Beiträge von Harry Popow

    „IKARUS. Mein wunderbares richtiges Leben im doch so miesen falschen. Lebensschnipsel eines militanten Pazifisten aus drei Ismen“ - von Karl-Heinz Otto


    ZIELGENAU


    Buchtipp von Harry Popow


    IKARUS ist nicht totzukriegen. Hatte er vor 27 Jahren den Gegner noch mit modernsten Fla-Raketen-Komplexen in Schach gehalten, so hält er nunmehr die laut Weißbuch der Bundeswehr wieder in den Kriegsstartlöchern lauernden Menschenfeinde mit mentalen Pfeilspitzen im Visier.


    Ikarus – so wähnt sich lt. Buchtitel ein einstiger NVA-Offizier, der sich dank seiner Bildungsstärke bis in die Königsebene hocharbeitete, oft von manchen Kleingeistern misstrauisch beäugt oder auch behindert, heute im Jahre 2016 von durchweg nach wie vor antikommunistisch aufgeheizten Möchte-Gern-Kriegern im Interesse einer „höheren Verantwortung Deutschlands an der Seite der USA und der NATO“ verschmäht, missachtet, kleingeredet und schließlich totgeschwiegen wird.


    Der unermüdlich gegen Krieg und Kriegsgefahr agierende 78-jährige Offizier a.D. und Schriftsteller heißt Karl-Heinz Otto. Nach unzähligen Romanen und Erzählungen – bereits unter den Fittichen der NVA – raffte er sich nach so langen Jahren nach der sogenannten Wende (die er historisch korrekt Rückwende nennt) auf, sein Leben aufzuschreiben. Mit all den alten und den neuen Beulen, die er sich holen musste – und trotzdem nie aufgab. Er, der Überzeugungstäter. Wollte er zu hoch hinaus?


    Das 480-Seiten-Buch trägt den Titel „IKARUS“. Diese spannende Lektüre strotzt nur so von Fakten, Episoden, Berichten, Zerwürfnissen, Begegnungen und geschichtlich ergänzenden Informationen. Der Leser wird Augenzeuge, wie ein junger Mann vom flachen Lande alle Hürden in Schulen und Dienst- und Arbeitsstellen wie mühevolle Sprünge übers´s langgestreckte Pferd trotz mancher objektiver und subjektiver Stolpersteine genommen hat. Und so durchzieht auch sein jüngster Roman „IKARUS“ das, was man Selbstüberwindung nennt. Schwierigkeiten nicht aus dem Wege zu gehen und mutig Dummköpfen die Stirn zu bieten. Kraftakte, die ohne eine tief auslotende innere Überzeugung – sprich politische Motivation – nicht zu bewerkstelligen sind. Auch nicht ohne Selbstvertrauen, ohne Bildung und Ehrgeiz.


    Wenn Thomas Mann in seinem Beitrag „Es geht um den Menschen, Prosa aus fünf Jahrzehnten“, Seite 286/287 (sich auf Walter Scott beziehend) forderte, die Kunst bestehe darin, dass man mit dem möglichst geringsten Aufwand von äußerem Leben das innere in die stärkste Bewegung bringe; denn das innere „ist eigentlich der Gegenstand unseres Interesses. Die Aufgabe des Romanschreibers ist nicht, große Vorfälle zu erzählen, sondern kleine interessant zu machen“, dann kommt der Autor Karl-Heinz Otto dem mit großem Können entgegen.


    Deshalb sei an dieser Stelle zunächst lediglich ein Umriss seines Wirkens in der DDR gegeben. Im Epilog fasst er sein Leben so zusammen: Als er drei Jahre alt war, tobte der beschissne Kriech, von dem die Erwachsenen erzählten und den sein Vater mit dem Leben bezahlen musste. Als der zu Ende war, räumte uns unser Staat, „den bisher Benachteiligten, den Unterprivilegierten und Bildungsfernen, alle Möglichkeiten ein, unabhängig von Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern zu neuen Ufern aufzubrechen...“ (S. 479) Karl-Heinz Otto legte das Abitur ab und wollte Architektur studieren. Er, der auch als Junger Pionier die Welt zu verbessern gedachte, entschied sich nach dem Abitur für den Dienst als Offizier, dem sich, so erinnert sich der Autor, keiner der Jungs verschlossen hätte. Wie auch an anderen Textstellen fügt Karl-Heinz Otto in diesem Zusammenhang Worte des Kanzlers Adenauer an, wonach es gelte, nicht die Wiedervereinigung anzustreben sondern die Befreiung der Ostzone.


    Auch wenn dem feinsinnigen Karl-Heinz die vorgesetzten Unteroffiziere während der Grundausbildung (in Vorbereitung auf die Offiziersschule) mit ihren Ordnung erheischenden „Hocker umwerfen“ bei ungenügendem Päckchenbau schier die Galle hochkommt – er wird demnächst als Kanonier, Truppenoffizier, Erfinder, engagierter Stabsoffizier und Spitzengeheimnisträger für Fla-Raketentechnik sowie viel später als Filmemacher und Schriftsteller seinen Beitrag zur Friedenserhaltung leisten. Gekrönt wurden anlässlich der „Messe der Meister von Morgen“ seine Bemühungen um eine hohe Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft bereits als Funkmessoffizier im Truppendienst mit zwei Goldmedaillen – für Simulatoren, die er für die Ausbildung von Operateuren an Rundblickstationen entwickelte und schließlich mit der zweimaligen Auszeichnung mit dem Friedrich-Engels-Preis, mit dem besondere militärwissenschaftliche Leistungen geehrt wurden. Auch dies: Nach siebenjährigem Fernstudium zum Diplomingenieur der Elektronik an der Technischen Hochschule Ilmenau erhält er für sein Diplom als einziger der Matrikel E III ein summa cum laude.


    Bereits als junger Offizier beruft man ihn in die Verwaltung Truppenluftabwehr im Ministerium für Nationale Verteidigung, wo er sich als Offizier für Rundblickstationen bewährt und bald in verantwortlicher Position den Wechsel veralteter Flak- zu moderner Fla-Raketentechnik mitbestimmt. Auf Seite 7 gesteht er: „...stets glich meine Perspektive der einer gewöhnlichen Feldmaus denn der eines stolzen Adlers. Und stets, wenn ich wie Ikarus wagte, in unergründete Höhen abzuheben, fanden sich Förderer wie Neider meiner Kreativität.“ Die ersteren wollten sich der Ergebnisse seines Forscherdranges bedienen, während die Geheimdienstler ihn als negativ-feindliches Element denunzierten und „unermüdlich an meinem Absturz werkelten...“


    Nicht nur die mitunter bösartige Unterstellungskunst der Abwehrorgane der NVA, auch die Versuche, ihn vom Studium in der SU wegen fadenscheiniger Begründungen abzuhalten, übrigens auch vom Fernstudium innerhalb der DDR, ließen ihn, den vorwärts jagenden jungen Adler, sich verwundert die Augen reiben, ob er denn noch bei soviel Dogmatismus richtig liege, mit seiner Überzeugung von der Überlegenheit des Sozialismus. Unvermeidlich auch andere – für viele wohlbekannte enttäuschende Erlebnisse mit der hoch angebundenen Waffenbrüderschaft zur Sowjetarmee - als nämlich eine persönlich beginnende enge Freundschaft mit einem sowjetischen Offizier urplötzlich an dessen Versetzung nach Kamtschatka zusammenbrach. Barrikaden der Freundschaft traf er als Kursant der Militärakademie in Kiew an, als ausländischen Studenten jedwede Besuche außerhalb von Kiew untersagt blieben.


    Wer tief zu loten vermag, der gibt nicht auf, der sieht die Dinge komplex, der sieht sie in Zusammenhängen und gesellschaftlichen Dringlichkeiten ob des Kalten Krieges. So legt sich der Autor bereits im Prolog seiner Erinnerungen fest, indem er „penetranten Geschichtsklitterern“ in die Suppe spuckt, „die sich in unser Leben einmischen“. Er möchte nicht, dass Leute, die nicht einen einzigen Tag in der DDR gelebt, geschweige in deren Volksarmee gedient haben, (…) erzählen wollen, wie seine Lebenszeit (…) verlaufen sei. „Ich schreibe also, um mir die Deutungshoheit über mein eigenes wunderbar-mieses Leben nicht von anderen stehlen zu lassen“. (S. 6) Auf Seite 7 fährt er fort, er nenne es ein historisches Unrecht, diese Volksarmee zu verteufeln, statt sie dafür zu loben, dass sie nie einen Krieg führte und verantwortungsbewusst ihre schmerzhafte Selbstauflösung wählte, um damit einen blutigen Bürgerkrieg zu vermeiden. Doch schon wieder würden „Abermillionen von Schwertern darauf warten, zu Pflugscharen umgeschmiedet zu werden“.


    So sehr sich die Staatssicherheit der DDR auch bemühte, den „aufsässigen“ Offizier Karl-Heinz Otto aus der Armee zu entfernen, wozu er 16 Jahre lang bespitzelt wurde, eines müsse man einigen Leuten lassen – es gab auch ehrliche Urteile, ohne Denunzierungen und Herabwürdigungen. So liest sich dies auf Seite 372 so: Er sei ein kluger Theoretiker, in der praktischen Tätigkeit versiert, allseitig anerkannt, „wie man es in der NVA nur selten findet“. (…) Er ist ein Mensch, der nicht alles widerspruchslos hinnimmt, der tiefgründig nachdenkt und mit seinen Gedanken (…) nicht hinter dem Berg hält“.


