Beiträge von Maarten

    Besteht das einzige Mittel zur gesamtgesellschaftlichen Anerkennung von Transpersonen tatsächlich darin, die Existenz biologischer Geschlechter aktiv zu verneinen? Auch dieser Weg scheint mir nicht das Ergebnis eines Diskurses zu sein, und ich würde ihn tatsächlich nicht mitgehen wollen.


    Ich sehe es auch als Armutszeugnis, wenn wir nicht in der Lage sind, dafür bessere Lösungen zu finden.

    Voraussetzung für das Finden von besseren Lösungen ist aber, erst mal zu akzeptieren, dass es ein Problem gibt. Statt einfach alles über einen Kamm zu scheren.
    (Und ich sehe white defensiveness z.B. auch unter diesem Aspekt, deswegen habe ich trotzdem noch Hoffnung in die Soziologie und auch eine Erwartungshaltung).

    Ich finde diese ganze Entwicklung sehr erschreckend. Mir war sie in dieser Tragweite nicht bewusst (muss wohl in einer Corona-Isolation gelebt haben oder so).

    Ich sehe sie (bisher?) trotzdem nicht als einen soziologischen Mainstream.
    Vielleicht eher eine Art Büchse der Pandora, die mir auf ein ziemlich großes Missverständnis zu beruhen scheint. Vielleicht will ich aber auch nur Hoffnung haben.

    Dieser Kommentar von Richard Morgan triffts für mich sehr gut:
    What’s terrifying is that the problem here is one of social and political self-mutilation, because it’s these aspects of society – the artists, the academy, the progressive left – that are supposed to serve as our bulwarks against totalitarianism. If we lose those aspects to dumb, kneejerk mob righteousness, then we go naked into the arena against the Trumps and Putins of this world, and then we fucking lose – big-time!

    Auch im Kontext von Toms Kommentar ein Artikel, der mich gerade beschäftigt.

    Ist es ein sinnvoller Beitrag zur Diversität, wenn Suzanne Moore nicht mehr für den Guardian schreibt?

    Und einer ihrer Guardian-Artikel, damit man auch diesbezüglich ein Bild hat


    Und noch zu Richard Morgan auf Twitter und Toms Hinweis, dass versucht wird Künstler und ihre Werke zu trennen:
    Richard Morgan auf Twitter aus Transgender-Sicht

    "Wait, is that the Altered Carbon guy? ... has he read his own series?"

    Und wenn ich dann jetzt diesen Link öffne und das lese was er zu Trans Menschen sagt. Ja, da stimme ich in bestimmten Punkten auch zu (Biologie als Fakt), aber das ist doch in einer so offensichtlich provozierenden Art und Weise sortiert, wo dann die Extrembeispiele besonders herausgestellt werden, dass ich das Endresultat tatsächlich als problematisch und transfeindlich einstufen muss.

    Morgan ist zweifellos jemand der gerne provoziert. Und diesen Post hat er geschrieben, als er gerade zum zweiten Mal von Twitter geblockt wurde, diesmal dauerhaft. Ich gestehe ihm da durchaus eine emotionalere Reaktion zu.


    Ich habe nahezu alles von ihm gelesen, er ist schon immer ein Vorreiter gewesen wenn es darum geht Diversität in Romanform zu gießen. Und er ist einer derjenigen, der das überzeugend kann.

    2010 hat er den Gaylactic Spectrum Award gewonnen, einem nordamerikanischen Literaturpreis für Positivbeispiele im LGBT-Bereich.

    Ich weiß nicht, was er auf Twitter geschrieben hat, es wird vermutlich deutlich gewesen sein.

    Es ist eine wichtige und intelligente Stimme, die da geblockt wird. Und das erschreckt mich wirklich.

    Ich habe weiter recherchiert. Dachte, ich schaue mir Mal den dritten Autor an, dem ich in dieser Sache ebenfalls sehr vertraue. Und fange an zu verstehen, wovon Du redest, Tom. Ach was, finde es wirklich beängstigend, was da passiert.


    Richard Morgan auf Twitter geblockt.


