Beiträge von Bartlebooth

    Ja, Owen Meany... Ich bin ja im Allgemeinen kein besonderer Fan von John Irving, habe "Garp" zwar zu Ende gelesen, habe aber daran seinerzeit ziemlich viel zu mäkeln gehabt. Das "Hotel New Hampshire" habe ich nach einigen Seiten abgebrochen, so sehr hat es mich genervt. Dann legte mir ein Bekannter nahe "A Prayer for Owen Meany" zu versuchen, das sei ein ganz Irving-untypischer Irving. Tatsächlich habe ich das Buch ganz gern gelesen. Der Ich-Erzähler und Owen Meany sind Charaktere, die ich wesentlich weniger aufdringlich fand als die, die ich aus "Garp" kannte.
    Aber dieses Ende... ich weiß nicht so recht. Glauben schön und gut, aber das Ende ist doch wirklich sehr dick aufgetragen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich finde, das Irving hier noch die Kurve gekriegt hat, oder ob ich doch eher der Ansicht bin, dass das alles zu messianisch ist.


    Herzlich, B.

    Zitat

    Original von Iris
    O weh, bei Esther Vilar hakt 's bei mir aus. Ich hatte irgendwann mal eine Aufsatzsammlung in den Fingern, die zwar polemisch, aber gehaltsarm war. Wesentlich anders als in ihren Essays Der dressierte Mann, Das polygame Geschlecht und Das Ende der Dressur (s.u.) argumentiert sie nie -- Wiederholungen statt Argumente oder gar Logik.


    Hallo Iris,


    Danke für die schnelle Antwort. Ich habe mir das ja bereits gedacht, darum will ich meine Zeit eigentlich auch nicht für diese Bücher opfern. Aber der Name taucht halt doch immer wieder auf und irgendeinen gibt es auch immer, der die Einsichten Vilars für die Speerspitze der Forschung hält. Drum kännte ich gern mehr als nur ihre Grundthese.


    Na, vielleicht kann mir ja wer anders helfen, ansonsten muss ich in meinem Bekanntenkreis mal rumfragen...


    Herzlich, B.

    Hallo zusammen, hallo Hermann,


    eine sehr schöne Zusammenfassung des einzigen Poe-Romans gibst du da. Und ich kann mich dir anschließen: Ein wirklich bemrkenswertes Buch. Zum einen wirklich spannend und gut geschrieben, zum anderen gerade am Ende auch noch mit dem Mut zur Lücke.


    Vor Jules Vernes "Fortsetzung" Le sphinx des glaces möchte ich hingegen eindringlich warnen. Ein 500-Seiten Wälzer, in dem es eigentlich erst auf den letzten 30 Seiten um die titelgebende Sphinx geht. Und dass irgendwelche der faszinierenden Rätsel (etwa das der Hieroglyphen) gelöst würden, davon kann keine Rede sein. Zu allem Überfluss ist das Spannendste an Vernes Text im Grunde die Zusammenfassung von Poes Roman ;-).


    Es gibt allerdings noch eine andere Fortsetzung. Sie heißt "A strange discovery" und ist von einem Herrn mit Nachnamen Drake verfasst. Die habe ich leider noch nicht gelesen und sie ist ja auch eher unbekannt. Aber wer weiß, vielleicht verbrigt sich hier ein vergessenes literarisches Kleinod ;-).


    Herzlich, B.

    Hallo zusammen, hallo Iris,


    "Die Töchter Egalias" habe ich auch vor ein paar Jahren gelesen. Das Faszinierende an dem Text ist ja die totale Umwertung der Sprache. Luise Pusch hat dazu in ihrem wunderbar humorvollen "Das Deutsche als Männersprache" eine ausführliche Analyse zusammen mit einer norwegischen Linguistik-Kollegin angekündigt. Ich weiß nicht, ob es je zu diesem Aufsatz gekommen ist oder ob es bei der kurzen Analyse in DaM geblieben ist.
    Den Handlungsaufbau von Brantenbergs Text finde ich auch nicht sehr gelungen. Ich hatte den Eindruck, gerade in den hinteren Kapiteln mussten noch ein paar wichtige Themen behandelt werden (etwa Gewalt oder Homosexualität) und das wird dann ein bisschen lieblos aneinandergeklatscht ohne wirkliche Rücksicht auf einen narrativen Zusammenhang.


