungen, die Aids anrichtet, haben diese Sicht auf die Welt verändert und werden mit anderen Bedrohungsszenarien enggeführt.


    Sontags Texte sind voller interessanter Details (ich wusste bisher z.B. nicht, dass es ein in vielen nicht-westlichen Ländern außerordentlich verbreitetes Gerücht gab (gibt?), dass Aids eine außer Kontrolle geratene B-Waffe der Amerikaner ist, die aus einem Labor in Maryland stammt (dieses Detail ist wohl eine Beglaubigungsstrategie). Alles in allem sind die Texte (der ältere mehr als der jüngere) für den heutigen kulturwissenschaftlichen Geschmack zu wenig interdisziplinär gehalten, um als Diskussionsgrundlage allzu viel herzugeben. Ein Anstoß zur Reflexion über Krankheiten und ihre metaphorische Verwendung sind sie aber nichtsdestoweniger immer noch.

    Der letzte Abschnitt meines ersten Bandes hat keinen thematischen Schwerpunkt mehr. Uns werden vielmehr ganz verschiedene Handlungsstränge nebeneinander präsentiert: Bonadea nähert sich Ulrich wieder an, Diotima und Arnheim kommen sich näher, die Parallelaktion nimmt Konturen an, als Diotima das große Konzil einberuft, Clarisse berichtet über ein sehr verstörendes Erlebnis aus ihrer Kindheit, Ulrich spricht mit Gerda Fischel über ihre Annäherung an jugenmythische und gleichzeitig antisemitische Kreise, Ulrichs Vater meldet sich mit Ideen für die große vaterländische Aktion, Soliman versucht sein Glück bei Rachel und wir lernen schließlich auch noch die Hintergründe General Stumms kennen.


    Im Gespräch mit Diotima scheint Ulrich den Verlust des Wahren zu beklagen, jedenfalls auf eine gewisse Weise. Wenn er davon spricht, wie bestimmte Lebewesen über die Zeit hinweg etwas Wunderschönes und dann etwas Furchtbares sind (sein Beispiel ist die Ameisenjungfer, die einmal ein Ameisenlöwe war), wenn er davon spricht, dass die Wirklichkeit "sich selbst abschafft", weil sie an nichts festhält, weder Natur noch Kultur einer bestimmten Bewegung zum Besseren oder auch nur irgendwo hin folgen, dann versteht man vielleicht wieder ein bisschen besser, was seine Eigenschaftslosigkeit ausmacht.


    Ebenso ist es bei den Vorschlägen für die Parallelaktion, in denen alles vorgeschlagen wird, genauso wie das Gegenteil davon; die Welt, die per Brief auf die Schreibtische von Diotima, Ulrich und Graf Leinsdorf dringt, ist ein babylonisches Stimmenwirrwarr, aus dem keine klare Linie herauspräpariert werden kann.


    Vielleicht ist diese Vielfalt der eigentlich Schwerpunkt des Abschnittes: Wenn uns Clarisse von ihrer Freundin Lucy berichtet, die ein Verhältnis mit ihrem Vater hatte, wenn sie dann Andeutungen macht, dass ihr Vater in synekdochischer Verwirrung fast ihr selbst gegenüber übergriffig wird, als Lucy sich von ihm zurückzieht, wenn wir von general Stumm lernen, wie er völlig unbegabt für die Armee in ihr trotzdem gerade als ihr Antipode Karriere macht, wenn wir Gerda Fischel dem Antisemitismus im Haus ihres Vaters, eines Juden, Raum geben sehen, dann scheint die Welt keiner inneren Logik mehr zu folgen.


    Position wird zwar bezogen, auch dezidiert, aber niemals endgültig und niemals logisch stringent.

    Hallo John,


    ich bin mir nicht sicher, wie ich zu deiner Moosbrugger-Interpretation stehe. Ihn als eine Art bösen Leviathan zu sehen, auf den die Abgründe der Gesellschaft geladen werden, hat etwas für sich, scheint mir aber zu einfach, denn Moosbrugger wird so oft als nicht böse und nicht amoralisch im harten Sinne dargestellt, sondern im Gegenteil erscheint er eher als Opfer und als jemand, der in seinen Kategorien durchaus moralisch und verantwortungsbewusst, vielleicht aber nicht unbedingt reflektiert handelt, da gebe ich dir recht.