    Die vom Autor – vor dem Abgang vom Armeedienst verteidigte der ehrgeizige Offizier noch seinen Doktortitel – bezeichneten Lebensschnipsel eines militanten Pazifisten erweisen sich als ein großartiges lebensvolles Mosaik, das jedem, der die DDR bewusst erlebt hat, einen Genuss an Erinnerungen bereitet. Dazu gehören nicht nur die III. Weltfestspiele, Biermanns Ausbürgerung, Ernteeinsätze der NVA oder gar die Enttäuschungen, wenn Lehrer plötzlich die Seiten wechselten. Mit gezielten Argumenten widerlegt der Autor Anmaßungen der bürgerlichen Historiker und der Medien über die Geschichte der DDR. Beeindruckend ebenfalls zahlreiche Naturbeschreibungen, ob auf dem DDR-Übungsgelände oder in der Kasachischen Steppe. Hilfreich sind des Autors jeweilige Ergänzungen zur Geschichte sowie seine Vorliebe, Dichter und Denker wie Bertold Brecht, Louis Fürnberg und Konfuzius zu Rate zu ziehen. Interessant des Autors Reisen nach Vietnam und Namibia und seine persönlichen Beobachtungen.


    Im Epilog bedauert der Autor und widerständiger Oberstleutnant a.D., „dass wir die bisher einmalige Chance, eine gerechtere Gesellschaft zu gründen, glattweg vergeigten“. (S. 480) Auf dieser Seite findet sich auch der auf Karl Marx zurückführende Ausspruch, das Kapital habe ein Horror vor Abwesenheit von Profit. Sehr oft verwendet der Autor das Wort indoktrinär für die Propaganda in der DDR. Er schreibt zu recht, man solle auch die Möglichkeit haben, die Welt selbst anzuschauen. Dem ist nichts hinzuzufügen, die Welt anschauen mit theoretischer Vertiefung – daraus wird ein Schuh.


    Und so hofft der Autor, sich auf Oscar Wilde berufend, dass die Menschheit, sollte sie ein besseres Land sehen, die richtigen Segel setzen möge. „Dass Sozialismus und Demokratie zusammengehören – und Stasispitzel verzichtbar sind – sollte nach unserem vergeigten Sozialismus-Experiment Allgemeingut und zur wichtigsten Lehre geworden sein.“ Der IKARUS im Träumer Karl-Heinz - er lässt die Gegenträumer nicht aus den Augen.


    Karl-Heinz Otto: „Ikarus. IKARUS. Mein wunderbares richtiges Leben im doch so miesen falschen. Lebensschnipsel eines militanten Pazifisten aus drei Ismen“ 1. Auflage 2016, Edition Märkische Reisebilder, Dr. Karl-Heinz Otto, Vertrieb FON 0331 270 17 87, E-Mail: dr.otto.edit.maerk.reisebilder,@t-online.de,
    www.carlotto.de


    Bisher veröffentlichte Bücher des Autors Dr. Karl-Heinz Otto / Pseudonym: CarlOtto:


    1. Probezeit, Roman, 1985, 1987
    2. Die Riesenkuh Agathe, Kunstmärchen, 1995
    3. Silberfäden, Erzählungen, 1995
    4. Reisen und Speisen in Brandenburg, Reiseführer, 1996
    5. Klöster, Schlösser und Burgen in Brandenburg, Reiseführer, 1998
    6. Kamerad Parkinson, Roman, 1999
    7. Historische Gasthäuser in Brandenburg, Reiseführer, 1999
    8. Brandenburg, Reiseführer, 2001
    9. Im Schatten der Flämingburg, Kriminalroman, 2003 (unter Pseudonym CarlOtto)
    10. Der herbe Duft der Chrysantheme, Kriminalroman, 2007 (unter Pseudonym CarlOtto)
    11. Der Windmüller und der Flötenkönig von Sanssouci, Kunstmärchen, 2007
    12. Operation Taubenhaus, Kriminalroman, 2012 (unter Pseudonym CarlOtto)
    13. Märkische Reisebilder, eine Edition kulturhistorischer Reiseführer zur Berliner und brandenburgisch-preußischen Geschichte

    Um des Lebens willen...


    Von Harry Popow


    Über dem Regenbogen. Ein zartes Lied. Melodisch. Gedankenreich. Eines, das unter die Haut geht. Frühlingstag. Sonne. Balkon. Das Grün. Die Wärme. Sie – Tränen in den Augen. Bald kommt der ewige Abschied. Er nimmt sie in seine Arme. Sie tanzen im Wohnzimmer. Nach dem Frühstück. Ihr Kopf liegt fest an seiner Schulter. Er streicht ihr leicht mit den Fingern hinter den Ohren. Ganz fest halten sie sich. Das Schöne und Liebe ist bei beiden zu Hause. Seit über einem halben Jahrhundert.


    Was gibt es Wichtigeres als das einzigartige Leben? Mit all diesen Hoffnungen und auch Enttäuschungen? Mit all den Mühen und auch dem Spaß? Manchmal ist es zu viel des „Guten“. Gewalt, Korruption, Kriegsgefahr, Trauerspiel in Europa, nicht verfügbare Visionen, Resignation, Zerfallsprozesse, Theater und Filme, die oft genug nur Banales bieten, Talkrunden, die nur Symptome aufzählen. Inhaltsloses als Denkvorgabe. Was Wunder, dann droht Acedia: Gleichgültigkeit. Überdruss. Denkfaulheit. Trägheit des Herzens. Innere Leere. Langeweile. Ignoranz. Trostlosigkeit. Wer dem unterliegt, hat es schwer. Zukunft sieht dann anders aus. Dann droht Einsamkeit. Dann bist du ausgestoßen. Dann spürst du dein Alleinsein doppelt stark, abgehängt worden zu sein. Angewiesen auf Almosen, weil du ein außen vor bist, ein Arbeitsloser? Und dann heißt es noch, du bist selber Schuld an deinem „Missgeschick“. Und so tappst du ohnmächtig in die Falle der Selbstverschuldung, suchst nach Auswegen in dir selbst, gerätst immer tiefer in die Sackgasse der eigenen Ohnmacht, während sich der Staat aus sozialen Problemen immer mehr heraushält. Begehrst du aber auf, dann ist das dein gutes recht. Nur – das juckt niemanden. Dein Zorn verpufft wie der Schrei einer Nachteule.


    In den 1960er und 1970er Jahren hat der „Meisterdenker“ des neoliberalen Projekts, Milton Friedman, in seiner Theorie verkündet, dass der freie Markt für die Freiheit des Einzelnen konstituierend sei, und dass er mit möglichst wenig Staat am besten funktioniere. Er hat allerdings dabei „übersehen“, dass sich die Marktteilnehmer sehr unterschiedlich in den Markt einbringen. Während der genannte Gedanke für die großen Kapitalbesitzer gewiss sehr attraktiv ist, müssen abhängig Beschäftigte und kleine Selbstständige an einem starken Staat, der faire Beschäftigungsverhältnisse und Mindestlöhne garantiert, interessiert sein. (…) Wenn Solidarität in Europa wieder eine größere Rolle spielen soll, dann müssen sich Bürger und Politiker Europas vom neoliberalen Dogma, das solidarische Politik unterminiert, verabschieden und eine Wirtschaftspolitik verfolgen, die allen Schichten der Bevölkerung gerecht wird. ( http://www.nachdenkseiten.de/?p=33352#h06 )


    Allen gerecht werden? Das ist reine Illusion. Seit wann lässt sich Wirtschaft über die reine Vernunft regulieren? Da hilft nur die zweifelhafte Flucht zu dir selbst. Gehe in dich. Bete gar? Das wird dir in heutigen Zeiten der Übermacht der Profitjäger und Katastrophenmeldungen wärmsten ans Herz gelegt. Das genaue Gegenteil aber tut Not. Dich überwinden. Aufstehen. Aufwachen – wie viele solcher Losungen hörst du.
    Und doch: Abschied von acedia? Das klingt nach dem Roman „Abschied vom Frieden“. Die Profiteure machen lassen? Sich feige abducken? Drei-Affen-Zeremonie? Das Gegenteil von acedia: Sich rühren, zornigen Widerstand leisten, etwas tun. Frieden schaffen ohne Waffen. Im Bündnis mit anderen. Nicht vereinzelt. So wird ein Schuh draus.


    Das Dilemma steckt tief, sehr tief. Neuerdings nämlich geht die Sonne im Westen auf. Neuerdings! Morgenröte aus Richtung Abendland? Gegen alle Naturgesetze? Wer denkt sich so etwas aus? Hirnis? Denkt doch endlich mal nach: Wenn das den Profit der größten Heiligen Kühe steigern würde - sie würden die Sonne tatsächlich ab sofort am westlichen Horizont aufgehen lassen. Und die Abendsonne ginge im Osten unter. Wie alles, was Osten ist auch unterzugehen hat. Dafür zahle es sich gehörig aus, allein der Tourismus würde profitieren. Aber das Geht nicht. Naturgesetze kann man nicht überlisten. Aber in der nur marktorientierten Gesellschaft geht das? Und wie das geht! Man braucht nur artig manipulieren, den Leuten glauben machen, alles hänge nur vom Wollen der Menschen ab – und zunehmend wieder vom Willen Gottes. So schafft sich die Heilige Kuh eine auf dem Kopf stehende Welt, ihren Freiraum für das Durchpeitschen ihres gewinnbringenden Futters, für jeglichen Widersinn, für jede Lüge und jeden Krieg.


    Unter dem Deckmantel der Wiedervereinigung streckte die Heilige Kuh ihre staatlichen und parteigebundenen Stellvertreter aus, um neue Weideflächen zu besetzen. Und da viele jubelten, nahm sie den einstigen gemeinschaftlichen Besitzern Grund und Boden weg und verhieß angesichts der nunmehr im Westen aufgehenden Sonne „Blühende Landschaften“. Ihren Siegeszug bemäntelte sie mit den großen Worten „Freiheit und Demokratie“. Im Namen dieser seit der Französischen Revolution aufgekommenen Losung kam man nach der Konterrevolution auf die glorreiche Idee, von nun an allen und jedem zu gestatten, seine Innereien vor dem Volk auszuschütten, so dass man glauben sollte, die persönliche Freiheit sei das A und O jeglichen Wohlbefindens, darin stecke der Sinn menschlichen Daseins. Im Namen von Freiheit und Demokratie werden sämtliche Demos gegen Machtwillkür gestattet, um im nächsten Moment unter der gleichen Losung der Verteidigung des Abendlandes die Teilnehmer von TIPP-Demos – so in Berlin mit 250.000 und in Hannover mit 90.000 – zu diffamieren und gar in die rechte Ecke zu stellen.