    Für die, die nicht wissen, wie ich zu Richard Morgan stehe. Es ist schwierig einen Autor zu finden, der mehr für Diversität steht, als er.

    Bei dieser Reihenfolge habe ich so meine Zweifel. ;)

    Ist ja nicht so, als hätte ich da den Durchblick. Vielleicht verstehe ich unter soziologischem Mainstream auch was anderes?
    Ich sortiere vor mich hin, ordne es in den mir bekannten Kontexten ein. Die in dem Bereich nicht gerade ausgeprägt sind.

    Die Diskussion finde ich jedenfalls interessant und fruchtbar. Ich hoffe, sie ist es für Dich auch. Wenigstens ein bisschen...

    Ich versuche mal es für mich ein bisschen zu sortieren:

    internalized racism: Die Definition, die ich gefunden habe, ist: internalization of racial oppression by the racially subordinated, übersetzt also die Internalisierung der rassistischen Unterdrückung durch die rassistisch Unterdrückten. Ich denke da an jahrhundertelange Historie, die man nicht einfach so mal eben abschüttelt. Für Gleichberechtigung muss man sich innerlich auf Augenhöhe fühlen. Das Stichwort in diesem Kontext scheint mir Self-Empowerment.

    white defensiveness: Um Gleichberechtigung entstehen lassen zu können, ist Kommunikation miteinander unumgänglich. Eine Kommunikation über ein Problem ist aber nur möglich, wenn akzeptiert wird, dass es ein Problem gibt. Dieses Themengebiet umschreibt, dass es diesen Gesprächspartner für Betroffene nicht gibt. Auf einer abstrakten Ebene ggfls. schon, aber es ist kein Gespräch mit einem Täter möglich, da niemand sich selbst oder seine Gruppe jemals konkret als Täter sieht. Es gibt Rassismus, aber keine Rassisten. Ggfls. wird sogar die Existenz von Rassismus verleugnet.
    Das erinnert ein bisschen an das Schulz von Thun Kommunikationsquadrat - die Ampel ist grün usw.
    Über Missverständnisse fällt es vielen schwer zu sprechen.
    Kommt Kritik wegen etwas wie 'Rassismus' um die Ecke, wird's kein klärendes Gespräch mehr geben.

    Dieses Phänomen der white defensiveness, die vermutlich auch für andere Diskrimierungsformen greift, hängt dann vielleicht wirklich mit Gendern zusammen. Ohne Kommunikation mit den Betroffenen, was das Problem vorrangig ist und wie man das Problem sinnvoll angehen kann, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich selbst Persilscheine auszustellen. Wir gendern, wir haben Quoten, es kann also alles nur in Ordnung sein.

    Wie siehts dann mit der Kultur aus?
    Ich erinnere mich, dass ich es früher auffällig fand, dass in Stephen King Verfilmungen Schwarze immer nur Nebenrollen spielten, in denen sie ziemlich schnell starben.
    Im Sinne des internalized racism sind gleichberechtigte Rollenmodelle in der Kultur wichtig. Damit wir eine diverse Gesellschaft auf Augenhöhe haben braucht es gleichberechtigte Identifikationsfiguren.
    Geschichten schaffen Bewusstsein.
    Ich habe den Eindruck, dass die Medien Schwierigkeiten haben mit der Geschwindigkeit des derzeitigen gesellschaftlichen Wandels überhaupt Schritt zu halten, sie bilden meist die Vergangenheit ab.

    Nur all das scheint mir dann doch seine Ursache nicht im soziologischen Mainstream zu haben. Der scheint mir die Phänomene lediglich zu beschreiben.
    Es scheint mir wirklich eher das soziologische Phänomen zu sein, das sich im white defensiveness äußert. Dieses scheint uns in vordergründige Lösungen zu zwingen, statt es wirklich anzugehen.

    Nein, die Begrifflichkeit schließt alle ein. Dieses Interview mit der Soziologin Robin DiAngelo z.B. zeigt das sehr anschaulich.