    Interessant ist in diesem Zusammenhang sicher das Kapitel über Geschichte und wie sie entsteht im übernächsten Abschnitt (Kapitel 83 glaube ich). Dass Moosbrugger und seine Art, mit der in ihm schlummernden Gewalt umzugehen, etwas mit dem heraufziehenden Krieg zu tun hat, das glaube ich auch, aber wohl eher in einer verschlungeneren Art und Weise, ich werde im entsprechenden Abschnitt noch etwas dazu schreiben, wenn ich so weit bin.


    Inwieweit sich Moosbrugger von Ulrich unterscheidet, ob es durch das Nachdenken ist, ich bin nicht sicher. Sicherlich haben beide sehr unterschiedliche Voraussetzungen, vielleicht ist Ulrich die zivilisierte Moosbrugger-Version, ich kann es noch immer nicht sagen.


    Und was deine andere Frage betrifft:


    Zitat

    Mir hat sich die Frage gestellt, wo dieses System seinen Halt hernimmt. An welchen Werten richtet Ulrich, wenn es darauf ankommt, sein Handeln aus?


    Das System nimmt seinen Halt aus der Vielfalt, daraus, dass es aus jeder Sackgasse wieder auf einen völlig neuen Weg springen kann. Die Eigenschaftslosigkeit als eine Art Essayismus, Ausloten von Möglichkeiten, Zufällen und unbeschränkten gedanklichen Experimenten ist für Musil, ich kann das nicht oft genug wiederholen, sicher auch ein direkter Ausdruck der Moderne. Die immer weider eingefügten Kapitel über die große vaterländische Aktion sprechen da Bände, auch dazu werde ich gleich im nächsten Abschnitt noch etwas schreiben.


    EDIT Tippfehler

    Matthias Frings ist einigen vielleicht als ehemaliger TV-Moderator der Erotik-Sendung "Wahre Liebe" bekannt. Mir war nicht bewusst, wie lange er schon als Publizist in Sachen Homosexualität eine feste Größe in der deutschen Sachbuchlandschaft ist.


    "Der letzte Kommunist" widmet sich einer recht interessanten Figur, schwul, kommunistisch, Schriftsteller. Ronald M. Schernikau wurde als 6-jähriger im Kofferraum eines sowjetischen Diplomatenwagens in den Westen geschmuggelt, damit dort die Familienzusammenführung mit dem Vater Lorenz stattfinden konnte. Seine Mutter Ellen war eine überzeugte Kommunistin und DDR-Bürgerin, die nur aus romantischen Hoffnungen heraus diesen Schritt wagte - und damit den größten Fehler ihres Lebens beging. Weder sie noch ihr Sohn wurden in der BRD jemals heimisch, dafür gelang Ronald mit der "Kleinstadtnovelle" ein vielbeachteter Erstling, dem aber nichts ähnlich Erfolgreiches mehr folgte, bevor er Anfang der 90er Jahre an AIDS starb.
    Frings erzählt nun von seiner Westberliner Zeit, in der er mit Schernikau sehr eng befreundet war und beide ihre ersten Schritte im linksintellektuellen Buchmarkt Westdeutschlands machten.


    Frings schildert nicht nur Schernikaus Leben, ja manchmal tritt dieses sogar so weit zurück, dass man sich fragt, ob man noch seine Biographie liest. Und auch wenn es mich manchmal etwas gestört hat, dass Frings es nicht lassen kann, kapitelweise über sich selbst zu schreiben, so muss ich zugeben, dass ich dadurch einen guten Einblick in die Schwulen- und Linkenszenen von Nachkriegsdeutschland bekommen habe. Insofern sei ihm diese unangekündigte Selbstbespiegelung verziehen.


    Die Figur Schernikaus ist tatsächlich außerordentlich faszinierend, wenn man auch die über Jahrzehnte ungebrochene Faszination mit dem DDR-Staat nicht recht versteht, der seine Bücher nach dem Erstling ebenso mit Verachtung straft, wie der Westen, vielleicht sogar noch etwas mehr. Interessant sind die Passagen, als Schernikau mit widerwilliger Hilfe der West-SED (deren Mitglied er war) an das Leipziger Literaturinstitut kommt und dort fast drei Jahre verbringt. Das Sympathische, aber auch Naive an ihm ist, dass er niemals systemkonform wird, dass er als Westler natürlich eine Art Narrenfreiheit besitzt, von der seine östlichen Kommilitoninnen nur träumen können. Schernikau erscheint als einer, der für die eigene Überzeugung alles zu opfern bereit ist. Er ist Schriftsteller, er ist Kommunist, wenn die Welt diese beiden berufungen nicht so sieht wie er selbst, dann irrt sich die Welt und er wird es ihr ruhig und stetig zu verstehen geben.