    Man ist sich bei der Zurückdrängung der Ideologie der Veränderbarkeit der Welt nicht zu schade, selbst vergessene, weil bedeutungslose, Philosophen aus der Erde zu kratzen. So Hans Blumenberg (1920 – 1996). .Theoretische Neugierde hielt er für philosophischer als Interesse an der Verbesserung der Welt. Den Glauben an die Veränderbarkeit des Menschen betrachtete Blumenberg als haltlose Illusion. Er ließe „sich in der Epoche der Ideologien keiner der gängigen Philosophieströmungen des 20. Jahrhunderts zuordnen.“ Der Rekurs auf Vernunft, Wahrheit oder Begründung habe sich nach seiner Auslegung in unserem Zeitalter als unwirksam erwiesen: Zuviel sei geschehen, als dass man es in einer metaphernlosen Sprache ausdrücken könnte. Mit seiner niemals vollständig ausgearbeiteten Metaphorologie habe er ein Deutungsangebot vorgelegt, das heute wieder an Aktualität gewinne...
    (siehe http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=857&n=2&y=1&c=63)


    Aktualität in welchem Interesse? Hiermit sei also die Unhaltbarkeit von gesetzmäßigen Zusammenhängen wie die des Menschen in der Gesellschaft und im Produktionsprozess in Abhängigkeit von der Natur nachgewiesen. Wissenschaft ade! Der Neoliberalismus – aus dem Boden gestampft, um die Herrschaft des großen Kapitals zu sichern – sei auch hiermit am Siegeszug.


    Setzen wir dem den folgenden Satz der Publizistin Daniela Dahn entgegen: „1989 brachte das vermeintliche Ende der Geschichte nur das Ende des systemkritischen Denkens. Unter dem fabelhaften Label „Freiheit und Demokratie“ wurde der fragwürdige Status quo den Hinzugekommenen als das non plus ultra menschlicher Zivilisation untergejubelt.“ (…) „Die bessere Zukunft wurde zumindest für die wirtschaftlichen oder politischen Verlierer zurückgedrängt in eine restaurative Gegenwart. Die systemkritische Debatte hat zwanzig Jahre verloren (...)“ (Daniela Dahn in ihrem Buch „Wir sind der Staat“, Seiten 123/110)


    Unterstreichen möchte der Autor auch die Feststellung der zwei Zeitzeugen Armeegeneral a.D. Heinz Keßler und Generaloberst a.D. Fritz Streletz in ihrem Buch „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ auf Seite 169: Mit 1989 sei „zugleich der Versuch einer antikapitalistischen Alternative in Deutschland aus der Welt, die DDR war Geschichte. Aber mit ihr keineswegs die Vorstellung von einer anderen als der kapitalistischen Welt. Denn mit diesem Staat DDR ist ja nicht die Idee untergegangen, sondern ein bestimmtes Modell, dass den dauerhaften Angriffen des Imperialismus erlag.“ Sofern sich die deutsche Arbeiterklasse ihrer Erfahrungen bewusst wird und sich diese nicht ausreden lässt, habe sie jedoch noch eine Perspektive.


    Man betrachte dieses Buch „DÄMMERZEIT“ als eine Fortsetzung von „WETTERLEUCHTEN“, das im gleichen Verlag epubli erschienen war. Wohl wissend, dass es seine Leser kaum finden wird, zu große Macht haben Bestseller, die nicht am Schlaf dieser Welt rühren. Das Buch hatte jene Wirkung, die gemeiniglich gute Bücher haben: Es machte die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger, und die übrigen Tausende unberührt und unverändert. Es beruhigt, wenn man Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Freitod) liest: „Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.


    Worum geht es? Interessanterweise veröffentlichte die „linkeZeitung“ am 16.042016 unter der Überschrift „Der Dritte Weltkrieg hat begonnen. Wacht endlich auf!“ folgenden Text, hier im Ausschnitt: „(…) In der vorherigen Generation entstand eine postmoderne Strömung, die jetzt als "Identitätsstiftung" bezeichnet wird; sie hindert liberal gesinnte intelligente Menschen daran, die Entwicklungen und Personen zu hinterfragen, die sie unterstützenswert finden. Deshalb erhielten und erhalten Bauernfänger wie Obama und Frau Clinton oder angeblich progressive Bewegungen wie Syriza in Griechenland so viel Zulauf, obwohl sie die Leute betrügen und eine menschenfeindliche Politik betreiben.Die Beschränkung auf die eigene Person und der Rückzug ins Privatleben haben viel zu lange den Zeitgeist in privilegierten westlichen Gesellschaften geprägt und die großen kollektiven Bewegungen gegen Krieg, soziale Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Rassismus und Sexismus eingeschläfert. Dieser Schlaf scheint jetzt zu Ende zu gehen. Die Jungend wird langsam wieder wach. Jeremy Corbyn, der neue Chef der Labour Party in Großbritannien, wird von Tausenden junger Menschen unterstützt – auch Senator Bernie Sanders in den USA. (Die neuen Hoffnungsträger werden aber vermutlich auch nichts ändern.) (...)“


    Ein zentnerschwerer Stein fällt dem Autor von den Schultern, als er sich als Blogger im Internet bestätigt fühlt. Nicht allein durch Dankesworte von Autoren und Zustimmung von Usern, sondern aus einem ganz plausiblen ökonomisch unabhängigem Grund. So schrieb Mirna Funk folgende Zeilen: „Es gibt überhaupt keine Unterschiede mehr. Ich muss sogar sagen, dass ich die besten, klügsten, durchdachtesten und reflektiertesten Rezensionen auf Blogs gelesen habe. Das liegt natürlich daran, dass ein Blogger mehr Zeit hat, ein Buch auch wirklich durchzuarbeiten. Journalisten nehmen vielleicht Rezensionsaufträge an, weil sie dafür bezahlt werden, oder sie bieten es einer Zeitung an, weil sie wissen, dass sie den Text verkaufen können.“
    (entommen: http://www.literaturkritik.de/…rezension.php?rez_id=2190 1)


    Wieder im Zusammenhang denken lernen – das scheint das Gebot der Stunde in unserem so verrückten Zeitalter. So konnte ich in den „Nachdenkseiten“ folgende Klarsicht finden: „Die schleichende Revolution – Wie der Neoliberalismus die Demokratie zerstört. Der Neoliberalismus bestimmt spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges alle Gesellschaften der westlichen Welt. Aber was ist Neoliberalismus? Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Wendy Brown glaubt, dass Neoliberalismus mehr ist als eine Wirtschaftspolitik, eine Ideologie oder eine Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft. Vielmehr handelt es sich ihrer Ansicht nach um eine Neuordnung des gesamten Denkens, die alle Bereiche des Lebens sowie den Menschen selbst einem ökonomischen Bild entsprechend verändert – mit fatalen Folgen für die Demokratie. Alle Sphären der Existenz werden im Neoliberalismus wirtschaftlichen Gesichtspunkten unterworfen und diesen entsprechend vermessen: die Politik, das Recht, die Kultur, die Bildung, die Familie, die Geschlechterrollen. Das alte europäische Ideal des homo politicus, der sich für das Gemeinwesen engagiert, wird ersetzt durch das des homo oeconomicus, der sich als Humankapital verstehen und seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern soll. Damit wird das Volk als Zusammenschluss der Bürger und Grundlage der Demokratie abgeschafft und in der Konsequenz diese selbst. Trotz aller Wirtschafts- und Finanzkrisen setzt sich diese schleichende neoliberale Aushöhlung unserer Gesellschaften scheinbar unaufhaltsam fort (...)“.


    Rette sich wer kann in diesem System? Das werden wohl nur wenige verstehen oder gar wahrnehmen. Obwohl - dazu gibt es zahlreiche Abhandlungen. Der Rezensent – und nicht nur er - kann ein Lied davon singen. Aber wer liest solch schwere Literatur, zumal sie oft genug systemkritisch daherkommt. Der Autor ist überfragt, darauf auch nur annähernd einzugehen zu können. Der Leser, so er interessiert genug ist, wird also mit ihm in Äußerungen von Autoren, Publizisten, Politikern und Usern blättern, um sich diesem oft totgeschwiegenen Thema zu nähern. Mögen die Gedankensplitter, dieser bunte Kessel an streitbaren Texten, zu weiterem Nachdenken anregen, zur mentalen Flucht aus mitunter vorgegebener geistiger Enge, verbunden mit Fragen nach dem eigenen Tun.


    Textauszug aus:


    Harry Popow: "DÄMMERZEIT. EIN KESSEL STREITLUST", epubli-Verlag. Taschenbuch, Format DIN A5, 204 Seiten, ISBN: 978-3-7375-3822-0, Preis: 11,99 Euro, zu bestellen:
    http://www.epubli.de/shop/buch…Popow-9783737538220/52205


    Telefon: 030/ 617 890 200

    „DÄMMERZEIT. EIN KESSEL STREITLUST - Harry Popow



    Von vergnüglicher Erkenntnis


    Buchtipp von Elke Bauer



    Wer freut sich nicht, wenn es bei ihm dämmert? Wenn ihm menschliche oder erweitert: gesellschaftliche Verhältnisse, plötzlich klarer erkennbar erscheinen? Ihm eine neue oder andere Sicht auf Ereignisse im Umfeld nahegebracht wird oder er sich diese neue Sicht selbst schaffen kann?