    Ich habe den Eindruck, Du irrst Dich. Mir scheint, in der Soziologie ist mit dem Begriff internalized racism tatsächlich genau die internalisierte Minderwertigkeit des Rassismusopfer definiert. Es scheint mir ein Rassismus zu sein, bei der Subjekt und Objekt eins sind (als Person bzw. als Gruppe). Es geht darum eine jahrhundertealte Historie zu überwinden. Eben Self-Empowerment, seine eigenen Werte erkennen, die eigene Kultur entdecken.

    Robin DiAngelo hat den Begriff white fragility definiert und ich sehe keinerlei Zusammenhang zu der Definition des Begriffs internalized racism. Es ist ein ganz anderes Thema. Robin DiAngelo scheint mir auch eher ein populärwissenschaftliches Buch zu sein als soziologischer Mainstream im Sinne der Wissenschaft. Aber da lehne ich mich aus dem Fenster. Jedenfalls scheint es mir wichtig, diese Begriffe auseinander zu halten und getrennt über sie zu diskutieren. Ich werde mir das später mal genauer anschauen...

    Edit: Der Oberbegriff zu Robin DiAngelos Thema ist white defensiveness

    Das wiederum bedeutet ganz direkt, dass jeder, der vom Rassismus nicht als Objekt betroffen ist (also einer Gruppe angehört, die Rassismus ausgesetzt ist), automatisch Subjekt ist, also ein Rassist.

    Tom, erst mal Danke für die ausführliche Antwort, über die ich auch noch nachdenken muss.

    An obiger Stelle bin ich mir nicht sicher, ob dieser Schluss der ist, der in der Soziologie tatsächlich gezogen wird.
    Nach kurzem Einlesen in die Definition, die ich finden konnte (Hier: Internalized racism) scheint mir
    Internalisierter Rassismus der von den Opfern von Rassismus internalisierte Glaube zu sein, sie wären minderwertig. Sowohl den einzelnen Menschen betreffend, wie auch die gesellschaftliche Gruppe über die historische Entwicklung. Der Schluss der daraus gezogen wird, ist, dass es gilt dieses Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden und zu den eigenen Werten zu stehen. Self Empowerment scheint mir das Stichwort zu sein.

    Daher weiß ich nicht, woher dieser Schluss auf ein Subjekt kommt. Er scheint mir nicht Bestandteil des soziologischen Begriffs zu sein und ich konnte auf die Schnelle nicht finden, dass dieser Schluss in der Soziologie gezogen wird.

    Ich würde das meisten von dem, was Du ausgeführt hast, unterschreiben, und das Zitat Deines befreundeten Autors könnte auch von mir sein. Tatsächlich schrieb ich weiter oben in diesem Thread: "Gendern ist der falsche Weg zu einem richtigen Ziel."

    Das geht mir ja bei dem meisten von dem, was Du schreibst genauso (und ich habe nicht alles falsch gelesen... ;-) )

    Ich habe jetzt mal versucht mich ein bisschen in die Thematik einzulesen. Wir sind hier ja nicht mehr wirklich beim Gendern, sondern auch, vielleicht sogar vor allem, bei dem, was unter dem Begriff Cancel Culture summiert wird. Und ich habe mich damit nicht beschäftigt und merke, dass ich zu weit weg von der Thematik bin, um für mich zu einer Einordnung kommen zu können.

    Bei meiner Recherche landete ich exemplarisch ziemlich schnell bei Dieter Nuhr und seiner Aussage zu Alice Hasters Buch mit dem Titel Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten.
    Er sagte basierend auf diesem Titel wohl: Zu glauben, die Hautfarbe – ob weiss oder schwarz, egal – bringe automatisch eine bestimmte Haltung mit sich, das ist ja klassischer Rassismus. Die Frau behauptet ernsthaft, als Weisser wäre ich automatisch Rassist.

    Betrachte ich Nuhrs Aussage im historischen Kontext des jahrhundertelangen strukturellen Rassismus finde ich sie wirklich derb.

    Betrachte ich Nuhrs Aussage im Kontext eines Cancel Cultures-Phänomens, könnte ich sie ggfls. auch anders einordnen.

