Beiträge von Harry Popow

    „Die Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbekämpfung"


    Rote Karte contra Mobbing


    Buchtipp von Harry Popow


    Du denkst, dich tritt ein Pferd. Hast nach der Probezeit einen Arbeitsvertrag abgeschlossen. Freust dich riesig. Zum Termin des ersten Arbeitstages aber wirst du plötzlich krank. Der Arbeitgeber: Wenn das schon so anfängt, brauchen wir sie nicht!! Vertrag annulliert. Nun fängt die Arbeitssuche erneut an, rund um die Uhr, kräftezehrend, entwürdigend...


    Fristlose Kündigungen!! Da fällt einem die Kassiererin Emmely von der Supermarkt-Kette Kaiser´s ein. Das war vor Jahren: Man warf sie hinaus – nach 31 Jahren treuer Arbeit. Und nur wegen einer Bagatelle. Aber die Kassiererin wehrte sich. Erfolgreich. Sie kehrte in ihre angestammte Filiale zurück. Kein so seltener Fall von Mut und Kraft.


    Wer kann nicht ein Lied davon singen: Der Arbeitgeber hat letztendlich in den meisten Fällen das Sagen, unterstützt von zahllosen gut bezahlten Dienstleistern. Nachgewiesen von den Autoren Werner Rügemer und Elmar Wigand in ihrem 238-seitigen Buch „Die Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbekämpfung“. Bezugnehmend auf die oben genannte Kassiererin Emmely stellen sie fest, deren Kündigung ist nicht nur ungerecht gewesen, sondern sei durch das Personalmanagement und deren Helfer „auf kriminelle Weise konstruiert“ worden. Bestenfalls gib es Vorzeichen einer fristlosen Kündigung: Eine Personalakte mit präventiv gefüllten Abmahnungen. (S. 14)


    Rügemer und Wigand fragen sich, was die Unternehmen zu so einer „zynischen Aggressivität“ gegenüber den einfachen Beschäftigten treibt. „Gibt es eine Systematik hinter diesem Vorgehen?“ (S. 10) An der Spitze ihrer zahlreichen Textbeispiele und die daraus folgenden Erkenntnisse halten die Autoren fest: „In der deutschen Arbeitswelt findet seit Ende der 1990er Jahre eine Umwälzung statt, die eine Art unerklärter Kleinkrieg beinhaltet, der auf US-amerikanische Methoden und Prinzipien zurück greift“, die systematische Bekämpfung von Mitbestimmung und gewerkschaftlicher Organisierung. Sie nennt sich Union Busting und heißt wörtlich: “Gewerkschaften plattmachen”, gerichtet in Deutschland auch gegen Betriebsräte, Vertrauensleute und kritische Arbeiter- und Arbeiterinnen. (S. 10/11)


    Zu den Methoden der Willkür und den dahinter stehenden Interessen der Unternehmen nach Gewinn und Profit gehören - mit Hilfe von internen Stabsstellen - Betriebsräte und Gewerkschaften zurückzudrängen, einzuschüchtern, einzulullen oder ganz zu entfernen. Im Visier habe man sogenannte „Problemkinder“, „Totes Holz“, langsam Arbeitende, auch die zu lange im Betrieb sind, stehen auf der Abschussliste, körperlich ältere und schwächere Menschen, selbstbewusste, unangepasste, potentiell rebellische Arbeiter, Angestellte, die längere Zeit krank geworden sind. Mit Zucker werden dagegen diejenigen behandelt, die für das Unternehmen den höchsten Gewinn versprechen, man nennt sie „aufsteigende Sterne“. Ihnen folgen die noch geduldeten „Arbeitspferde“. Zu den Helfern der Arbeitgeber zählen vor allem die Medien. Sie betreiben eine strategische Kommunikation statt einer biederen Öffentlichkeitsarbeit. Es herrsche eine Gewerkschafts-Vernichtungs- und eine Mitbestimmungs-Vertreibungsindustrie.


    Zusammengerottet haben sich unter dem Dach und der Duldung der Politik und des Staates Fachanwälte, Anwaltskanzleien, Unternehmensberater, Personalmanager, Detektive, PR-Agenturen, Detekteien, die Klassenjustiz, Stiftungen, der BDI und der BDA, betriebsratsfreie Zonen, eine arbeitgeberfinanzierte Universitätsindustrie, Medienagenturen und, und, und... Sie leisten die Drecksarbeit für die Arbeitgeber, sie agieren allesamt unter einer Tarnkappe, unter der das „Arbeitsrecht als Teil des Privatrechts und als Kampfrecht im Interesse der Unternehmensseite“ zu verstehen ist. (S. 112) Auf Seite 63 schreiben die Autoren von einem Netzwerk, das sich – unbeachtet von den Gewerkschaften – herausgebildet hat, „in dem Methoden der kapitalistischen Menschwerdung – Unterwerfung als Freiheit – nicht nur ausgeheckt, sondern in der Arbeitswelt umgesetzt werden“. Das System der Arbeit solle umgestaltet werden, wozu die Unternehmen als Eigentümer angehalten sind, als neue Bürger gesellschaftliche Anliegen „wie Menschenrechte, Bildung, Migration, Armutsbekämpfung, Gesundheit und Chancenfairness“ aufzugreifen. Statt Demokratie nunmehr „Der Staat sind wir, die Unternehmensleitungen“. (S. 61)


    Diesem Ziel dient vorrangig die Europäische Union (EU), nämlich „für private Unternehmen die günstigsten Bedingungen zu schaffen und staatliche Unternehmen und Dienstleistungen zu privatisieren“, so die Autoren auf Seite 164. „Dieses Interesse trifft sich mit dem Konzept der zuvor genannten Union Busting (USA). Das Endziel sei die Auflösung der Gesellschaft in einen Markt aus freien, ungebundenen, ideologisch entwurzelten, flexiblen Individuen, die in ständiger Konkurrenz zueinander“ stehen. Der Begriff der Arbeiterklasse sei historisch widerlegt, wer dem noch anhänge, sei ein „Ewiggestriger“ „und damit zum Abschuss frei gegeben“. (S. 21)


    Die Autoren mahnen im Zusammenhang mit Arbeitsunrecht und Union Busting Widerstand an gegen soziale Zerfallserscheinungen (S. 17), denn Arbeitsrechte sind Teil der Menschenrechte. „Arbeits- und Sozialrechte scheinen nicht dazu zu gehören.“ (S. 219) Wenn in weiten Teilen Europas aus der Freiheit der arbeitenden Menschen das Recht zum freien Fall ins Bodenlose geworden ist, dann ist auch der politische Streik gesetzlich nicht verboten. Die Autoren warnen vor der Naivität, die Fertigmacher bräuchten „nur mal eins auf die Finger“. (Seite 16) Eher schon die „Rote Karte“ durch zahllose couragierte Emmelys.


    Das Buch besticht durch unzählige faktenreiche Belege sowie durch neun Konfliktporträts und dreizehn Personenporträts. Tatsachen werden durch kurze Autorenkommentare gedanklich vertieft, sodass sich auch im Arbeitsrecht Unbewanderte ein genaues Bild von der Willkür der Politik und den hochbezahlten Dienstleistern im Interesse der Arbeitgeber gegenüber den Lohnabhängigen und ihrem Arbeitsrecht machen können. Lesenswert vor allem für Systemkritiker, Betriebsräte, Arbeiter, Streikende, Gewerkschafter und Arbeitssuchende. (PK)


    Werner Rügemer, Elmar Wigand: „Die Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbekämpfung“, PapyRossa Verlag, 238 S.,Auflage: 1 (1. Oktober 2014), ISBN-10: 3894385553 , ISBN-13: 978-3894385552 , Preis: 14.90 Euro


    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21055&css=print


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com

    Fiktives über den Autor von „Eine langweilige Geschichte“, Anton Tschechow


    Arme Seelen zwischen allen Stühlen (II)


    Ein Essay von Harry Popow



    Er will fündig werden, der Herr Professor. Er will Antworten finden auf dringende Fragen: Wie funktioniert die Verdummung durch Politik und Medien? Wer forciert sie? Lässt das die Leser und Hörer kalt? Wie gefährlich sind Gleichgültigkeit und reduzierte Sichten? Wer wehrt sich? Lesen Sie den II. Teil und Schluss des fiktiven Essays.


    Geist verscharren & Geist retten


    Es ist der fünfzehnte August. Den Herr Professor O. schüttelt ein Lach- und gleichzeitig ein Weinkrampf. Da wurde in den Nachrichten gemeldet, der Kopf des großen Denkers Lenin sei einst nach der sogenannten Wende im Walde vergraben worden. Die einen frohlocken, die anderen verspüren symbolisch einen großen Verlust. Die Ersteren glauben mit Sicherheit, mit dem Verscharren des Granitschädels die Menschheit auf ein Nimmerwiedersehen von seinem Geist befreit zu haben, die Gegenspieler sind nicht müde geworden, ihn wieder – symbolisch – aus der Erde zu kratzen. Angst vor dem großen Geist auf der einen Seite – Verlust und Wiederbelebungsversuche auf der anderen. Zwei Pole, die sich gegenseitig abstoßen. Die den tieferen Grund bilden für das Dilemma in unserer Welt. Die einen verscharren den menschlichen politischen Geist – die anderen kratzen ihn wieder an´s Tageslicht. So oder so...


    Zu den Ersteren gehört auch Brandenburgs Ministerpräsident. Der lässt am 17. August 2014 im „Märkischen Sonntag“ verlauten: „Unser Nachwuchs muss ein so bedeutsames Datum kennen und einordnen können (er meint den 13. August 1961, Anmerkung H.P.). Auch wenn wie heute selbstbestimmt und in Freiheit leben, so bleibt es zugleich wichtig, an das Unrecht und an die Mauertoten zu erinnern.“


    Was faselt da Herr Woidke (und andere Politiker stoßen in das gleiche Horn), man müsse etwas einordnen können? Wenn bei TV-Umfragen fast jeder zweite gar nicht mehr weiß, wann die „Mauer“ erbaut wurde? Wenn deren Sinn flöten gegangen ist, wenn die geschichtlichen Ursachen des vom Westen provozierten Kalten Krieges totgeschwiegen und lediglich auf Tränen, Familientrennungen und Opfer in der Berichterstattung reduziert werden? Die Betrachtungsweise, das „So oder so“ bekommt damit eine viel größere und wichtigere Funktion, eine politische Dimension. Zu kurz gedacht?


    Da quasselt der Herr Bundespräsident - und mit ihm die ganze Clique der Politischen und Kapitalmächtigen - bei der Beurteilung des Ersten Weltkrieges lediglich von den Schrecken der menschlichen Katastrophe, und das Jetzige müsse mit der Waffe in der Hand europaweit verteidigt werden. So gauckelt einer rum, der unter Freiheit lediglich die Finanzgewaltigen und deren Machtfestigung meint. Und die Verursacher der Kriege? Dazu kein Wort, das wäre ja Selbstmord. Dafür schwingen andere Töne durch den Äther: „Wir sind wieder wer!“ Auch mit Waffenlieferungen an die irakischen Kurden? Großmachtgelüste lassen grüßen.


    Niemand der sogenannten Eliten und ihrer Marionetten hat das Wohl der Menschen im Auge. Was bist du als Bürger im Kapitalismus? Freiwild auf dem Wild-Tanz-Parkett des ungezügelten Marktes. Wenn du kein Konsumidiot sein willst und kannst - dann bist du ein überflüssiger Mensch. So einfach und brutal ist das. Das einstige WIR tendiert zum ICH! Deshalb lobpreisen sie den Individualismus. Zertreten kollektive Erfahrungen. Zerschmettern jeglichen Rest von Solidarität, lassen dem Zwischenmenschlichen mit ihrer kalten Gier nach Profit keinen Raum mehr. Predigen die Selbsthilfe, um Geld zu sparen. Soll doch jeder zusehen, wie er weiterkommt. Der Staat hält sich raus. Weitgehend. Und die Deutschen erklimmen im europäischen Raum eine Vormachtstellung. Für wen bitte? Und züchten gehorsame Mitläufer. Auch mit dem Sturmgewehr in der Hand?


    Freiheit für wen? Und diesen Begriff benutzen die Oberen heute als Schlagwort! Nichts steckt dahinter als das was tatsächlich gemeint ist: Die Herrschaft des Kapitals. Dafür sollst du leben, dafür sollst du zahlen, dafür sollst du - einst unter dem Motto für Gott und Vaterland - dein Leben geben. Ist hier jemand betrunken? Im Kern geht es um eine sehr grundlegende Fehleinschätzung der realen Welt. Die einfach existiert, und zwar ohne den Willen der Menschen. Diesen Natur- und gesellschaftlichen Gesetzen hat sich die Menschheit unterzuordnen. Freiheit ohne deren gesetzmäßige Grundlagen zu betrachten bedeutet schlechthin eine idealistische Sicht. Sie zu berücksichtigen, um keine Fehldiagnosen zuzulassen, erfordert, eine marxistische Sicht einzunehmen. Also eine realistische, dialektische Sicht. So einfach liegen die Dinge, will man sich nicht von den Herrschenden verkohlen lassen. Da hilft keine Frömmelei, kein Wille, es sich menschlich einrichten zu wollen - wenn du gesetzmäßige Abhängigkeiten und Zusammenhänge arrogant ignorierst, dann zum Teufel mit dir. Dann gehst du halt bei stürmischer See ins Wasser und der Sog zieht dich hinaus auf ein Nimmerwiedersehen. Tödlich wird das Ganze, wenn man dem ursächlich vorhandenen Zusammenhang zwischen Maximalprofit und der Entstehung und dem Führen von Kriegen aus dem Wege geht. Tödlich für Millionen von Menschen. Gewinnbringend für die angestrebten Millionen der Kriegsgewinnler. So oder so.


    Um Symptome oder Ursachen?


    „So oder so?“ Sozialismus oder Barbarei? Frieden oder Krieg? Muss man da noch überlegen, abwägen? Wo leben wir? Diese schwankende, lavierende Unverbindlichkeit als Methode. Sie folgt haargenau dem oben geschilderten bürgerlichen Menschenbild. Du hast stets die Wahlmöglichkeit. Oben sein, ganz oben, oder im Nirgendwo landen. „Na und?“, meint mancher Zyniker. Substanz oder Inhalt. Reden oder Tun. Sich mit Symptomen begnügen oder den Ursachen auf den Grund gehen? Verpackung oder Inhalt. Make-up oder Leere. Oberfläche oder Tiefe. Das Böse oder das Gute? (Übrigens die einfältigste Sicht, die es gibt auf Erden.) Wachstum statt Fortschritt, Konflikt statt Krieg, Kollateralschäden statt zivile Opfer.„Tafeln“ als Aushängeschilder des sich sozial gebärdenden Staates. Da rühren die Allmächtigen am Schlaf der Welt, rühren die Kriegstrommeln - und keiner regt sich auf? Befinden wir uns noch im Wachzustand?


    Inhaltslose Formenspielerei auch in Ausstellungen und Museen. So nahm Werner Seppmann in der „jungen Welt“ vom 10.08.2012 unter dem Titel „Ästhetik der Banalisierung“, folgende Erscheinungen unter die Lupe, hier nur in Stichworten wiedergegeben: Ästhetisierende Belanglosigkeiten, die sich formal und inhaltlich im Kreis bewegen. Immer seltener: ernsthafte und herausfordernde Fragen. Das bloße Konstatieren bietet keine Perspektive des Erkennens sondern festigt verdinglichtes Alltagsbewußtsein. „Die Herrschaft der Zeit“ sei nur die Kehrseite eines gesteigerten sozialen Anpassungs- und Bewährungsdrucks. Die Dominanz einer penetranten Selbstbezüglichkeit. Lösungsvorschläge für die drängenden Gegenwartsfragen werden auf die esoterische Seinsvergessenheit herabgezogen. Abschied von der Vernunft und sozialen Ansprüchen: postmodernes Denken. Dezentrierung des Subjektes. Überwindung des Logozentrismus oder der posthumanistischen Perspektive. Wörtlich: „Soll die herrschende Atmosphäre der Resignation und Gleichgültigkeit … gefestigt werden, muss progressives Wissen um die gesellschaftlichen Veränderungsmöglichkeiten und die Überwindung von Fremdbestimmung zerstört werden.“


    „Ich will, dass unsere Frauen, Kinder, Freunde und Schüler in uns nicht den Namen und nicht die Etikette lieben, sondern einfach den Menschen“, schreibt Anton Tschechow in der langweiligen Geschichte auf Seite 86.


    Zum Haare raufen! Das verbietet niemand. Das „großartige“ demokratische Angebot der Mächtigen im pluralistischen System: Da darfst´e schreiben oder quasseln bis dein Kopf qualmt, schimpfen, randalieren, die Politik fertigmachen, demonstrieren. Du darfst lesen oder den TV einstellen, einen anderen Sender wählen oder alles auch sein lassen. Du darfst überhaupt alles rausschreien in Mails, Briefen, Beschwerden und Artikeln - das Ganze hat nur einen Haken: Es geht alles durch ein unsichtbares Sieb. Das nennt sich nicht Zensur, nein, nein, es ist eine Methode der Ablenkung, des Totschweigens, der Orientierung auf Banalitäten, auf Nebensächlichkeiten. Die angepriesene Vielfalt soll für Demokratie stehen. Das ist irritierend. Und bemäntelt gleichzeitig die wahren Absichten der oberen Zehntausend nach Macht und Profit auf Kosten des Sozialen. Die Negierung des Gesamtzusammenhangs - das ist Ideologie der schlimmsten Art, das ist gewollt. Was ist eine Hochwassergefahr, die gebändigt werden kann, gegen eine mächtiger werdende geistige Kloaken-Flut? Unterhaltung aber auf seichteste Art liegt immer gut im Rennen, lässt sich gut verkaufen, ist richtig cool. Herr O. kann ein Lied davon singen...


    So wird Verdruss geboren. Gleichgültigkeit. Und Untätigkeit, etwas ändern zu wollen und zu können. Manche greifen zum Alkohol, andere beten wieder, vielen ist es schnuppe, sie arbeiten und machen sich keinen Kopf. Viele jüngere Leute besinnen sich nur auf sich selber. „Viele junge Menschen leben völlig losgelöst von echter gesellschaftlicher Aktion als schnäppchenjagende Konsumenten und törichte Objekte politischer Manipulation. Das geschieht zur Freude derer, die Solidarität und echte Massenimpulse gar nicht erst aufkommen lassen wollen.“ (RotFuchs August 2014)


    Das Politikverständnis habe sich verflüssigt, bemängelt Christiane Florin in ihrem in Teil I genanntem Buch zu den angepassten Studenten auf Seite 20, es sei unterspült „von einer Mischung aus Desinteresse und punktuellem Engagement. Verflüchtigt hat sich der Gedanke, dass politisches Bewusstsein zum Erwachsenwerden dazugehört.“


    Schwindet mit dem WIR die Verantwortung des Einzelnen für das Ganze? Dazu ein Zitat aus dem „RotFuchs“ (August 2014, S. 13): „In einer Zeit, in der sich die Tagespolitik fast ausschließlich mit Krisen und Kriegen beschäftigt, werden Völkerrechtsverbrechen und der Bruch elementarer Menschenrechtsnormen zur Gewohnheit. Man nimmt sie gewissermaßen als Begleiterscheinungen des politischen Geschehens hin, weil ja ohnehin niemand zur Verantwortung gezogen wird. Die Eigenschaft des menschlichen Verstandes, Autoritäten und Entscheidungen zu hinterfragen, ist vielen leider abhanden gekommen. Eine perfide Propaganda entzieht ihnen die Fähigkeit, über Zusammenhänge tiefer nachzudenken, zumal sich das Leben der meisten auf einen reinen Existenzkampf reduziert hat. Der verbleibende Rest an frei verfügbarer Zeit wird immer mehr mit Late-Night-, Talk-, Dschungel- und Ekel-Shows sowie Videospielen vergeudet. Da bleibt für eigenes Denken kein Platz. Begriffe wie Recht und Gesetz werden von den Herrschenden bagatellisiert oder instrumentalisiert, wenn sie ins Bild passen, um noch so abstruse Ziele oder Geschehnisse zu rechtfertigen.“


    Nein, nein, Herr O. lässt sich nicht mehr täuschen: Weder bei gutem Essen noch bei geistiger Kost, weder beim Einkaufen noch bei verführerischen Werbetelefonaten, weder bei falschen Versprechungen noch bei angeblichen Mogelpackungen, weder bei inhaltlich flachgebürsteten TV-Produktionen noch bei oberflächlichen Talk-Shows, weder bei fehlerhaften Diagnosen von Ärzten noch bei falsch servierten Speisen im Restaurant. Tiefgründige Diagnosen? Fehlanzeige, das gefährdet das Überleben der angeblichen Elite.