    Das Vergnügen des Erkennens ist so alt wie das Denken der Menschen selbst „dass ich erkenne, was die Welt in ihrem Innersten zusammen hält" so das literarische Vorbild des Erkenntnis suchenden Menschen. Und zu Erkenntnissen/Denkmöglichkeiten will der Verfasser seine Leser führen. Wobei von ihm nicht die Mittel der gelehrten Abhandlung oder die Umsetzung von philosophischen Lehrsätzen in den Alltag, sondern die Auseinandersetzung der Menschen untereinander gegen die Gleichgültigkeit und den Vorrang aller materiellen Interessen geht.
    Er nennt den Untertitel unter Hinweis auf eine beliebte und durchaus nicht niveaulose Fernsehunterhaltung einen Kessel Streitlust. In diesen Kessel Streitlust hat er Meinungen, Erfahrungen und gesellschaftliche Wahrheiten gegen Lügen,Verhetzungen und Manipulationen der wahren ewig Gestrigen gepackt, die für das „was immer war und immer wieder kehrt und morgen gilt, was gestern hat gegolten" stehen. Die Ausführungen würzt er mit der Darstellung von Hintergründen gegenwärtiger Ereignisse, die von den „Machern" gern verschleiert werden sollen, wie eben besonders die sogenannte Friedenspolitik mit verschärfter Waffenproduktion und -export, oder die verschobene Darstellung ökonomischer Verhältnisse.
    „Denk mal drüber nach" /Bredel/Die Väter, ist die Aufforderung an seine Leser und Mitmenschen. Es ist Aufforderung und Bitte zugleich, kein kategorischer Imperativ. Um so mehr hat es mich gefreut, an nicht gerade hervorgehobener Stelle, aber immerhin, den Hinweis auf Hessels „Empört Euch" zu finden, denn es geht auch um das Empören in diesem Buch. Der Verfasser will nicht, das „Acedia" menschenbeherrschend wird.


    Er stellt im Kapitel „Lichte Momente", viele Begriffe, die oft gedankenlos, auch im falschen Zusammenhang, gebraucht werden auf den Prüfstand und versucht ihren wahren Sinn freizulegen: Genügsamkeit, Neoliberalismus, Achtsamkeit, nicht entkommen können, Entpolitisierung – sie werden nach der eigentlichen Aussage abgeklopft und können durchaus beim Leser zu einem „Sieh mal an" und „So schlimm hätte ich es mir nicht gedacht" zu einer ersten Erkenntnisstufe führen. So gibt es vieles in diesem Buch, welches bei der gegebenen Ernsthaftigkeit Freude bereitet durch einen, der den Finger auf die Wunde legen und die Gedanken auf den Punkt bringen kann. Das macht er im Aufbegehren gegen heutige Oberflächlichkeit in menschlichen Beziehungen, Kälte, Zurückziehen ins Private - im Gegensatz zu oft nicht oberflächliche Lektüre, die viel zu wenig öffentlich diskutiert werden. Die Ausführungen von Harry Nick, vom Countertenor Jochen Kowalski "...alle fühlen sich frei und jeder geht zum Psychiater" bringen eindringlich gesellschaftliche Fragen auf den Punkt.


    Wer dieses Buch liest, dem wird es ähnlich Heinrich Heine ergehen: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht". Das ist die Absicht bei der Veröffentlichung dieses Buches.


    Sehr bewegend ist das Kapitel "Netzpfeffer", in dem das drastische Pro und Kontra zu Popows Blog im Netz an Beispielen wiedergegeben werden. Sehr interessant für den mitdenkenden und intelligent urteilenden Leser. Wer gern verinnerlicht sinniert, sollte sich mit den eingebauten Essays befassen und er kann sich freuen über die ebenso kritische, besonders aber für die Menschlichkeit eintretende Haltung des Verfassers („Der Mensch vor dem Supermarkt“). Der Seitenhieb zur Esotherik gehört ebenso zu den Ausführungen wie die sehr ernste Kritik an verschiedensten DDR-Verhältnissen und -erscheinungen.


    Ich wollte nur antippen: Das eigentliche Dämmerzeitvergnügen sollte sich jeder selbst verschaffen, kann und müsste. Das Buch ist ein Funkensprühen, sie treffen die mit Brandmalen, die den Turbokapitalismus tolerieren, aber fordern und treffen jene Leser erleuchtend, die sich von den Funken erhellen lassen wollen und - so erhellt -, zum Tätigsein kommen.



    Harry Popow: "DÄMMERZEIT. EIN KESSEL STREITLUST", epubli-Verlag. Taschenbuch, Format DIN A5, 204 Seiten, ISBN: 978-3-7375-3822-0, Preis: 11,99 Euro, zu bestellen:
    http://www.epubli.de/shop/buch…Popow-9783737538220/52205



    Zur Rezensentin: Elke Bauer, geb. 1939, Bibliothekar an allgemeinbildenden Bibliotheken der DDR/ Fachschule für Bibliothekare Leipzig 1961, Diplomkulturwissenschaftler/Universität Leipzig 1970, Bibliothekar in ltd. Funktion bis 1991, Aufbau einer eigenen Buchhandlung, selbstständige Buchhändlerin 1991 bis 2001, Rentnerin, ab 2011 in München lebend. (Elkebauer1939@aol.de)



    Edit: Ich habe Titel und Autorennamen in der Betreffenden Zeile angegeben. Außerdem habe ich das Bild entfernt, da das Buch schon durch die Amazonverlinkung gezeigt wird. Gruß Herr Palomar

    „KAPITALFEHLER“ - Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen – von Matthias Weik & Marc Friedrich


    Schlangenbeschwörer


    Buchtipp von Harry Popow



    „Anaconda“. Das ist der Name eines Manövers der NATO in Polen, mit dem im Juni 2016 wieder einmal das „aggressive“ Russland eingeschüchtert werden sollte. Die im Hintergrund die Fäden ziehen, das sind die Finanzeliten, voran die der USA und der BRD. Jene Kräfte, die im Hintergrund einen dritten Weltkrieg machtbesessen und nach Ressourcen gierend kaltblütig ins Kalkül fassen.. Sie darf man zusammenfassend getrost auch „Anakonda“ nennen - die größte Würgeschlange der Welt. Ihr den Garaus zu machen, steht im Fokus eines weiteren hochinteressanten Sachbuches mit dem Titel „KAPITALFEHLER“.


    Es erschien im Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG Köln. Auf den 352 Seiten markieren die Autoren Matthias Weik & Marc Friedrich in sieben Kapiteln den Finanzkapitalismus als schlechten Kapitalismus und mahnen an, die Finanzmärkte strikt zu regulieren, so bereits im Klappentext zu lesen.


    Wie alle gesellschaftskritischen Bücher stellt auch diese zum produktiven politischen Streit anregende Lektüre eine Fundgrube für Ökonomen, Politiker und vor allem für Studenten dar, die das Gehege der Anakonda weiter erkunden und Symptome ihres gefährlichen Würgens in aller Welt nicht nur festhalten wollen, sondern darum bemüht sein sollten, deren Unwesen an den Pranger zu stellen.



    Von Anbeginn führen die beiden Autoren den Leser auf den Spuren der „Anakonda“ durch ein Wirrwarr von Beispielen und Symptomen des größten Jägers nach Profit zu einem Weltbild des Chaos, des Niedergangs und der Gefahren für die Fortentwicklung der Menschheit. Im Vergleich zum Taschenbuch „Der CRASH ist die Lösung“ - ebenfalls von beiden Autoren - ,in dem sie vor allem tagesaktuelle Fakten geboten haben, wollen sie nunmehr in die Tiefe der Krisenanalyse gehen. Sie wollen herauskriegen, weshalb der Kapitalismus „zu einem System mutiert, in dem nur noch die Interessen von ein paar Dutzend globalen Konzernen, einer immer kleineren Zahl von Superreichen und einer von der Realwirtschaft fast vollständig abgeschotteten Finanzelite zählen.“ (S. 12)


    Das Duo benennt zum Teil bekannte Wahrheiten: So zum Beispiel, dass immer mehr Menschen von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können. In der BRD würden im Niedriglohnsektor acht Millionen Menschen arbeiten. Dieser Sektor sei seit 1991 um 139 Prozent angestiegen, „während die wichtigen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjobs, die die Renten finanzieren, um über 18 Prozent zurückgegangen sind“. (S. 17) Gravierend mit katastrophalen Folgen würgt die Anakonda im Interesse von Profit der Großkonzerne, besonders der Agrarkonzerne, in ärmeren Ländern unter dem „Etikett der Entwicklungshilfe und Armutsbekämpfung. So gesehen sind die von den Autoren angeführte Beispiele Belege für die eigentlichen Fluchtursachen. (S. 302/303)


    Von „Wohlstand“ wird in diesem Buch viel geschrieben. Zunächst scheint unklar, ob die Autoren den Wohlstand der oberen Schichten mit denen der unteren und schlechter verdienenden verwechseln, die Gruft zwischen Arm und Reich übersehen. Die Korrektur kommt erst spät, ab Seite 280. Es komme zu einer absurden Wohlstandsverteilung, „weil Steuerflucht einige wenige immer reicher und viele immer ärmer macht“. Empörend, dass internationale Konzerne und Superreiche kaum oder keinerlei Steuern zahlen. Interessant: Derzeit würden weltweit 32 Billionen Dollar in Steueroasen lagern. Frage: Wäre der Arbeitnehmer nicht arm, so wäre der Arbeitgeber nicht reich. Warum wird hier das Mehrwertgesetz gar nicht erwähnt? Wenn auf Seite 38 betont wird, dass 0,1 Prozent der Weltbevölkerung über 80 Prozent des weltweiten Finanzvermögens besitzen, dann kann man doch nicht die Frage nach einer schlechten Verteilung stellen, das ist doch reine Illusion, da die „Anakonda“ als Eigentümerin wie eine Glucke auf ihrem Privatvermögen sitzt, es in lukrativeren Anlagen außerhalb der Produktionssphäre mehren muss, bei Strafe ihres Unterganges.