    So oder so scheint mir dieses eine anekdotische Ereignis kein Beispiel für Cancel Culture, sondern einfach nur eine Meinungsäußerung, die weitere Meinungsäußerungen nach sich zog.

    Es ist aber eben lediglich ein einziges anekdotisches Ereignis und die Sicht ergibt sich aus unzählig vielen davon. Die ich nicht kenne. Die ich mir im Falle des strukturellen Rassismus hingegen gut vorstellen kann.
    Es hängt eben mal wieder alles mit allem zusammen und es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich entweder tief in die Thematik hineinzuarbeiten oder aber meiner Intuition zu folgen.

    Es wundert mich nicht, dass Nuhr mit dieser Aussage einen Shitstorm geerntet hat. Und ihn selbst sicherlich auch nicht. Er geht gerne an Grenzen, sie auch mal zu übertreten gehört da offensichtlich für ihn mit dazu. Und ich glaube, er hält das auch ganz gut aus. Vielleicht ist es aber ein schlechtes Beispiel. Vielleicht ist Nuhr selbst schon ein schlechtes Beispiel. Ich weiß es nicht.

    In diesem konkreten Fall sagt meine Intuition mir jedenfalls, ich sehe die Gefahr, dass Nuhr von Dumpfbacken falsch verstanden wird (Im Sinne von: Hey, der Nuhr sagt, dass die uns diskriminieren, nicht wir die!). Eine Gefahr, dass Alice Hasters Kulturschaffende zensieren möchte? Mein Spinnensinn klingelt da nicht.

    Aber ich stecke weder im Thema, noch bin ich Kulturschaffender. Es ist lediglich das Ergebnis eines ersten kurzen Einlesens in die Thematik.

    Tom, Du steckst sicher sehr viel tiefer in dieser Thematik drin als ich und Du hast durchaus mein Vertrauen. Trotzdem stelle ich meine Intuition da voran.

    Wir erleben zugleich ein Zerbrechen der pluralistischen Strukturen, wenn es um gesellschaftliche Paradigmen und Lebensmodelle geht. Und wir erleben eine aktive Verneinung des Rechts, sich dem soziologischen Mainstream bei der Wahl der Ziele, Wege und Instrumente nicht anzuschließen. Das Gendern ist nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs.


    Ich erinnere mich gerade an ein Buch von einem befreundeten Autor, das leider nie veröffentlicht wurde, in dem das Gendern in ein bestimmtes Licht gesetzt wurde. Das Buch konnte sich das aus meiner Sicht erlauben, weil es gleichzeitig ein sehr großes Stück weiterging. Von diesem Autor weiß ich das er zum Thema Gendern mal schrieb: Gendern werde ich nicht, weil ich der Meinung bin dass es für die Ziele derer die es tun (und die ich teile) kontraproduktiv ist.

    Du sprichst ein schwieriges Thema an und ich versuche es für mich zu sortieren. Aus meiner Sicht ist es unglaublich, dass das royal Pardon der Queen von Alan Turing gerade mal 7 Jahre her ist. Es scheint mir ein sehr zerbrechliches Pflänzchen, das da zaghaft heranwächst inmitten einer leider immer noch überwiegend von zutiefst patriarchalischen Religionen geprägten Welt und in einer Welt in der immer noch die Posten vorwiegend innerhalb von Männerfreundschaften verschoben werden.

    Den Umgang mit dem kulturellen Erbe sehe ich kritisch. Es sind Texte/Werke die im Kontext ihrer Zeit entstanden sind und auch im Kontext ihrer Zeit gesehen werden sollten. Kindern kann man ein Kinderbuch vorlesen und gleichzeitig erklären, wie die Welt damals war und wie sie wirklich ist. Da ist man schon ein großes Stück weiter.

