„Frederic.“
Er kannte Frederic ganz genau. Frederic gehörte zu den Menschen, die jede Gelegenheit nutzten, ihre Mitmenschen zu schikanieren, sich auf ihre Kosten zu amüsieren oder sie gar so lange in die Enge zu treiben, bis ihr Blick dem eines verängstigten Kaninchens glich, das sich der todbringenden Schlange gegenüber sieht. Randgruppen quälte Frederic besonders gern, denn „sie bieten so herrliche Angriffsflächen“, wie er immer wieder betonte. Da war dieser behinderte Junge, dessen eines Bein steif war. Frederic nannte ihn Hinkebein und ab und zu bekam er eine Tracht Prügel – einfach nur so, weil er hinkte. Oder das dunkelhäutige Mädchen aus der Nachbarschaft, die Frederic gleich bei seinem ersten Zusammentreffen mit ihr nur als seine „schokobraune Sklavenbraut“ bezeichnete und viele weitere rassistische Bemerkungen fallen ließ.
Er kannte Frederic ganz genau. Frederic ließ sich von niemandem etwas sagen. In der Schule hatten die Lehrer inzwischen längst aufgegeben, so etwas wie Anstand oder Vernunft in Frederics Kinderstube zu suchen. Jeder konnte sich sicher sein, dass er immer genau das tat, was man ihm verboten hatte. Zudem war ein Meister darin, den anderen das Wort im Mund umzudrehen. Als Tina Weber, die Biologielehrerin, ihn einmal beim Rauchen erwischte („Frederic, du darfst auf dem Schulgelände keine Zigaretten rauchen.“), kam er am nächsten Tag mit einer Zigarre wieder und verkündete stolz, dass das ja keine Zigarette sei und er somit wohl nichts Unrechtes tue.
Er kannte Frederic ganz genau. Frederic war ganz alleine. Seine Mutter war vor einigen Jahren gestorben – Krebs – sein Vater hatte sich seitdem in den Alkohol gestürzt und wer den Vater kannte, der konnte das schon fast wörtlich nehmen. Morgens Bier – mittags Schnaps – abends war er dann meist so betrunken, dass man ihn davor bewahren musste, zum Spiritus zu greifen. Die übrige Verwandtschaft hatte sich von Frederic und seinem Vater distanziert und war außerdem in alle Winde zerstreut. Freunde hatte Frederic keine, wie auch – schließlich war er nicht gerade die Person, die man als gute Gesellschaft oder als liebenswerten, besten Kumpel bezeichnete.
Er kannte Frederic ganz genau. Frederic war die Person, die ihn jeden Morgen im Spiegel begrüßte, das Ebenbild, das alle hassten. Es gab nicht wenige Tage, an denen Frederic sich selbst hasste. Er war ein Drecksack und er wusste es. Was niemand außer ihm wusste: Er wollte keiner sein. Aber die netten Worte gingen viel schwerer über die Lippen als ein zackiges „Hau ab.“ Schläge waren soviel leichter auszuteilen als Argumente. Frederic fühlte sich missverstanden, aber morgen würde er es auf die freundliche Art probieren. Morgen würde er anfangen, ein neues Leben zu führen. Schon bald würde er Freunde finden.
Am nächsten Morgen wachte Frederic früher auf als sonst. Er ging nach unten, wo sein immer noch oder schon wieder besoffener Vater lag, schaute im Kühlschrank nach etwas Essbarem (Fehlanzeige) und machte sich auf den Weg zur Schule. Als ihn dort ein jüngerer Schüler etwas komisch anschaute, schlug er zu. Wie gestern, vorgestern… und wahrscheinlich morgen.
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