    Dick unterstreichen sollte man die Forderung der Autoren, dass Gemeingüter wie Wasser oder Rohstoffe nicht „den üblichen Mechanismen von Angebot und Nachfrage“ unterliegen sollten (S. 188). Die „Profite aus Rohstoffen müssen daher der Gesellschaft und dem Gemeinwohl zufließen“. (S. 194)


    Die zahlreichen Fakten für den Irrsinn der Profitjägerei füttern die Autoren mit Begriffen aus der Ökonomie, bei denen interessierte Leser zum Duden greifen sollten. Dabei geht es nicht nur um Angebot und Nachfrage, sondern um zyklische Krisen, um Derivate, um Energiequellen, um Spekulanten, um fiktive Waren wie Arbeit, Boden und Geld, um Profiteure des globalen Raubtierkapitalismus sowie nicht zuletzt um den Billigwahn, der so viele arm und ganz wenige reich macht.


    Als Ursachen nennen die Autoren u.a. gewollte Krisen, den Neoliberalismus, den sie als Kamikazekurs bezeichnen, sowie die Enteignung der Bürger durch Niedrigzinsen bzw. Negativzinsen. Daraus schlussfolgernd: Wenn sich Politik und Gesellschaft nicht endlich aus dem Würgegriff (siehe Anakonda, H.P.) der Finanzmärkte befreien, dann würden Marktwirtschaft und Kapitalismus endgültig „von Förderern zu Totengräber unseres Wohlstandes“. (S. 25)


    Schade, dass das Duo die Blutspur, die die „Anakonda“ vor allem seit den beiden Weltkriegen bis heute zieht, weitgehend außen vor lässt. Lediglich diese Aussage: So habe man in einigen Ländern aus den Erfahrungen der beiden verheerenden Weltkriegen gelernt, „indem der Völkerbund und die UN gegründet wurden, um den Frieden zu sichern“. (S.306) Kein Wort von dem gegenwärtigen aggressiven Würgegriff der NATO bis an die Grenze zu Russland, was einem Selbstmord nicht nur der USA, sondern vor allem auch Europas im Kriegsfalle gleichkäme.


    Die Königsfrage: Aus welchem Sumpf kriecht die „Anakonda“, wo liegen die eigentlichen Ursachen des dem Crash entgegen stürzenden Kapitalismus? Zwar wollen die Autoren den unregulierten Finanzsektor als alleinigen Schuldigen darstellen, übersehen jedoch grundlegende und stets wirkende Widersprüche zwischen der gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung der Produktionsergebnisse. Nicht wenigen belesenen Lesern ist doch die Erkenntnis geläufig, dass durch Überakkumulation ein Überfluss an Kapital entsteht, aber in der Realwirtschaft nicht immer gewinnbringend angelegt werden kann. Ergo – man flieht in die globale Finanzwelt, in der keine Waren erzeugt, dafür aber Profit gescheffelt wird. „Finanzkapital sticht seit Langem das Produktivkapital – und damit die gesamte reale Wirtschaft der Güter und Dienstleistungen“, so die Autoren auf Seite 26.


    Geld heckt eben Geld, die alte bekannte Formel. Deshalb kann jeder Vernunftbegabte nicht davon ausgehen, dass die Gier das Denken und Handeln der Finanzeliten bestimmt, sondern der enorm wachsende Zwang, mehr und gewinnbringender zu produzieren als der Konkurrent. Das wird jedoch kaum in aller Deutlichkeit nachvollzogen.


    Sich an Marx erinnernd, zitieren die Autoren aus dem Kommunistischen Manifest, in dem von der Epidemie der Überproduktion die Rede ist. Weiter vertiefend gehen sie auf das Problem der Konjunktur, auf Wettbewerb, auf Angebot und Nachfrage, auf die Investitionstätigkeit sowie auf die aufgeblähten Finanzmärkte ein. Auf den Seiten 172 und 178 ist die Rede vom Ende der Realpolitik und vom Finanzkapitalismus, der die Gesellschaft mit hoher Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung plagt. Und so kommen die Ökonomen zu folgendem Schluss: „Heute leben wir in der Zeit des globalen und totalen Kapitalismus.“ Die Märkte würden diktieren, es drehe sich nur noch um Profit. Als sekundär zählen Werte, Moral, Anstand, Fairness. „Wen interessiert heute noch morgen? Mehr denn je heißt es ´Nach mir die Sintflut´.“


    Das Kernproblem in diesem sehr aufschlussreichen Buch der Ökonomie des Kapitalismus, die Herrschaft des Finanzkapitals, steht in den Augen der Autoren wie ein subjektiv gewolltes Phänomen dar, das die alleinige Schuld am gesellschaftlichen Desaster trage. Alle Rückbesinnung auf die reine Marktwirtschaft und die Abkoppelung der weltweit dominierenden Finanzelite durch Regeln, die die Profiteure im Zaum halten sollen, bleiben erfahrungsgemäß Wunschträume. Es ist, als würde man eine „Anakonda“ mit Knallerbsen beschießen wollen. Zuzustimmen ist den Autoren bei deren Aussage, man müsse da „radikal Ordnung schaffen“. (Siehe auch auf den Seiten 308 – 314 die 29 Forderungen der Autoren, wie man die Finanzwelt regulieren könne.) Das WIE bleibt die Frage aller Fragen, an denen sich die Geister scheiden. So gedeiht die „Anakonda“ in ihrem vom Grundgesetz geschützten privaten Gehege fröhlich weiter und hält die Welt – bis zur Möglichkeit eines atomaren Untergangs - im Schach.


    „KAPITALFEHLER“ ist ein Bestseller für gläubige Neoliberale, dagegen ein vergeblicher Zähmungsversuch in den Augen der Realisten. Einen kapitalen Fehler macht das Volk, wenn es glaubt, mit „klugen“ Vorschlägen und der sogenannten Transformation in eine andere Wirtschaftsform die Kapitalelite zur Korrektur ihrer „Fehler“ bewegen zu können.


    Matthias Weik & Marc Friedrich: „KAPITALFEHLER“ - Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen, Gebundene Ausgabe:352 Seiten, Verlag:Eichborn Verlag (13. Mai 2016), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3847906054, ISBN-13: 978-3847906056, Preis: 19,99 Euro


    Edit: Autorennamen im Threatitel ergänzt. LG JaneDoe

    „Im Stillen Park der untoten Seelen. Tamaras Notizen – auf der Spur von Träumen und ungeweinten Tränen“ - Harry Popow


    Gruftgeflüster



    Buchtipp von Elke Bauer



    Im schier unübersichtlichen Blätterwald bundesrepublikanischen Literaturbetriebes ist mir ein Buch aufgefallen, das in seiner Authentizität und beeindruckenden Aussage etwas Besonderes in Form und Inhalt darstellt.


    Der Erzähler Henry Petrow stellt Tagebuch und Briefwechsel seiner Mutter Tamara vor. Mit seinem Rückblick auch auf sein eigenes Leben können Leser ein authentisches Erinnerungsbuch an die DDR entdecken.


    Besonders im zweiten Teil “Was Tamara nicht erleben musste“ werden die Aussagen über die gesellschaftlichen Ereignisse, besonders die politischen Verhältnisse der Nachwende weitergeführt, in dem Sinne, dass sie für Tamara erschreckend wären und in keiner Weise zu ihren Träumen gehörten.


    Henry ist im Jahre 2016 selbst schon in dem Alter, in dem der Mensch Erinnerungen pflegt, diese bewertet und aus den Hinterlassenschaften ans Tageslicht fördert. Es sind für ihn belangvolle Rückblicke, die auch für die Nachkommenden Bedeutung haben können.


    Er lädt die Leser ein, Tamara Petrowna näher kennenzulernen. Ihre Tagebuchaufzeichnungen beginnen in den 30iger Jahren des 20.Jahrhunderts. Wir bedenken das Leben des klugen, empfindsamen Moskauer Mädchens mit. Es zeigt sich so erfrischend anders als uns in manchen damaligen Lebensläufen aus dem Russischen nahegelegt wurde. In ihrem Tagebuch ist ihre Jugend nachzuvollziehen, die sie als behütete Tochter eines Fabrikdirektors in der russischen Hauptstadt und den verschiedenen Arbeitsorten des Vaters im In- und Ausland verbringt. In ihren Moskauer Jugendjahren ist sie in den Theatern und Museen, aber auch in den Tanzlokalen und kleinen Cafes zu Hause. Sie vertraut ihrem Tagebuch ihre große Kunstbegeisterung ebenso wie ihre Liebe zur Natur und zur Heimatstadt Moskau an. Sie genießt die Verehrung der jungen Männer in ihrem Freundeskreis und ist immer auf der Suche nach der großen Liebe. Sie bekennt zarte Liebesgeschichten, doch ihren jugendlichen Verehrern gegenüber ist sie sehr skeptisch, die sind ihr alle zu oberflächlich. Sie findet ihre große Liebe mit dem deutschen Ingenieur Eric, dem sie 1935 im Alter von zwanzig Jahren in das faschistische Deutschland folgt. Wir erleben mit ihr das schwierige Eingewöhnen in die fremde Kultur und die ihr fremd bleibenden deutschen Familienbeziehungen der ersten Jahre.


    Nach der Trennung von ihrem Mann 1949, welcher ihr nie die seelische Heimat gab, die sie erwartete, ist sie mit ihren vier Kindern auf sich allein gestellt. Sie bemüht sich, hauptsächlich als Dolmetscherin und Beraterin beim Bau des Ehrenmals in Berlin-Treptow, bei der Wismut in Schwarzenberg /Erzgebirge, als Russischdozentin für führende Wirtschaftskader und an anderen Arbeitsstellen, ihre Lebensvorstellungen aktiv zu verwirklichen und ihre Kinder zu befähigten Menschen heranzubilden. Dabei ist sie immer die rührend besorgte Mutter, die ihre Kinder liebevoll ins Leben begleitet, an ihren Erfolgen Anteil nimmt und ihnen Mut macht durch ihre eigene Stärke.


