Wir erleben zugleich ein Zerbrechen der pluralistischen Strukturen, wenn es um gesellschaftliche Paradigmen und Lebensmodelle geht. Und wir erleben eine aktive Verneinung des Rechts, sich dem soziologischen Mainstream bei der Wahl der Ziele, Wege und Instrumente nicht anzuschließen. Das Gendern ist nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs.
Ich erinnere mich gerade an ein Buch von einem befreundeten Autor, das leider nie veröffentlicht wurde, in dem das Gendern in ein bestimmtes Licht gesetzt wurde. Das Buch konnte sich das aus meiner Sicht erlauben, weil es gleichzeitig ein sehr großes Stück weiterging. Von diesem Autor weiß ich das er zum Thema Gendern mal schrieb: Gendern werde ich nicht, weil ich der Meinung bin dass es für die Ziele derer die es tun (und die ich teile) kontraproduktiv ist.
Du sprichst ein schwieriges Thema an und ich versuche es für mich zu sortieren. Aus meiner Sicht ist es unglaublich, dass das royal Pardon der Queen von Alan Turing gerade mal 7 Jahre her ist. Es scheint mir ein sehr zerbrechliches Pflänzchen, das da zaghaft heranwächst inmitten einer leider immer noch überwiegend von zutiefst patriarchalischen Religionen geprägten Welt und in einer Welt in der immer noch die Posten vorwiegend innerhalb von Männerfreundschaften verschoben werden.
Den Umgang mit dem kulturellen Erbe sehe ich kritisch. Es sind Texte/Werke die im Kontext ihrer Zeit entstanden sind und auch im Kontext ihrer Zeit gesehen werden sollten. Kindern kann man ein Kinderbuch vorlesen und gleichzeitig erklären, wie die Welt damals war und wie sie wirklich ist. Da ist man schon ein großes Stück weiter.
Wo ich nicht weiß, was Du meinst: Was ist er, der soziale Mainstream? Die Religionen bzw. eine davon? Die Querdenker? Die Wutbürger? Die Rechten der AfD? Die angestrebte Mitte von Merkel oder der SPD? Die Linke? Die Grünen? Menschen, die Gendern befürworten? Menschen, die Gendern ablehnen? Menschen die sich im Sinne eines Klimawandels engagieren? Oder der Meinung sind, dass es keinen gibt? Die Mittelschicht? Das Bildungsbürgertum?
Aus meiner Sicht besteht die Welt aus vielen Parallelwelten, Blasen in denen die Menschen leben. Und es ist gut, wenn es möglichst viele Vernetzungen zwischen diesen Parallelwelten gibt, wenn möglichst viele Menschen sich in möglichst vielen dieser Blasen bewegen und ihre Vorzüge schätzen lernen. Man im Gespräch bleibt, diese Welten vernetzt, Grenzen auflöst.
Einen sozialen Mainstream in dem Sinne, wie Du ihn beschreibst, sehe ich nicht. Vielleicht das Schwein der Woche, dass durch die Gassen getrieben wird. Aber auch das sind doch recht viele.
Diese große Bedrohung dieses einen sozialen Mainstreams wie Du ihn beschreibst, empfinde ich deswegen auch nicht so. Ich empfinde z.B. die zunehmenden rechtsradikalen Strömungen in Europa als sehr viel bedrohlicher als die Gender-Extremisten. Es ist immer der Extremismus, der es gefährlich macht, nicht die Richtung. Und diesen Extremismus gibt es in jeder dieser Parallelwelten. Welche da gerade am Gefährlichsten ist, ist davon abhängig, welche gerade mehr Macht hat. Und was sie bewirkt u.a. davon, wie intolerant sie ist (und da habe ich dann tatsächlich doch wieder weniger Bedenken bei Gender-Extremisten, als z.B. bei homophoben, patriarchalen Strukturen, die sich aus meiner Sicht auch leichter instrumentalisieren lassen).
Und die sozialen Streams sind in verschiedenen Teilen der Welt sehr unterschiedlich und können sich überall jederzeit ändern.
Aber ich bin offensichtlich auch weiter weg von den jetzigen Problemen in der hiesigen Verlagswelt. Die ich als pluralistisch wahrnehme. Auch wenn sie sich ggfls. in ihrer Mehrheit in eine Richtung bewegt.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Niederländer bin, auch wenn ich in Deutschland aufgewachsen bin. In Deutschland scheint es mir die Tendenz zu geben, Fehler nicht als Teil der Entwicklung, des Lernprozess, des Fortschritts zu sehen.
Macht ein Politiker in der Niederlande etwas falsch, dann sagt er das und macht einen Vorschlag es zu korrigieren. In Deutschland habe ich den Eindruck, dass Politiker Fehler nicht eingestehen dürfen, sobald eine Meinung geäußert wurde, muss sie beibehalten werden. Zu einem Fehler zu stehen, scheint mir sofort Rücktrittsforderungen nach sich zu ziehen. Das finde ich merkwürdig. Ohne Fehler gibt es keinen Fortschritt, nicht mal ein Stillstehen.
Beim Grossziehen meiner Kinder habe ich mich über die starke Normierung gewundert. Bewertungsbögen, die bei Kleinkindern festlegen: Ihr Kind liegt sprachlich zwar über der Norm, aber motorisch zurück. Oder umgekehrt. Jedenfalls: Da müssen wir eingreifen.
Es ist mir zu sehr einen Menschen in Förmchen pressen, auch wenn die Intention, frühzeitig Defizite erkennen und an ihnen arbeiten zu können, die Richtige ist. Sich zuerst in eine Richtung zu entwickeln, erst dann in eine andere, ist aber nicht immer ein Defizit, sondern häufig nur eine Richtung.
Wenn im Berufsleben etwas schiefgegangen ist, wird zumeist nach einem Schuldigen gesucht. Statt nach einer Methode zu suchen, wie man den Ablauf so verbessert, dass Fehler vom System abgefangen werden. Denn Menschen machen immer Fehler. Ständig. Aber in Deutschland habe ich den Eindruck, dass man das manchmal anders sieht.
Deswegen scheint es mir in Deutschland häufig auch darum zu gehen, sich vorab Persilscheine zu besorgen. Und die Genderei hat schon viel von einem solchen Persilschein.
Ich würde mir entsprechend einen anderen Umgang mit Fehlern wünschen. Sie als aktiven und positiven Beitrag zum Fortschritt verstehen, dann wäre auch der Umgang mit dem kulturellen Erbe ein anderer.
Und ein anderer Umgang mit Fehlern würde auch der Rechthaberei und dem Shitstorm seine Essenz rauben.
Aber zugegeben, da sind wir leider noch weit von weg.
Und hinter die Kulissen zu schauen ist ohnehin nie falsch. Bei Texten sowieso...