    Die Welt, die Frings uns präsentiert, scheint so weit weg, und auch die Figur Schernikaus scheint ein solcher Anachronismus zu sein, dass man mit einem Unbehagen zurückbleibt. Würde man sich mehr von diesen Leuten wünschen, die einer Überzeugung so unverbrüchlich folgen, oder ist das die Ideologieaffinität des letzten Jahrhunderts? Das ausgerechnet Schernikau kurz vor dem Fall der Mauer in die DDR eingebürgert und nach kurzer Glückseligkeit von der Geschichte eingeholt wird, hat etwas Tragikomisches, das ganz ins Tragische kippt, als er kurz darauf an AIDS erkrankt und stirbt.


    Ein durchaus lesenswertes und kurzweiliges Buch. Ob es mir Lust auf die Texte Schernikaus macht? - Ich weiß es noch nicht, anfangs wollte ich gern wenigstens seine Erinnerungen an die Leipziger Zeit lesen, inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, zu weit weg erscheint mir der nichtsdestoweniger sympathische "Protagonist" dieses Buches.


    Es gibt einen Buchtrailer (eines dieser überflüssigen Werbemittel neuerer Bauart), der ausnahmsweise mal ganz schön ist, weil man einen längeren Ausschnitt von Schernikau auf VHS präsentiert bekommt, während er mit angenehmer Stimme ein friednesbewegtes Kinderlied singt. Irgendwie schön.

    Na, habt ihr schon vor den Verästelungen der Parallelaktion kapituliert? Ich hoffe doch nicht. ;-)


    Ich bin wieder ein Stückchen weitergekommen. Der gelesene Abschnitt beschäftigt sich vor allem mit den Figuren Arnheim und Moosbrugger. Während mir Moosbrugger noch immer nicht ganz durchsichtig ist, entwickelt sich Arnheim zu einer Art Gegenentwurf zu Ulrich. Arnheim ist sozusagen der Mann mit allen Eigenschaften. Er kann auf allen wissenschaftlichen Gebieten, wenn auch keinen brillanten, so doch wenigstens einen beachtlichen Beitrag leisten. Er ist ein Universalgelehrter wie aus einem anderen Jahrhundert, weshalb ihm auch Soliman als Kammerdiener so außerordentlich gut steht.


    Interessant ist, dass Arnheim von allen außer von Diotima argwöhnisch beäugt oder gar gehasst wird. Das bezieht sich auf Graf Leinsdorf ebenso wie auf Ulrich oder Soliman, den Arnheim anfänglich als Gleichgestellten behandelt hat, nun aber - ganz feudal - wieder auf seinen Platz in der Gesellschaft stellt. Doch Soliman ist kein frühneuzeitlicher Kammerdiener, sondern ein modernes Subjekt eigenen Rechts. Ich bin gespannt, ob der Anachronismus, den ich bei Arnheim sehe, noch irgendeine Rolle spielen wird.


    Moosbrugger berichtet über psychologische Tests, die mit ihm durchgeführt werden, und deren Unzulänglichkeit in der Innensicht des Untersuchten überdeutlich wird. Die moderne Obsession der totalen Erfassung des Menschen wird hier einer kritischen Durchleuchtung unterzogen. Denn die Theorie der völligen Erfassbarkeit und Optimierbarkeit menschlicher Funktion und Tätigkeit lässt vor allem einen Faktor außer Acht: den Menschen selbst, der sich zu den Analyse- und Optimierungsmaßnahmen immer auf eine Weise aktiv verhält oder wenigstens verhalten kann.

    Zitat

    Original von John Dowland
    Meine Überlegungen gehen tatsächlich in diese Richtung, und zwar u.a. wegen der Stelle aus dem fünften Kapitel, die ich oben zitiert habe. Möglicherweise beschreibt Musil nur „Typen“ und keine realen Personen. Aber dass diese Typen sehr starke Ähnlichkeiten mit der einen oder anderen Person aufweisen, die es in der Lebenswirklichkeit gegeben haben mag, halte ich doch für wahrscheinlich. Es würde sonst auch keinen Sinn machen, den Roman am konkreten Schauplatz der österreichischen oberen Zehntausend der Vorkriegszeit spielen zu lassen.