    Das Alleinsein ohne Partner fällt ihr schwer. Ihre Beziehungen, die sie im späteren Leben hat, kann sie nicht festigen und so bleibt sie letztlich allein. Ihre Sehnsüchte nach vielen Reisen kann sie sich nicht erfüllen. Arbeit, Kinder und mangelnde finanzielle Möglichkeiten zwingen sie, in Büchern kennenzulernen, was sie gerne im Original gesehen hätte. Die Bücher Tschechows und anderer großer Erzähler, die Werke solcher ausdrucksstarken Maler wie Hieronymus Bosch, Jan Vermeer van Delft und des Russen Lewitan sowie klassische Musik bleiben in ihrer geistigen Welt bestimmend. Sie teilt sich dem Sohn und Offizier Henry mit, seiner klugen und tapferen Frau, genannt Cleo, und ihren Enkeln. So liest man mit Schmunzeln Briefe der Enkel an ihre Großmutter.


    Wir gehen mit ihr, wieder sehr berührend, nicht sentimental, den Weg der Bedrängnisse, der zunehmenden Krankheiten, Geldnöte und immer stärker werdenden Einsamkeit. Sie erkennt die Gefahr, die mit Erstarken des Kapitalismus im westdeutschen Nachkriegsdeutschland heraufzieht, kritisiert auch die steigende Konsumorientierung mancher DDR-Bürger.


    Diesem kritischem und stets aktivem Geist folgend, setzt Sohn Henry ihre ausgesprochen hohen Ansprüche an die Gesellschaft und an sich selbst in seinem Leben in die Tat um.


    Als ihr Leben zu Ende geht, ist sie traurig über die Weltlage nach 1980, über ihre Einsamkeit und dem Bewusstsein, nie ganz in Deutschland angekommen zu sein. Das ist die besondere Tragik ihres Lebens. Ihre Träume und ungeweinten Tränen sind zurecht überliefert, weil sie so authentisch sind.


    So, wie der Erzähler den Regungen der individuellen Seelen nachgeht, so will er eine größere Sicht auf die „untoten Seelen“ richten, derer im Treptower Ehrenmal gedacht wird. Sie werden nicht untergehen, auch wenn ihre Körper schon in der Krypta vergangen sind. Der Stolz auf Mutter Tamara, die im Mosaik-Fries in der Krypta als Tröstende und Helfende abgebildet ist, wird immer in ihm fortleben. Deshalb arbeitet er im Buch leise und beharrlich die Forderungen Tamaras und der „untoten Seelen“ nach einem menschlichen, von Kriegen befreiten Leben, heraus. Es ist das Bedürfnis des Erzählers, die Seele der Tamara den erwachsenen Kindern, den Enkeln und den Lesern zu offenbaren. Er will ihr Bemühen um wahre menschliche Werte im Gegensatz zu Bestrebungen für Besitzstände und Äußerlichkeiten, die sie auch in der DDR erkannte, darstellen.


    So ist es kein Wunder, dass Sohn Henry im zweiten Teil „Was Tamara nicht mehr erleben musste“ in die heutigen politischen Debatten die progressiven Ideen bedeutender Persönlichkeiten und Philosophen wirft und vehement verteidigt. So nennt er Platon und Thomas Morus mit ihren Gedanken über Arm und Reich in der Gesellschaft. Die Erkenntnis der immer gefährlicheren Herrschaft des Kapitals über die Völker ist für ihn die Fortsetzung des „Sehens“ und die Zukunftsangst seine Mutter Tamara. Er benennt die Kämpfe unserer Gegenwart und die Enttäuschung unserer Zeitgenossen bei den sich anbahnenden globalen Katastrophen.


    Er weist in den Schriften seiner Bloggerseiten, die er im oben genannten zweiten Teil anführt, auf die Manipulierung vieler Zeitgenossen zu Nur-Besitzanbetern, die mitunter den Sinn des Lebens aus dem Auge verlieren, die DDR-Vergangenheit – ganz im Sinne der Kapitalclique – verteufeln und sich ganz und gar marktkonform angepasst haben und von Politik nichts mehr wissen wollen. Solchen Mitläufern, die nach Goethe …nichts Besseres an Sonn – und Feiertagen wissen, als ein Gespräch von Krieg – und Kriegsgeschrei, wenn hinten weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen…


    Der Autor will damit auch das weitverbreitete Desinteresse am politischen Geschehen bei vielen Bürgern anprangern, will aufrütteln. Er geht mit denen ins Gericht, deren Träume das Erreichen möglichst hoher Stufen des Wohllebens sind, die für die vielen Flüchtlinge (wer hat sie verursacht?) Zäune aufstellen, damit ihre „Kreise nicht gestört“ werden.


    Aus dem Flüstern in der Gruft, auch mit der Stimme Tamaras, vermeint er ein immer lauteres Stöhnen zu vernehmen. Es sind die Stimmen der Opfer des zweiten Weltkriegs und aller Kriege, die davor warnen, die Verursacher von immer neuen Verbrechen, von weiterer ökonomischer Verelendung ganzer Völker nicht ernst genug zu nehmen, ihnen keine Gegenwehr entgegenzusetzen.


    So gibt uns das Buch einen vorurteilsfreien Rückblick auf das Leben in der DDR, nicht ohne die Schwächen dieses Lebens erkennen zu lassen. Trotzdem ist es eine lebenswerte Epoche für viele gewesen und weist auf die Notwendigkeit der Schaffung eines lebenswerten Geschicks für alle Menschen hin. Mag für alle Nachdenklichen die Frage aufkommen: “Wie hast Du Dein bisheriges Leben gemeistert?“ Der Text vermittelt die Erkenntnis, dass ohne Spurensicherung, die Vergangenheit betreffend, kein sicherer Weg in die Zukunft führt.


    Das Buch stellt an den Leser einen hohen Anspruch an das Mitdenken, verzichtet aber nicht auf den Unterhaltungswert der vielen locker geschilderten Erlebnisse.


    Auch möchte ich auf die Fotodokumente hinweisen, die zeigen, wie authentisch die schriftlichen Einlassungen sind und so zum besseren Verständnis der Zusammenhänge der geschilderten Fakten beitragen, sie noch besser emotional erlebbar machen.


    Es ist ein Verdienst des AAVAA Verlages, dieses in der Form etwas ungewöhnliche, im Inhalt zutiefst humanistische Buch herauszubringen.



    Harry Popow: „Im Stillen Park der untoten Seelen. Tamaras Notizen – auf der Spur von Träumen und ungeweinten Tränen.“ AAVAA Verlag, 1. Auflage 2016, Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag, Coverbild: Harry Popow, 335 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3-8459-1956-0, Preis: 11,95 EURO, Hohen Neuendorf bei Berlin, www.aavaa-verlag.com /
    Neuerscheinungen Juni: Bücher-Shop: http://www.aavaa.de/Im-Stillen-Park-der-untoten-Seelen

    Zur Rezensentin: Elke Bauer, geb. 1939, Bibliothekar an allgemeinbildenden Bibliotheken der DDR/ Fachschule für Bibliothekare Leipzig 1961, Diplomkulturwissenschaftler/Universität Leipzig 1970, Bibliothekar in ltd. Funktion bis 1991, Aufbau einer eigenen Buchhandlung, selbstständige Buchhändlerin 1991 bis 2001, Rentnerin, ab 2011 in München lebend.

    „Patriarchat und Kapital“ - Maria Mies


    Göttinnen im Zorn


    Buchtipp von Harry Popow


    „Niemand liebt dich so wie ich...“ Wer kennt das noch, das tolle Lied von Manfred Krug, damals in der DDR? Er hatte sich davongemacht, aber seine Lieder und Texte sind manchem noch heute im Herzen. Die Liebe. Mann und Frau. Seite an Seite. Ob auf dem Felde oder in Betrieben oder in Redaktionen. Und die Ehrungen und die Hochachtung vor den werktätigen Frauen. Ungern wurden sie als Hausfrauen zurückgelassen. Arbeiten war auch ihnen nicht nur Last, sondern Lust, da sie einen Sinn ergab. Nicht nur des Geldes wegen. Nicht zu unterschlagen: Die Förderung, besonders der Frauen, in der Bildung. Dazu kostenlose Kindertagesstätten. Voll bezahlten Schwangerschaftsurlaub. Und, und, und... Nie hat es eine soziale Ausgrenzung gegeben. Und die Blumen zum Frauentag. Kamen sie nicht etwa aus den Herzen der Männer? Und die Brigadefeste.


    Trotzdem: Die Mühen der Ebenen waren gerade erst in Fahrt gekommen, da überstülpte uns der Kapitalismus mit erneuter Ausbeutung von Männern und Frauen. Die mit großer Anstrengung durch die Arbeiter-und-Bauern-Macht erzielte Harmonie im Volk, was die Regel war, wich der erneuten Ausbeutung und Unterbezahlung und Unterdrückung von Frauen. Elende Stellungssuche! Nun stand wieder im Vordergrund: Frauen ran an den Kochtopp. Die Entwürdigung nahm ihren Lauf und hält an...


    Ein Buch mit dem Titel „Patriarchat & Kapital“ über die Befreiung der Frauen von Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt kann nicht aktueller sein als gerade heute, im Jahre 2016, in einer Zeit, da Kölner und Hamburger Willkürakte und Vergewaltigungen von Frauen Deutschland und die Welt erschüttern.


    Die Autorin: Maria Mies. Emeritierte Professorin in der Fachhochschule Köln. Mit ihren Studentinnen gründete sie 1976 das erste Frauenhaus in Deutschland. Seit 1985 engagiert sie sich im feministischen Kampf. Hut ab vor dieser starken Frau. Es sei ihr wichtigstes Buch, schreibt sie. Es sei 1986 in London und 1988 im Rotpunktverlag in Zürich veröffentlicht sowie 2015 im bge-verlag erneut aufgelegt worden. Wie kann es anders sein – mit einem neuen Vorwort. Voll auf die heutige Zeit zugeschnitten. Als neue Rahmenbedingungen – vor allem seit 1989 – nennt sie die Ideologie des Neoliberalismus, das gesteigerte Profitstreben des Imperialismus, den weltweiten Siegeszug des Kapitalismus, Internet und neuerliche Kriege, Terrorismus, neue Feindbilder. (Seiten 9-11) Dazu zählen auch die kulturellen und ethnischen Konflikte, die oft und zunehmend mit physischer Gewalt einhergehen.