    Aber, wie gesagt, der Punkt an dem Buch ist die Sprache und da ist Brantenberg und im Grunde auch der Übersetzerin Elke Radicke eine schöne Demonstration dessen gelungen, was es heißt, dass Sprache Männersprache ist.


    Noch etwas ganz anderes: Ich würde gerne etwas über die Antipodin der Frauenbewegung, Esther Vilar, erfahren, möchte aber nur sehr ungerne den "Dressierten Mann" lesen. Kennt eine/r von euch vielleicht einen link oder auch einen Aufsatz, in dem die hauptsächlichen Thesen Vilars dargestellt werden bzw. sich mit ihnen auseinandergesetzt wird?


    Herzlich, B.

    Hallo zusammen, hallo Tom,


    Ja, Uwe Timm ist einer der wirklich lohnenden Zeitgenossen. Deine Rezension hat mir das wieder sehr klar vor Augen geführt. Ich habe "Rot" Anfang des Jahres gelesen und fand es auch ziemlich gut, wenn es auch nicht mein Lieblingsbuch von Timm ist. Ich kann mit zwei Dingen nicht so viel anfangen:
    Zum einen nerven mich leicht Handlungen, in denen es um diese typischen "älterer Mann/junge Frau"-Klamotten geht. Ich muss Timm allerdings zugute halten, dass ich beim Lesen von "Rot" niemals den Eindruck einer erotischen Altmännerphantasie hatte.
    Zum anderen kann ich wohl mit dieser Lebenswelt mittelalter Männer, Typ lonesome rider, ganz wenig anfangen. Männer um mdie 50, die als Einzelgänger um die Häuser ziehen, gerne Mal einen Whiskey trinken und einen verzweifelten Freund nicht in die Arme nehmen können. Diesem Typ Mensch bzw. Mann bin ich in Literatur und Film schon zu oft begegnet als dass mich seine Beschreibung noch irgendwie reizen könnte.


    Aber, wie gesagt, alles in allem kann ich dir zustimmen. "Rot" gehört auch für mich zu den lesenswerten Büchern.


    Herzlich, B.

    Eigentlich bin ich kein besonderer Freund von Reiseliteratur. Die episodische Erzählweise dieses Genres ist anstrengend, es entsteht nicht selten der Eindruck des Unzusammenhängenden, man wird von einer Vielzahl von Namen erschlagen und muss eigentlich die ganze Lektüre über höchste Konzentration bewahren.


    All dies trifft tatsächlich auch für Tim Mackintosh-Smiths Travels with a Tangerine zu, in dem der Autor dem Kurs des mittelaterlichen maghrebinischen Reisenden Ibn Battutah folgt und dabei von Tanger ausgehend Nordafrika, Oman, die Türkei und die Krim besucht; (an die heiligen Stätten des Islam, nach Mekka und Medina, darf der Christ seinem islamischen Vorbild offenbar nicht folgen - eine Tatsache, die mir so nicht bewusst war).


    Trotz aller Befürchtungen im Vorfeld: Ich habe die Lektüre sehr genossen.


    Mackintosh-Smith gelingt es in einem sehr persönlichen und sehr unprätentiösen Ton seine Erlebnisse zu schildern. Alltägliche Anekdoten werden sehr sympathisch und immer mit einem Augenzwinkern zum Besten gegeben. Wenn man sich auch häufig in den vielen Namen von Orten und Menschen verliert, gelingt es Mackintosh-Smith immer wieder durch den Blick für die Einheimischen oder auch für andere Reisende, denen er begegnet, und die häufig aus ganz anderen Gründen reisen als der sehr belesene Arabist selbst, den Leser wieder abzuholen. Ibn Battutah, der von Mackintosh-Smith die ganze Zeit liebevoll IB abgekürzt wird, bleibt dabei kein bloßer Name, häufig vermischen sich die Erlebnisse des mittealterlichen und des neuzeitlichen Reisenden auf eine Weise, die fast den Anschein erweckt, sie seien gemeinsam unterwegs.