    Wer wehrt sich? Zwischen Kriegsgeschrei auch ein Mahnruf der Linken, endlich mal wieder: So ist in der jungen Welt vom 14.08.2014 mit der Überschrift „Gescheiterte Staaten in Serie“ eine Gemeinsame Erklärung der Vorsitzenden der Partei DIE LINKE, Bernd Riexinger und Katja Kipping, sowie des Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag, Gregor Gysi, zu lesen: „Die Welt steht am Scheideweg zwischen einer neuen Ära der Eskalation in Blockkonstellationen und einer Renaissance internationaler Konfliktlösungsmechanismen im globalen Maßstab.“


    Stehen auch die Menschen am Scheideweg? Was tun, wenn ihnen lediglich ein Ist-Zustand vorgezeigt wird, wenn ihnen Ursachen vorenthalten werden? Das ist geistige Unterdrückung. Das verdirbt und vernebelt die Hirne, das macht die Menschen letztendlich krank und gefügig. Damit ist die Verführung perfekt, der Magen verdorben und das Hirn entleert. Das Resultat oberflächlicher und inhaltsloser Berichterstattung: Kälte, Enthemmung, Leichtsinn, Arroganz, Interessenlosigkeit, Unglaube an Veränderungen, Inaktivität, Zurückziehen auf das nur Private. So beginnt der langsame Tod, die seelenlose Etappe des Absterbens der eigentlichen Werte - der Frage nach dem Sinn des Lebens. Des Zustandes, dass es keine Fragen mehr gibt. Die Armut des Materiellen hat eine Schwester: Die Armut der Zufriedenen, die sich behaglich zurücklehnen und im „Berufsleben“ stets auf Lauer-Position sein müssen. Gleichgültigkeit und Abscheu vor Politik, das ist Verfall.


    Herr Professor O. und Tschechow-Verehrer wird seine Buchlesung halten. Seine Krankheit der drohenden Sorg- und Interessenlosigkeit hat er überwunden. Selbstbestimmt. Wenn auch das Wort noch kein Tun ist. Er wird, das ahnt er, seine Lesung über den Sinn des Lebens womöglich in einem halbleeren Saal halten. Seine Gedanken? Werden sie ins Leere gehen? Vor müde abnickenden Studenten? Wäre das ein Zeichen des Verfalls? Das Unbehagen jener Schreiberlinge in Zeitungen und Sachbüchern, die Zustände zwar markieren, treffend und kritisch oft, sozusagen in jedes Fettnäpfchen tretend, hält an: Lösungen sind nicht in Sicht? Bleibt es dabei: So oder so? Arme Seelen zwischen allen Stühlen? Oder übersieht er sie – die Anzeichen vom Widerstand der Unzerbrechlichen weltweit? ...


    Lieber Anton Tschechow, es wird wieder andere Zeiten geben, versprochen! (PK)


    Teil I dieses Essays finden Sie in der NRhZ-Ausgabe vom 17. September unter
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20780

    „Die globale Überwachung. Der Fall Snowden...“ - von Glenn Greenwald


    „...überzeugt, das Richtige zu tun.“


    Buchtipp von Harry Popow



    Es war der neunte Juli 2013, genau 14 Uhr (Ortszeit USA-Ostküste), da hielt die Welt wieder einmal den Atem an: Ein Name jagte um den Erdball: Edward Snowden. Der Mann, der den Mut hat, ein menschenverachtendes und höchst geheimes Überwachungssystem, den NSA (Nationale Sicherheitsbehörde, der größte Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten) ans Tageslicht der empörten Öffentlichkeit zu zerren. Von den einen sofort als „Außenseiter, als Krimineller und Verbrecher“ abgestempelt, von der Masse der Völker allerdings frohlockend begrüßt, nein, bejubelt. Hatte er doch dem amerikanischen Unterdrückungssystem gegen die Privatsphäre aller Menschen und Völker die Maske vom Gesicht gerissen.


    Und das zu Recht. Vertiefend nachzulesen in dem kürzlich veröffentlichten Buch mit dem Titel „Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen“. Den Namen dieses Autors sollte man sich merken – Glenn Greenwald. Er gehört mit zahlreichen anderen Publizisten und mutigen Widerständlern zu jenen aufrechten Demokraten, die von der Kapital-Elite der USA – und wohl auch von anderen Mächtigen dieser Welt – verteufelt und bedroht werden.


    Edward Snowden, der von ihm mit aller Vorsicht ausgewählte Publizist Glenn Greenwald sowie die Publizistin Laura Poitras wurden indessen weltweit geehrt. Für ihren Mut, für ihre Standhaftigkeit, für ihren selbstlosen Einsatz zum Schutz der Menschenrechte.


    Um es vorweg zu nehmen. Das Buch mit seinen 368 Seiten ist keine Unterhaltungsliteratur schlechthin. Es ist ein Trompetenstoß, wie manche Journalisten diesen Aufschrei gegen Machtmissbrauch bezeichnet haben. Es ist, da mache man sich nichts vor, ein Aufruf zur Gegenwehr. Ein Stich ins Wespennest der Mächtigen. Und es ist unbequem für politische Weicheier. Für Langsamdenker und Gar-nicht-Denker.


    Im ersten Teil des Buches berichtet Glenn Greenwald von geheimnisvollen E-Mails (die erste am 01.12.2012) von einem völlig Unbekannten. Darin wurde er darum gebeten, seine Korrespondenz streng zu verschlüsseln, denn der Absender wolle – so stellte es sich heraus – hochgradig geheime Daten, die Politik betreffend, veröffentlichen. Glenn erzählt sehr spannend, wie der Kontakt mit seinem Dialogpartner unter Beachtung aller konspirativen Regeln Schritt für Schritt zustande kam. In Hongkong. Wie man sich gegenseitig fixierte, ob auch alles der Wahrheit entsprach, wie schließlich der Autor gemeinsam mit der Publizistin Laura Poitras jene Medien (zum Beispiel die Redaktion des Guardian) ausfindig machte, die für eine robuste und rücksichtslose Veröffentlichung der „heißen Ware“ in Frage kämen. Dass dies bereits ein Kampf um eine ehrliche und kritische Berichterstattung war, kann man sich denken.


    Bevor ich näher auf die so wichtigen Motive und Beweggründe der Whistleblower eingehe: Der Autor versteht es nicht nur, die Spannung auch in den Kapiteln seines großartigen Buches aufrecht zu erhalten, in denen er auf die Gefahren der Massenüberwachung im digitalen Zeitalter aufmerksam macht, sondern den Leser auch hinter die Kulissen der Medien-Kraken schauen und erschauern zu lassen. Dabei steht nicht nur die Regierung der USA im Visier der Analyse, die nach dem 11. September 2001 unter dem Begriff „Terrorgefahr“ ein ganzes Bündel von radikalen Maßnahmen, von der Folter bis zum Einmarsch in den Irak, gerechtfertigt hat. Kritisch sei angemerkt: Der Abschnitt über die vielfältigen technischen Möglichkeiten der begierigen Blicke in die Hirne der Menschen mit sehr zahlreichen Dokumenten als Belege, hätte gut und gerne auch im Anhang seinen würdigen Platz finden können.


    Manch einer könnte sich fragen: warum rennt man so gegen die Machthaber an? Das bringe doch wenig. Und Kraft kostet es auch. Wofür und warum also? An dieser Stelle ein großes Lob für den Autor. Es gelingt ihm, in die Seele des Snowden einzudringen, in sein Warum und Wofür. Ebenso legt der Autor auch seine persönlichen Beweggründe dar, denn schließlich ist die Gefahr sehr groß, hinter Schloss und Riegel transportiert zu werden. So lesen wir zum Beispiel auf Seite 364: „Snowdens Furchtlosigkeit und sein unerschütterlicher Gleichmut – gegründet auf der Überzeugung, das Richtige zu tun – waren die Triebkraft für meine gesamte Berichterstattung in dieser Sache und haben mich für den Rest meines Lebens nachhaltig beeinflusst.“ Snowden: „Ich will eine weltweite Debatte über Privatsphäre, Freiheit im Internet und die Gefahren staatlicher Überwachung anstoßen. Was mit mir geschehen wird, das macht mir keine Angst. (…) Angst habe er nur, „dass die Menschen diese Dokumente sehen und mit einem Achselzucken darüber hinwegsehen...“ (S. 34)


    Auf Seite 71 vertieft Snowden seine Aussage: „Der wahre Wert eines Menschen bemisst sich nicht nach dem, woran er vorgeblich glaubt, sondern nach dem, was er tut – wie er handelt, um für seine Überzeugungen einzustehen.“ Das Einzige, womit er nicht leben könne, wäre das Wissen, nichts getan zu haben. (S. 82) Nicht seine Person stehe im Mittelpunkt, sondern der NSA. (S. 315) Den Schlaf hätten ihm nur die Gedanken an seine Familie geraubt, mit der er keinen Kontakt haben durfte. Die Regierung könne an ihr oder seiner Freundin Vergeltung üben. (S. 123) Klein und gefügig sei ein Mensch nur, wenn er Angst habe vor Konsequenzen, etwa der Fixierung auf Geld, Karriere und Sicherheit. (S. 73)


    Welch eine Kraft, welch eine moralische Stärke spricht aus solchen Motiven, über die Thomas Mann einst schrieb, das Innere eines Menschen aufzuschließen, es in die stärkste Bewegung bringen, sei das Wichtigste in der Literatur. („Es geht um den Menschen, Prosa aus fünf Jahrzehnten“, Seite 286/287, sich auf Walter Scott beziehend.)


    Greenwald richtet sich mit Snowden und anderen Publizisten darauf ein, dass ein couragierter Journalismus von nöten sei, um mit den 120 hochgeheimen Snowden-Dokumenten eine enstprechende Durchschlagskraft der Story zu erreichen. Zu brechen seien die ungeschriebenen Regeln des Establishment-Journalismus, der ängstliche servile Journalismus. (S. 88-95) Statt Knüller sei eine furchtlose Enthüllungsstrategie zu bieten. So entlarvt der Autor die Angriffe auf die Internetserver mit Hilfe von Satelliten, Unterseekabeln, Telefonsystemen und der Personalcomputer. Es gehe nicht nur um Terrorverdächtige, sondern auch um Wirtschaftsspionage, um Ausspähung von Diplomaten, ja ganzer Bevölkerungen der verschiedenen Länder. Die NSA beschäftige 30.000 Personen, und 60.000 stünden unter Vertrag. Sie unterliege praktisch keinen Einschränkungen, wen sie ausspähen dürfe. Sie sei im Grunde eine "außer Rand und Band geratene Behörde". (S. 191) Die Folge von Angst in der Bevölkerung sei Wohlverhalten, Gehorsam und Anpassung. Das sei Terror der neuen Art, grenzenlose Macht und das bedrohe die Demokratie. Man sei auf dem besten Wege, die "Welt in den Griff" zu bekommen, so Greenwald auf Seite 291. Die Gefahr für jeden Einzelnen sieht der Autor in der Bombardierung von E-Mails, von Telefonaten, in der Löschung der Webpräsenz, der Infizierung durch Viren, der Löschung von E-Mails und der Verhinderung des Einloggens.


    Glenn Greenwald belässt es nicht bei den Folgen und Gefahren der Massenüberwachung, er nimmt als erfahrener und freier Journalist auch die Medien, die "vierte Gewalt", unter Beschuss. Er fordert von den Journalisten stets eine kritische Haltung gegenüber den politischen Machthabern. Obama bezeichnen viele Journalisten als inzwischen "der repressivste Regierungschef seit Richard Nixon". Er sei eine ernste Bedrohung für die Pressefreiheit. (S. 304) Die Taktik der Medien bestehe in der Dämonisierung der Kritiker der Regierungspraxis, sie seien Kriminelle, Narzissten, labil und als Verbrecher zu bezeichnen. Auf den Seiten 328/329 charakerisiert er die Medien mit ihrem Modell des meinungslosen, farblosen und seelenlosen Unternehmerjournalismus als "zahnlose Tiger", die niemanden bedrohen, der Macht habe. Einige Zeilen weiter geht er einen Schritt weiter und markiert das sogenannte "Gebot" der Objektivität als Mittel, "um die Interessen der herrschenden politischen Klasse zu befördern". Die amerikanischen Medien seien alles andere als eine unabhängige Kraft. Sie seien integraler Bestandteil "der vorherrschenden politischen Macht". Deren vorrangige Motive: Nationale Interessen, Geld und Ego. (S. 239) Man habe, so der Autor, nur zwei Möglichkeiten: Anpassung an die institutionelle Autorität oder radikalen Widerspruch dagegen. (S. 323)


    Das Fazit des Publizisten Greenwald: Snowdens Tat möge zu der Erkenntnis anregen, dass die Welt veränderbar ist, dass die Menschen in ihrer Gesamtheit die Fähigkeit besitzen, "selbst nachzudenken und Entscheidungen zu treffen – das ist der Sinn von Whistleblowing, von Protest, von politischem Journalismus".


    Das Buch ist in einem sehr guten Sprachstil geschrieben und für jeden politisch aufgeweckten Bürger als großes Lese- und Erkenntniserlebnis zu empfehlen.


    Edward Snowden: Geboren am 01.06.1983. Laut Angaben des Autors Greenwald (S. 64/65) stammt er aus einer Familie der Mittelschicht in North Carolina. Beide Eltern waren Staatsbedienstete. In der Highschool habe er sich unterfordert gefühlt und sie vorzeitig beendet. Im Alter von zwanzig Jahren war er zur US Army gegangen. Er galt in technischen Dingen als Naturtalent. Ab 2005 arbeitete er als IT-Experte für die NSA und für die CIA. Als Infrastrukturanalytiker hatte er Einsicht in geheimste Dokumente. Er begriff, dass die NSA daran arbeitete, „Zugriff auf die gesamte Kommunikation der Menschen zu bekommen“. (S. 75) Greenwald schildert Edward Snowden als hochintelligent und rational, sehr methodisch denkend.


    Glenn Greenwald: Der Jurist und Verfassungsrechtler Glenn Greenwald ist einer der einflussreichsten politischen Kommentatoren in den USA. Er war Kolumnist bei The Guardian und ist seit 2014 Mitherausgeber der publizistischen Website The Intercept. Seit der Aufdeckung der NSA-Affäre wurde er mehrfach für seine journalistische Tätigkeit ausgezeichnet; u.a. erhielt der Guardian den Pulitzer-Preis für Greenwalds Snowden-Enthüllungen. Das Magazin Foreign Policy ernannte ihn zu einem der 100 »Global Thinkers« des Jahres 2013. Greenwald hat mehrere Bestseller veröffentlicht, u.a. How Would a Patriot Act? Er lebt in Rio de Janeiro, Brasilien.


    Die Internationale Liga für Menschenrechte vergibt die diesjährige Carl von Ossietzky-Medaille an den Whistleblower Edward Snowden, den Journalisten und Autor Glenn Greenwald und an die Publizistin Laura Poitras. Am 1. Dezember 2014 bekommt Glenn Greenwald außerdem den Geschwister Scholl-Preis in München verliehen. Edward Snowden wurde für den alternativen Friedensnobelpreis nominiert. (PK)


    Glenn Greenwald: „DIE GLOBALE ÜBERWACHUNG. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen“, Gebundene Ausgabe: 368 Seiten, Verlag: Droemer HC (13. Mai 2014), ISBN-10: 3426276356, ISBN-13: 978-3426276358, Preis 19,99 Euro, Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 14,8 x 3,2 cm



    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20892&css=print


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com


    Edit: ISBN eingefügt, Titel korrigiert. LG JaneDoe
    2. Edit: Und siehe da, es gibt schon eine Rezi zu dem Buch. Threads zusammengefügt

    Siehe an, da zünden Feuerteufel das eigene Haus an - oder bereiten dies vor - und der Bürger x beschuldigt die Feuerwehr/Polizei der Brandstiftung. Interessant...

    „Emil Carlebach“ - von Christoph Leclaire / Ulrich Schneider


    DER ROTE QUERDENKER


    Ein Buchtipp von Harry Popow


    Ein dünnes Heftchen von 54 Seiten bringt es fertig, Hirn und Herz neuerlich auf Trab und die Seele in´s Schwingen zu bringen: „Emil Carlebach. Widerstandskämpfer und ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald.“ Das ist eine Dokumentation zum 100. Geburtstag dieses unbeugsamen Kommunisten, herausgegeben von der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora / Freundeskreis e.V., zusammengestellt und geschrieben von Christoph Leclaire und Ulrich Schneider.


    Es ist nicht so, dass diese Broschüre Neues erzählt von den Gräueltaten in den faschistischen Lagern. Bemerkenswert ist vielmehr, dass der am 10. Juli 1914 in Frankfurt am Main geborene Emil Carlebach auch nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus in Westdeutschland/BRD politisch mahnend vor neuer Kriegsgefahr gewirkt und die Geschichte der Bundesrepublik aus antifaschistischer Perspektive aktiv mitgeprägt hat, bevor er am 9. April 2001 in Frankfurt am Main verstarb.

    Seine Botschaft: „Lasst nicht nach in eurer Wachsamkeit. Lasst euch durch schöne Worte nicht beruhigen. Unser Schwur gilt heute wie vor 50 Jahren: Für eine Welt des Friedens und der Freiheit.“ Dazu gehöre der Kampf gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus und Herrenmenschentum, so Emil Carlebach. (S. 9) An anderer Stelle heißt es: „Wir, die Veteranen des antifaschistischen Kampfes, erinnern uns und warnen unsere Völker, vor allem unsere Jugend: Glaubt nicht den Schlagworten. Wir müssen in Wort und Tat der heraufziehenden Gefahr widerstehen. Das sind wir unseren gefallenen Kameraden und unseren heutigen jungen Mitgliedern schuldig.“ (S. 14)

    Der Rezensent sieht sie vor seinem geistigen Auge, die lahmgelegten Gleichgültigen, die von einem Großteil der bürgerlichen Medien verblendeten Unpolitischen, und wie sie abwehrend entgegenhalten: „Alles Schnee von gestern“. Was heute zähle, das sei das Individuelle, der Einzelne, der sich durchkämpfen müsse. Kollektivität? Jeder sehe zu, wie er mit der Marktwirtschaft zurande komme. Das Wort Solidarität zwischen den Menschen und Völkern – ade damit. Aber gerade dieses Wort, das solidarische Miteinander, das ist ein Wert, den der einstige KZ-Häftling Emil Carlebach den Heutigen mit auf den Weg gibt.

    Er hat es erlebt, dieses menschliche Füreinander, sonst hätte er die Lagerqualen – und mit ihm zig andere Häftlinge, nicht überstanden. Nicht ohne Grund trat er nach 1945 in Westdeutschland und in der BRD als politischer Journalist, als Gewerkschafter, als Mitglied der DKP, als Gesprächspartner mit Jugendlichen in Aktion. Emil Carlebach wirkte als Aufklärer, als Geschichtslehrer. Seine Themen: Die Ursache für das Entstehen des Faschismus (so sein Buch „Hitler war kein Betriebsunfall“) sowie die Warnung vor neuem Unheil in Form des Großkapitals und neuer Machtansprüche, wobei er die damalige DDR „als das bessere Deutschland angesehen hatte…" (S. 13)

    Während einer Ansprache am 9. April 1995 zum 50. Jahrestag der Selbstbefreiung auf dem Appellplatz in Buchenwald schmettert Emil Carlebach der heutigen Elite entgegen: „Sie haben die neue Wehrmacht aufgebaut – nach zwei Weltkriegen zum dritten Mal. Sie beziehen Pension und tragen ihre Hitler-Orden weiter, denn sie haben ja `wohlerworbene Ansprüche` an den Staat, der schon wieder dabei ist, seine jetzige Wehrmacht weltweit einzusetzen. Weltweit!“ (S. 40)

    In Westdeutschland musste er nach einem täuschenden Neubeginn erleben, „dass ein antifaschistischer Neuanfang mit den Vorstellungen der amerikanischen Militärbehörden nicht konform ging“. (S. 11) Als Mitbegründer der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) in Frankfurt, in Hessen und auf gesamtdeutscher Ebene in den Jahren 1946/47 machten er und seine kommunistischen Mitstreiter Front u.a. gegen die Rehabilitierung alter Nazis und gegen die Restaurationspolitik in der BRD, was zu Konflikten mit der Obrigkeit führte.