    Wo ich nicht weiß, was Du meinst: Was ist er, der soziale Mainstream? Die Religionen bzw. eine davon? Die Querdenker? Die Wutbürger? Die Rechten der AfD? Die angestrebte Mitte von Merkel oder der SPD? Die Linke? Die Grünen? Menschen, die Gendern befürworten? Menschen, die Gendern ablehnen? Menschen die sich im Sinne eines Klimawandels engagieren? Oder der Meinung sind, dass es keinen gibt? Die Mittelschicht? Das Bildungsbürgertum?
    Aus meiner Sicht besteht die Welt aus vielen Parallelwelten, Blasen in denen die Menschen leben. Und es ist gut, wenn es möglichst viele Vernetzungen zwischen diesen Parallelwelten gibt, wenn möglichst viele Menschen sich in möglichst vielen dieser Blasen bewegen und ihre Vorzüge schätzen lernen. Man im Gespräch bleibt, diese Welten vernetzt, Grenzen auflöst.
    Einen sozialen Mainstream in dem Sinne, wie Du ihn beschreibst, sehe ich nicht. Vielleicht das Schwein der Woche, dass durch die Gassen getrieben wird. Aber auch das sind doch recht viele.

    Diese große Bedrohung dieses einen sozialen Mainstreams wie Du ihn beschreibst, empfinde ich deswegen auch nicht so. Ich empfinde z.B. die zunehmenden rechtsradikalen Strömungen in Europa als sehr viel bedrohlicher als die Gender-Extremisten. Es ist immer der Extremismus, der es gefährlich macht, nicht die Richtung. Und diesen Extremismus gibt es in jeder dieser Parallelwelten. Welche da gerade am Gefährlichsten ist, ist davon abhängig, welche gerade mehr Macht hat. Und was sie bewirkt u.a. davon, wie intolerant sie ist (und da habe ich dann tatsächlich doch wieder weniger Bedenken bei Gender-Extremisten, als z.B. bei homophoben, patriarchalen Strukturen, die sich aus meiner Sicht auch leichter instrumentalisieren lassen).
    Und die sozialen Streams sind in verschiedenen Teilen der Welt sehr unterschiedlich und können sich überall jederzeit ändern.
    Aber ich bin offensichtlich auch weiter weg von den jetzigen Problemen in der hiesigen Verlagswelt. Die ich als pluralistisch wahrnehme. Auch wenn sie sich ggfls. in ihrer Mehrheit in eine Richtung bewegt.

    Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Niederländer bin, auch wenn ich in Deutschland aufgewachsen bin. In Deutschland scheint es mir die Tendenz zu geben, Fehler nicht als Teil der Entwicklung, des Lernprozess, des Fortschritts zu sehen.
    Macht ein Politiker in der Niederlande etwas falsch, dann sagt er das und macht einen Vorschlag es zu korrigieren. In Deutschland habe ich den Eindruck, dass Politiker Fehler nicht eingestehen dürfen, sobald eine Meinung geäußert wurde, muss sie beibehalten werden. Zu einem Fehler zu stehen, scheint mir sofort Rücktrittsforderungen nach sich zu ziehen. Das finde ich merkwürdig. Ohne Fehler gibt es keinen Fortschritt, nicht mal ein Stillstehen.

    Beim Grossziehen meiner Kinder habe ich mich über die starke Normierung gewundert. Bewertungsbögen, die bei Kleinkindern festlegen: Ihr Kind liegt sprachlich zwar über der Norm, aber motorisch zurück. Oder umgekehrt. Jedenfalls: Da müssen wir eingreifen.
    Es ist mir zu sehr einen Menschen in Förmchen pressen, auch wenn die Intention, frühzeitig Defizite erkennen und an ihnen arbeiten zu können, die Richtige ist. Sich zuerst in eine Richtung zu entwickeln, erst dann in eine andere, ist aber nicht immer ein Defizit, sondern häufig nur eine Richtung.

    Wenn im Berufsleben etwas schiefgegangen ist, wird zumeist nach einem Schuldigen gesucht. Statt nach einer Methode zu suchen, wie man den Ablauf so verbessert, dass Fehler vom System abgefangen werden. Denn Menschen machen immer Fehler. Ständig. Aber in Deutschland habe ich den Eindruck, dass man das manchmal anders sieht.