    Mackintosh-Smith beweist stets großes Fingerspitzengefühl im Umgang mit einer Welt, die er als jemand, der seit über 15 Jahren im jemenitischen Sana'a lebt, zwar durchaus kennt, zu der er aber nicht vollständig gehört. So wird ihm im Laufe seiner Reise immer wieder die Frage gestellt, ob er Muslim sei. Die offene negative Antwort erzeugt sehr unterschiedliche Reaktionen, nie wirklich Feindseligkeit, manchmal aber eine Distanzierung, oft unerwartete Herzlichkeit und Toleranz.


    Mackintosh-Smith zeichnet so ein Bild großer Gemeinsamkeit, indem er zB ganz selbstverständlich schildert, wie er zwischen betenden Muslimen auf eine Transportmöglichkeit zu einem bestimmten Heiligenschrein wartet und wie sich diese Notgemeinschaft ganz rührend und vorurteilslos zusammenfindet.


    Nicht zuletzt trägt auch Mackintosh-Smiths Humor dazu bei, dass die Travels zum Lesevergnügen werden. Wenn er bei einer religiösen Veranstaltung einen Ehrenplatz neben dem spirituellen Oberhaupt zugewiesen bekommt, dann aber lange damit beschäftigt ist, seine durch den Genuss einer rohen Zwiebel rumorenden Därme im Zaum zu halten, wenn er sich mit einem türkischen Travestiekünstler, dessen unmoralisches Angebot er gerade zurückgewiesen hat, bei einer Flasche Raki über die Schwierigkeiten unterhält, das Vorhandenseins eines Busens vorzutäuschen, dann bleibt nie der Eindruck von Klamauk oder aber zu steifer Ernsthaftigkeit zurück, sondern immer der von tief empfundenem menschlichen Respekt.


    In einer Zeit, in der vom Islam häufig nur eine fanatisierte Minderheit wahrgenommen wird, gelingt es Mackintosh-Smith die Individualität einer Welt hervorzuheben, die - wie jede andere - ihre Unsympathen und ihre Sympathieträger hat, ihre Bürokraten und ihre Outlaws.


    Mackintosh-Smiths wunderbarer Einblick in eine viel zu unbekannte Welt verdient viele Leser und einen klaren Daumen hoch.


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    Hallo zusammen,


    dyke , Dass Oskar Maria Graf auch einen utopischen Roman geschrieben hat, wusste ich gar nicht. Wenn du zu dem noch zwei Worte sagen könntest...?


    Iris , Wie sieht es eigentlich aus mit dem Status von Wolfs Text? Ist das denn auch eine Utopie? Ich habe den Text leider nie gelesen.


    @all, Kennt eigentlich jemand die "Insel Felsenburg" von Johann Gottfried Schnabel und kann etwas dazu sagen?


    Herzlich, B.

    Hallo Dyke,


    Den Werfel habe ich trotz seines Umfangs sogar schon zweimal gelesen - was bei mir nicht so oft vorkommt. Und ich fand ihn beim zweiten Mal noch genauso spannend wie beim ersten. Der gehört wirklich zu meinen all-time-favorites.


    An "Berge, Meere, Giganten" bin ich allerdings auch schon mal gescheitert. Es gibt aber sozusagen eine "Singleauskopplung", eine etwa 15-seitige Erzählung mit dem Titel "Die Enteisung Grönlands". Die habe ich gelesen und fand sie auch ziemlich gut. Damit hast du mich an was erinnert, der Döblin wandert mal wieder ein bisschen nach vorne für den zweiten Versuch...


    Wenn wir bei der von dir zuerst gemachten Einteilung bleiben, würde ich "Oryx and Crake" ganz klar zu "Evolution und Genmanipulation" rechnen. Auch "A Friend of the Earth" scheint mir hier besser hinzupassen, denn zentral geht es hier auch eher um Naturzerstörung als um ein alternatives Gesellschaftsmodell.


    Aber daran sieht man wieder sehr schön, wie unmöglich es ist, klare Genregrenzen zu ziehen.


    Herzlich, B.