    In einem Interview des Autors dieser Schrift, Christop Leclaire, bekennt Emil Carlebach, wie schwer der Kampf gegen Krieg und Gewalt und für mehr Menschlichkeit geworden ist, denn es habe „viele Rückschläge gegeben, vor allem nach der Annexion der DDR“. (S. 33) Es sei ein bitterer Kampf, weil man mit soviel Dreck, „mit so viel Gesinnungslumperei sich auseinandersetzen muss und nicht etwa mit Argumenten“. (S. 34) Auch sei das, was die ehemaligen KZ´ler zu sagen haben, in keiner Zeitung gedruckt worden.

    Ein Beispiel: Wegen der Klage eines rechten Studenten im Oktober 1996, „der Widerstand ehemaliger Häftlinge der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau“ sei nicht „spezifisch und unmittelbar hochschulbezogen“, verurteilte das Oberverwaltungsgericht in Münster 1997 den Allgemeinen Studierenden Ausschuss (AstA) der Universität Münster wegen des Interviews zu einem Ordnungsgeld in Höhe von 500 DM. Der allgemeinpolitische Inhalt entspreche nicht den „fachlichen Belange(n) der Studierenden“. Fazit: Unbequeme bzw. kritische Verfolgte des NS-Regimes – vor allem Kommunisten – sollten nicht zu Wort kommen. (S. 38)

    Emil Carlebach kommt aus einer bürgerlichen Familie, ein „Zugang zur Politik war in dieser Familie nicht angelegt. Aber ein Gefühl für Gerechtigkeit hatten ihm seine Eltern mitgegeben.“ (S. 9) Erst ein Justizmord in den USA Ende der 20er Jahre war für den jungen Mann ein Anstoß, sich politisch zu organisieren. Mit 18 Jahren trat er in die Kommunistische Partei ein und war ab sofort das „schwarze Schaf“ bzw. „der Rote“ in der Familie. ( S. 10) Seine Erfahrungen und die Zeit im Gefängnis und in den Lagern Dachau und Buchenwald, die er als „Schule für´s Leben“ bezeichnete, fasste er 1995 mit dieser Erkenntnis zusammen: Dass „Disziplin, Solidarität, Standhaftigkeit, Überzeugungstreue das Wichtigste im Leben sind. Und ich habe dort erlebt, was kollektiver Widerstand bedeutet“.

    Die unbedingt für junge Leser zu empfehlende Dokumentation enthält neben der Einleitung eine kurze Biografie von Emil Carlebach, einen Erinnerungsbericht eines jungen Mitstreiters, ein Interview von Christoph Leclaire mit dem einstigen Häftling, einen Rückblick zur Geschichte des Interviews sowie Erinnerungen und Ansprachen von Emil Carlebach, Beiträge des Emil-Carlebach-Clubs, abgelichtete Lagerdokumente, einen Aufruf der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora / Freundeskreis e.V. zur Mitarbeit und Mitgestaltung zur Bewahrung des Vermächtnisses der politischen Häftlinge des KZ Buchenwald sowie einen Überblick über seine wichtigen Bücher und journalistischen Texte.

    Bei einer Neuauflage dieses Büchleins empfiehlt sich, auch über das Leben und Wirken der beiden Autoren Christoph Leclaire und Ulrich Schneider zu informieren, ebenso über Lena Sarah Carlebach, die als Emil Carlebachs Enkelin das Geleitwort schrieb.

    „Lasst nicht nach in Eurer Wachsamkeit", rief er mehreren tausend Kundgebungsteilnehmern auf dem Appellplatz zu. Das war 1995! Und 2014? Die Zeit erfordert mehr denn je mutige Leute, solche wie Emil Carlebach, den ROTEN QUERDENKER. (PK)

    Christoph Leclaire / Ulrich Schneider: „Emil Carlebach. Widerstandskämpfer und ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald“. Herausgegeben von der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora / Freundeskreis e.V., Pahl-Rugenstein-Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, 4 Euro, ISBN 978-389144-468-9

    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20483&css=print

    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com

    „Der stille Putsch“ - von Jürgen Roth


    „Que se lixe a Troika“


    Buchtipp von Harry Popow


    Eine Hymne singen die Portugiesen, die „Grândola". In Erinnerung an die 1975 vollzogene und 1976 durch einen gezielten Boykott der Reaktion unter Mithilfe der deutschen SPD niedergeschlagene „Nelkenrevolution", bei der sie den demokratischen Sozialismus mit dem Ausruf „Wir sind das Volk“ ins Visier gefasst hatten und heutzutage landesweit von sich hören lassen: „Que se lixe a Troika“. Das heißt „Zur Hölle mit der Troika.“

    Ein Rettungsruf, der auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern die Runde machen wird. Er richtet sich gegen den sozialen und menschlichen Kahlschlag durch das Finanzkapital, durch Banken und Politik, gegen die Machenschaften der Troika. „Albtraum Europa“, sagt einer der bekanntesten und erfahrensten Journalisten Portugals, Rui Araùjo.

    „Troika", dieses Wort klinge harmlos, so der Bestsellerautor Jürgen Roth in seinem neuesten Buch mit dem Titel „Der stille Putsch. Wie eine geheime Elite aus Wirtschaft und Politik sich Europa und unser Land unter den Nagel reißt.“ Tatsächlich aber bestehe dieses Gremium aus „Vertretern der EU- Kommission, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB)“ und sei ein politökonomisches Machtkartell, das von mächtigen Finanzinstitutionen und den Netzwerken der Machtelite nicht nur ideologisch befruchtet werde. (S. 27) Deren Interessen: radikaler Sozialabbau und die Einschränkung von Arbeitnehmerrechten.

    Nicht neu ist die Feststellung des Autors, dass laut Angaben von Oxfam „ein Prozent der Weltbevölkerung fast die Hälfte des gesamten Weltvermögens in Höhe von 81 Billionen Euro“ besitzt. Nicht genug damit: 63.000 Menschen (davon 14.000 in Europa) haben zusammen ein Vermögen von 39.900 Milliarden Dollar gehortet, das natürlich - im Interesse der Machterhaltung im Konkurrenzkampf für noch mehr Geldmacht - angelegt und vermehrt werden muß. (S. 19) 147 internationale Konzerne, Banken und Hedgefonds maßen sich an, „über rund 40 Prozent der Weltwirtschaft“ zu bestimmen, so Goldman Sachs, Merrill Lynch, die Bank UBS und die Deutsche Bank. Und allesamt seien auch „bei den Bilderbergern wie bei anderen Eliteklubs zu finden“... (S. 55)

    Was tun gegen die Putschisten, wie der Autor die Kapitalelite nennt? Im Klappentext finden sich vier Worte dazu: Sich „wehren können – und müssen“. Wie denn? Gibt es nicht genug Mahnungen, Aufrufe, Proteste, Demonstrationen, Bürgerinitiativen? Reihen sich nicht schon zahlreiche gesellschaftskritische Sachbücher aneinander wie Spatzen auf Telefondrähten? Wie erfüllen Autoren die Erwartungen der aktiven Leser nach Aufklärung und möglichen Varianten des Widerstandes gegen – sagen wir es glatt heraus – gefährliches kapitalistisches Macht- und Expansionsgehabe? Zumal neben ökonomischer Willkür und Ausbeutung nun auch verstärkt eine militärische Komponente hinzukommt, man denke nur an die Lobpreisung eines möglichen weltweiten Waffenganges durch Bundespräsident Gauck, an die sogenannte Neuvermessung der Welt als auch an den durch Obama heraufbeschworenen Führungsanspruch der USA in der Welt.

    Doch zurück zum „stillen Putsch“. Der Titel reizt zum Lesen, sollte aber nicht missverstanden werden, dieser Putsch sei ein kollektiv geplantes und gut organisiertes Bündnis der Krafteliten, denn diese unterliegen dem Druck des schärfsten Konkurrenzkampfes, dem systemimmanenten Gehabe, dem unerhörten Drang, Kapital zu vermehren, zu akkumulieren, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Das ist ein Zwang, der jede Moral mit Füssen tritt, der die Menschen als Konsumidioten abstempelt, die nur dazu da sind, die Macht des Kapitals zu schützen und zu mehren. Und dies unter der verlogenen Siegeshymne von „Freiheit und Demokratie“.

    Um ökonomische und politische Zusammenhänge besser verständlich zu machen, damit man dagegen massiert protestieren kann – was belesenen Leuten leichter fallen dürfte – seziert der Autor auf 320 Seiten die politische Kaste, die wie eine Krake die Völker in Atem und unter Druck hält. Ihre Arme mit den vielen Saugnäpfen ragen in alle Richtungen dieser Geld beherrschenden Welt. Jürgen Roth hält sich dabei nicht nur mit Statistiken, Studien und Analysen auf, sondern füttert seine Impressionen und gründlichen Beobachtungen mit zahllosen Beispielen aus Italien, Griechenland, Portugal, Zypern und Deutschland, denen allerdings hin und wieder kurze Zusammenfassungen gut zu Gesicht gestanden hätten. Besonders die Länder Süd- und Westeuropas (Spanien und Portugal) müssen bei Strafe des Untergangs unter dem Druck eines zunehmend aggressiven Neoliberalismus ihre Wettbewerbsfähigkeit beweisen, und das – wie Jürgen Roth feststellt – unter dem Zwang von gesenkten Löhnen, von Einschnitten in die Sozial- , Gesundheits- und Bildungssysteme sowie u.a. unter dem Diktat des Verkaufs öffentlichen Eigentums.

    Er wirft der Troika eine perfide Form der Erpressung gegenüber diesen Ländern vor, die knallhart fordert, man solle doch die Löhne und Arbeitsbedingungen den speziellen Bedürfnissen der Unternehmer anpassen. „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“, so zitiert Jürgen Roth die hetzerische Bild-Zeitung. Der Autor warnt: Das sei nur der „Vorgeschmack darauf, was in Zukunft allen europäischen Ländern droht“: Verkauf öffentlichen Vermögens, ob Flughäfen, Energieversorgungsunternehmen, Post, Wasserversorgung oder Immobilien und Ländereien. (S. 248/249) Die „Pleitegeier“ also als mahnende Beispiele für Deutschland und die anderen Länder der EU.

    Authentizität erreicht der Autor durch konkrete Orts- und Zeitangaben, mit denen er seine Berichte einleitet. Er knüpft zahlreiche persönliche Kontakte, führt sehr intensive Gespräche, und das nicht nur mit „hochkarätigen“ Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, sondern auch mit dem Mann auf der Straße. Da kommen Akteure zu Wort, deren Namen nicht genannt werden dürfen als auch Opfer und Widerständler. Die Leser erfahren von Geheimbünden, von Korruption, von vernetzten Machenschaften der „Wirtschaftskriminalität“ im engen Bündnis mit der Politik und den Medien. So entsteht ein lebendiges Bild dieser allmächtigen Geldkrake, das uns in der Welt noch tüchtig zu schaffen machen wird.

    Entlarvend sind die verschiedenen Motive der geheimen Elite, die kaum ohne die mühevolle Kontaktfreudigkeit von Jürgen Roth ans Tageslicht gekommen wären. Da ist die Rede von der Attacke auf den Sozialstaat, von der allgemeinen Privatisierung öffentlicher Einrichtungen, von der verlogenen und vorgetäuschten aber illusionären Aufhebung der Klassengegensätze zwischen Arbeit und Kapital, vom Profit als dem endgültigen Maß aller Dinge (S. 49), von der Gestaltung Europas zum „Wohle der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Konzerne“ (S. 87), von der Krise als perfektem Vorwand, die Menschen zu erpressen (162), von der Angst vor dem Kommunismus (186), von der Hirne vernebelnden Behauptung der Überschuldung, man habe über seine Verhältnisse gelebt (S. 217), von der Behauptung, der Grund für die Krise sei die öffentliche Verschuldung. (S. 218)

    Kommen wir auf die eingangs gestellte Frage nach dem „Wie wir uns wehren können – und müssen“ (siehe Klappentext) zurück. Was tun gegen Sozialabbau und Willkürherrschaft statt echter Demokratie? Auf der Seite 263 zitiert Jürgen Roth den Juristen Wolfgang Hetzer, der davon spreche, „dass die Schwelle zum Bürgerkrieg dann überschritten werde, „wenn die Leute begreifen, was mit ihnen passiert. Wenn sie erkennen, wer die Rechnung bezahlt für diese misslungene Politik und die Anmaßung der Finanzindustrie“. Und auf Seite 289 fragt sich auch der Autor, ob dieser stille Putsch der Geldmächtigen wieder rückgängig gemacht werden kann und von wem? Ein Trostpflästerchen: 2013 fand in Athen der große alternative Gipfel der europäischen sozialen Bewegungen statt, auf dem in einem Manifest auf Alternativen aufmerksam gemacht wurde. (S. 289)

    Doch reicht das? Spielte da die 11. Feuerbachthese eine Rolle, wenn Jürgen Roth Bernd Klees zitiert, den ehemaligen Professor für Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialrecht: „Illusionäre Visionen können unter Umständen ihre volle Kraft entfalten, wenn ihre Zeit gekommen und die Verhältnisse sich als unrettbar verkommen und morsch erweisen sollten.“ (S.291) „Von diesem Zeitpunkt sind wir nicht mehr weit entfernt", so der Autor, „wenn es so weiter geht wie bisher."

    Möge also die Illusion, das Hoffen auf Veränderungen im gesellschaftlichen Gefüge nie im Getöse von Verblödungen seitens der Politik und ihrer Medien untergehen, wobei der Autor mahnend auch an die niedergeschlagene Nelkenrevolution in Portugal (u.a. S. 191 bis 197) erinnert...

    „Der stille Putsch“ ist eine sehr informative Lektüre, ein Enthüllungsbuch, allein durch die authentischen Berichte der Zeitzeugen und der klaren Sprache des Autors. Jedoch sollte jeder Interessierte auch beachten, dass Zustandsberichte noch keinem der herrschenden Ein-Prozent-Diktatoren weh getan haben. Zum Schaden für die Wirtschaftsverbrecher und Kriegsprofiteure wird es erst dann kommen, wenn die Empörten das Korsett der bürgerlichen Enge sprengen, die Schuldigen enteignen und auf die Anklagebank setzen, sich aus dem Würgegriff des Kapitals befreien. Wie sagt man in Portugal und anderswo? „Que se lixe a Troika“ - Zur Hölle mit der Troika. Der Widerstand braucht einen langen Atem.

    „Wissen Sie, dass der reiche Kapitalismus das Wertvollste, das es für den Menschen gibt, niemals finanzieren kann: soziale Sicherheit und ein Leben ohne Zukunftsängste. Die arme DDR konnte das." Dieses Zitat fand der Rezensent in einem Beitrag von Ulrich Gellermann, siehe http://www.rationalgalerie.de/…-andere-griechenland.html und http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php. (PK)

    Jürgen Roth, Der stille Putsch. Wie ein geheime Elite aus Wirtschaft und Politik sich Europa und unser Land unter den Nagel reißt. Gebundene Ausgabe: 320 Seiten. Verlag: Heyne Verlag (24. März 2014). Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3453200276, ISBN-13: 978-3453200272. 19,99 Euro

    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20450


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com
    Edit: Name des Autors im Threadtitel ergänzt und ISBN eingefügt. LG JaneDoe

    Cleo


    Persönliche Lebensbilder


    Ein authentischer Liebesroman


    Ein Buchtipp von Harry Popow


    Henry, der Name der Hauptfigur dieses authentischen Romans, hat einfach Schwein gehabt – und das ein Leben lang. Bevor er Cleo, seine große Liebe, kennenlernte, fand er Antennen zur Literatur, zur Malerei, zur Natur, zu allem Schönen und Guten. Zwar hatte er den Krieg noch als Kind erleben müssen – gerade deshalb brachte er sich voller innerer Überzeugung im DDR-Alltag ein. Arbeitete in der Zwickauer Steinkohle Unter Tage, probierte sich als Geologe, zog schließlich die Uniform der KVP/NVA an, wurde Reporter in der Wochenzeitung „Volksarmee“.


    An seiner Seite – Cleo. Mit ihr überstand er die sogenannte Wende. Mit ihr zog er sich in die Stille der schwedischen Wälder zurück. Sechs Jahre nach der Deutschen Einheit. Niemand trieb sie, keiner wurde steckbrieflich gesucht, keiner verunglimpft. Was trieb sie außerlandes? Stille Wünsche einerseits und Unvereinbarkeiten mit vermeintlichen neuen Zuständen andererseits?


    In der Einsamkeit einer kleinen schwedische Waldsiedlung und im eigenen Holzhaus wühlt und kramt er in alten Aufzeichnungen, in Briefen und Erinnerungen, sammelt und hält fest, was ihn am großen Vorhaben fesselte, ein gänzlich anderes und neues Deutschland aufzubauen. Wie er sich in die Arbeit zunächst als Ausbilder und dann als Militärreporter stürzte, was ihn dabei freute und warum ihn Ungereimtheiten trotz mancher Kopfnüsse niemals kalt ließen…


    Damals, in der Zeit der millionenfachen Aufbaumühen und der teils berechtigten Ängste vor neuen Gefahren für Staat und Macht… Erlebtes aus der Zeit der NVA und danach im Fernsehen der DDR wird so wieder lebendig, mündet schließlich in der nachdenklichen Frage, ob das Jetzige etwa das Nonplusultra sein soll?


    Henry kehrte mit seiner Cleo nach neun glücklichen Jahren in Schweden 2005 nach Deutschland zurück – ohne je eine Minute des schwedischen Aufenthaltes zu bereuen. Doch seine Visionen – die Konturen einer warmherzigen menschlichen Gesellschaft ohne Kapitaldiktatur – läßt er nach wie vor nicht im Nebeldunst der oft einseitigen Stimmungsmache und Lügen über die DDR-Geschichte verschwinden. Und: Nach über fünfzig Jahren Zusammensein ist sie und bleibt sie seine ganz große Liebe – Cleo. Nur Schwein gehabt?


    Als eBook bei Amazon erhältlich:


    http://www.amazon.de/CLEO-Pers%C3%B6nliche-Lebensbilder-authentischer-Liebesroman-ebook/dp/B00JAAZUEC/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1396524104&sr=1-1&keywords=Cleo%2C+Alex+Buchta

    1. Leseprobe zum Buch „In die Stille gerettet“ - Autor Harry Popow



    Es ist einer jener Tage im frühlingshaften März, von denen man sich wünscht, sie mögen andauern, in diesem Zustand der heiteren Gelassenheit, so würzig die Luft, so schwerelos die menschliche Seele, so eins kann sie sein mit der Natur, so ausgeglichen und glücklich darf man sich fühlen. Da sitzt er nun, ein in die Jahre gekommener grauhaariger Mann, auf der Terrasse am kleinen schwedischen Holzhäuschen, über ihm der unendlich kobaltblaue Himmel. Weiße Schwäne ziehen in langer Kette mit gleichmäßigem Flügelschlag zu den stillen Seen in den weiten nordischen Wäldern. Noch sind die Baumäste kahl, doch dicht am Haus haben sich bereits Schneeglöckchen und Krokusse eingefunden, verpackt in einem Erdboden, der des Nachts noch in Eiseskälte erstarren wird. In den Niederungen liegen die Sümpfe noch unter brüchigem Eis. Irgendwo bellt ein Hund, eine Kreissäge kreischt. Der Träumer in ihm ist nicht totzukriegen.