    Deswegen scheint es mir in Deutschland häufig auch darum zu gehen, sich vorab Persilscheine zu besorgen. Und die Genderei hat schon viel von einem solchen Persilschein.

    Ich würde mir entsprechend einen anderen Umgang mit Fehlern wünschen. Sie als aktiven und positiven Beitrag zum Fortschritt verstehen, dann wäre auch der Umgang mit dem kulturellen Erbe ein anderer.
    Und ein anderer Umgang mit Fehlern würde auch der Rechthaberei und dem Shitstorm seine Essenz rauben.
    Aber zugegeben, da sind wir leider noch weit von weg.

    Und hinter die Kulissen zu schauen ist ohnehin nie falsch. Bei Texten sowieso...

    Mit Jessica Jones Staffel 1 bin ich jetzt erneut durch und kenne jetzt auch wieder die Stelle auf der sich der Zeit-Artikel bezog:

    "Eine Episode endet vollkommen unironisch mit einer Großaufnahme der weinenden Jessica, eigentlich eine klassische Lindenstraße-Technik."


    Die Serie hat nicht in jeder Folge die hohe Erzähldichte der 1. Folge, aber ich habe sie sehr gerne erneut gesehen und sie bleibt für mich eines der Highlights von Netflix.

    Diese Woche fuhr ich hinter einem Schreinerwagen her auf dem stand:
    Schreiner/Schreinerinnengeselle gesucht oder was für ein Geschlecht auch immer.

    Tatsächlich scheint mir die ganze Shitstorm-Geschichte eine grundsätzliche Entwicklung zu sein, die zu egal welchem Thema stattfindet. Wer laut sein möchte, hat dazu heute viel bessere Möglichkeiten als den Leserbrief in der Zeitung, den man vor 20 Jahren in aller Ruhe mit Klarnamen geschrieben hat.

    Beim Gendern habe ich den Eindruck, es zerfleischen sich in der Diskussion diejenigen, denen es wichtig ist.
    Das Merkwürdige, es kommt mir vor, als wären es die, denen es mit dem gleichen Ziel wichtig ist. Und dann frage ich mich immer, warum es nicht möglich ist, es einfach gut sein zu lassen.

    Es gibt so viel Lärm in dieser Welt, so viel wichtige Themen. Gendern ist ein Versuch etwas in eine positive Richtung zu ändern. Meinetwegen, ausprobieren. Aber nicht zu lange drüber diskutieren, das macht es zu mehr, als es ist. Es ist nur ein kleines Teilchen vom Weg zum Ziel und es gibt sicherlich viele Wege, die man gehen kann.
    Aber vielleicht sehe ich das auch zu einfach...

    Frau Merkel hält die geplanten Maßnahmen zwar für gerichtsfest; viele Verfassungsexperten sehen aber trotzdem Erfolgschancen bei rechtlichen Schritten.


    Man darf auch die eventuelle Gerichtsentscheidungen gespannt sein.


    Darum geht es doch gar nicht.

    Ich zitiere nochmal:
    "Man muss schnell und entschlossen reagieren können, sobald sich das Virus wieder irgendwo zeigt."
    und
    "Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört übrigens zu den rühmlichen Ausnahmen, sie begreift ganz genau, worum es geht."

    Das in Krisensituationen das Prinzip der Gewaltenteilung eingreift, ist gerade Teil unserer Verfassung und gehört zu den Prinzipien unserer Demokratie. Es ist eine ganz natürliche Sache dabei, dass beim "schnell und entschlossen reagieren können" die Grenzen unseres normalen Alltags getestet werden. Natürlich auch mit Gerichtsentscheidungen. Genau so funktioniert dieses System.


    Lese ich den gesamten Artikel, komme ich aber zu einer anderen Sicht, als Du.
    Hier der Artikel: Spiegel-Interview mit Nabarro (WHO)


    Lockdowns sieht die WHO als letztes Mittel, das notwendig wird, wenn andere Mittel nicht greifen. Nabarro prognostiziert in seinem Interview den Lockdown, wenn die Infektionszahlen nicht in den Griff bekommen werden. Angela Merkel wird dabei explizit gelobt.