    Wie schön, wenn ein anderer die Pflicht erledigt und für einen selbst nur noch die Kür bleibt. Meine ganz persönlichen Ergänzungen:


    Tatsächlich sind die Sozialutopien des 19. Jahrhunderts den Mustern des Genres - von More bis Andreae - sehr ähnlich. Ich habe da längst nicht alles gelesen, aber Edward Bellamys kommunistisches "Looking Backward" oder Etienne Cabets "Voyage en Icarie" funktionieren im Grunde ganz analog zu Mores "Utopia": Die einzelnen Kapitel setzen sich zentral mit irgendeiner besonderen Einrichtung der beschriebenen Gesellschaft auseinander und beschreiben diese in extenso. Man sieht, dass gerade die älteren eigentlich weniger "Science" als "Social" Fiction heißen müssten, denn in der präindustrialisierten Ära geht es häufig nicht zentral um den technischen Fortschritt.


    Was bei den von Dykes Quelle so rubrizierten "Sozialutopien" (mE ein etwas unglücklicher Begriff, denn Utopien drehen sich alle um das "Soziale"; insofern darf man nicht erwarten, gerade im 19.Jhdt. rücke das irgendwie besonders in den Vordergrund :-)) hinzukommt, ist häufig eine ziemlich vernachlässigbare und blöde Rahmenhandlung mit einer schmalzigen Liebesgeschichte (bei Bellamy zB, wenn ich mich recht entsinne, oder auch bei Bulwer-Lytton). Es ist interessant zu sehen, dass es innerhalb des Genres außerdem - bei allen revolutionären Verhältnissen in den beschriebenen Gesellschaften - bestimmte unantastbare Konstanten gibt. Zwischenmenschliches, vor allem auch die Rollenklischees bleiben in vielen der beschriebenen Zukunftsgesellschaften bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein intakt.
    Das 19. Jahrhundert ist zudem schon viel technisierter und zB bei Bulwer-Lytton spielen dann auch schon richtige SF-Artefakte wie der "Vrilstab" (super Name ;-)) eine wichtigere Rolle.


    Einer meiner persönlichen SF-Favoriten gehört ziemlich deutlich in die Kategorie Utopien/Dystopien: Franz Werfels "Stern der Ungeborenen" beschreibt ganz nach klassischem Muster das soziale Gefüge einer um 100.000 Jahre in die Zukunft verschobenen Gesellschaft. Seine Rahmenhandlung kommt zwar auch nicht ohne Liebesgeschichte aus, doch ist diese nicht so platt und ziemlich nebensächlich.
    Das besondere bei ihm ist, dass die Gesellschaft der "Panopolis" zwar auch unheimliche technische Fortschritte gemacht hat, sich jedoch vor allem auch durch eine sehr verfeinerte geistige Haltung auszeichnet. Dass dies, wie es sich für ein gutes Stück Literatur gehört ;-), zwei Seiten hat, Verfeinerung also nicht einfach nur positiv oder nur negativ (als Schwächung), sondern in ihrer Ambivalenz beschrieben wird, macht eine der Faszinationen dieses Romans aus. Unbedingte Leseempfehlung, allerdings ein ziemlicher Backstein. Ich fand ihn aber an keiner Stelle langweilig.


    Es gibt um die Jahrhundertwende dann auch schon die technikfeindlichen Utopien (sehr bekannt: Wells' "Time Machine", eher unbekannt und schwerer zu lesen Paul Gurks "Tuzub 37"), die durch die Technik eine Entmenschlichung in der Gesellschaft herankommen sehen. da kann es schon auch mal passieren, dass der naturverbundene Mensch aus "Nordica" positives Gegenbild zu den unter der Erde lebenden, hochtechnisierten Mitteleuropäern wird (das Beispiel bezieht sich auf Michael Georg Conrads "In purpurner Finsterniß", eine an einen eher kruden Nietzscheanismus angelehnte U-/Dystopie).


    Die U-/Dystopien zeigen einen hohen Überschneidungsgrad zu den "Kolonialismusgeschichten". Ein zweites persönliches Highlight, Karel Capeks "Krieg mit den Molchen" ist hier Grenzfall. Ich werde ihn und einige andere dann später vorstellen, wenn es um die Kolonialismusgeschichten geht.


    Aber "Inner Space" ist auch erstmal schön.


    Herzlich, B.