    Plötzlich ein Beben, dann ein Grollen, ein Donner, der über die Wälder kommt. Das Eis des Orrefors-Sees bricht auf mit lautem Getöse, gleich starken Explosionen. Diese Geräusche – da sind sie wieder, die Bilder von einst, sie drängen sich mitunter hinter seine Stirn: Er jagt als Ausbilder junge Männer über das Übungsfeld. Jahre danach greift er zum Kugelschreiber und schreibt über jene, wie sie sich plagen, wie sie das Notwendige meistern lernen. Ja, er hat als Offizier und Militärjournalist in der Nationalen Volksarmee zweiunddreißg Jahre mitgewirkt an einer Alternative zum Krieg, an einem Entwurf für ein großartiges Gesellschaftsgemälde. Darauf ist der einstige Oberstleutnant stolz. Nicht aber darauf, daß man im kleinen Land mit der Zeit vieles vermasselt hatte. Eine ganze geschichtliche Periode, ein Startversuch in ein menschenwürdigeres Dasein ist durch Unvermögen abgestürzt. Auf absehbare Zeit unwiderruflich. Verspielte Chancen! Und was dann kam ...


    Nun aber aalt er sich in der Vormittagsstunde auf der Sonnenbank, freut sich darauf, mit Cleo, seiner Frau, auch heute wieder kilometerweit zu wandern, hin und wieder zu schreiben an seinen Tagebuchnotizen oder zu malen. An wärmeren Tagen wird er seine Staffelei in den Garten stellen, Farben und Pinsel bereit legen. Ja, er hat wieder Lust, seinem späten Hobby nachzugehen. Ihm schwebt ein Ölgemälde vor, mit roten Rosen, Tulpen, Dahlien, Gladiolen, Kapuzinerkresse. Er sieht sie schon vor sich, die sommerlichen Farbtupfer im Garten, und mittendrin das schwedische Holzhaus. Ja, das will er malen ...



    Das kleine Schwedenhaus


    Es ist bei weitem kein repräsentatives Traumhaus, in dem Cleo und Henry seit 1996 leben, eher ein bescheidenes, aber sehr schmuckes kleines Holzhäusel mit vier Zimmern. Ausreichend für sie, ihre tollen Kinder und Enkel, die, so oft es geht, gern zu Besuch kommen. Das Grundstück umfaßt einen 900 Quadratmeter großen Garten, bewachsen mit riesigen Haselnußhecken, drei imposanten Wacholdern und einer gewaltigen, etwas altersschwachen Birke. Das Haus hat – ganz schwedentypisch - zwei Eingänge, um in strengen Wintern bei Schneeverwehungen zwei Notausgänge zu haben. Im Wohnzimmer steht ein antiker weißer Porzellankachelofen, der bis zur Decke reicht. Dieser ist auch als Kamin nutzbar. Geheizt wird nur mit Holz, das es ja in Schweden zur Genüge gibt. Ein Durchgang führt zum Eßzimmer. Vom runden Tisch aus hat man nach allen Seiten einen herrlichen Blick in den am Grundstück angrenzenden Wald. Steigt man die Holztreppe hinauf, findet man zwei Zimmer mit schrägen Wänden, das Schlafzimmer in Hellblau mit weißen antiken schwedischen Möbeln, das Gästezimmer ganz in Rosé. Ein Schmuckstück auch das voll geflieste Bad mit Holzdecke und romantischen Badraummöbeln im gleichen Dekor. Außergewöhnlich schön ist die Herbstzeit. Dann liegt oft ein wenig Schwermut über dem stillen Ort Gadderos (im Glasreich Smaland gelegen) mit seinen roten, gelben oder braun-weißen Holzhäusern. Am frühen Nachmittag kriecht langsam aus den Wäldern die Dunkelheit hervor und hinter den Fenstern leuchten die Schwibbögen.


    Harry Popow: „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder.“ Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3


    Hier der Blog des Autors: http://cleo-schreiber.blogspot.com

    ...und andere
    missvergnügliche
    Anfechtungen


    Buchtipp von Alex Schumann


    Morgendämmerung! Das ist Hoffnung. Dass der Tag gut verlaufen möge. Doch der fängt mit Aufstehen an. Also raus aus dem Bett. Dem vorauseilenden Licht entgegen. Du überwindest Dich. Tag für Tag. Welche Leuchtfeuer weisen Dir heute den Weg? Welche Schatten werfen sie? Ist das stets vorauszusehen? Du suchst Halt. In Deinem eigenen Wollen. In den Lichtblicken, die Du in Dir hast. Die musst Du im Auge behalten. Sonst verlierst Du den Weg, den Du gehen willst. Das Wachsein ist Deine Stärke. Lichtpunkte sind Perlen, die Kraft verleihen... Einer Kraft des Sehens und Begreifens, des Tuns...


    Perlen der Erkenntnis findet man – wer wüsste das nicht - sowohl im Alltag, als auch beim kritischen Lesen. Über fünfunddreißig Rezensionen zu politischen Sachbüchern wollten – in guter Zusammenarbeit mit der Neuen Rheinischen Zeitung, Herausgeber und Redakteur Peter Kleinert – von Harry Popow gründlich durchforstet und besprochen werden. Welch ein Vergnügen des Denkens, von dem Berthold Brecht schrieb. Dabei erinnere ich mich u.a. an das Buch von Joe Bageant „Auf Rehwildjagd mit Jesus. Meldungen aus dem amerikanischen Klassenkampf“. Dazu schrieb der Autor eine Rezension, in der ich folgende Textstelle sehr interessant fand: Das Denken vieler Amerikaner drehe sich um das eigene Wohl, gegen Krieg haben sie weitgehend nichts und die Arbeiterklasse will vom Klassenkampf nichts hören. Ohne Bildung, meint Joe Bageant, könne sich nichts ändern: „Was meine Leute wirklich brauchen, ist jemand, der einmal ordentlich auf den Tisch schlägt und laut und verständlich sagt: ´Hört mal zu, Ihr verdammten Büffelhörner! Wir sind blöder als ein beschissener Hackklotz und hätten dafür sorgen sollen, dass man uns was beibringt, damit wir wenigstens ein bisschen kapieren, was in dieser beschissenen Welt abläuft.´“


    Wer haut hierzulande auf den Tisch? Es sind Autoren, die nach vorne denken und schreiben, es sind deren Werke, die nicht auf die Bestsellerlisten gelangen und auch in Printmedien als Rezensionen kaum zu finden sind und dennoch tiefgründig recherchierte Wegweiser darstellen. Folgen Sie den Spuren Platons und anderer Intellektueller und lassen sich inspirieren von deren Kraft der überzeugenden Worte. Besuchen Sie das sowjetische Ehrenmal in Treptow und lesen Sie eine interessante Zwiesprache mit Tamara... Oder gewinnen Sie Einblick in Begegnungen der nicht sehr erfreulichen Art, so zum Beispiel mit einem „Braven Soldaten“. Oder amüsieren Sie sich über ein „fiktives“ Wortgefecht mit einem, der Substanz für ein Gewürz hält. Oder erleben Sie eine Feld- und Waldwanderung, die mit einer kleinen Überraschung endet. Oder die Premiere eines italienischen Dokumentarfilms im Filmtheater Babylon. Oder den Dank eines Piraten für die Besprechung seines Buches. Oder in dem Buch „Blattkritik“ den Frontalangriff auf die Medien und deren Geldgeber. Oder wie man die Konsumenten zum Shoppen verführen will. Oder wie und warum Mord´(s)geschäfte vom Staat geduldet und gefördert werden. Oder die Tränen des Vaterlandes zu Problemen Israels zu den Palästinensern. Oder wie man mit Gott auf Sklavensuche geht. Oder wie eine Chamäleon-Dame ihr Volk verschaukelt. Oder wie Mumia Abu-Jamal in einem amerikanischen Dok-Film sehr warmherzig und lebendig als aufrechter Klassenkämpfer beschrieben wird. Oder wie Daniela Dahn das Privateigentum an Produktionsmitteln unter Beschuss nimmt...


    Nicht weniger interessant: Essays sowie Tagebuch- und Blog-Notizen einschließlich E-Mails zum politischen Alltag. Selbstverständlich – wie kann das anders sein - aus sehr subjektiver und privater Sicht des Autors. Lassen Sie sich kurzweilig entführen in die Welt des Widerstands gegen gewollte Sinnentleerungen, bewusst provozierter Hohlköpfigkeit. Zu entdecken sind Lichtblicke, die der Morgendämmerung vorauseilen...


    Harry Popow: „Dem Morgendämmern vorauseilende Lichtblicke“, 218 Seiten, Preis: 15 Euro – Versandkostenfrei, Oktober 2013, 1. Auflage, Druck und Verlag: dbusiness.de Digital Business and Printing Gmbh, Prenzlauer Allee 174, 10409 Berlin, Buchbestellungen bitte über die Mail-Adresse: info@copyhouse.de, www.copyhouse.de


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    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19604


    Blogadresse von Harry Popow: www.cleo-schreiber.blogspot.com

    „Die Jahrhundertlüge, die nur Insider kennen“ - von Heiko Schrang



    Torschütze und lahmes Schaf?



    Buchtipp von Harry Popow



    Ein Fußballmatch läuft ähnlich ab wie ein Spiel im realen Leben. Viele stürmen das gegnerische Tor, zwei stehen abwartend in den Toren und die Masse der Zuschauer sitzt jubelnd in den Rängen. Der Autor Heiko Schrang verkörpert alle drei Positionen in einer Person. Sein Buch muss man nicht nur gelesen haben, sondern auch verdauen: „Die Jahrhundertlüge, die nur Insider kennen.“



    Der Autor, geboren 1969, ist bekennender Buddhist. Im Untertitel heißt es „erkennen – erwachen – verändern.“ Es liest sich spannend, allein schon wegen der recht unbekannten skandalösen politischen Fakten als auch wegen der Kapitel. Aber: Es ist interessant und enttäuschend, aufklärend und lähmend zugleich. Sowohl als auch, wie der Autor oft betont in seinem Text. Wissend, dass ich gegen den Strom vieler Kommentatoren, die dieses Buch über den grünen Klee loben, schwimme, sage ich, es ist auch ein gefährliches Buch.



    Zur Sache: Was nur Insider kennen, will natürlich auch der Leser wissen. Und tatsächlich, der Autor schießt nahezu auf jeder Seite dieses zweigeteilten Textes Tore in das kapitalistische Machtsystem, weshalb auch klar ist, dass dieses Buch, wie Heiko Schrang schreibt, nicht in den großen Buchhandlungen zu finden sein wird. Andererseits: Ich habe noch niemals ein politisches Sachbuch gelesen und rezensiert, dass dermaßen widersprüchlich in seinen inhaltlichen Aussagen ist. Es teilt sich in zwei Teile. Der erste Teil widmet sich den objektiven Machtverhältnissen und ist deshalb der Kapitalelite selbstverständlich zu heiß und ein Dorn im Auge. Der zweite Teil dieses Textes kommt einem privaten Selbsttor gleich, denn da verfällt der Autor – es ist sein gutes Recht – in eine die Kapitalherrschaft duldende Buddha-Position. Und dieser Standpunkt, auf den noch eingegangen wird, befindet sich in Kongruenz mit der bürgerlichen Ideologie der Nur-Selbstbestimmung des Menschen, seines gottgewollten Daseins und letztlich der Aussage, dass das Bewusstsein das Sein bestimmen würde und nicht umgekehrt. Idealismus pur!



    Beifall zunächst für die mühevoll recherchierten und teilweise in der Öffentlichkeit geheimgehaltenen Fakten des ersten Teils dieser Dokumentation. Aus der Absage von Verlagen, das Buch zu drucken, zieht er mit Recht den Schluss, „dass starke Abhängigkeiten zwischen Politik, Wirtschaft und Medien bestehen,...“ (S.9) Den ersten Volltreffer – wie kann es anders sein, wenn man vom dialektischen Prinzip Ursache und Wirkung ausgeht – landet er im Bereich der Bankenherrschaft. „Eines der wohl bestgehüteten Geheimnisse, (…) ist die Tatsache , dass die amerikanische FED (Federal Reserve Bank) keine staatliche Einrichtung, sondern eine Privatbank ist, die im Jahre 1913 gegründet wurde.“ (S. 13) Unter der Führung der beiden Großfinanzgruppen Rothschild und Rockefeller, so der Autor, wurde eine private Zentralbank mit dem Recht geschaffen, eigenes Geld zu drucken und auszugeben, was gegen die amerikanische Verfassung verstieß. Dieser Schwindel bewirkte, dass sich die Gütermenge der Welt in den letzten 30 Jahren nur vervierfachte, während „sich die Geldmenge um das Vierzigfache vermehrt“. (S.14) Die FED habe vor allem durch Obligationen der US-Regierung das Pfandrecht – staatlich und privat – auf den Grundbesitz der gesamten Vereinigten Staaten von Amerika. Zahllose Gerichtsverfahren, diese Machtanhäufung rückgängig zu machen, seien bisher ohne Wirkung geblieben. So habe John F. Kennedy 1963 dies versucht, um der Regierung zu ermöglichen, „wieder ihr eigenes, schuldenfreies Geld“ herauszugeben, ohne auf die Kreditaufnahme angewiesen zu sein. Auch aus diesem Grund bezahlte er dafür noch im gleichen Jahr mit dem Leben. Es sei kein Wunder, dass durch die Senkung der Kaufkraft des Dollars seit 1913 um ca. 98 Prozent immer mehr Staaten versuchen, sich dem Betrug zu entziehen und ihre Handelsbeziehungen auf Euro-Basis umstellen wollen, was für die USA enorme Verluste bedeuten würde. (S. 14/15)



    Heiko Schrang setzt seine Torschüsse punktgenau auf den 256 Seiten an und entlarvt sowohl unser Geldsystem, das auf dem Prinzip von Zins und Zinseszins beruht, als auch die Auslegung des Grundgesetzes der BRD, das „dem aus Zins entstandenen Eigentum mehr Schutz einräumt, als dem Erarbeiteten“. (S. 21) Er wirft Bonn Verrat an der D-Mark vor und offenbart, dass in Wahrheit hinter den Entscheidungen zur Abschaffung der D-Mark die „heimliche Nebenregierung der EU, der ERT (European round table of industrialists) stehe. Dieser hätte bereits im Frühjahr 1991 einen Fahrplan für eine Währungsunion veröffentlicht. (S.26) Aufs Korn nimmt er die Zerstörung der Nationalitäten durch die EU-Bürokraten, hinter denen ganz andere Interessen- gruppen, wie zum Beispiel die Bilderberger, stehen, sowie die still und leise erfolgende Entsorgung der Demokratie. Man spreche sich sogar für ein Ende „der Souveränität der Parlamente in Europa“ aus. „Das wäre dann mit dem Ende der alten demokratischen Ordnung verbunden und käme einer Diktatur in Europa nah,“ schreibt der Autor auf Seite 30.



    Entlarvende Torschüsse fallen gegen Verschwörungen, wie zum Beispiel Goldmann-Sachs. Dieses unsichtbare Imperium habe ein Vermögen von mehr als 700 Milliarden Euro und übersteige „das Budget des französischen Staates um das Zweifache“, so der Autor. Der Börsenhändler Alessio Rastani sagte in einem Interview der britischen BBC im Herbst 2011: „Nicht die Regierungen beherrschen die Welt, sondern Goldmann-Sachs regiert die Welt.“ (S. 41) „Gefährlich“ nahe kommt der Autor auch dem oft unterdrückten Thema der Geldgeber für Hitler, wobei auch die USA ihre Hände im Spiel hatten. Scharfe Schüsse lässt er fallen, um die Hintergründe und vorgetäuschten Anlässe von Kriegen ans Tageslicht zu zerren, so Pearl Harbor, den Tonkin-Zwischenfall (Vietnamkrieg), die Irakkriege, die Afghanistan-Lüge, die Lybienlüge. Er zählt die mysteriösen Todesfälle auf, Opfer auch in Politik und Wirtschaft.



    Deshalb nochmal zum Fall Kennedy: Er wollte nicht nur die FED durch eine staatliche Zentralbank ersetzen, sondern auch den Vietnamkrieg beenden sowie der Entwicklung „von Atomwaffen in Israel Einhalt gebieten“. (S. 91) Er warnte vor einer Verschwörung der Strippenzieher im Hintergrund, die „mit dem Einsatz größter Geldmittel entscheidenden Einfluss auf die Politik“ nehmen, „um Zensur und Überwachung einführen zu können“. (S. 92) Offen bekannte der Milliardär David Rockefeller 2002 in seinen Memoiren: Man sei gut vorbereitet, „um zu einer Weltregierung zu gelangen. Die übernationale Autorität und Kompetenz einer intellektuellen Elite und der Weltbanker ist sicher eher zu bevorzugen, als zu erlauben den einzelnen Nationen sich selbst zu entwickeln (...)“. (S. 93)



    Nicht zu vergessen die nicht aufgeklärten Todesfälle von Rohwedder, Herrhausen, Barschel, Möllemann u.a. Ein ganzer Abschnitt ist den Illuminaten gewidmet, deren Orden ebenfalls „die Errichtung einer neuen Weltordnung – in Verbindung mit einer Weltregierung“ anstreben, ebenso wie die bereits erwähnten Bilderberger, die als unsichtbare Regierung im Mai 1954 in den Niederlanden gegründet wurden. (S. 137) Peinlich für 29 deutsche Politiker, die als Teilnehmer der Bilderberger-Treffen namentlich genannt sind, unter ihnen Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Guido Westerwelle. (S. 141)



    So knallhart der Autor die Mächtigen dieser Welt gegen das Schienenbein tritt, so zaghaft und zurückhaltend verhält er sich als Torhüter oder Nur-Zuschauer. Eben noch beschießt er Schuldige, Banken, das Kapital, die Illuminaten, Bilderberger und Freimaurer – und nun kneift er. Zieht sich als bekennender Buddha auf sein Ich zurück, auf dessen Position, die da lautet: „Jeder Mensch erschafft sich seine Welt mit seinen Gedanken“. (S. 222) Dabei gehört zum wichtigsten Erbe der Klassiker, dass jegliche Veränderungen und Erscheinungen in der Gesellschaft nicht aus den Köpfen kommen, sondern aus der Produktionsweise und dem Austausch der Produkte.



    Schrang mahnt, man dürfe bei der oben beschriebenen Faktenlage nicht „stehen bleiben“. Allerdings verändere man gar nichts, sagt er, „wenn Sie diese Personen oder Gruppen für die Weltprobleme verantwortlich machen und womöglich noch bekämpfen“. (S. 152) Man solle in der heutigen hektischen Welt mehr nach seinem Inneren Ausschau halten, um dort Ruhe und Gelassenheit wiederzufinden. (Was im übrigen ohnehin die meisten machen.) Auf Seite 184 heißt es: „Wenn Sie sich ändern, dann ändert sich automatisch Ihre Welt und die Welt um Sie herum.“ Man solle sich mehr Zeit nehmen, nach innen zu schauen und sich die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen, was ja auch richtig ist. (S. 217) Sehr befremdlich ist, wenn Heiko Schrang nach den Ursachen von Kriegen forscht indem er behauptet, dass die meisten Kriege von Menschen begonnen wurden, „die Minderwertigkeitskomplexe hatten und sich im Innersten schwach und unglücklich fühlten“. (S. 187)



    In der Meditation finde man „innere Wahrheit und Glück “. (S. 195) Man solle nicht nach Schuldigen in der Außenwelt suchen, „da wir wissen, dass diese nur eine Spiegelung unserer inneren Welt“ darstelle. (S. 222) Man strebe eine Welt ohne Schuldzuweisungen und Verurteilungen an!!! Die Aktivitäten protestierender Bürger lähmend und nahezu gefährlich wirkt jedoch, wenn der Autor den Zeigefinger erhebt, nicht gegen den Krieg zu kämpfen, sondern den Frieden in sich selbst herzustellen. (S.183) Das ist selbstverständlich seine Sache und seine private Sicht. Er geht jedoch nicht davon aus, dass die Erfahrungen und Erkenntnisse der Leser deckungsgleich mit denen des Autors sind.



