Lieber Buzaldrin, da müsste ich jetzt den Roman noch mal lesen, um dir Beispiele nennen zu können, manche Bilder waren einfach schief, haben nicht gepasst.
Und sorry wegen dem Link, ich wollte nur nicht diese lange Rezi hier einstellen. Tue es aber jetzt doch hiermit:
Gestern las ich den Schluss und fand, dass sich manches doch ziemlich hin zog, weshalb ich auch mal ein paar Seiten überflog; vor allem fand ich die Tagebuchauszüge Menos sehr zäh. Was mich am meisten beeindruckt hat, waren die Schilderungen der Armeezeit Christians, vor allem der tragische Versuch der Elbdurchquerung bei Torgau. Ebenso die Arbeit in der Karbidfabrik. Überhaupt die Umwelt. Wie hier Tellkamp mit wortgewaltiger Sprache die sträfliche Zerstörung der Umwelt geschildert hat, für mich waren das die erschreckendsten und aufrüttelndsten Teile des Buches. Der Prolog war wirklich gewaltig, ein mitreißender Strom, ein Baden in Sprache. Dann die ersten Kapitel. Was mich am stärksten störte, war die lückenlose Benennung der Marken für Gebrauchsgegenstände bis hin zum Namen der Fabriken, wo diese hergestellt wurden, als wäre diese Benennung ein Zeichen dafür, wie gut der Autor recherchiert habe oder ein Beweis für sein Dort-gelebt-haben. Als ob sich damit Atmosphäre oder Authentizität erzeugen ließe. Als ob er das nötig hätte. Hier wäre weniger sicher mehr gewesen. Dies ging bis hin zu groben Entstellungen, denn niemals hätte ein DDR-Bürger im Gespräch, im Buch also in wörtlicher Rede, ein Produkt mit dem Zusatz "VEB" oder die Partei "SED" benannt. Weiterhin ist es einfach nicht wahr, wenn er schreibt, dass der in München gebliebene Mann von Regine auf eine "Freigabe" für ein Telefongespräch warten müsse, dass er von dort nach Dresden führen will. Selbstverständlich konnte man von der BRD in die DDR mittels Direktwahl anrufen. Nur umgekehrt musste man ein Gespräch beim Fernamt anmelden und dann stundenlang, oft ohne Erfolg, warten. Weiters scheint es mir sehr fragwürdig, ob man wirklich, wie im Fall von Muriel, allein wegen der Äußerung von kritischen Gedanken in den Jugendwerkhof gesperrt werden konnte. Ich selbst hatte eine Freudin, die dort hinein musste, jedoch wegen verschiedener anderer Auffälligkeiten auch noch, die in Richtung Kriminalität gingen. Ich kann nur von mir sagen, dass ich überall, selbst gegenüber der Stasi meine ehrliche Meinung ohne Konsequenzen gesagt habe. Deshalb scheint mir an manchen Stellen auch diese Angst vor Denunzianten und Mithörern etwas übertrieben geschildert. Ich habe da andere Erfahrungen gemacht. Manche aufgeworfenen Geschehnisse hat der Autor für mich nicht konsequent genug weiterverfolgt, sondern wie Fäden eines Teppichs einfach hängengelassen. Z.B. hätte mich interessiert, wie die Stasi auf die Dekonspiration von Richard im Familienkreis reagiert hat, ob er - wie in manchen Rezensionen zu lesen war - tatsächlich gespitzelt hat (von der "Jugendsünde" mal abgesehen) oder ob er damit - was mich wundern würde, da ja der viel stärkere Erpressungsgrund - seine Geliebte - gar nicht zur Sprache gekommen war, durchgekommen ist. Selbst wenn er die Geliebte nicht mehr getroffen hat, wäre es immer noch ein Grund gewesen, ihn zu erpressen, weil er ja das Kind mit ihr zusammen hatte und seine Frau sicher nicht begeistert davon gewesen wäre. (Sie erfährt zum Schluss trotzdem alles - von wem?) Auch die Aufarbeitung des Unfalltodes von Burre hätte mich interessiert. Was für Diskussionen wurden darüber bei den Verantwortlichen der Armee geführt. Wurde jemand überhaupt zur Verantwortung gezogen? Diese "Unfälle" passierten durchaus recht häufig, wie ich weiß. Ach ja, Armee. Da ich selbst viele 3-jährige kannte, weiß ich auch, dass es nicht möglich gewesen wäre, solche Briefe von der Armee nach Hause zu schreiben. Weder durften die Soldaten Einzelheiten über ihre Einsätze und Aufgaben (hier sehr detailliert geschildert) noch über den Alltag usw. schreiben. Das erscheint mir doch sehr unrealistisch, zumal die Post ja gelesen wurde, bevor sie raus ging. Was mich in dem Zusammenhang auch interessiert hätte, ist eine Beobachtung, die ich gemacht habe, dass nämlich die Gequälten, sobald sie in der Hierarchie aufgestiegen waren, die Neuen selbst wieder quälten. Auch das hätte ich interessant gefunden als Thema. (Ich weiß, nicht ich entscheide, worüber der Autor schreibt.)
Am Anfang schon stolperte ich über eine Stelle, als Meno seinen Neffen abholt und über die Schule ausfragt. Lehrer z.B. Es ist Winter, d.h. Christian ist schon mindestens ein Vierteljahr auf der Schule und kommt alle 14 Tage nach Hause. Der Dialog läuft aber so, als hätte er die Schule gerade begonnen. Das ist ebenfalls unrealistisch.
Die an einer Stelle behauptete Affäre, die Richard mit der Freundin seines Sohnes, Reina, hat, wurde ebenfalls nicht thematisiert, obwohl das ein m.E. nach wichtiger Punkt gewesen wäre.
Was mich an dem Buch sehr amüsiert hat, war der Erfindungsreichtum der Menschen, um mit den Versorgungsengpässen leben zu können, das ging schon in Richtung Tauschwirtschaft. Eine der besten Szenen auch die Beschreibung der Folgen des Stromausfalls. Endzeitlich surrealistisch. In jedem Fall: großes Thema mit großer Sprache gemeistert. Hut ab und ich wünsche dem Buch viele Leser.
LG Cornelia