Hallo Nicole,
meiner Meinung nach sollte man sehr vorsichtig sein, mit den biographisierenden Zwängen, die man diesem Buch auferlegt. Man darf nicht vergessen, dass es sich hier um einen Roman handelt.
Nicht nur in Bezug darauf empfinde ich die von dir gepostete Amazon-Rezension als bestürzend naiv und sicher nicht als Kompliment.
Die fiktive Biographie beschreibt die mittleren Lebensjahre von Henry James, eigentlich in nicht-chronologischer Form; denn obwohl die Kapitelüberschriften (nach dem Muster: Monatsname, Jahreszahl) eine einfache Linearität suggerieren, Ist die Erzählung selbst durchsetzt von Rückblenden und eher thematisch gegliedert. "Thematisch" heißt in diesem Fall, dass stets eine bestimmte Person, die für Henry James in irgendeiner Weise bedeutsam war und deren Verhältnis zu Henry aus einer sehr reduzierten auf Henry fokussierten personalen Erzählhaltung heraus geschildert wird, im Zentrum eines jeden der elf Kapitel steht.
Der Roman beginnt so mit einem close up auf Henry selbst. Der anerkannte Romancier versucht sich als Dramatiker und scheitert grandios; enggeführt wird hier noch die Geschichte Oscar Wildes, der zur gleichen Zeit große Erfolge auf den Bühnen Londons feiert. Später wird dem Prozess gegen ihn ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem die Opposition zwischen James und Wilde Profil gewinnt: Wilde, der Lebemann, der das Leben bis zur Selbstzerstörung und -erniedrigung auskostet, James, der distanzierte Beobachter, der sein Leben in ein umfangreiches Prosawerk sublimiert und eigentlich nur durch dieses lebt.
Strukturell ist «The Master» sehr clever komponiert. Vielleicht muss man sogar den leichten Durchhänger in den mittleren Kapiteln als strukturgebendes Element hinnehmen, in denen der durch die distanzierte und kontrollierte Lebensweise der Hauptfigur bedingte sehr ruhige Erzählton manchmal zu einem gewissen Überdruss führt. Gleichzeitig wird einem auf diese Weise klar vor Augen geführt, was Kontrolle eben auch bedeutet: Neben dem Gewinn eines sezierenden Blicks in den ersten Kapiteln und dem unausweichlichen Gefühl, etwas verpasst zu haben, das in den letzten Kapiteln sehr stark zum Tragen kommt, die sich vor allem um die großen emotionalen Bindungen im Leben von Henry James an seine Familie, Hendrik Andersen und Constance Fenimore Woolson drehen, ist der mittlere Teil wahrscheinlich die größte erzählerische Herausforderung gewesen: Hier muss Tóibín nämlich das Zögern beschreiben, dass zwischen den beiden Polen liegt - dem positiven der Hellsichtigkeit, dem negativen der verpassten Chancen und des damit einhergehenden Leids.
Tóibín gelingt das insgesamt sehr gut, ohne dass man als Lesende/r zu einem Verständnis des Mechanismus käme. Hoch anzurechnen ist dem Buch, dass es auf allzu platte Psychologisierung verzichtet, ohne in die Unsitte des einfachen Abschilderns zu verfallen, das mir in den erzählenden Künsten der letzten 10, 15 Jahre so unglaublich en vogue zu sein scheint.
Auf platte Psychologisierung verzichtet das Buch dankenswerterweise auch beim Thema Sexualität. Homo- und Bisexualität sind zwar allpräsentes Thema - nicht nur in Bezug auf Henry James -, Tóibín vermeidet aber gerade durch die sehr ausführlich geschilderte Beziehung James' zu Constance Fenimore Woolson, die sich mutmaßlich wegen nicht erwiderter Liebe seitens Henry in Venedig das Leben nimmt, eine allzu einfache Fokussierung hin auf die schematische sexuelle Einteilung, die wir so gut kennen. Das hat mich sehr für das Buch eingenommen.
«The Master» war auf der Shortlist des Booker Prize 2004 und musste sich hier Alan Hollinghursts «The Line of Beauty» beugen - einem Buch, das ich auch sehr lesenswert finde; wenn man mich fragt, muss die Entscheidung zwischen diesen beiden Texten allerdings sehr knapp ausgefallen sein.
Noch etwas zum deutschen Titel: «Portrait des Meisters in mittleren Jahren» - ganz offensichtlich ein Joyce-Zitat. Ich empfinde mich nun als alles andere denn einen Joyce-Experten, habe das «Portrait» auch nicht gelesen; nach dem, was ich darüber weiß, erschließt sich mir die Parallele allerdings nicht. Da ich weiß, wie Titel zustande kommen, vermute ich hinter dieser Betitelung einen eher plumpen, nur scheinbar intellektuellen Marketingtrick. Oder habe ich etwas übersehen?