    Was bleibt da dem schwachen Leser übrig, als sich ebenfalls auf die Ränge des Stadions zu begeben und mit Frohsinn abzuwarten, wie eine erfolgreiche Mannschaft ihre Tore schießt. Man bleibt außen vor und trägt nur Verantwortung für sich selbst. Beim Spiel mag das angehen, beim Spiel des Lebens geht das – wie die Geschichte und die Gegenwart leider zeigen – finster aus. Der Schlusssatz geht so: Man gehe von außen nach innen und dann wieder von innen nach außen, „um unsere Welt zu verändern“. (S. 229) So wird der angriffsfreudige Torschütze „Buddha“ zu einem lahmen Schaf...



    Heiko Schrang: „Die Jahrhundertlüge, die nur Insider kennen“, Macht-steuert-Wissen Verlag, ISBN: 978-3-9815839-0-8, 256 Seiten, 4. Auflage 2013, Preis: 24,90 Euro, Druck und Bindung: Media-Print Informationstechnologie GmbH, 33100 Paderborn.


    Erstveröffentlichung in der Neuen Rheinischen Zeitung
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19421


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com

    „Freiwillig zu Diensten?" - von Claudia Pinl


    Mit Gott auf „Sklavensuche“


    Buchtipp von Harry Popow


    Haben wir das nötig? Das ach so reich gewordene aber im globalen Konkurrenzkampf armgesparte und im Sinken begriffene Staatsschiff benötigt Freiwillige, die kostenlos einspringen und retten, was es für die Machteliten zu retten gibt, denn die Kassen fürs Soziale sind leer. Deshalb der Aufschrei: Bürger, begebt Euch in die Schulen, Kirchen, Sport- und Kulturvereine sowie in die Krankenhäuser und leistet freiwillig Sozialarbeit. Denkt an die katholische Soziallehre, die dafür plädiert, dass dem Staat nur solche Aufgaben aufgebürdet werden sollen, die die Einzelnen, sprich besonders die Familien, nicht alleine tragen können. Denkt an die barmherzigen Samariter, denkt an die Bibel, denkt an die heilige Elisabeth von Thüringen, die die Armen speiste. Das war vor 800 bzw. 200 Jahren. Und heute? Mehr Selbst- und Nächstenhilfe! Helft mit, den Staat schlanker zu machen. Hebt Euren Arsch, denn es ist vorbei mit dem „Wohlfahrtsstaat“.

    Im verklausulierten und „hochintelligenten“ Bürokraten-Hochdeutsch klingt das so: Es gehe darum, „als Staat, Zivilgesellschaft und Unternehmen, sich auf Augenhöhe für ´Good Governance´ einzusetzen...“. „Ehrenamt als innovierende Ressource“, das „Investment in Gemeinwohl“. Es gehe um „Trisektoralität“, um „Kompetenz- und Wissensplattform“, um „Vernetzung der Player aus Zivilgesellschaft und Medien“, um mit diesen „Akteuren bürgerschaftliches Engagement in der Fläche umzusetzen“. „Staatliche Institutionen können Probleme wie Bildung oder den demographischen Wandel nicht allein stemmen.“ Aber in welcher Form, darüber müsse diskutiert werden, ob „bottom up“ oder „top down“, beides gehe, wenn nur die „Player“ ihre „Netzwerk-Rolle“ lernten.


    Wer soll das verstehen? Ich habe diese trostlose und verblendende Fremdheit im sprachlichen Ausdruck deshalb an die Spitze meiner Rezension gesetzt, weil das zu besprechende Buch eben diese Hilflosigkeit auch im Politischen ins Visier nimmt. Es geht um das Buch von Claudia Pinl mit dem Titel „Freiwillig zu Diensten?“. (Die Zitate sind den Seiten 77 und 79 entnommen.) Wenn man dieses interessante Büchlein von 144 Seiten liest, dann weiß man nicht nur, was man von seinem Staat jetzt und demnächst zu erwarten hat, dann erkennt man auch: Dieser ehemalige Wohlfahrtsstaat, nein, die ganze kapitalistische Gesellschaft, spuckt so Stück für Stück seine soziale Fürsorge aus. Im Interesse des Überlebens in der neoliberalen Welt, im Interesse des Profits macht sich der Staat schlank, wie er selbst behauptet. Weg mit sozialer Verantwortung für alle, vor allem für die Schwächsten. Weg mit vom Staat bisher gestützten Hilfsdiensten. Jeder sorge für sich alleine. Und man finde sich zu Grüppchen zusammen und helfe sich gegenseitig. Der neue Individualismus feiert seine Wiedergeburt. Nichts da mit großer Gemeinschaft. Nur die macht Sinn und kostet nichts, die sich selbst zu helfen weiß.


    Die Autorin wurde 1941 geboren, war Rundfunk-Journalistin, Bonner Korrespondentin der „taz“ und Fraktionsmitarbeiterin der Grünen im Bundestag. Die Publizistin und Autorin schrieb Bücher über Frauen und Arbeit, zum Geschlechterverhältnis und zu neokonservativen Entwicklungen in der Gesellschaft.


    Man baue heuchlerisch und irreführend auf eine große Bereitschaft zum Engagement, so Claudia Pinl. Das drücke sich aus in den Begriffen „Zivilgesellschaft“, „Engagement“, „Bürgersinn“ und „Freiwilligenarbeit“. Sie erinnert daran, Bildung, Kultur, kommunale Infrastruktur und soziale Sicherung seien öffentliche Aufgaben, die mit Steuergeldern finanziert werden müssen, „unter anderem deshalb, um Arbeitsplätze zu erhalten“. (S. 9) Der Sozialstaat sei klamm, sagt sie. Nun sei das „soziale Kapital“ an der Reihe, die Versorgungslücken zu füllen. Es sei beschämend, „dass Deutschland unter den Industrienationen nur einen geringen Anteil seines Bruttosozialproduktes für Bildung ausgibt - „trotz einiger Steigerungen in den letzten Jahren“. „Durch Steuer-Reformen zugunsten von Unternehmen und Reichen hat es sich in den letzten zwanzig Jahren erfolgreich selber die Grundlagen für die Finanzierung von Sozialem, Kultur und Bildung beschnitten“. Für einen Ausweg, der keiner sein kann, werde mit aller Macht die Werbetrommel gerührt. Ehrenamtstage, Ehrenamtspreise, Wochen des bürgerschaftlichen Engagements, nationale und internationale „Jahre der Freiwilligenarbeit“ würden einander ablösen. Gratisarbeit also in Schulen, Kitas, Büchereien, Krankenhäusern, Spielplätzen, an Museumskassen, bei der Grünpflege und in Schwimmbädern. Damit solle der Mangel an Pflegekräften, Erzieherinnen und kommunalen Bediensteten kompensiert werden. Weggenommen würden dadurch qualifizierten Langzeitarbeitslosen die letzten Reste an Beschäftigungsmöglichkeiten. (S. 10)


    Es gehe nicht darum, so die Autorin, die positiven Seiten des selbstlosen Engagements herabzusetzen. (23 Millionen Ehrenamtliche gebe es in Deutschland.) „Es geht darum, die ständigen Appelle an unsere Hilfsbereitschaft und Verantwortung in Beziehung zu setzen zum Abbau sozialer Sicherheit, zur Privatisierung und Kommerzialisierung von Pflege und Gesundheit, zur finanziellen Austrocknung der Kommunen, zur Unterfinanzierung von Kultur und Bildung, zur Vermögenskonzentration und zu wachsender Armut.“ (S. 11) Der Staat drücke sich mehr und mehr vor seiner sozialen Verantwortung.


    Um keine schiefen Bilder aufkommen zu lassen: Freiwillige Arbeit im Dienste des Staates nahm ihren Anfang bereits Anfang des 18. Jahrhunderts. Das Vereinswesen im „19. Jahrhundert und zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde geboren, um akuten gesellschaftlichen Missständen abzuhelfen“, so zum Beispiel die Freiwilligen Feuerwehren. Zudem waren „Wohlfahrtsverbände eine Antwort auf die Verelendung breiter Massen der Bevölkerung...“ Bismarck nahm 1883 der „sozialen Frage“ mit der Einführung der Sozialversicherung ein Stück weit die politische Brisanz, schreibt die Autorin auf den Seiten 14/15.


    Was aber derzeit in Deutschland abläuft, um mit Freiwilligen das sinkende Gesellschaftsschiff über Wasser zu halten, hat nichts mehr mit „Dienst am Menschen“ zu tun. Es ist kotzüble Ausbeutung im Interesse des Kapitals, das sich anschickt, im sozialen Bereich völlig den Hahn zuzudrehen, sich zurückzuziehen aus jeglicher Fürsorge für sozial Schwache. Man kann das auch den „Rettungsschirm“ im menschlichen Bereich nennen. Claudia Pinl legt die Finger auf die ursächlichen Wunden: Nach den Ölkrisen 1973/1979 stagnierte das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern. Das Ende der Nachkriegs-Wohlfahrtstaatlichkeit wurde eingeläutet. Durch Senkung des Spitzensteuersatzes 1981 in den USA von 70 auf 33 Prozent vertiefte sich drastisch die soziale Spaltung. (S. 17) Und in Deutschland? „Die Vermögenssteuer wurde ausgesetzt; der Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer von 53 Prozent auf 42 Prozent vermindert, (…), die Unternehmenssteuern (…) abgesenkt; Firmenverkäufe nicht mehr besteuert; Steuern auf Kapitalerträge und Erbschaften gesenkt (…), so dass manches Unternehmen und mancher Millionär ganz legal gar keine Steuern zahlen“. (S. 121) Nach 1990 gab es zwar in den westlichen Bundesländern einen Wirtschaftsboom, dem aber folgten krisenhafte Prozesse. Und nun hieß es: Das Sicherheitsnetz aus Ansprüchen solle in ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung umgewandelt werden.


    So entsteht eine Armee von Sklaven, die dem sterbenden „Vater Staat“ dessen Pflichten abnimmt und der Gesellschaft Zukunft bescheren soll. Sie haben dort einzuspringen, wo Fachkräfte, (die nicht mehr bezahlt werden können), fehlen. Fehlt aber geschultes Personal, so sind Fehler und Pannen vorprogrammiert. Zur Vertuschung wird dem krampfhaften Ruf nach Gratisarbeit, „ein scheindemokratischer Ton unterlegt, die Not wird zur Tugend umdefiniert.“ (S. 144) Frau Pinl warnt vor Gutgläubigkeit, den Ausputzer für die Folgen politischer Fehlsteuerung zu spielen. (S. 143)


    Im Einzelnen führt die Autorin dem Leser vor Augen, wie durch Wörter wie „Nachhaltigkeit“ oder „Sozialinvestitionen“ Rechtsansprüche auf „soziale Absicherung“ abgebaut werden sollen. Sie erinnert an die Agenda 2010, wo dem Publikum „zynischerweise“ die Ausdehnung des Niedriglohn-Sektors als „Beschäftigungsförderung“ verkauft wurde. Private Stiftungen und andere, demokratisch nicht legitimierte Akteure der zivilen Bürgergesellschaft sollen u.a. durch Steuerbefreiungen gefördert werden und dem sozialen Abbau entgegenwirken. (S. 23)


    Auf Seite 83 stößt die Autorin in die Hintergründe des Stiftgebarens der Sponsoren. In der Regel lassen diese sich nicht in die Karten gucken, sondern verschleiern ihren Profitanteil. Einerseits schweigen sie auf entsprechende Fragen, andererseits lassen sich die Zusammenhänge leicht durchschauen, so am Beispiel des Bulettenmultis McDonalds, der „den Bau eines Elternhauses neben einer Kölner Klinik unterstützt und damit reichlich Werbung treibt“. (S.84) Oh, wie wichtig das Sponsoring durch die Privatwirtschaft ist! Sie gibt zurück, was sie an Steuern eingespart hat. „Seither keine Opernaufführung, kein Literaturfest, kein Konzert ohne die unvermeidlichen Firmenlogos“, so vor allem im Sport. (S. 85)


    Welche Ideologie steckt hinter diesen neuen „Herausforderungen“ an jeden Einzelnen? Die Autorin verweist vor allem auf den Umschwung im Denken und Handeln der Obrigkeit nach der Wende 1989, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Da war es plötzlich vorbei mit dem hochgeputschten ökonomischen und geistigen Abwehrdruck gegenüber dem Osten. Und dann kam die Gesellschaftskrise. Die Globalisierung forderte ihr Recht. Die Krise erfasste die Weltwirtschaft. Was blieb übrig, als das kostenschwere Paket des Sozialen Schritt für Schritt aufzuschnüren und zahlreiche einstige Hilfeleistungen fürs Volk in Luft aufzulösen oder sie privaten Machenschaften zu überlassen. Nicht zu vergessen: Die Verursacher von Reichtum und Armut sind ein und dieselben Akteure. Da bleibt alles in Stein gemeißelt, trotz der dankenswerten Bemühungen der Autorin um Zustandsforschung und der Aufforderung, sich von der Almosengesellschaft zu verabschieden. (S. 144) Da ist also nichts zu machen (?): Freiwillige Sklaven an die Front. Plant privat Sozialarbeit ein. Wenn nicht – wir können auch anders... Auch wieder im Namen Gottes... (PK)


    Claudia Pinl, "FREIWILLIG ZU DIENSTEN? - Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit", NOMEN Verlag, Frankfurt am Main 2013 - Paperback - 144 S. - EUR 14,90 - ISBN: 978-3-939816-18-8

    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19341


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com


    Edit: Name des Autors im Threadtitel und die ISBN ergänzt. LG JaneDoe

    Der Herr der Lüfte


    Buchtipp von Harry Popow



    Zum Autor: Geboren 1936, beendete Eckhard Lange nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone in Steinhöfel / Kreis Angermünde die Grundschule, erlernte den Beruf des Landmaschinenschlossers, meldete sich zur Kasernierten Volkspolizei, wurde Segelflieger und ehrenamtlicher Fluglehrer, arbeitete später bei INTERFLUG als Flugzeugmechaniker und Meister und wurde sogar - trotz äußerer und innerer Widersprüche - „Held der Arbeit“. Eckhard Lange hat zwei Töchter und zwei Enkelinnen und hat es schließlich bis nach Namibia geschafft.


    Zum Buch: Was kann einem Jugendlichen besseres passieren als dies: Er erwischt eine solide Ausbildung, später sogar einen festen Arbeitsplatz. Wenn er dies noch verknüpfen kann mit einem Wunschberuf, vielleicht sogar mit seinem Hobby, dann sind schon mal etliche Glückswürfel gefallen. Wer schüttelt da den Kopf und stöhnt, da gäbe es wenig Chancen?


    Nicht so ein Siebzehnjähriger. Der hatte einst hochfliegende Pläne. Damals zu DDR-Zeiten! Er heißt Eckhard Lange. Heute ist er weit über siebzig. Er hat aufgeschrieben, wie er die Chancen in der neuen Gesellschaftsordnung genutzt hat. Sein Buch nennt er „Zwischen Start und Landung“. Es ist sein Lebensbericht. Ein doppeldeutiger Titel - für Jung und Alt gleichermaßen hochinteressant: Keine Sorgen, ordentlich und solide ausgebildet zu werden. Keine Bange, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Keinen großen Geldbeutel, um schon als Jugendlicher in die Segelfliegerei – seinem ersehnten Steckenpferd – einzusteigen.


    Was er dem geneigten Leser präsentiert, das ist nicht nur sein Interesse für die Flugtechnik, nein, das ist auch ein Stück Alltag der DDR. Was dazugehörte: Viel Enthusiasmus, viel Schweiß und Fleiß – verbunden mit so manchen persönlichen Opfern – sowie Charakterstärke, um sich durchbeißen und behaupten zu können. Ob als ehrenamtlicher Segelfluglehrer oder auch als Mitarbeiter bei INTERFLUG, sozusagen im weiten Vorfeld des heutigen Desaster-Großflughafens Schönefeld. Der Alltag vor und während der Wende – ganz aus persönlicher Sicht. Gespickt mit interessanten und lebendig geschilderten Episoden und Eindrücken. Er hilft, Pannen im Betriebsgefüge zu meistern, er wird von seiner Brigade anerkannt, er empfindet Freude und Stolz, erlebt eine gute Kameradschaft zwischen den Arbeitskollegen. Bis eben das Ende der DDR eingeläutet wird. Auch diese bittere Pille schluckt er, der Arbeiter.


    Auf 168 Seiten – mit zahlreichen Fotos und Dokumenten illustriert – , erfährt der Leser in diesem Buch den Aufstieg des Eckhard Lange zu einem sinnerfüllten Leben. In diesem authentischen Lebensbericht, aufgeschrieben als Ghostwriter von mir – schildert er, wie er in den Aufwind der neuen Gesellschaft kam, seine Möglichkeiten nutzte und seine verantwortungsvollen Aufgaben mit Bravour meisterte. Wie er, der Flugzeugmechaniker und Segelflieger, nach 1989 im Zenit seines Lebens in Afrika das goldene Segelfliegerabzeichen mit drei Diamanten absolvierte. Wie er, der Fluglehrer, auch heute noch seine Erfahrungen an die Jüngeren weitergibt.


    Im Detail: Eine Anzeige in der Zeitung, viele Jahre nach der Wende: Das weltbeste Segelflugzentrum in Namibia sucht einen Werkstattleiter und Motorenwart. Der erfahrene Segelfluglehrer schickt sofort eine Bewerbung nach Afrika. Bevor er Antwort erhält, erinnert er sich seiner Kindheit in Pommern. Er, der neunjährige Eckhard, Sohn eines Landbäckers in Uchtdorf (heute Lisie Pole in Polen) trotzt dem Vater. Er will nicht in dessen Fußstapfen treten. Er will nicht backen, nicht Kühe hüten. Was Technisches soll es sein. Verfolgt mit staunenden Blicken die Flugzeuge, die in diesen End-Kriegszeiten des Jahres 1944 über dem Dorf dahinjagen. Ja, er will später mal fliegen, ebenso wie die da oben. Seine Träume sind hochfliegend in einer Zeit, in der es ums Überleben geht. Sein Vater warnt ihn: „Das ist nichts für dich, bleib auf dem Boden!“ Doch der Trotz in dem Jungen ist nicht totzukriegen.


    Endlich die Befreiung. Nach der Flucht aus Pommern ein Neubeginn in der Sowjetischen Besatzungszone. Und nun will der Träumer endlich durchstarten. Wieder trotzt er dem Vater, als dieser ihn ermahnt, dieser Sozialismus würde sich nicht lange halten. Eckhard aber will selbst die Weichen für sein Leben stellen. Er erlernt den Beruf des Landmaschinenschlossers, hält aber weiter Ausschau nach weit oben. Die Kasernierte Volkspolizei, hört er, suche Leute, auch für die Flugausbildung. Er schmettert ihnen ein Nein entgegen, als Werber den jungen Mann an die Grenze schicken wollen. Da ist er wieder - sein Trotz.


    Für Kenner der Segelfliegerei besonders spannend: Das Leewellenfliegen über dem Riesengebirge in der damaligen Volksrepublik Polen. Er berichtet – übrigens mit viel Witz und Humor – von seiner ersten großen Entscheidung, „Trapper oder Pilot“ zu werden, von einem „Agenten“ am Straßenrand, von einem Absturz eines Kameraden, von viel Geheimnistuerei um den 13. August 1961 herum, von notwendigen Tüfteleien bei Arbeiten auf Flugplätzen, vom Bergwandern mit Freunden in Bulgarien, von einem „abgehauenen“ Segelflieger, von manchem Schwachsinn und von manchen Illusionen zur „Wendezeit“.


