Das Thema Aberglaube, wie ja eure Beiträge allesamt schon bezeugen, entzieht sich einer monokausalen Erklärung. Über Jahrtausende gewachsen haben wir es hier mit einem äußerst komplexen Thema zu tun.
Aber, nicht untätig, will auch ich ein paar Überlegungen anstellen:
Im Jahre 1789 stellte der Aufklärer Johann Adolph Liebner eine Liste des „Aberglaubens im
gemeinen Leben” zusammen, die Stichworte wie „Freitag als Unglückstag”, „Abracadabra”,
„Mondphasen”, „Kaffeetasse dient zur Weissagung” oder „Zahl 13" enthielt. Liebner hielt
diese Vorstellungen für einen falschen, irrigen oder lächerlichen Glauben, den es mit den
Mitteln von Skepsis, Vernunft und Kritik zu überwinden galt.
Zwischen Aufklärung und Aberglaube herrscht bis heute ein Antagonismus, doch das Verhältnis
der beiden konträren Haltungen ist komplexer und paradoxer als vielfach angenommen.
Was seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Aberglauben bezeichnet wurde, war einmal Gegenstand ernsthafter Auseinandersetzung wissenschaftlich geschulter Eliten.
Vieles, was als Aberglauben verworfen wurde, war einmal Bestandteil der Magie, also eines durchaus komplexen, intellektuell anspruchsvollen Systems zur Welterklärung.
Aus dem Zusammenhang gelöst, fragmentiert
und trivialisiert wurden die Inhalte der Magie zum Aberglauben.
Unternimmt man eine Begriffsbestimmung ohne dezidierte Gegenposition, dann erweist sich Aberglauben als ein aus Versatz- und Bruchstücken komponiertes Gebilde.
Bausteine zum Aberglauben lieferten und liefern bis heute auch die der Aufklärung verpflichteten Wissenschaften. Ein Forschungsprojekt
zur kritischen Reflexion der Aufklärung hat gezeigt, dass zudem Auswirkungen und Effekte der Aufklärung die Ausbreitung der zum Aberglauben gewordenen Magie beförderten.
Die Überwindung des Hexenglaubens, der Wegfall von Zensur, die Verbesserung bei Buchproduktion und -vertrieb, die enorme Steigerung der Lesefähigkeit und die Entstehung einer auf die Verbreitung von Okkultem spezialisierten Industrie trugen dazu bei, dass immer
mehr Menschen an magisches „Wissen” gelangten. Parallel kamen seit dem 18. Jahrhundert neue okkulte, esoterische und geheimwissenschaftliche Lehren auf.
Wissenschaft und Forschung lieferten neue
Stichworte und Wissensfragmente, die, aus dem Zusammenhang gelöst, ebenfalls dazu beitrugen,
den alten Aberglauben um einen neuen zu vermehren. Die aufs Okkulte und Esoterische spezialisierte Industrie konnte expandieren und innovative Produkte feilbieten, während die alten im Angebot blieben.
Bis heute hat die Aufklärung die Auseinandersetzung mit dem Aberglauben nicht für sich entscheiden
können. Vielmehr zeigt sich, dass heutige Aufklärer eine weitaus umfangreichere Liste des „Aberglaubens im gemeinen Leben” zusammenstellen könnten, als es, wie oben erwähnt, Johann Adolph Liebner im Jahre 1789 tat.
Der Aberglaube hat in einer rational geordneten
Welt dadurch überlebt, weil sowohl die Magie als auch die Wissenschaft zu ungewöhnlichen Ergebnissen kommen, die unerklärlich / unverständlich scheinen.
Um zu nachvollziehen zu können, weshalb gerade heutzutage das Thema Aberglaube so von allgemeinem Interesse ist, habe ich die Epoche der "Aufklärung" wegen ihrer immensen Bedeutung angeführt. Ergänzend daher nachstehender historischer Rückblick:
Vier Modernisierungsprozesse prägen den Verlauf der Moderne: Verweltlichung, Verwissenschaftlichung, Industrialisierung und Demokratisierung. Die Verweltlichung entzaubert die Natur und untergräbt die Mythen und Religionen. (wie von euch schon mehrfach ebenfalls angeführt).
Sie hat in Verbindung mit der Verwissenschaftlichung zu einem physikalischen Weltbild von faszinierender Komplexität und Reichweite geführt.
Die auf einfache Weltdeutungen angewiesene Masse aber in eine Sinnkrise gestürzt. Scharlatane, Sekten und Aberglaube haben Konjunktur.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Diskrepanz zwischen den bürgerlichen Ansprüchen der Vernunft und den proletarischen Elendsverhältnissen der Massen immer offensichtlicher. So wie heute angesichts der ökologischen Katastrophe/globalen soziale Missstände, stellten sich damals konfrontiert mit dem sozialen Elend viele Zeitgenossen die Frage, ob nicht der Aufbruch in die Moderne insgesamt gescheitert sei?
Rechte Kritiker diagnostizierten damals wie heute einen allgemeinen Kultur- und Sittenverfall, dem durch Rückbesinnung auf religiöse- und kulturelle Werte begegnet werden müsse.
Im Zuge der Globalisierung hat der Konflikt gegenwärtig Weltniveau erreicht. Zwischen beiden Lagern schreitet mit einem nie dagewesenen Ungestüm der technische Fortschritt voran.
Ihm gegenüber erlahmt zunehmend das demokratische Gestaltungsvermögen. D.h., Wissenschaft und Technik rationalisieren mehr und mehr alle Lebensbereiche.
In dieser Allmacht der wissenschaftlich-technischen Rationalität üben Sinnsuche und alles Unerklärliche eine neue/alte Faszination aus.
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