    Ich zitiere mal 2 Stellen:

    SPIEGEL: Haben es die meisten europäischen Länder im Sommer versäumt, sich besser vorzubereiten?

    Nabarro: Sie haben die nötigen Schritte unterlassen, denn sonst hätten wir jetzt nicht diese dramatische Wiederkehr der Krankheit. Was zu tun ist, wissen wir, ostasiatische Staaten wie Taiwan, Südkorea, Vietnam oder Thailand machen es vor. Man muss schnell und entschlossen reagieren können, sobald sich das Virus wieder irgendwo zeigt. Ich hoffe, dass dies in Europa nun nachgeholt wird. Sonst werden wir eine dritte Runde von Lockdowns erleben, fürchte ich, vermutlich zu Beginn des nächsten Jahres.

    ....

    SPIEGEL: Seit Februar predigt die WHO, gezielt zu testen, Kontakte nachzuverfolgen und alle Betroffenen in Quarantäne zu stecken – dies sei die beste Strategie. Aber viele Länder tun sich damit schwer, warum?

    Nabarro: Diese Maßnahmen gehören zu dem vernünftigen Mittelweg zwischen Lockdown und Herdenimmunität, mit dem sich jede Gesellschaft gut gegen das Virus verteidigen kann.

    Ich bin erstaunt, dass viele Staatsführer auf der Welt die von uns empfohlenen Kerntechniken nicht verstehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört übrigens zu den rühmlichen Ausnahmen, sie begreift ganz genau, worum es geht. Dass Deutschland noch vergleichsweise gut dasteht, liegt außerdem am breiten Konsens in den 16 Ländern über Parteigrenzen hinweg.

    chiclana , ist nicht in Baden-Württemberg die Präsenzpflicht schon länger aufgehoben? Das bedeutet doch, dass die Eltern entscheiden, ob ihre Kinder zur Schule gehen oder von zu Hause aus unterrichtet werden. Das muss die Schule doch dann auch ermöglichen.

    Präsenzpflicht Klasse 1.-7. soweit ich weiß. Aber ich tippe, die fällt dieses Wochenende weg.

    Ich würde es mir wünschen, aber in BaWü wird das bestimmt nix, nachdem unsere Kultustante ja sogar bis 22. verlängert hat und bestimmt nicht zurückrudert.


    Der Mitschüler in der Klasse meiner Tochter wurde nun positiv getestet und ich frage mich, wie hoch das Ansteckungsrisiko wirklich ist. In Quarantäne müssen ja nur direkte Vor, Hinter und Nebensitzer und sonstige mit bewussten näheren Kontakten. Nach der Theorie ist meine Tochter safe. Stunden gemeinsam in einem Raum finde ich trotzdem heikel.

    Die Leopoldina hatte folgendes geschrieben: Ad-hoc-Stellungnahme Leopoldina
    "... Die Schulpflicht sollte bis zum Beginn der Weihnachtsferien in allen Bundesländern aufgehoben werden. Gruppenaktivitäten in Sport und Kultur müssten eingestellt werden und, wo immer möglich, sollten digitale Möglichkeiten anstelle von Präsenzangeboten genutzt werden. ..."

    Darüber hat sich unsere Schulministerin Gebauer sehr aufgeregt: Gebauer zum Leopoldina-Vorschlag
    "... Der Vorschlag sei „untauglich“, sagte die FDP-Politikerin. Ihr sei völlig unverständlich, wie eine solche Äußerung von einer Akademie der Wissenschaft in die Öffentlichkeit getragen werden könne. ..."

    Jetzt, also 2 Tage später, erklärt sie auf einer Pressekonferenz, wie es ab Montag umgesetzt werden soll. Es läuft darauf hinaus, dass, wo immer möglich, digitale Möglichkeiten (oder nicht mal das) anstelle von Präsenzangeboten genutzt werden (um es mit den Worten des aus ihrer Sicht untauglichen Leopoldina-Vorschlags zu sagen...)

    Bei euch wird vermutlich auch noch zurückgerudert werden...