    Hallo Dyke,


    Vielen Dank für deine Mühe! Warum aber so defensiv? Es ist klar, dass die Gattungseinteilung zu den unlösbaren Problemen der Literaturwissenschaft gehört, aber so eine thematische Untergliederung, wie du sie präsentierst, ist doch für die Zwecke dieses Ordners sehr gut geeignet.


    Dies ist ja kein Ordner zur Klärung des Begriffs "SF", sondern einer, der einen Überblick über die Texte verschaffen soll, die gewöhnlich zu diesem Genre gerechnet werden.


    Herzlich, B.

    Hallo Salonlöwin,


    Na, um mich an Diskussionen zu beteiligen, bin ich doch hier ;-).


    Es wäre schon ganz gut zu wissen, warum du um SF einen Bogen gemacht hast. Ich habe auch mal in deine (unglaublich lange!) Wunschliste geschaut und schließe aus ihr, dass du tatsächlich nicht festgelegt bist und außerdem auch nicht unbedingt was gegen das Denken beim Lesen hast (wie sonst kommt man auf Yasunari Kawabata?:-)).


    Stanislaw Lem ist natürlich ein Großmeister der anspruchsvollen SF, den ich mit großer Begeisterung lese.
    Simmons ist deutlich gefälliger (wenn ich Lem, vor allem in seinen Erzählungen auch nicht wirklich als sehr anstrengend empfinde), weniger philosophisch, dafür erzählerisch zwingender. An Kampf- und Actionszenen kommst du bei Simmons aber nicht vrobei und das ist etwas, was mich bei SF, wenn es zu ausführlich wird, langweilt. Simmons ist aber noch weit diesseits der Grenze zum Nervigen.


    Um dir einen Überblick über die SF-"Strömungen" zu geben, bin ich wohl nicht der Richtige. Mein Geschmack ist eher randständig, ich lese vor allem alte SF (Lasswitz, Scheerbart, Wells, Capek, Renard) und habe vom amerikanischen Hauptstrang des Genres bisher noch sehr wenig Ahnung. Es gibt auch einen sehr politischen SF-Strang in den Staaten des ehemaligen Ostblocks.


    Vielleicht kann dir wer anders hier kompetenter Auskunft geben.


    Herzlich, B.


    EDIt, Na, da ist ja schon jemand gekommen! Dyke, auch ich werde deinen entsprechenden Eintrag mit Interesse lesen!

    Wie es der Zufall will, habe ich gerade heute "Hyperion" beendet. Ob Simmons ein geeigneter Einstieg in dei SF ist, kommt mE schon auch darauf an, von woher du einsteigst. Ich persönlich habe keine Abneigung gegen das Genre und kann deshalb nicht richtig nachvollziehen, was einen daran stört.


    Die positive Einschätzung von "Hyperion", das trotz Sequel auch gut allein stehen kann (der zweite Teil liegt bisher noch nicht neben meinem Bett, ich denke allerdings, er wird es in absehbarer Zeit tun), teile ich vollkommen. Es ist anspruchsvolle SF.


    Meine Rezension findest du hier

    Hallo Ines,


    mein Vorschlag wäre eben, dass Hermann die Geschichte einer Rückwendung zu althergebrachten Werten schreibt, indem sie sie sehr einseitig mit einer behaupteten Ziellosigkeit des heutigen Lebensstils kontrsatiert.
    Das gilt mE übrigens auch für "Nichts als Gespenster". Auch hier sei nur auf die titelgebende Erzählung verwiesen, die in der idyllischen Idealfamilie endet.

    Hallo zusammen,


    Vielen Dank fuer eure Rueckmeldung! Werde mich demnaechst um knackigere Zuspitzung und einfachere Sprache bemuehen. War nur ein erster Versuch.


    @bo, Danke fuer den link, habe mir eure Meinungen mit Interesse angesehen. Es gibt dann ja doch mehr skeptische Stimmen als ich erwartet haette.


    magali ,

    Zitat

    konservativ. Bürgerlich. Alte Werte. Postmodern.


