Puh, da sind ja schon einige Dinge zur Sprache gekommen. Erstmal danke für das Posten mit dem Link zum Führerschein. Zum hundertjährigen Jubiläum 2009 gab es einige Berichte im Internet: http://geschichtspuls.de/art1310-100-jahre-fuehrerschein, in denen überall auf die einschränkung für Frauen hingewiesen wird. Streng genommen habt ihr Recht, dass Selma die Einwilligung ihres Vaters benötigt hätte. Aber ich habe mir einfach erlaubt davon auszugehen, dass Gero das für sie als ihr Verlobter geregelt hat. Bitte verzeiht mir diese Freiheit. aber ich schreibe Romane und keine Sachbücher. Großmutter Meta weist in dem Kapitel ja auch ausführlich auf die besondere Rolle der Frauen in dem Zusammenhang hin.
Dass Selma euch nicht sonderlich sympathisch ist, kann ich nachvollziehen. Ich habe selbst so manches Gefecht mit ihr ausgefochten und bin hin- und hergerissen. Aber so ist sie mir lieber, als wenn sie zu lieb wäre. Ich habe sie ganz bewusst etwas arrogant gezeichnet, weil sie mir so einfach für die gesamte Handlung passend erschien. Frauen aus ihren Kreisen traten so arrogant auf und es gibt gelegentlich Momente, wo ihr das selbst zuwider ist. Natürlich merke ich, dass das mir das negativ ausgelegt werden kann. Doch das muss ich riskieren, will ich in meinem Roman doch die Atmosphäre und das Lebensgefühl der Zeit in diesen Kreisen wiedergeben. Wäre Selma der sympathische, herzallerliebste Sonnenschein, würde das nicht in der Form funktionieren, wie ich das schildern will.
Was Constanze anbetrifft, ist es ein wenig ähnlich: sie ist einerseits ein Kumpel und irgendwie greifbarer als Selma, aber auch sie hat ihre SChwächen. Dass sie sich gelegentlich von Selma unterbuttern lässt, musste sein, weil sie mit ihren 18 Jahren trotz allem noch nicht das Selbstbewusstsein hat, sich immer durchzusetzen und ihre eigene Überlegenheit in vielen Dingen durchzusetzen. "Küken" war zudem der Kosename, den ihr geliebter, aber leider verstorbener Bruder für sie hatte. Als Selma ihn das erste Mal in Belfort benutzt, kocht die Erinnerung sogleich in Constanze hoch und sie ist so bewegt, dass sie sich da nicht wehren kann.
Die Beziehung Selma - Grischa ist wirklich keine inzestuöse. Dass einige von euch das so empfinden, hat mich eben aufgeschreckt. Die zitierten Sätze stehen im Zusammenhang mit Selmas Erinnerung an ihre Spiele auf dem Dachboden, als sie den drei Jahre jüngeren Bruder "zwang", mit ihr Liebesromanzen nachzuspielen, die sie sich beim Anblick der illustren Gäste im Speisesaal ausgedacht hatte. Sie ist da schon etwas weiter entwickelt als er und hängt sicherlich schon eher erotischen Phantasien nach. Er aber kapiert das noch gar nicht und stellt sich deshalb im Spielen des Liebhabers tolpatschig an, weil er damit nichts anfangen kann. Ich habe zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Meine Tochter ist knapp 2 Jahre älter und hat mit zehn oder elf ähnliche Spiele mit ihrem Bruder gespielt. Davon habe ich mich inspirieren lassen. Mein Sohn hat da absolut nicht gewusst, um was es geht, und meine Tochter hatte bestimmt nciht vor, ihn wirklich zu verführen. Sie haben das nachgeahmt, was sie um sich herum beobachtet haben. Genau wie Selma (die natürlich eher den Hang zu Romanze und Erotik hat) und Grischa.
SiCollier
. ups - mein Roman im Zusammenhang mit den "Buddenbrocks"! Da versinke ich jetzt mal im Erdboden, weil ich mir diesen Schuh gar nicht erst anziehen mag. Aber dass Thomas Mann da weniger Atmosphäre drin hat, liegt doch vielleicht auch daran, dass er eben seine Gegenwart beschreibt und da war ihm das alles noch ganz selbstverständlich, was ich im Abstand von 100 Jahren erst heraufbeschwören muss. 