    Das verstehe ich nicht. Man kann doch ohne Problem eine konkrete Zeit beschreiben und zu ihrer Chaakterisierung Typen heranziehen, die zwar auf verbreitete Verhaltensweisen, nicht aber auf konkrete Personen referieren. Insofern: Ich halte es nicht für unmöglich, dass es im MoE Elemente des Schlüsselromans gibt - aber keinesfalls für zwangsläufig, nur weil er eine sehr gängige Beglaubigungsstrategie anwendet, die es schon sehr lange gibt. Spontan fallen mir Beispiele bei Fontane, Kleist oder Storm ein, die ganz ähnlich funktionieren, auf vermeintlich tatsächlich existierende Personen oder Topographie verweisen, nur um die intendierte Plausibilität des geschilderten Geschehens zu erhöhen.


    Zitat

    Original von John Dowland
    Soweit es um die suchende Clarisse geht, ist Moosbrugger, der Frauenmörder, nach meiner Einschätzung ein Bild für die Lust an der Zerstörung, am Untergang der „heilen Welt“, die Clarissens Träumen nicht mehr genügen will.


    Möglich. Auf der anderen Seite könnte er auch eher in die Richtung eines Sinnbilds für die zerfallende Zeit ohne klare Leitidee gelesen werden. In diesem Fall wäre Clarisse diejenige, die in zwei Wirklichkeiten leben könnte, nach einer völlig herkömmlichen Logik oder nach einer - nach vorherrschender Meinung - verrückten Logik. Ich denke dass, weil am Anfang so ein großer Wert darauf gelegt wurde, dass Moosbrugger sich selbst für alles, nur nicht für verrückt hält. Leinsdorf hält ihn - natürlich! - für verrückt und bei Ulrich weiß man es nicht so recht, er ist ja auch der Mann ohne Eigenschaften. Clarisse scheint mit der verrückten Weltsicht zu sympathisieren.

    Zitat

    Original von Wolke
    Was ist eigentlich mit dieser Leserunde, läuft die noch? :gruebel


    Diese Leserunde lässt sich nicht in wenigen Wochen abhandeln, es handelt sich hier ja nicht um irgendeinen Unterhaltungsroman, den man mal eben so wegliest. Mir ist es lieber, die Teilnehmer/innen lassen sich Zeit und lassen das Gelesene auch ruhig mal ein paar Tage sacken, als hier durchzurasen und irgendwas zu schreiben, nur damit geschrieben wird. Das bringt bei so einem Buch niemandem etwas, denke ich.


    Herzlich, Bartlebooth.

    Zitat

    Original von John Dowland
    Ich möchte mal mit der Parallelaktion beginnen. Musil beschreibt hier zweierlei, nämlich zum einen den Versuch (vor allem des Grafen Leinsdorf) der Aktion so etwas wie ein Ziel, eine Struktur und eine feste Ordnung zu geben. Und tatsächlich nimmt die Sache ja im Verlauf der ersten großen Sitzung Formen an: es werden Ausschüsse gebildet, Verantwortliche benannt, eine Resolution wird geschrieben. Zum anderen zeigt Musil aber auf, wie die Parallelaktion aus dem Ruder gerät (...). Das „Volk“ beginnt, eine eigene Vorstellung von der großen vaterländischen Aktion zu entwickeln. In der ersten großen Sitzung meldet sich ein General zu Wort und spricht von Aufrüstung um des Völkerfriedens willen (Kap. 44). Graf Leinsdorf hegt ja durchaus hehre Absichten. Aber er kann nicht verhindern, dass „Seinesgleichen geschieht“. Er muss bereits machtlos zusehen, wie Diotima ausgerechnet den Preußen Arnheim an die Spitze der Bewegung stellt. Diesen Prozess der gefährlichen Verselbständigung einer guten Idee hat Musil im 40. Kapitel mit seinen Ausführungen über „den Geist“ sowohl abstrakt als in den konkreten Folgen sehr anschaulich beschrieben.