    Lustig, ich habe neulich mal in einem Lit.Lex. aus den 80ern das Stichwort "Postmoderne" nachgeschlagen und da wurde es zu meiner Verblueffung tatsaechlich genauso assoziiert. Ich wuerde diesen Begriff heute so nicht mehr fassen und in aktuelleren Lexika wird er das auch nicht mehr, aber es ist interessant zu sehen, dass sich der Wortgebrauch offenbar nicht allgemein gewandelt hat.


    Herzlich, B.

    Der deutschen Literatur der letzten Jahre wird eine neue Lust am Erzählen nachgesagt. Als eine Galionsfigur dieser Entwicklung gilt Judith Hermann, deren beide bisher erschienene Erzählungsbände von Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert aufgenommen worden sind. Vor allem ihr Megaseller aus dem Jahre 1998 "Sommerhaus, später" ist inzwischen wohl einem Großteil des deutschsprachigen Lesepublikums bekannt.
    Erstaunlich an der phänomenal guten Rezeption dieses Buches ist nicht so sehr das Faktum selbst. Hermann schreibt gefällige, gut lesbare Prosa, sie hat eine klare Sprache und ein Gespür für interessante anekdotische Strukturen, die weder zu trivial noch zu symbolhaft verbrämt wirken. Der Erfolg Hermanns gründet wohl nicht zuletzt auf ihrer Fähigkeit einen bestimmten Typ Alltagserfahrung so aufzubereiten, dass er wie etwas Besonderes wirkt, das gleichwohl allen widerfahren kann. Hermann bedient die Sehnsucht nach einem Leben, das mehr ist, als eine kontingente Aneinanderreihung von Entscheidungen, sie verleiht in unaufgeregter Weise den kleinen doch bedeutsamen Kehren unseres Lebens eine tiefere Relevanz.


    Genau hier liegt allerdings auch das problematische Moment ihrer Prosa. Beispielhaft steht hierfür die titelgebende Erzählung, in der die Erzählerin den Anruf eines Bekannten erhält, eines sporadischen und wohl vor allem aufgrund seiner Schönheit zugelassenen Mitglieds ihres ebenso angesagten wie ziemlich dekadenten Berliner Freundeskreises. Dieser Bekannte namens Stein hat ein Haus im Brandenburgischen gekauft, das er im Laufe der Erzählung herrichtet – für wen, ist dabei nicht eindeutig zu klären: für ein Leben zu zweit mit der Ich-Erzählerin oder doch als Stützpunkt für die hippe Berliner Clique? „Das hier ist eine Möglichkeit von vielen“ erscheint als der Schlüsselsatz. Nichtsdestoweniger stellt sich im Laufe der Erzählung ein Ungleichgewicht her. Stein und die Erzählerin scheinen näher zusammenzurücken und schließlich ist sie es – kein anderes Mitglied des Freundeskreises – die immer wieder Postkarten erhält, in denen sie darüber aufgeklärt wird, wie weit die Arbeiten an dem Landhaus fortgeschritten sind und dass es nun langsam Zeit wird, sich für einen Umzug oder gegen ihn zu entscheiden – die Möglichkeit also wahrzunehmen oder nicht. Es kommt, wie es kommen muss, eines Tages erhält die Erzählerin einen Brief mit einem Zeitungsausschnitt, der davon berichtet, dass das Haus einem Brand zum Opfer gefallen ist. Stein verschwindet aus Berlin.
    Das Problem mit dieser Anordnung ist, dass sich die Erzählung nicht entscheiden kann, welchen Stellenwert dieses Haus als Möglichkeit nun tatsächlich hat. Die dezidiert negative Darstellung des koksenden und kiffenden High-Society-Freundeskreises lässt es eigentlich nicht zu, von einer Gleichwertigkeit der gebotenen Alternativen zu sprechen. Auch in den Erzählungen "Hurrikan" bzw. "Bali-Frau" ist die Konstellation ähnlich. Vorgeblich existiert eine freie Wahl, bei näherer Betrachtung ist die Freiheit nicht gewährleistet, die hinausgezögerten oder nur halbherzig getroffenen Entscheidungen lassen stets den Beigeschmack eines Verlustes zurück, einer vertanen Chance, die das weitere Leben nachhaltig negativ beeinflussen wird. Insofern spiegeln die Erzählungen Hermanns nicht allein eine neue Lust am Erzählen, sondern auch eine neue Lust an bürgerlichen Lebensformen. Die kinderreiche Familie ("Bali-Frau") oder die Zweisamkeit ("Sommerhaus, später") fungieren als positives Gegenmodell zur Spaßgesellschaft, als Alternative, die nur ergriffen werden muss und, die Erzählungen Hermanns lassen da kaum Zweifel, auch ergriffen werden sollte, um einer immer sinnloseren Welt der Vereinzelung zu entkommen. Das vorgebliche Öffnen eines Möglichkeitsraumes enthält in der Darstellung eine eindeutige Präferenz für bestimmte Entscheidungen. Und diese sind in ihrer grundlegenden Richtung konservativ.