    Sein Weg führte ihn nach oben: Nach zahlreichen Qualifizierungen als Fluglehrer und als Prüfer für Luftfahrtgeräte - landet er bei INTERFLUG. Als Mechaniker leistet er eine hervorragende Arbeit. Er erzählt in seinem Buch von Rissen in Triebwerken und wie er das Titanschweißen einführte und so dem Betrieb Millionen Mark der DDR einsparte. Wie er sich schließlich auf einem hohen Podest wiederfand und vom Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker als „Held der Arbeit“ geehrt wurde. Er und seine Kollegen fragten sich angesichts vieler Widersprüche in der Wirtschaftspolitik immer öfter: „Wie hell leuchtet unser Stern wirklich?“ Zur Wendezeit schildert er die vielerorts angetroffene Reg - und Sprachlosigkeit, aber auch die Freude, verbunden mit zahlreichen Illusionen bei vielen Betriebsleuten.


    Die Rückschau auf das bisherige Leben wird unterbrochen mit dem positiven Bescheid aus Afrika und der nachfolgenden Schilderung der für ihn noch ungewohnten aber sehr interessanten Erlebnisse in der Wüste. Trotzdem hält der Erzähler Eckhard immer wieder inne und blickt zurück auf seinen nicht leichten aber zielstrebig verfolgten Lebensweg – eine Komposition, die aufgeht. Sie unterstreicht, wie wichtig es für ältere Menschen ist, gebraucht zu werden. Und sie verdeutlicht den hohen Wert des Namibiaaufenthaltes als einer der Höhepunkte im Leben dieses Meisters der Lüfte. Auch die Sprache in diesem Buch ist schön und hält die Neugier wach. Frank-Dieter Lemke vom Flieger-Club Strausberg resümierte zu diesem Buch: „Eckhard Lange gewährt uns mit seinen ehrlichen Erinnerungen nicht nur einen interessanten Einblick in ein Stück Luftfahrtgeschichte der DDR, sondern auch in Entscheidungen bei schwierigen Situationen …“


    Eckhard Lange: „Zwischen Start und Landung, Gelebt-gearbeitet-geflogen“, ein Lebensbericht, 168 Seiten, Preis: 17,50 Euro – Versandkostenfrei, Juli 2013, Druck und Verlag: dbusiness.de Digital Business and Printing Gmbh, Prenzlauer Allee 174, 10409 Berlin, E-Mail: info@copyhouse.de, www.copyhouse.de , Telefon: 030 44650342. Buchbestellungen bitte über die email Adresse info@copyhouse.de.


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    (Der Ghostwriter und Rezensent für das Buch „Zwischen Start und Landung“, Harry Popow, (www.cleo-schreiber.blogspot.com ) veröffentlichte außerdem als ehemaliger Reporter und Redakteur der DDR Wochenzeitung „Volksarmee“ seinen autobiografischen Roman mit dem Titel „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder“. Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3)


    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19237


    Leseprobe (Seite 30)
    Trapper oder Pilot?



    Beinahe hätte ich unmittelbar nach meinen Gesprächen im Kreiskommando alles, aber auch alles versaut. Denn es gab ein Vorkommnis, wie es offiziell hieß.
    Es war im Januar 1956. Ein Arbeitskollege und ich hatten ein paar Tage Urlaub. Anschließend wollte ich im Walzwerk kündigen. Da hatten wir eine tolle Idee: Wir könnten doch mal zur „Grünen Woche“ nach Westberlin fahren. Haben zwar kein Geld, aber irgendwie werden wir das Ding schon schaukeln. Wir von Eberswalde los mit der Bahn und dann mit der S-Bahn weiter und nichts wie rüber Richtung Funkturm. Mein Staunen über die große Stadt Berlin fing schon in Pankow an. Die Häuser, der Verkehr, die vielen Leute. Ich als Dörfler mittendrin. Ein unbeschreibliches schönes und aufregendes Erlebnis. Dann aber am Funkturm. Bekam den Mund nicht mehr zu: Als Ostler hatten wir freien Eintritt. Bestaunte die tollen technischen Geräte. Uhren, Radios. Alles, was das Herz begehrte. Auch große Fotos von Kanada. Von Fallenstellern, von Bärenjagden. Prospekte machten uns an: Kommt herüber! Kommt nach Kanada! Dort könnt ihr auch jagen, wohnen, arbeiten. Im richtigen Urwald. Dazu Bilder von richtig hohen schneebedeckten Bergen. Ich hatte noch nie ein Gebirge gesehen. Das wars doch. Da ging mit einem die Phantasie durch. Plötzlich rief mein Kumpel einen recht übermütigen Satz: „Mensch, das wäre doch was, stell dir vor, wir in Kanada!“ Und schon sahen wir uns mit einem Gewehr im Urwald jagen und fischen, wie ich es in Klein-Steinhöfel gemacht hatte. War ja dort auch „Fallensteller“ und „Fischer“. Oh, diese verlockende Traumwelt im allzu weiten Kanada.


    Wir sackten alle bunten und verlockenden Werbebroschüren, die wir greifen konnten. Auch politische. Ein Heft über die DDR habe ich zusammengerollt und in die Tasche gesteckt. Bis Bernau mit der S-Bahn ging alles gut. Keiner achtete auf uns Jugendliche. Wir waren gerade in den Zug nach Eberswalde gestiegen, da sahen wir schon die Männer vom Zugbegleitkommando. Mulmig wurde uns, ganz mulmig in der Magengegend. Eigentlich waren wir sogar naiv. Konnten uns nicht vorstellen, etwas sehr böses getan zu haben, nur weil wir im Westen waren. „Ihre Ausweise bitte!“ „Was haben sie denn da? Na, kommen sie mal mit.“ Langsam mußten wir uns durch den vollen Zug zu einem Abteil der Transportpolizei drängeln. Schön langsam. Ich zuerst, mein Kumpel hinter mir, der Uniformierte als dritter. Mensch, du hast ja noch die Eintrittskarte vom Funkturm, auf dem wir ebenfalls waren, dachte ich mit Schrecken, habe sie zwischen den Waggons weggeworfen. „Vorwärts, vorwärts!“, rief der hinter uns gehende Beamte. Nur eine Station bis Eberswalde. Endlich der Bahnhof. Wir landeten auf der Wache des Zugbegleitkommandos: „Na zeigen sie mal, was haben sie denn da...?“ Packten alle eingeklaubten „Schätze“ von der „Grünen Woche“ auf einen Tisch. „Wollten sie abhauen in den Westen?“ Wir: „Nein, nein, wir hatten nur Urlaub und wollten uns am Funkturm mal umsehen.“ Mein handfestes Argument: Ich werde zur KVP gehen, was soll ich da im Ausland? Das zog offenbar. Wir durften nach Hause gehen, die schönen Prospekte waren futsch.


    Mein Schulfreund im Zimmer: „Mensch, pack deine Sachen, hau ab. Dich sperren die ein. Sehe zu, daß du wegkommst aus dem Osten!“ Bekam ich Angst? Schließlich hauten so viele ab, Bauern, Arbeiter, ganze Familien. So ungewöhnlich war das ja nicht. Hand aufs Herz: Ich habe nur paar Sekunden gebraucht zum Nachdenken. Dachte so bei mir: Nee, rübermachen, das willste ja gar nicht. Sehe keinen Sinn darin, was willste denn im Westen? Mein Weg war doch klar, ich wollte doch Pilot werden. Ob ich das drüben erreichen könnte, ist doch fraglich. Die sichere Zukunftsaussicht, die war mir schon sehr viel wert. Also blieb ich. Nicht so mein Arbeitskollege. Der packte im Handumdrehen seinen Koffer und verschwand auf Nimmerwiedersehen.


    Ich schicke einen Blick voraus. Als ich wenig später bei den bewaffneten Kräften landete, schrieb mir dieser Arbeitskollege einen Brief. Aus dem Westen! Der erreichte mich aber nie. Er sorgte allerdings für Aufregung! Bei Vater in Steinhöfel und danach in meiner Dienststelle. Mußte zum Staatsanwalt. Mußte erklären, wie das alles mit dem Besuch der „Grünen Woche“ zusammenhängt. Ich staunte, was die alles bereits wußten. Hing meine Zukunft am seidenen Faden? Nein, ich wurde lediglich verwarnt. Seitdem hatte ich nie wieder Kontakt mit der anderen Seite. Wollte mit so einem Quatsch keinesfalls mehr anecken. Wozu auch? Das brachte nichts, absolut nichts. Hatte also „Freie Bahn“ für einen neuen Start ins Berufsleben. Ins Fliegerleben? Solche und ähnliche Gedanken kamen mir während des Fluges nach Afrika. Diesmal kein neuer Start in einen neuen Berufsabschnitt, sondern in die Sphäre meines Hobbys. Ausschließlich. Na, schauen wir mal...

    Die Chamäleon-Dame


    Buchtipp von Harry Popow


    Ein Chamäleon kann seine Farbe blitzschnell wechseln, wie mitunter auch ein Mensch, besonders in Gefahrensituationen. Das dient der Tarnung und der Kommunikation mit Artgenossen. Was die Echse vom Menschen unterscheidet - sie ist im Aussterben begriffen. In der menschlichen Gesellschaft aber ist das Chamäleon stark im Kommen. Wer hätte dies nicht schon - auch an sich selbst - beobachtet. Brisant wird die Sache nur, wenn der Farbwechsel, oder auch Gesinnungswechsel, bei der Gattung Mensch aus politischen Gründen erfolgt. Bei Leuten, die das Gesellschaftsschiff zu steuern haben, denn bei dieser charakterlichen Schwankungsbereitschaft weiß man nie so genau, wohin die Reise gehen soll.


    Zwei Bundesbürger haben so einer markanten Persönlichkeit mit eben dieser Perfektion des Standpunktwechsels und des irritierenden Schwadronierens, des Lavierens zwischen allen Fronten und des ewigen gewinnenden Lächelns mit jedermann Namen und Gesicht gegeben. Der Titel: „Das erste Leben der Angela M.“ Die Autoren: Ralf Georg Reuth, 1952 in Oberfranken geboren, studierte Geschichte sowie Germanistik und promovierte 1983 über Hitlers Strategie. Günther Lachmann wurde 1961 in Papenburg geboren. Sein Studium galt der Vokswirtschaft. Er ist verantwortlicher Redakteur der WELT-Gruppe in Berlin.


    Das fängt in dem 336 Seiten zählenden Buch interessant an: Das Autoren-Team überrascht die Leser mit einer nicht gerade löblichen Einschätzung: Sie sei sehr zurückhaltend, wenn es um ihre inneren Befindlichkeiten gehe, verschlossen, um nicht zu sagen verschwiegen. Bei der Schilderung des nur über 20 Jahre zurückliegenden Geschehens bleibt sie „vage, ganz so, als seien die damals handelnden Personen bis heute in einem dichten Nebel verborgen“. (S. 9) „Bis heute rätseln Zeitgeschichtler und Journalisten über ihr Weltbild, ihre Antriebskräfte, ihre Ziele und ihre Unnahbarkeit, die sie, die doch ganz oben angekommen ist, immer noch umgibt.“ So zitieren Reuth und Lachmann die „Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.12.2004. (S. 11) Allerdings: Sie sei immer gegen den Sozialismus gewesen, sie habe schon immer die staatliche Einheit und die soziale Marktwirtschaft „im Blick“ gehabt. So nährte sich „die Legende von der patriotischen Pfarrerstochter, die in der Wende auszog, um mitzuhelfen, die gespaltene Nation zusammenzufügen“. (S. 285)


    Welch ein Frontenwechsel der Angela M.! Von einer engagierten FDJlerin, von der Sekretärin für Agitation und Propaganda zu einer marktkonformen Staatenlenkerin! Steckt dahinter nur ein klatblütiges Kalkül, mit dem Strom der Zeit zu schwimmen, ganz oben sein zu wollen? Antworten finden auch die beiden Autoren nicht, denn die Merkel beherrsche die Kunst, „sich nicht festzulegen, nichts zu sagen“ und sie habe die Fähigkeit „eine Maske zu tragen“. (S. 14) So bleibt nur übrig festzustellen, sie habe sich dem Zeitgeist angepasst, damals wie heute.


    Statt ihrer basteln die Autoren an unterbelichteten gesellschaftlichen Tatsachen und Zuständen, die für eine frühe Absage an den Sozialismus bei der DDR-Bürgerin herhalten muss. Bienenfleißig quetschen sie Augenzeugen aus, wühlen und schnüffeln wie Spürhunde in Stasi-Akten. Ihr „bewährtes“ Angriffsziel für Einäugige: Das Verhältnis von Staat und Kirche. Sie erspähen aus der Froschperspektive – das ist ja nichts Neues - ,dass die Stasi überall war. Sie entwerfen ein DDR-Bild - obwohl sie dort nicht groß geworden sind - , das aus der Manipulationskiste von BILD zu stammen scheint. Haben die Autoren Angela Merkels Leben lediglich dazu benutzt, um wiederholt auf die einstige DDR mit ihren großen Visionen für ein friedliches Dasein einzudreschen? Um nach wie vor den Antifaschismus der DDR-Gesellschaft in Abrede zu stellen und die auf Gesellschafteigentum an Produktionsmitteln beruhende echte Friedensliebe? Das also soll der dunkle Hintergrund vom Leben in der DDR und damit von Merkels Leben sein?


    Um nur einige wenige, der Gedankenakrobatik entsprungene und die Geschichte verfälschende phraselologische Fügungen zu nennen: Die DDR-Gründung 1949 sei eine Antwort von sowjetischen Besatzern und ihren deutschen Helfern auf die Gründung der BRD gewesen. (S. 18) Diffamiert wird der Staat DDR auch durch die Unterstellung, die Kirche und die „Junge Gemeinde“ hätten im Mittelpunkt des „staatlichen Terrors“ gestanden. (S. 19) Horst Kasner, dem Vater der Angela Merkel, man nannte ihn den „Roten Pastor“, der für eine Kirche im Sozialismus eintrat, wird Naivität „vorgeworfen“, er würde „das wahre Wesen des zweiten deutschen Staates“ nicht verstehen. (S. 26) Auf Seite 35 wird ihm missbilligend vorgeworfen, mitverantwortlich für folgende Aussage zu sein: Die Kirche habe sich in den „Dienst der sozialistischen Gesellschaft zu stellen“, um eine Wiederholung der Hitler-Barbarei zu verhindern. Weiter: Die „Christliche Friedenskonferenz“ (CFK) 1958 in Prag stünde „unter dem Dogma der Notwendigkeit des Friedens in einer atomar hochgerüsteten bipolaren Welt…“ (S. 28) Unverzeihlich schmettern die Autoren auch diese die Nazidiktatur verniedlichende Lüge von der „zweiten deutschen Diktatur“, die DDR anprangernd, wiederholt in die Welt. (S. 43) Natürlich wurde auch die Worthülse von „Freiheit und Demokratie“ strapaziert, die ein täuschendes pars pro toto für das wahre Wesen des Kapitalismus sein soll. So täuscht man das angeblich „dumme“ Volk.


    Die Autoren kommen nicht umhin, der Wahrheit entsprechende Ausssagen zur deutschen Geschichte nach 1945 zu zitieren. So lehnten sich führende linke protestantische Kreise Westdeutschlands gegen „Adenauers West-Integrations-Politik, seinem Wiederbewaffnungskurs und seiner konseqenten Ablehnung des Moskauer Angebots, ein neutrales Gesamtdeutschland zu schaffen“ auf. „Mehr Sozialismus lautete dort die Losung.“ (S. 20) Ergänzend wird von den Autoren registriert, dass die neue Generation im Westen nach der Rolle der Väter während Nazidiktatur und Völkermord gefragt habe, dass sie den Vietnamkrieg des US-Imperialismus verurteilte und bald in der DDR weniger die kommunistische Diktatur sah als den „antifaschistischen“ und damit den moralisch legitimierten zweiten deutschen Staat…(S. 78)


    Zurück zur Angela Merkel. Wie hat sie als spätere Studentin und Sekretärin für Agitation und Propaganda in der FDJ an der Karl-Marx-Universität und später an der Akademie der Wissenschaften der DDR solche und ähnliche Wahrheiten über die Geschichte verinnerlicht? Es liegt auf der Hand: Offensichtlich ließ sie weltanschauliche Themen überhaupt nicht an sich heran, denn sie besaß das Talent, stets zuzuhören ohne ihre Meinung zu sagen. Sie wollte nicht auffallen. Trotz Blautuch bei den Jungen Pionieren und später im Blauhemd der FDJ („ich war gerne in der FDJ“) habe sie sich so verhalten, „dass ich mit diesem Staat nicht dauernd in Konflikt leben musste“. (S. 12) Weshalb habe sie dann trotzdem mitgemacht, ohne „aufzumucken“?


    Die Autoren finden es heraus: Sie war gemeinschaftshungrig. Die Hauptsache war für die junge FDJlerin, dass sie vorwärts kam, ob auf der Erweiterten Oberschule oder als Studentin der Physik. Sie spricht es auch unverblümt aus: Du musst nur für dich da sein. (S. 146) Später wird sie zugeben, immer schon für das westliche Wirtschaftsmodell geschwärmt zu haben. Die Wirtschaft sei nur noch über Wettbewerb und Markt zu steuern. (S. 223)


    Zur Wendezeit wurde sie plötzlich sehr lebendig und neugierig. Sie roch den Braten, denn das Private hatte bei ihr stets Vorrang. So nimmt es nicht Wunder, wenn die junge und „intelligente“ Frau schnell mit ihrer Vergangenheit abschloss und mir nichts dir nichts die „Nähe zum Sieger“ suchte. (S. 232) Mit großer Verwunderung und Befremden nahmen ihre ehemaligen Freunde und Mitstreiter an der Akademie die politisch-moralische Kehrtwende wahr. „Wer eine solche Wendung mitmacht - für den können politische Inhalte nicht im Mittelpunkt stehen. Für den geht es um Karriere und Macht. Für den ist Macht Selbstzweck.“ (S. 286)


    Fest steht, das Anliegen der Autoren, den Hintergrund des Lebens in der DDR darzustellen, um daraus Schlüsse für das Denken und Fühlen der Angela Merkel zu ziehen, ist ihnen kaum gelungen. (Wollten sie das wirklich?) An äußeren Taten und Mitmachaktionen ist ihr damaliges Innenleben nicht sichtbar geworden. Solche wie sie gab es zuhauf, die nur Lippenbekenntnisse zur Schau trugen, um sich persönliche Vorteile zu ergattern. Allerdings ist folgende inhaltliche Aussage von geborenen DDR-Gegnern, deren Sicht nur auf ein Zerrbild gerichtet ist, nicht von der Hand zu weisen: In so einem „Stasiland“ sei inhaltliches Engagement unmöglich gewesen! Womit wir dann wieder bei den „Hintergründen“ für ihr erstes Leben gelandet wären.


    Denn auch dies ist die Botschaft dieses Prügelbuches: Es gibt kein Schwarz, Grün, Gelb. (Rot existiert für diese Rückläufer der Geschichte nicht.) Es ist aus mit eindeutigen Farbzuweisungen für Parteien und Gruppierungen. (Siehe Regierungskoalition.) Gefragt ist Beliebigkeit, Austauschbarkeit und Unberechenbarkeit. Vorbei mit einer klaren politischen Orientierung. Es ist die Zeit angebrochen fürs Lavieren, um das Volk zu täuschen. Zeit ist da für die Mitte, fürs Zulächeln gegenüber jedermann. Jeder färbe sich selbstbestimmend ein, je nach Lust und Laune. Es lebe der Pluralismus und die vielgepriesene Individualität. „Jedem das Seine.“ Die Angela M. machts vor. Nie wieder Ideologie. Nie wieder Kollektivismus. Habt Spaß, aber stört die Wirtschaft nicht beim Wachstum.


    Für die Kanzlerin ist die Steuerbrücke also genau der richtige Platz. Die Geldmacht braucht sie zur Tarnung. Was wird sie antworten, wenn einmal das „Regierende Volk“ die Maskenfrau zur Rechenschaft ziehen würde, warum sie sich von einer Humanistin - denn schließlich trat sie vor und während der Wende für einen demokratischen Sozialismus ein - zu einer absolut marktkonformen und dem Zeitgeist angepassten Staatenlenkerin hatte hinreißen lassen? Vielleicht fiele die Antwort so aus: Ich wollte stets das Beste, war doch immer brav zu jedermann… So würde sich halt ein Chamälion rechtfertigen, dass dem Kapitalismus selbst im Zerfallsprozeß noch kräftig zu Diensten war. Den Autoren sei gedankt.