    Ja, unendlich viel Stoff. Dir Parallelaktion bestimmt den zweiten Abschnitt. Dass Graf Leinsdorf "hehre Absichten" hat, sehe ich nicht ganz so. Sicherlich, er führt nichts irgendwie Böses im Schilde, aber die unauflöslichen Widersprüche, die mit der Parallelaktion und ihrer Konzeption zusammenhängen, werden an ihm schon überdeutlich.
    Zum ersten ist da die absurde Vorstellung, die von Musil sehr schön beschrieben wird, dass eine Idee zwar aus der Mitte des Volkes entspringen soll, gleichzeitig aber von oben her gelenkt werden soll, worin diese Idee bestehen kann. Das Ergebnis der Großen Sitzung, über die ich mit großem Vergnügen gelesen habe, ist entsprechend: Diotima verkündet als Sprachrohr von Graf Leinsdorf, dass der Staat durch die Regierung ja bereits perfekt in Bereiche aufgeteilt sei, in denen nun auch nach der großen, einigenden Idee zu suchen sei. So zerfällt die Einigkeit bereits ganz zu Anfang.
    Interessant auch die Intervention des namenlosen Wissenschaftlers, der sich über das eigenartige Phänomen verbreitet, dass man als Zeitgenosse nie begreift, welchen Sinn die Geschichte hat, dass in der Rückschau sich aber immer alles wunderbar klar ineinanderfügt. Zum einen wird das von der Versammlung mit peinlich berührtem Schweigen und Übergehen quittiert, niemand weiß mit einem solchen abstrahierenden Standpunkt etwas anzufangen. Zum anderen scheint hier schon der Zweifel auf, dass diese Intervention, die sehr nach einem Historiker des 19. Jahrhunderts, nach einem Anhänger der großen historischen Erzählungen, klingt, in die richtige Richtung weist. Musils Komposition macht schon hier klar, dass es vielleicht gar nicht stimmt, dass man in der Rückschau einen Sinn in der Geschichte zu erkennen vermag. Ganz sicher können es seine Figuren nicht.
    Was sie können - und das zeigt deutlich der Einwurf des Generals Stumm von Bordwehr -, ist, ein beliebiges Thema und sei es in noch so widersinniger Weise, auf sich selbst zu beziehen. John hat es angesprochen: Aufrüstung um des Friedens willen, der General biegt das Thema, bis es seiner Art zu denken entspricht, nicht umgekehrt.


    Zitat

    Original von John Dowland
    Ein Punkt, der mich schon im ersten Kapitel beschäftigt hat, ist das Spiel Musils mit Erfindung und Wirklichkeit. Der „Mann ohne Eigenschaften“ spielt ja sozusagen mitten im Leben, im Österreich-Ungarn der Vorkriegszeit. Es werden geschichtliche Ereignisse, Schauplätze, Zusammenhänge, Namen genannt. Wie viel ist davon „wahr“, was hat Musil erfunden? Im fünften Kapitel schreibt er über Ulrich: „... sein Familienname soll mit Rücksicht auf seinen Vater verschwiegen werden...“ und suggeriert damit einen "Tatsachenbericht". In der Folge werden jedoch zahlreiche weitere Akteure mit Rang und Namen genüsslich durch den Kakao gezogen (Hermine Tuzzi beispielsweise, der Preuße Arnheim...) Musil scheint mir hier eine Art Satire aufzuführen, ein Schauspiel von Stellvertretern, bei dem hinter jedem Charakter tatsächlich ein realer Zeitgenosse (oder eine Genossin...) gestanden haben könnte. Es dürfte den damaligen Lesern nicht schwer gefallen sein, solche Bezüge herzustellen und sich dabei, je nach Betroffenheit, vor Lachen auf die Schenkel oder vor Ärger an den Kopf zu hauen.


    Das weiß ich nicht. Ich habe bisher nirgends einen Hinweis auf den "MoE" als Schlüsselroman gefunden. Irgendwie glaube ich da auch nicht so recht dran. Zwar war Musil auch ein begnadeter und bekannter Feuilletonist und kannte die Geistesströmungen und ihre Protagonisten seiner Zeit sehr gut, doch die Anlage des Romans wirkt auf mich bisher sehr viel abstrakter, als man nach den Erzählerbemerkungen, die du zitiert hats, vermuten könnte.


    Was Moosbrugger betrifft, bin ich mir immer noch nicht sicher, wo dieser Strang hinführt. Die Faszination Ulrichs und auch Clarisses bezüglich dieses Mörders ist auffällig, das fügt sich für mich bisher aber noch zu keiner Idee zusammen. Das Wohlwollen, mit dem Leinsdorf und Stallburg auf Ulrichs diesbezügliche Bitten reagieren ist auch auffällig, wenn auch geordnet und irgendwie verhalten. Dazu will mir noch nichts Rechtes einfallen.

    Ich lese englische und französische Bücher eigentlich immer im Original. Das liegt nicht etwa daran, dass ich "den Autor" und niemanden sonst hören möchte, sondern dass Übersetzungen häufig unter großem Zeitdruck entstehen und qualitativ dann entsprechend sind. Ich habe die erstaunliche Beobachtung gemacht, dass gerade Fachbücher für mich gerade auf Französisch sehr viel verständlicher sind als in der oft sehr verschwurbelten deutschen Übersetzung. Viele Theoretiker haben ihren Ruf der "Unlesbarkeit" wahrscheinlich durch unlesbare Übersetzungen erhalten.