    Die einzige Erzählung, die dieses Schema wenigstens einigermaßen durchbricht ist "Sonja". Hier ist die Beziehung, die für ein bürgerliches Lebensmodell aufgegeben wird, zumindest eine asexuelle. Jedoch spielen auch hier Heirat und Kinder an entscheidender Stelle eine Rolle, wenn Sonja einräumt, zum Zweck des Kinderkriegens dann doch auch ein paar Mal mit dem Erzähler schlafen zu wollen. Die Asexualität wird demnach in der abgelehnten Alternative kurzzeitig außer Kraft gesetzt, um die volle Bürgerlichkeit zu erreichen. Wirklich provokativ kann man einen solchen narrativen Entwurf wohl auch nicht nennen. Ist es also Zufall, dass Judith Hermann gerade in einer Zeit als gefeierte Neuentdeckung gilt, in der die öffentliche Diskussion nicht müde wird, sich um eine neue Spießigkeit der Jugend bzw. um die Hinwendung dieser zu traditionellen Werten zu drehen?


    EDIT: Das ging ja schnell! Danke fuers Verschieben!

    Vielen Dank Morgana und Queeny,


    mein Nick leitet sich her von einer der Hauptfiguren aus Georges Perecs Roman "La vie mode d'emploi". Percival Bartlebooth ist ein Millionaer, der das Ziel verfolgt, in seinem Leben nichts Bleibendes zu hinterlassen. So entwirft er einen skurrilen Lebensplan, mit dem er am Ende grandios scheitert.


    Die Aehnlichkeit des Namens zu dem von Melvilles Schriftverweigerer Bartleby ist sicher kein Zufall.


    Herzlich, B.

    Hallo zusammen,


    Nach einiger Zeit des stummen Mitlesens moechte ich euch nun ganz offiziell identifiziert begruessen.


    Ich bin 33 und leidenschaftlicher Leser. Inhaltlich bin ich nicht wirklich festgelegt, wenn es auch Genres gibt, die die Menschheit en gros zu lieben scheint, die mich aber eher kalt lassen. So lese ich zB kaum Krimis, auch nicht zur Entspannung (sie entspannen mich einfach nicht, fesselen mich aber ebenso wenig). Ausserdem lese ich keine Fantasy-Literatur (mit wenigen Ausnahmen langweilt mich das auch).
    Ich kann auch keine schmalzigen Liebesgeschichten leiden (die machen mich regelrecht aggressiv ;-)).


    Ich mag hingegen skurrile Einfaelle, liebe zB Boris Vian, den auch mein Avatar zeigt, wenn es denn mit dem Hochladen geklappt haben sollte (EDIT: das Avatar ist wohl zu gross, dann nehme ich halt ein anderes. Das ist jetzt nicht BV). Desweiteren mag ich auch gerne SF - im weitesten Sinne. Meine Lieblings-SF-Romane sind Franz Werfels "Stern der Ungeborenen", Karel Capeks "Krieg mit den Molchen" und Villiers de l'Isle-Adams "L'Eve future". Aber ich bin stets auch an guter aktueller SF interessiert (die entspannt mich naemlich im Ggs zu Krimis sehr).


    Was koennte noch interessant sein? Mein Lesegeschmack ist an keine Zeit gebunden, lese vom Mittelalter bis zu Neuerscheinungen grundsaetzlich alles, wenn ich auch ein paar beklagenswerte Luecken in der Literatur der fruehen Neuzeit, vor allem im Barock habe. Aber was waere das, wenn man schon alles gelesen haette?


    Herzlich, B.