    Ralf Georg Reuth, Günther Lachmann: „Das erste Leben der Angela M.“, Gebundene Ausgabe: 336 Seiten, Verlag: Piper; Auflage: 4 (14. Mai 2013), Sprache: Deutsch , ISBN-10: 3492055818 , ISBN-13: 978-3492055819


    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19170


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com

    „Schwarzbuch Waffenhandel. Wie Deutschland am Krieg verdient“ / Jürgen Grässlin


    Mord(s)geschäfte im Visier


    Buchtipp von Harry Popow


    Ein Aufschrei! Erst Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Mali – und bald auch noch Iran? „Neuerliche Kriege und Bürgerkriege, neuerliche Schlachten und Massaker, Exekutionen und weitere Menschenrechtsverletzungen schlimmster Art werden folgen, wenn die Weltgemeinschaft nicht endgültig handelt.“ Das steht geschrieben auf Seite 573 in dem soeben veröffentlichten Buch von Jürgen Grässlin mit dem Titel „Schwarzbuch Waffenhandel. Wie Deutschland am Krieg verdient“.


    Jürgen Grässlin ist ein mutiger Publizist und ein Missionar. Wie es heißt, zählt er zu den profiliertesten Rüstungsgegnern Deutschlands. Er ist Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und u.a. Sprecher der Kampagne „Aktion Aufschrei: Stoppt den Waffenhandel!“ Er ist Autor zahlreicher kritischer Sachbücher über Rüstungsexporte sowie Militär- und Wirtschaftspolitik. Er wurde mit dem »Aachener Friedenspreis« ausgezeichnet. Er ist ein Mann der gründlichen Recherche und der Tat. Auch der juristischen Auseindersetzung. Er spricht von erfolgreichen Kampagnen aus der Friedens-, Frauen, Menschenrechts- und Entwicklungsarbeit, aus Kirchen und Gewerkschaften und von solchen Aktivisten, die sich „gegen die Produktion und den Export besonders verwerflicher Waffensysteme – wie Landminen oder Streumunition – oder gegen den Waffenhandel als solchen“ wenden.


    Im „Schwarzbuch“ liefert er sich erneut ein Duell mit der Macht, denn es geht um die Wurst. Um Profit und Ressourcen, weltweit. Und wenn es sein muss – mit Krieg und Mord und eiskalt einkalkulierten Toten, angeblicher „nationaler Interessen“ wegen. Ist da nicht ein „Empört Euch!“ angesagt? Wer sekundiert da Jürgen Grässlin und den immer zahlreicher werdenden Protestierenden? Wer wagt sich aus der Deckung und spuckt den Kriegsprofiteuren kräftig in die Suppe? Und das aus allen friedlichen Kanonen? Gleich zwei weitere Attacken gab es jüngst im Monat Mai gegen Wirtschaftsbosse und deren politische Handlanger. Da nahmen das ZDF mit seinem Beitrag „Tödliche Deals“ die Schuldigen an weltweiten Morden und Kriegen unerbittlich aufs Korn. Und auf dem Marktplatz in Friedrichshagen schmetterten am 27. Mai dreitausend empörte Widerständler dem Flughafendesaster, der Verschleuderung von Steuergeldern, dem unzumutbaren Fluglärm von 22 bis 06 Uhr ihr Nein entgegen. Es war die hundertste Montagsdemo!! Die Helden der Bürgerinitiativen von Berlin und Brandenburg proben den Aufstand.


    Sie erweisen sich ebenso wie Tausende andere als Sekundanten des Autors Grässlin für eine bessere Welt. Er fährt mit über 600 Seiten argumentativ und polemisch einer Elite, die sich dem totbringenden Rüstungsexport verschrieben hat, in die Parade. Das friedliche Waffenarsenal der Publizistik im Hocheinsatz kontra dem Arsenal der Tötungsmaschinerie. Ein weitgehend totgeschwiegenes Thema, fährt dieses Mordgeschäft doch unerhörte Profite ein, ungeachtet der Tatsache, dass mit deutschen Waffen gemordet und gelyncht wird, Demonstranten niedergeschossen werden. Von Ethik und Moral keine Spur. Einen ganzen Sack von brisanten Daten und Dokumenten schüttet der Autor vor den Lesern aus, dazu 20 Täterprofile und 23 Infokästen. So erhalten die Opfer eine Stimme und die Täter „Namen und Gesicht“, wie er schreibt.


    Jürgen Grässlin verweist auf den Seiten 22 und 23 auf die Potsdamer Konferenz, die vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 stattfand. Dort wurde u.a. die völlige Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschlands und die Ausschaltung der gesamten deutschen Kriegsproduktion beschlossen. Sowohl in der Präambel des Grundgesetzes als auch im Artikel 26 sei die Friedenssicherung „festgeschrieben“, die Führung eines Angriffskrieges für „verfassungswidrig“ erklärt und „Zur Kriegführung bestimmte Waffen dürfen nur mit Genehmigung der Bundesregierung hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden“.


    Doch Wort und Tat klafften auseinander. „Zur Remilitarisierung Deutschlands gehörte neben einer eigenen Armee auch der Wiederaufbau einer eigenständigen Rüstungsindustrie.“ (S. 24) Vor allem die USA habe Interesse an der deutschen Wiederbewaffnung gezeigt, was die Adenauer-Regierung weidlich zu nutzen wusste. „Die Gespenster der Vergangenheit kehrten in neuem Gewand zurück“, so Jürgen Grässlin. Nicht zu vergessen: Erwiesenermaßen mit Unterstützung alter Nazikader!


    Jürgen Grässlin lässt keinen Zweifel daran: Rüstungsexporte müssen generell verboten werden. Und wenn sie schon praktiziert werden, unterliegen sie laut Grundgesetz und vielmals überarbeiteter politischer Grundsätze strengen Auflagen. So darf nicht in Staaten und Länder exportiert werden, die Menschenrecht verletzende Handlungen praktizieren. Verwiesen wird zum Beispiel auf Seite 34 mit den im Jahre 1971 beschlossenen „Politischen Grundsätzen“ auf den Willen der jeweiligen Bundesregierungen, „Rüstungsexporte nach eigenen politischen Vorstellungen zu gestalten“. Vom Export deutscher Kriegswaffen, so die Grundsätze wenig später ergänzend, wurden grundsätzlich Spannungsgebiete ausgeschlossen, „wenn eine Störung des friedlichen Zusammenlebens der Völker oder eine erhebliche Störung der auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu befürchten“ war. (S. 36) Trotz dieser Beschränkungen muß der Autor immer wieder aufs Neue feststellen: Die Wirklichkeit sieht anders aus. Kriegswaffen würden sehr wohl an Staaten ausserhalb des atlantischen Bündnisses, in Spannungsgebiete sowie in Länder der Dritten Welt „grenzenlos“ geliefert. (S. 36)


    Der Publizist blickt mit einer unglaublichen Akribie hinter die Kulissen der Viereinigkeit Politik, Konzerne, Banken und Bundeswehr. Sie alle ziehen an einem Strang wenn es darum geht, nicht nur Profite zu sichern, sondern ihre politische und ökonomische Vormachtstellung in Europa und in der Welt weiter auszubauen. An vorderster Front der Waffenfabrikanten, so der Autor, stehen u.a. Eurofighter Jagflugzeug GmbH, Heckler&Koch, EADS, Krauss-Maffei Wegmann, MTU Friedrichshafen, Rheinmetall Defence, Daimler AG und Daimler Trucks North America. Nehme man nur Heckler&Koch unter die Lupe. Dieser Konzern unterhält enge Beziehungen nach Saudi-Arabien, denn die feudale Golfdiktatur habe die Erlaubnis erhalten, deutsche Sturmgewehre in Lizenz selbst zu produzieren. Man verweist auf die massiven Menschenrechtsverletzungen, die das Regim in Riad verantwortet, vor allem auf die blutige Unterdrückung der schiitischen Minderheit im Osten des Landes. 2012 habe Berlin „Kleinwaffen“-Exporten im Wert von über 76 Millionen Euro zugestimmt. Kleinwaffen sind u.a. Pistolen, Maschinenpistolen und Sturmgewehre. Experte nennen sie die „Massenvernichtungswaffen des 21. Jahrhunderts“.


    Saudi-Arabien sei seit jeher ein Verbündeter im Kampf gegen Terror und al-Qaida, Kritik an völkerrechtswidrige Militäraktionen würde – falls überhaupt – nur zurückhaltend vorgebracht, und Schwarz-Gelb warf jegliche Bedenken über Bord und steigerte die Ausfuhr von Waffen 2010 auf ein einmaliges Rekordniveau. (S. 138) Schließlich verkamen die „Politischen Grundsätze“ in der Ära Merkel/Steinmeier endgültig zur Makulatur. (S. 107) Es sei besonders verwerflich, wenn z. B. Rot-Grün die Aufrüstung des Regimes in Riad betrieb. So stiegen der Wert der Waffenexportgenehmigungen durch die Bundesregierung und nachgeordneter Kontrollbehörden von 51,1 Mio. DM (1999) auf 72,8 Mio. DM (2000). Ganz legal wanderten Teile für Gewehre und Karabiner, Schießanlagen, Herstellungsausrüstung für Teile von Maschinenpistolen und automatischen Gewehren, für Munition für Haubitzen und Teile für Kampfflugzeuge nach Saud-Arabien. (S. 81) Nach siebenjähriger Regierungszeit habe der Waffenexport einen Umfang von rund 8,3 Mrd. US-Dollar betragen – ein Fiasko. (S. 92)


    Als klassische Kriegsprofiteure bezeichnet Jürgen Grässlin die Rüstungskonzerne und Zulieferbetriebe. In der Ära der christlich-sozialen und dem ersten Jahr der christlich-liberalen Koalition von 2005 bis 2010 lieferten allein die „sechs führenden Rüstungskonzerne Deutschlands (mit MTU Aero Engiges) Kriegswaffen im Gesamtwert von 127,71 Mrd. US-Dollar an NATO-Staaten, NATO-assoziierte Länder und Drittländer, darunter zahlreiche kriegführende und die Menschenrechte missachtende Staaten“. (S. 224)


    Wer entscheidet letztendlich über Waffenlieferungen? Das ist der Bundessicherheitsrat – aber weitgehend hinter verschlossenen Türen. Bescheinigt wird den Bundesregierungen seit Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts eine desaströse Gesamtbilanz. CDU/CSU, SPD und FDP etablierten Deutschland an dritter Stelle der Weltwaffenexporteure nach den USA und Rußland. Treffgenau die folgende Feststellung, auch hinsichtlich kommender Wahlen: „Dabei spielte es letztlich keine Rolle, welche Koalition aus den vier Altparteien die Regierungsgewalt innehielt.“ (S. 66)


    Dass Konzerne und Banken vom Geschäft profitieren ist ja nicht neu. Weniger im Blickpunkt stehen die Mittel des Lobbyismus, bei dem, so der Autor, durch persönliche Kontakte der personelle „Austausch zwischen Industrie und Amtsseite“ für eine „enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit“ zu sorgen habe. (S. 192) Wörtlich dazu auf Seite 193: Laut Recherchen des Magazins stand fest, dass „die Waffenfirma Heckler&Koch aus Oberndorf am Necktar 20 000 DM für die Parteikasse der FDP gespendet habe, nachdem das Unternehmen im (…) Wirtschaftsministerium um die Genehmigung für den Export von Gewehrteilen für eine Waffenfabrik, ebenfalls in Saudi-Arabien, eingekommen war“. (S. 193)


    Entlarvend wirken jene Textstellen, die sich mit der vielfachen Schönfärberei, den Verhüllungen der Geschäftsbeziehungen, den Tricks in der Wortwahl und den Vertuschungen hinsichtlich der Motivation befassen. Statt Krieg sagt man zum Beispiel „Stabilisierungseinsätze“. Da müssen, und das betont der Autor mehrfach, Scheinargumente herhalten, zuallererst das der Arbeitsplätze, wobei der Rüstungsexport nur 0,12 Prozent zum Gesamtexport beiträgt. (S. 16) Noch schlimmer wird es, wenn die Denkweisen und Beweggründe der Rüstungsprofiteure ans Tageslicht kommen und so die Täter bloßstellen und deren wahre „humane“ Absichten im „Interesse der Sicherung des Friedens“ offenbaren. Man schlägt förmlich die Hände über dem Kopf zusammen, wenn man beispielsweise solche Aussagen liest: Den Eurofighter betreffend misst der „Referent im Führungsstab der Luftwaffe dem mehrrollenfähigen Kampfflugzeug eine entscheidende Rolle in kommenden Kriegen zu“. (S. 234) Und an anderer Stelle: „Für zukünftige Luftkriege sei der neue Militärtransporter in den Spannungsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens“ vorzüglich geeignet, so das Königshaus in Riad. (S. 245) Erschreckender geht es nicht. Da beschreibt ein Wolfgang Dürr vom EADS Astrium die Bedeutung „der Raumfahrt für den Einsatz im Krieg. (…) Da die Zeit nationaler Kriege weitgehend vorbei sei, müssten diese Systeme international kooperationsfähig sein. (…) Kriege sollen vom Weltraum aus geführt und gewonnen werden“. (S. 258/259)


    Eines der wichtigsten Motive für Waffengeschäfte äußert der Mitbegründer der Angolanischen Antiimperialistischen Menschenrechtsinitiative Matondo, den Jürgen Grässlin so zitiert: Letztlich gehe es auch für Deutschland „um Ressourcen und Rohstoffe“, so Matondo. Deutschland wolle sich „den militärischen Einfluss und damit den Zugang zu den Rohstoffen (…) sichern, wie auch die Handelswege für Öl und Gase“.


    Ein Aufschrei müsste umgehen. Mehren sich die Tendenzen zu gewaltsamen Konfliktlösungen? Wie ist der wahnsinnige Rüstungswettlauf, der zum Kriege drängt, zu stoppen? Das Fazit des Autors sieht so aus: „Diese Faktenlage verweist auf eine der unbequemsten Wahrheiten des 20. und 21. Jahrhunderts: Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union – des Friedensnobelpreisträgers 2012 – und der UNO (…) haben mit ihrer Lieferung von Kriegswaffen und Rüstungsgütern an Aggressoren und Kriegstreiber, Despoten und Diktatoren weltweit Kriege und Bürgerkriege ermöglicht.“ Deshalb stelle sich die Frage: Wie kann der Teufelskreislauf von Waffenproduktion, -export und –einsatz durchbrochen werden? (S. 575)



    Das ist die Frage aller Fragen. Immerhin: Der Autor hat die Rüstungsindustrie im Fokus. Sie ist ein - wenn auch der aggressivste – Teil einer von Intrigen und Arroganz strotzenden Industriedynastie. Das wird man nicht vergessen dürfen. Illusionäre Vernunft-Anmahnungen greifen da wohl zu kurz. Auch nicht ein Austausch von Verantwortlichen und Schuldigen. Die Rüstungsgegner, die auf dem Marktplatz Friedrichshagen gegen die Wirtschaftsbosse demonstrierenden und tausende andere Bürger, die sich eine andere Wirtschaftsordnung vorstellen können, mögen ihre Kräfte bündeln, denn Einzelkämpfer haben keine Chance. Das ist das Fazit aus dieser Super-Kampfschrift gegen die Allmacht des Kapitals. Solange die Mord(s)brüder das Sagen haben, müssen sie im Visier bleiben. Das friedliche Duell mit den Waffen, die der Kultur zu Gebote stehen, möge nicht im Gegenfeuer der bürgerlichen Medien untergehen. Empört Euch! ruft der Autor. Was tun? fragt er. Vielleicht ein ordentliches Dacapo? Land und Staat in die Hände des Volkes? Ziviler Ungehorsam? Es geht nicht nur um den Aufschrei, sondern auch um`s Tun, so die Bürgerwehr im Südosten Berlins zum Beispiel gegen die Müggelflugroute. Denn: „Wer den Profit über Menschenleben stellt, macht sich moralisch und ethnisch mitschuldig am massenhaften Tod unschuldiger Menschen“. (S. 552) Das Schwarzbuch von Jürgen Grässlin ist ein Buch der Superlative, das zum Nachdenken anregen sollte. Ein Glücksfall für den Widerstand, denn der Duellierende benötigt Sekundanten.


    Jürgen Grässlin: „Schwarzbuch Waffenhandel. Wie Deutschland am Krieg verdient“ Taschenbuch: 624 Seiten, Verlag: Heyne Verlag (13. Mai 2013), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3453602374, ISBN-13: 978-3453602373


    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19007


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com

    Die Mauer muß weg…


    Buchtipp von Harry Popow


    Die Mauer muß fallen. Eine Mauer, die seit der Antike für das größte marktbeherrschende Eigentumsrecht, das Privateigentum an Produktionsmitteln, vor dem Zugriff des Volkes zu schützen hat. Es ist eine Mauer um das Big Business, wie man in den USA sagt. Ein Schutzwall, der im Laufe der Jahrhunderte immer wieder durch Volksrevolutionen unter Beschuss geriet und sich doch noch hält, durchlöchert zwar, aber immerhin. Angeblich unzerstörbar…


    Die neueste Kanonade gegen diese Mauer um das Reich der Kapitalmächtigen und der Politiker herum hat keine geringere losgelassen als Daniela Dahn, die Autorin von „Wehe dem Sieger“, zu DDR-Zeiten u.a. Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruchs“. Ihre neueste Denkschrift: „Wir sind der Staat“. Die Autorin stellt darin „die morsch gewordenen Grundstützen des bürgerlichen Staates in Frage.“ Es gehe allerdings nicht um eine Schwächung des Staates, „sondern um seine stärkere demokratische Legitimierung“. (S. 107)


    Mit scharfer Zunge geißelt sie den Kapitalismus mit einer erstaunlich analytischen Tiefgründigkeit. Ihr zentraler Gesichtspunkt: Das seit dem Römischen Reich zum Heiligtum erhobene Privateigentum an Dingen des Gemeinwohls. Es beherrsche jahrhundertelang die Völker und lasse eine demokratische Mitbestimmung in grundsätzlichen Fragen nicht zu.


    Auf 176 Seiten spannt sie den Bogen von der Antike, dem Römischen Recht, bis in die Gegenwart und in die Zukunft. Zum geistigen Genuss der deutschen Aktivbürger, die laut Forsa zu 84 Prozent gegen Privatisierungen sind. (S. 67). Bürger, die gegen Fluglärm, gegen Atomlager, gegen Stuttgart 21, gegen Drohnen, gegen Bundeswehreinsätze im Ausland, gegen Arbeitslosigkeit, gegen die Verdummung durch die Medien zunehmend energisch ihre Stimme erheben.


    Und zum Verdruss derjenigen, die die unveränderlichen Prinzipien der im Grundgesetz festgeschriebenen freiheitlich demokratischen Grundordnung, das Recht der Persönlichkeit auf Leben und freie Entfaltung, auf Volkssouveränität, auf Gewaltenteilung (S.133) und den Artikel 20 des Grundgesetzes „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ glatt unter den Tisch gefegt haben.