    Das Buch sei eine Frucht des Zorns, schreibt sie. Darüber, „dass auch in den sogenannten fortschrittlichen Ländern Frauen Opfer von Diskriminierung und Gewalt sind“. Doch sie wollte mehr, nämlich die Geschichte dieses frauenfeindlichen Systems, seine tieferen Ursachen und seine Erscheinungsformen erforschen. Es war ihr klar, dass Zorn zwar wichtig ist, dass man aber „ohne theoretische Begründung nicht zu einer Veränderung dieses Systems“ in der BRD kommen könne. (S. 1) Auch bloße Appelle und Boykottmaßnahmen seien wenig hilfreich.


    Ihr Ausgangspunkt: Viele junge Menschen sehen mit Angst in die Zukunft. Der Kapitalismus zerstört die Natur, provoziert Kriege, vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich und setzt durch seine stets wachsende Akkumulation von Geld und Profit für alle späteren Generationen die Zukunft aufs Spiel. (S. 16)


    Ihre Suche nach Quellen und Beispielen begann nicht bei Büchern, betont die Autorin, sondern bei Reisen in die Welt, vor allem bei einem Aufenthalt in Indien in den Jahren 1963 bis 1968. So erweiterte sie ihren Horizont durch eigene Erfahrungen bei nationalen und internationalen Tätigkeiten und Verbindungen.


    In den Kapiteln 1 bis 7 geht es um den Feminismus, die sozialen Ursprünge der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die Kolonisierung und Hausfrauisierung, die internationale Arbeitsteilung, die Rolle der Gewalt, die des Sozialismus sowie um Gedanken zu einer künftigen Gesellschaft.


    Warum aber Patriarchat? Maria Mies gibt sich mit der Lektüre der Klassiker des Marxismus/Leninismus (Marx, Engels, Zetkin, Luxemburg, Lenin) nicht zufrieden, denn, so meint sie, diese hätten der Frauenbewegung nicht genügend Raum gegeben, zumal das Verhältnis Männer zu Frauen seit Urzeiten eine dominierende Rolle spielt. Auf Seite 7 notiert sie, dass die Männer in vor-patriarchalen Gesellschaften wussten, „dass die Mütter der Anfang menschlichen Lebens sind...“ Sie waren die Große Göttin. Nicht so in patriarchalen Gesellschaften. Sie verweist auf den griechischen Philosophen Heraklit (500 v.u.Z.), der schrieb: Der Mann als Krieger sei der Vater aller Dinge, er gilt als Anfang des Lebens. Er sei der „Macher“ (Patriarchat: Herrschaft der Väter.) Und daraus zieht die Autorin den Schluss: „Die ganze moderne Technologie, insbesondere die neue Kriegstechnologie, beruht bis heute auf diesem Männerbild.“ Nicht die größere Körperkraft mache die Männer zu Herren über Frauen und die Erde, nicht die Anatomie, sondern die Gewalt.


    Sehr interessant zu lesen sind in diesem Zusammenhang die Rückblicke in die Geschichte, in die Zeit der Jäger und Sammler, des Mittelalters mit Hexenverbrennungen, in die Zeit des Feudalismus und des Frühkapitalismus. Sie teilt die Erkenntnis von Frauen, dass Vergewaltigungen, das Schlagen von Frauen, das Quälen und die Belästigungen, „nicht nur Ausdruck abweichenden Verhaltens seitens eines Teils der Männer waren, sondern wesentlicher Bestandteil des ganzen Systems der männlichen oder eher patriarchalen Herrschaft über Frauen“ sind. (S. 65)


    Wenn die Autorin auf Seite 25 betont, die Frauenfrage müsse im Kontext aller sozialen Verhältnisse begriffen werden, dann stellt sich die Frage, warum sie Gewalt und Waffen als die dominierenden Ursachen für diese Fehlentwicklungen hinsichtlich der Frauenunterdrückung bezeichnet? Ja, sie warnt, der Akkumulationsprozess zerstöre „überall das Innerste des menschlichen Wesens“. Sind also ihrer Erkenntnis nach die Waffen schuld am Verhängnis? Man entreiße also, um das mal ganz banal auszudrücken, den Herrschern ihre Mordinstrumente, den Jägern ihre Schusswaffen, den Truppen ihre Raketen, und schon könne man eine Veränderung des Systems erreichen? Auf den Punkt bringen wir das Problem, wenn wir uns auf der Seite 295 die folgende Frage der Autorin im Zusammenhang mit Befreiungskämpfen und der Teilnahme von Frauen daran, ansieht: „Oder genügt es zu sagen, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen einem Krieg, den eine Nation oder ein Volk für seine Befreiung von imperialistischer und kolonialistischer Abhängigkeit führt, und einem Krieg zwischen Imperialisten gibt?“


    Wer an dieser Stelle nicht nach ökonomischen und politischen Interessen fragt, läuft mit jeglichen Analysen in die Sackgasse. Sicher, Gewalt hat seine Ursachen, und wer Waffen benutzt, hängt von den jeweiligen persönlichen und Klasseninteressen ab. Eine Waffe hat keinen Klassencharakter. Sie kann ein Angreifer benutzen und ein Verteidiger. Das ist wohl zu unterscheiden. Deshalb führt auch jeder schematische Vergleich Kapitalismus/Sozialismus in die Irre. Keiner bezweifelt, dass nach der Befreiung von Ausbeutung die Beziehungen zwischen Mann und Frau als patriachalisches Verhältnis nicht automatisch liquidiert ist. Dazu bedarf es einer langen moralischen und kulturellen Erziehung, bei der die Frauen in der gewonnenen Freizeit „den müßigen Männern ein Gefühl von Sinn, Realität und Leben vermitteln sollen“. Denn von deren Kreativität, so die Autorin, sei „weiß Gott nicht viel zu sehen“. (S. 366)


    Wenn Maria Mies von Alternativen schreibt, dann geht sie – ganz im Gegensatz der marxistischen Klassiker und zahlreicher gegenwärtiger Autoren, nicht von einem weiteren industriellen Wachstum und der unendlichen Befriedigung menschlicher Bedürfnisse aus, denn die Ressourcen seien alle sehr begrenzt. Insofern plädiert sie für Selbstversorgung, für eine Subsistenzproduktion (für sich selbst), dafür, nicht nur als Konsummarionetten zu dienen, sie nimmt Stellung gegen die zunehmende Brutalität in den sozialen Beziehungen, will dem dreisten Sextourismus ein Ende setzen. Sie wünsche sich die Absage an die Ausbeutung (S. 368) und ein Ende der zerstörerischen Überproduktion. (S. 387)


    „Patriarchat & Kapital“ ist hinsichtlich der großen internationalen persönlichen Erfahrungen der Autorin an der Seite der Feministinnen aus aller Welt eine Fundgrube neuer Erkenntnisse. Es ist gleichzeitig eine Perle der Streitbarkeit, ein Rebellenbuch, indem es gänzlich neue Fragen einer möglichen Zukunft ohne Ausbeutung und Unterdrückung ins Rampenlicht stellt. Zu wünschen ist, dass dieses großartige Buch seine interessierten und nach tieferem Wissen strebenden Leser – Frauen und Männer – findet. Solange die Zukunft eine Vision bleibt, sollten die GROßEN GÖTTINNEN ihrem Zorn die Tat hinzuzufügen, an der Seite des anderen Geschlechts.


    Mögen begnadete Männer schon jetzt, bevor eine andere und gerechtere Gesellschaft in Sicht ist, zu ihren GROßEN GÖTTINNEN den Text des anfangs genannten Liedes, gesungen einst von Manfred Krug, fortsetzen: „All mein Leben, all mein Lieben, nimm es hin, bin Sklave dir, du Königin.“



    Maria Mies: Taschenbuch: Gebundene Ausgabe: 420 Seiten, Verlag: bge-verlag (22. Juni 2015), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3945432014, ISBN-13: 978-3945432013, Größe: 14,2 x 3,2 x 21,1 cm, 24,90 Euro



    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22493


    Weitere Texte des Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com


    Harry Popow: „WETTERLEUCHTEN - Platons erzürnte Erben haben das Wort“. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe – ein Zeitdokument“, Verlag: epubli GmbH, Auflage: 1 (18. Dezember 2015), Berlin, 392 Seiten, www.epubli.de , ISBN-10: 3737580650, ISBN-13: 978-3-7375-8065-6, Preis: 21.99 Euro


    Harry Popow: „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder.“ Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3

    Gregor Gysi „Ausstieg links? - Eine Bilanz“ – von Stephan Hebel


    Gysis Bekenntnisse


    Buchtipp von Harry Popow



    „Deutschland im Tiefschlaf?“ Nach der Lektüre dieses interessanten Sachbuches von Stephan Hebel, in dem er dafür plädiert, „den Kapitalismus in seiner heutigen Form zu überwinden“ (S. 20), es sei Zeit für einen neue Wende, verfolgte mich ein Albtraum: Ein Riesenschiff auf hoher See. Passagiere, die sich aus einem anderen Schiff, das wegen eines Lecks in Seenot geraten war, hierher gerettet hatten. Bange Frage: Wohin geht die Fahrt? Alle Blicke richten sich auf die Kommandobrücke. Da steht sie, die sich die Elite nennt. Man redet, quasselt und jeder mischt mit. Aber ans Steuer darf niemand. Einer der Geretteten tut sich durch herzhafte Worte und viel Witz hervor. Er verspricht einen neuen Kurs, einen Westkurs, aber mit neuer Besatzung. Mit einem Riesenbesen fegt er alles ehemals wohl Errungene hinweg, unterbrochen vom Jubel... Indessen wird das Steuerrad von anderen fernbedient. Man sieht sie nicht. Wohin geht die Reise?