    Daniela Dahn stellt fest: Volkssouveränität und Gewaltenteilung existiere so gut wie nicht. Die Verantwortlichkeiten der Regierung seien längst auf die Wirtschaft übergegangen, die Unabhängigkeit der Justiz sei eingeschränkt und durch die Praxis der Parteienspenden und der ungleichen Zuwendung der Großmedien gäbe es keine Chancengleichheit. (S. 133)


    Bleiben wir zunächst bei diesem Zustandsbericht, wie die Autorin den ersten Teil ihres Buches bezeichnet. Scharf kritisiert sie, dass zum Beispiel bundesweite Volksentscheide nicht vorgesehen sind, dass die wechselnden Eliten im Parteienkarussel um dieselbe Macht ringen und gar nicht gewillt sind, des Volkes Meinung zu hören. Es reiche doch, wenn die Wähler ihre Stimme abgeben und sich nicht einmischen, wenn es um die im Verborgenen herrschende Macht des Kapitals gehe. (S. 9) Die Beschränkung auf alle vier Jahre stattfindende Wahlen würde von vielen nicht mehr als zeitgemäße Demokratie akzeptiert. (S. 32) Die Autorin mahnt an, zum Beispiel bei Richtungsentscheidungen wie Krieg und Frieden – das sei der höchste Punkt der Souveränität – das Volk mitentscheiden zu lassen. (S.46)


    Sehr interessant sind Ausagen von Autoritäten, die sie in den Zeugenstand ruft: So schrieb einst Aristoteles, das erste Ziel der Oligarchie sei, ihre Besitztümer zu verteidigen. (S.46) Die Griechen bestanden darauf, dass der Staat das Eigentum der Bürger sei. Die machtbewussten Römer pochten auf das egoistische Interesse der Grundeigentümer. „Das Recht, seine Sache zu gebrauchen und zu missbrauchen, soweit es die Idee des Rechts zulässt. Und diese Idee bestand gerade in der Heiligung des Eigentums.“ (S. 47/48) Jean-Jacques Rousseau fragte, „wie Menschen sich eines riesigen Landgebietes bemächtigen und es dem ganzen Menschengeschlecht rauben können, wenn nicht durch eine strafwürdige Aneignung…“ (S. 51)


    Was war nach der Befreiung vom Faschismus 1945 angesagt und vordringlich? Der endgültige Bruch mit dem Römischen Recht! Der Bruch mit den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen besonders in Deutschland. Die Chancen waren da. In der damaligen SBZ wurden sie durch die Enteignung der Wirtschaftsmächtigen und Schuldigen am Weltkrieg genutzt. In den „westlichen Besatzungszonen verurteilten CDU/CSU und SPD gleichermaßen scharf das versagt habende ´kapitalistische Wirtschaftssystem´ und setzten auf eine ´gemeinschaftliche Ordnung´, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht“. (S. 52) Welch eine Chance für einen Neuanfang… Doch verpasst. Durch Marhallplan, Währungsunion und „eine Wachstum fördernde Gesetzgebung des Wirtschaftsrates unter dem Einfluß der Westallierten…“ (S. 54)


    Gustav Heinemann klagte in den 50er Jahren nach seinem Austritt aus der CDU: „Sieht man denn wirklich nicht, dass die dominierende Weltanschauung (…) aus drei Sätzen besteht: viel verdienen, Soldaten, die das verteidigen, und Kirchen, die beides segnen.“ Für die sich für das Wirtschaftswunder Abrackernden war das schließlich, so Daniela Dahn, eine Luftnummer letztlich ohne Netz. (S. 57)


    Das Defizit im System liege in der Allmacht der Besitzenden, in deren Einfluss auf die Politik im Interesse des weiteren Wachstums. In der unechten Demokratie, in der das Volk in Grundsatzentscheidungen überhaupt nicht einbezogen werde. „Demokratie und Freiheit“ als Aushängeschild einer untergehenden Gesllschaft, die nach dem Kollaps des Weltsozialismus nunmehr unverblümt einst soziale Fortschritte in Frage stellt. „Die repräsentative Demokratie der Bundesrepublik, die im Grunde eine Großparteienherrschaft ist, wehrt nach wie vor alle Ansätze direkter Demokratie und Kontrolle von unten ab.“ (S. 109)


    Der grosse Vorzug dieser Denkschrift von Daniela Dahn besteht nicht nur in ihrem Weitblick zurück, auch nach vorne lenkt sie mit klugen und diskussionswürdigen Überlegungen die Aufmerksamkeit der interessierten und nachdenklichen Leser. (Ab S. 103) Sie bleibt nicht stehen bei der Aufforderung nach Ungehorsam (S.15) und Empörung. So schwerwiegend das Problem der Mitbestimmung auch ist, jeder solle sich nicht nur fragen „hier bin ich Mensch, hier kaufe ich ein“, sondern auch „hier bin ich Mensch, hier greif ich ein“. (S. 18)


    Aber wie? „Subversiv“, so bezeichnen die Geheimdienste diejenigen, die in den Augen der Obrigkeit aufgrund der krisenhaften Zerrüttung der Politik und der Wirtschaft eine friedliche Systemänderung anmahnen und mit Wort und Tat dafür einstehen. Wie dem „Heiligtum Privat“ und der Phrase von „Freiheit und Demokratie“ – vermittelt durch die in den Seilschaften der Oberen hängenden und von ihnen bezahlten bürgerlichen Medien - kurz- und langfristig beikommen, denn es ist keine Zeit zu verlieren?


    Ein weiterer Bruch mit dem Römischen Recht sei dringend nötig, so die Publizistin. Sie wäre nicht die kluge und scharfsinnige Autorin, wenn sie nicht gleichzeitig Wege aufzeichnen würde, wie aus dieser Diktatur des Heiligtums herauszufinden sei. Im Gegensatz zu manchen Männern der Politik und der Medien appelliert sie nicht schlechthin an die Vernunft, schon gar nicht an Gott. Sie fordert dringlich dazu auf, die demokratischen Rechte des Volkes als dem eigentlichen Souverän endlich wahrzunehmen.


    Wie soll das gehen? Sich einbringen. Sich rühren. Sich überwinden, um dem Kapital als Ganzem Paroli zu bieten. Der Einzelne – das steht fest – kann da wenig tun. Erst in der Gemeinschaft, im Zusammenhalt und der Solidarität von Hunderttausenden entstünde jene Kraft, die Veränderungen im System erzingen könnte. Was und wie muß etwas getan werden? Aufklären, teilnehmen, aufwachen. Lethargie, uneffektives Verhalten, Gleichgültigkeit - wie ist dieser Politverdrossenheit beizukommen?


    Fertige Rezepte gibt es nicht, aber sie plädiert wiederholt für die Verwandlung von „Wutbürgern“ in Aktivbürger. Und diese wiederum müssten „ein ureigenstes Interesse haben, so viele Mitstreiter wie möglich zu gewinnen“. (S. 139) Sie erinnert an die zur Wende installierten „Runden Tische“ in der DDR, an zielgerichtete Aktionen, um Teilnahme an Bürgerversammlungen auf allen Ebenen, an die Installation von Räten und verweist dabei auf die Geschichte. Sie widerlegt das Argument, den Leuten fehle die Sachkunde. Dann könne die praktische Befähigung auf dem Nachweis „eines Zivildienstes, eines Praktikums, einer ehrenamtlichen oder öffentlichen Tätigkeit in sozialen und pflegerischen Einrichtungen,“ (…) in Vereinen usw. beruhen.


    Sie schreibt ganz volkstümlich von einer Fahrerlaubnis für Demokratie, von einem „Demokratie-Diplom“, das man erlangen könne und schlägt in diesem Zusammenhang auch materielle Anreize vor. (S. 141) Wolle man aus der Zuschauerdemokratie heraustreten und die Teilnehmerdemokratie anstreben, meint die Autorin, dann ist eine Qualifikation nötig. Es gehe um eine beratende Parallelstruktur von Räten mit Befassungs- und Vetorecht dem Parlament gegenüber. (S. 140) Ohne Umschweife schreibt die Autorin auf Seite 170: „Die Räterepublik als Alternative wird die Parteien auf den zweit- oder drittrangigsten Platz verweisen, der ihnen gebührt.“ (S. 170)


    Nur Quasseln ist kein Mitregieren. Dagegen sind Aktivbürger Vorreiter, sind Pioniere des klaren Denkens und Handelns, sind Menschen, die den Glauben an eine menschlichere Zukunft nicht verloren haben, die Veränderungen nicht nur herbeiwünschen, wie es nahzu 80% der BRD-Bürger im Grunde ihres Herzens anstreben, sondern dafür aktiv einstehen. „Wir sind der Staat – das ist Anspruch und Bedingung für Akzeptanz.“ (S. 174)


    Der Vordenkerin Daniela Dahn sei gedankt für ihren Mut, für ihre aufklärerische Kraft, geistigen Widerstand zu leisten, für ihre klare Sprache, für ihre tiefe Menschlichkeit. Ja, es bleibt dabei, Unruhe stiften, „subversiv“ sein mit friedlichen Mitteln ist eine Ehre. Die alte Mauer zwischen Oben und Unten, zwischen Arm und Reich, zwischen Kapital und Arbeit muss weg! Wer winkt da ab? Lassen wir noch einmal Jean-Jacques Rousseau zu Wort kommen: „Ich besitze nicht die Kunst, für jemand klar zu sein, der nicht aufmerksam sein will.“ (S. 21)


    Daniela Dahn: „Wir sind der Staat. Warum Volk sein nicht genügt“, gebundene Ausgabe: 176 Seiten, Verlag: Rowohlt (12. März 2013), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3498013335, ISBN-13: 978-3498013332, Größe und/oder Gewicht: 21 x 13,2 x 1,8 cm, Preis: 16,95 Euro


    Daniela Dahn, geboren 1949 in Berlin, Journalistikstudium in Leipzig, danach Fernsehjournalistin. Seit 1981 arbeitet sie als freie Autorin; Mitglied des P.E.N seit 1991, Gründungsmitglied des «Demokratischen Aufbruchs». Sie ist Trägerin des Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik, der Luise-Schroeder-Medaille der Stadt Berlin und des Ludwig-Börne-Preises. Bei Rowohlt erschienen bislang neun Essay- und Sachbücher.



    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com

    Der grosse Abschied


    Buchtipp von Harry Popow


    Notruf an alle - das Feuer muß weg!! Das Feuer, das jahrtausendelang die Menschen erwärmt, ihnen Kraft und Energie gespendet hat. Das Feuer, das aus der in der Erde gespeisten Sonnenenergie wie Kohle und Gas herausgepresst, ausgeraubt und aufgebraucht wurde. Zu den fossilen Rohstoffen gesellten sich unglücklicherweise noch die atomaren. Und nun ist die Ozonschicht beschädigt, das Klima steht vor dem Kollaps – hauptsächlich durch Menschenhand verursacht - , die Rohstoffquellen sind am Versiegen. Schätzungen ergaben: Bei gleichbleibendem Verbrauch sind nur noch verfügbar: Uran 30 Jahre, Erdöl 40 Jahre, Erdgas 63 Jahre, Braun- und Steinkohle circa 180 Jahre.


    Das Lösungswort heißt Energiewende. Franz Alt hat dazu ein hochinteressantes Buch mit dem Titel „Auf der Sonnenseite. Warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht“ geschrieben. Er ist Journalist und langjähriger Berater von Konzernen und Regierungen, studierte Politikwissenschaft, Geschichte, Philosophie und Theologie, promovierte 1967. Von 1968 bis 2003 arbeitete er überwiegend beim Südwestfunk (SWF, heute: SWR), für den er 20 Jahre lang das ARD-Politmagazin Report moderierte.


    Optimistisch bemerkt der Autor auf Seite 248: „Wir müssen nicht länger nach Kohle, Gas, Öl und Uran in dunklen Löchern buddeln, wir können endlich das neue, große Lagerfeuer am Himmel anzapfen, nur dort gibt es die ewigen ´Fleischtöpfe´. Die Energieträger des alten Lagerfeuers gehen zur Neige, aber das solare Lagerfeuer – bestehend aus Sonnen-, Wind- und Wasserkraft, aus Bioenergie, Erdwärme und Wellenkraft – steht uns auch in Jahrmillionen noch zur Verfügung.“


    Franz Alt bezeichnet die Energiewende als Schlacht um die Sonne, als Kultur- und Zivilisationswende. Sie schickt uns kostenlos Energie – alle dreißig Minuten soviel, wie die Menschheit in einem Jahr konsumiert. „Wenn wir nur 1,15 Prozent der Fläche Deutschlands zur Produktion von Solarstrom nutzen würden, (…) wären alle Elektrizitätsprobleme für immer gelöst“, so der Autor. (S. 32)


    Gehen wir also dem Morgenrot entgegen. Nie wieder Ressourcenprobleme? Nie wieder Kälte in den Wohnungen? Nie wieder hohe Stromkosten? Nie wieder Zwistigkeiten zwischen den Völkern? Nie wieder fossile-atomare Brennstoffe? Nie wieder Ängste vor dem Klimawandel? Franz Alt als Kenner der Materie stellt in seiner brisanten Analyse auf 268 Seiten nicht nur die Fakten einer bisherigen Vorreiterrolle Deutschlands vor, sondern entlarvt auch die Bremser, die Lobbysten der Energiepolitik, was, wie es im Klappentext heißt, auf wenig Gefallen stoßen wird.


    Über 91 Prozent der Deutschen seien laut Umfragen von der notwendig raschen Umsetzung der Energiewende überzeugt. So sehe man auf Dächern zunehmend Photovoltaik-Anlagen (Solarzellen). Die Zielstellung aus dem Jahre 2000, bis 2012 12 Prozent Ökostrom zu nutzen, sei beispielsweise mit 25 Prozent überschritten worden. Der Autor kommentiert: „Beachtlich ist, dass dieses Etappenziel gegen den politischen, publizistischen und wirtschaftlichen Mainstream erreicht wurde.“ (S. 33)


    EU-weit war für das Jahr 2030 71.000 Megawatt Windstrom prognostiziert worden. Tatsächlich wurde dieses Ziel bereits 2009 erreicht, viermal so schnell wie vorausgesagt. Der Unterschätzung der erneuerbaren Energie – in diesem Fall von der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris -, stehe die Überschätzung der Ölpreisentwicklung gegenüber, so Franz Alt. Die gleiche Agentur ging nämlich davon aus, dass das Barrel Öl im Jahr 2030 etwa 30 Dollar kosten würde. Doch bereits 2008 kletterte der Ölpreis auf 147 Dollar, sank 2009 auf 40 Dollar, stieg aber 2012 wieder auf 110 Dollar. Er könne, so die Schätzungen, 2020 bei über 200 Dollar liegen. (S. 35) Fakt ist: Der Ökostrom behält zunehmend die Oberhand. Er ist die Zukunft.


    Mit zahlreichen Beispielen belegt Franz Alt, dass mit dem Mix von Solarenergie, Wasserkraft, Windkraft, Chemie, Bioenergie, Geothermie und auch Meereswellen die Zukunft der Menschheit mit einer sauberen und nahezu kostenlosen Energie gesichert wäre. Sein geflügeltes Wort: Die Sonne schickt keine Rechnung.


    Er weist auf die Gefahren hin, die bei einer „Immer-Weiter-so-Philosophie“ der Menschheit ins Haus stünden. Nicht nur die von Profitjägern hauptsächlich verursachte Klimakatastrophe, auch die Verknappung der Ressourcen würde zu Kriegen führen. Der Kollaps sei vorprogrammiert. „Jeden Tag rotten wir durch Abholzung, industriebedingte Erosion, Raubbau an Bodenschätzen und Emissionen unwiederbringlich 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Die Natur braucht 30.000 Jahre, um eine Spezies zu schaffen. Ohne Tiere und Pflanzen wird es auch keine Menschen geben können.“ (S. 68) Die Geschwindigkeit der ökonomischen und ökologischen Selbstzerstörung sei atemberaubend, schreibt der Autor auf Seite 70. Es sei keine Zeit zu verlieren, die Wende in der Energiepolitik herbeizuführen.


    Unbarmherzig nimmt er deshalb auch die Bremser einer Kehrtwende aufs Korn. Er widerlegt die Lüge vom teuren Strom, die Politiker, die die „Energiewende mit freundlicher Unterstützung von E.ON, RWE und Co“ organisieren wollen, was aber scheitern muss. „Den Großkonzernen geht es primär darum, einen Verlust ihrer Marktanteile zu verhindern. Die Energiewende ist für sie allenfalls drittrangig“, meint Franz Alt. (S. 238) Ins Visier nimmt er u.a. das Projekt, riesige Überlandleitungen für den Stromtransport von der Nordsee nach Bayern und Baden-Württemberg verlegen zu wollen. Das sei Ausdruck alten Denkens in zentralisierten Strukturen (S. 48), denn der Süden habe genügend Wind, man müsse die Windräder nur höher bauen, meint Alt an anderer Stelle. Mehrmals gerät besonders der BRD-Wirtschaftsminister Philipp Rösler unter Wortbeschuss, der mit „sogenannten Hermes-Bürgschaften Atomprojekte im Ausland unterstützt (S.65), der im Sinne der Atomlobby gegen die Solar-Einspeisevergütung gewettert hatte (S.106), der zudem den Photovoltaikstrom auszubremsen gewillt ist.(S. 141)


    Keiner macht sich da was vor: Vier große Energiekonzerne bestimmen den Strommarkt in Deutschland. Sie rechnen jährlich mit steigenden Milliardengewinnen, denn sie geben die sinkenden Preise am Energiemarkt nicht an ihre Kunden weiter. Nicht zu leugnen ist auch dies: Seit 2007 sind die Verbraucherpreise beim Strom um mehr als ein Viertel, auf heute 26 Cent pro Kilowattstunde im Durchschnitt, gestiegen. Für die Großverbraucher aber sind sie seit dem Jahr 2008 um 22 Prozent gesunken. Gerechtigkeit sieht anders aus.


    Einen Spagat vollführt der bekennende Christ und einstige CDU-Mitglied, wenn er an verschiedenen Stellen seines Buches den Raubtierkapitalismus, den neoliberalen Gier-Kaptalismus, das Missmanagement zentraler Ressourcen wie Wasser, Böden, Waldbestände und Fischgründe angreift (u.a. S. 71), gleichzeitig aber an Einsicht und Vernunft appeliert. So schreibt er in Bezug auf die neuen Energieträger von einem neuen Humanismus des 21. Jahrhunderts, von einer dadurch zu erreichenden besseren Welt, vom ewigen Frieden und vom Wohlstand für alle, der allein durch die Energiewende nun möglich werde. An dieser Stelle möchte wohl der Autor nicht so recht glauben, dass den Kapitalmächtigen mit Appellen an die Vernunft nicht beizukommen sei: auch wenn sie auch hierbei Gewinne erzielen – es bleibt beim Klassenkonflikt zwischen Besitzenden und Ausgebeuteten. Einige Seiten weiter allerdings mahnt er, „dass das westliche Modell, das auf ewigen Wachstum und Ausbeutung der Naturressourcen setzt, niemals als weltweites Prinzip funktionieren kann.“ (S. 92)


    Während Energieriesen schnelle Fortschritte hin zu erneuerbaren Energien ausbremsen, setzt Franz Alt auf das Volk, auf Genossenschaften, es gäbe „immer mehr kleine Stromer, die eine Energie-Revolution von unten vorantreiben.“ (S. 37) So gab es im Herbst 2012 in Deutschland bereits 138 Regionen, die bis 2020/2030 oder 2050 bei der Stromgewinnung komplett erneuerbar und autonom sein wollen. (S.36/37). Und was soll das kosten? Der Autor meint: Die weltweite Energiewende kostet bis 2030 etwa 100 Billionen Dollar, „ungefähr die Hälfte des Betrags, den wir ohne diese Wende allein für Brenstoffe, Kraftstoffe und Strom weltweit ausgeben müssten“. (S. 39) Er setzt noch einen drauf: Seit 2004 wurde eine Kilowattstunde Solarstrom um 70 Prozent preiswerter, das Erdöl aber um 200 Prozent teurer.


    Das Verdienst des Franz Alt: Dies Buch ist gut und spannend zu lesen. Die Diktion ist klar, nicht „hochwissenschaftlich“ verkorkst, sondern auch für Otto Normalverbraucher verkraftbar und lesenswert. Der hohe Anspruch des Autors besteht in seinem moralischen Anliegen, durchsetzt mit knallharten Fakten.


    DER GROSSE ABSCHIED von dem alten energiespendenden Feuer und die Besinnung auf erneuerbare Energien – Franz Alt bezeichnet diese Wendezeit als Reformation des 21. Jahrhunderts. Der Abschied von den alten Feuern - er kommt ohne Größe nicht aus. Es braucht eine Zeit, die heute mehr denn je „Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit“ braucht, wie Friedrich Engels in der Einleitung zur „Dialektik der Natur“ einst die Reformationszeit von 1517 bis 1648 charakterisierte. (Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 20. Berlin/DDR. 1962. »Dialektik der Natur«, S. 311-327.)


    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com