    Das Erwachen! Gott sei Dank. Ich lese das Buch: „Ausstieg links? Eine erste Bilanz“. Geschrieben von dem oben genannten Autor Stephan Hebel. Er muss es eilig gehabt haben, denn nun suchte er sich einen Mann, der nicht aus dem Tiefschlaf gerissen werden brauchte. Einen, der hellwach im Politischen seit 1989 das Zepter schwingt, ein Jurist, ein Linker, der mit Witz und Humor ebenfalls nach der Überwindung der Herrschaft des Kapitals strebt: Gregor Gysi. Es ist ein Interview, ohne eine „großangelegte Biografie“ bieten zu wollen. Zwei Gleichgesinnte im Disput. Spannend!


    Wie gut können sich DDR-Bürger an seinen ersten Fernsehauftritt erinnern, als er das von der DDR-Regierung beschlossene Reisegesetz als unzureichend kritisierte und davon sprach, zur Weltanschauung gehöre die Möglichkeit, sich die Welt auch anzuschauen. Welch ein frischer Atem wehte uns da entgegen. Wenig später schwang er allerdings einen Riesenbesen, um allen Resten einer zu großen Engherzigkeit im Umgang mit dem Volk den Rest zu geben. Dass er damit auch den Kompass einer wissenschaftlichen Kursorientierung mit über Bord warf, das wollte niemand sehen. Auch nicht zu bewegen „waren die anderen“, einen neuen deutschen Staat zu bilden, „der die Rechtsnachfolge sowohl der DDR als auch der BRD antritt“. (S. 122)



    Allein diese Aussagen im Interview mit Gregor Gysi herausgepickt zu haben, ist bemerkenswert für den Standpunkt des Autors. Überhaupt, das Interview mit dem schlagfertigen und geistvollen Gysi, einer der Hoffnungsträger zur Zeit des Umbruchs (sprich Konterrevolution, vom Resultat ausgehend. Der Rezensent) 1989, liest sich spannend. Geht der Autor mit seinen 107 Fragen (falls ich richtig gezählt habe) sowohl auf sehr persönliche Fragen des Interviewpartners ein, sondern auf jene, die wohl am meisten unter den Nägeln brennen? Was habe sich zum Beispiel seit dem Einzug der Linksfraktion in den Bundestag in der Politik geändert?


    Gysi antwortet offen und ehrlich, wie es seine Art ist, manchmal mit einem Schmunzeln, wie aus dem Text abzulesen ist, als auch mit gehöriger Selbstkritik. Unumwunden bekennt er, dass noch längst nicht Ziele der Linken erreicht sind, obwohl durch den Einzug in den Bundestag das Ansehen und die Akzeptanz der Partei Die Linke enorm zugenommen habe. Was nicht heißen soll, dass sie bereits genügend Durchschlagskraft besitze. Nur zu oft komme Kritik von ideologischen Mitstreitern wie von Sympathisanten und internationalen linken Kräften, es fehle eine klare politische Orientierung, die nicht so sehr auf Anbiederung beim Kapital und marktkonformen Politikern aus ist, sondern auf eine eigenständige Alternative zum gegenwärtigen Kapitalismus.


    Auf die Frage Stephan Hebels nach den Motiven des Interviewpartners, weshalb er wegen allgemeiner Skepsis gegenüber dem Staat DDR nicht in den Westen abgehauen sei, führt der Politiker und loyale DDR-Bürger lediglich drei Gründe an: Die antifaschistische Ausrichtung der DDR, die nötige Fürsorge für seinen Sohn sowie seine enge Einbindung in die Rechtsorgane der DDR. Weshalb Gregor Gysi dabei die besonders antikapitalistische Ausrichtung der Politik der DDR, das eigentliche „Verbrechen am Kapital“, wie bürgerliche Kreise wiederholt gejammert haben, als persönliche politische Grundhaltung außen vor gelassen hat, möge möglicherweise in seinen Memoiren, die er noch schreiben wolle, an den Tag treten.


    Wer will das bestreiten: Der Wunsch, auch den Mittelstand im Westen Deutschlands mit ins Boot zu holen und für linke Politik zu erwärmen, spielte der Spaltung der Linken und deren Abkehr von grundsätzlichen Positionen in die Hände. Man stelle sich vor, aufgrund vieler Unfälle auf den Straßen wolle man die zwingende Straßenverkehrsordnung abschaffen. Auch die wissenschaftliche Weltanschauung der Klassiker des Marxismus-Leninismus biete kein Szenario für gesellschaftliche Unfälle, es sei denn, man fährt blind und lediglich profitgierig durch die Lande. Schließlich hat die Lehre der Klassiker noch nie ein Dogma dargestellt. Und niemals hat jemand behauptet, jegliche Widersprüche im Sozialismus seien mit der Herrschaft des Volkes sozusagen vom Tisch. Im Gegenteil – es seien Zweifel am richtigen Weg, an der Methode des Vorgehens, also demokratische Mitbestimmung haushoch gefragt.


    Darin mögen auch die Gründe liegen, dass der anerkannte Politiker die Werte der DDR-Gesellschaft u.a. auf Kinderferienlager und soziale und kulturelle kluge Bedingungen reduziert. DDR-Bürger mit eigenen Erfahrungen würden zum Beispiel die Bemerkung „diktatorischer Sozialstaat“ nicht ohne Widerspruch hinnehmen. Übrigens schade, dass der Autor Stephan Hebel keinen Gedanken daran verschwendet, dass man aus dem Tiefschlaf in Deutschland nur herauskomme, wenn auch die Geschichte und die Existenz der DDR gebührend wissenschaftlich und seriös analysiert würden. Geschichtsaufarbeitung ohne Häme, sondern mit Hochachtung für das Volk der DDR – ohne das gibt es halt keine Zukunft, keinen demokratischen Sozialismus.


    Stephan Hebel ist zu danken, im Interview keine noch so widersprüchlichen Aussagen unter den Tisch gekehrt zu haben. Einerseits wird gemeinsam festgestellt, der Profit herrsche über allem, die Linke habe den Vorzug, komplex zu denken, ernster müsse man auch in Europa die soziale Frage nehmen, man solle mehr darüber nachdenken, was der demokratische Sozialismus sein könnte. Natürlich sei die Friedensfrage sehr wichtig. Er, Gregor Gysi, habe das System in der DDR als Ganzes nie in Frage gestellt. Der Kalte Krieg der CDU/CSU gegen die Linke sei nicht mehr zeitgemäß. Die Bundeskanzlerin habe kein Konzept für Europa und für die Weltpolitik. Gysi sei in die Politik gegangen, um gesellschaftliche Veränderungen zu erleben. Es brodelt in der Bevölkerung, man müsse „abwarten und vorbereitet“, gegenüber den USA nicht so hasenfüßig sein.


    Das sind Positionslichter. Sie drohen allerdings zu erlöschen, liest man folgende sehr subjektive Äußerungen des Interviewpartners, die nicht jeder nachvollziehen würde, auch ich nicht. Er meint, sich vornehmlich einer Fremdregulierung des Lebens in der DDR zu erinnern. Er sei allergisch gegen politische Ausgrenzung (nachvollziehbar!), gegen Parteiverfahren (die gibt es überall!), gegen bestimmte harte Formen. Das könne allerdings in einer „weniger autoritären Struktur“ auch ein Problem werden. (S.128) Was die Wirtschaft betreffe, so plädiere er für kleinere Konzerne. Es herrsche in der Politik Demokratie (?), in der Wirtschaft aber kaum. Und dann plötzlich dieser Satz von Gregor Gysi: „Wenn die Wirtschaft regiert, ist das auch undemokratisch“. (S. 163) Er wolle eine plurale Partei und wolle nie mehr eine „Einheit und Reinheit der Partei“. (S. 128) Schließlich sein sehr persönliches Bekenntnis auf Seite 12 im Vorwort: „Ein Revolutionär war Gregor Gysi nie, und er macht daraus keinen Hehl.“


    Das Letztere war auf Grund der bisherigen Bekenntnisse des Gregor Gysi – ob in den Medien oder in Talk Shows – auch nicht zu erwarten. Insgesamt stellt das Buch „Ausstieg links?“ eine interessante Lektüre dar, wenn nicht sogar ein wichtiges Zeitdokument, die Geschichte der SED/PDS und der Linken und die Leitlinien ihrer ideologischen Ansichten und auch Versäumnisse zu verdeutlichen. Es ist ein Lernbuch über eine Zeit des Umbruchs zur Rückkehr des Kapitalismus auf gesamtdeutschem Boden. (Leider!)


    Wenn Autor und Interviewpartner auch sehr links nach vorne denken, sie bleiben beide in der Illusion eines friedlichen Wandels des Kapitalismus hin zu einer sozialistischen Gesellschaft (Transformation) stecken, was desto mehr eine Vereinigung aller linken Kräfte in der BRD geradezu herausfordert. So stellte Patrik Köbele auf dem 21. Parteitag der DKP fest: “Die Existenz einer Linksfraktion im Bundestag sei »gut«. Sie sei dort die einzige Gruppierung, die sich meist noch den Kriegseinsätzen des deutschen Imperialismus beziehungsweise der NATO entgegenstelle. Gleichzeitig gebe es Kräfte bis in den Bundesvorstand und die Fraktion hinein, »die nicht nur schwanken, sondern die sich öfter auf die Seite der Kriegskräfte drängeln wollen«. Die DKP habe keine Patentrezepte, wie der Marsch des Imperialismus in die Barbarei zu stoppen sei. Ohne die Analyse und Beiträge von Kommunistinnen und Kommunisten werde es aber keine erfolgreichen Konzepte geben. (junge Welt vom 16.11.2015)


    Der eingangs erwähnte Albtraum? Auch im vereinzelten Wachzustand bleibt alles beim Alten. Geht der Tiefschlaf trotz allem weiter? Die Wende lässt auf sich warten. Noch! (PK)



    Stephan Hebel: „Gregor Gysi - Ausstieg links? Eine Bilanz“, Broschiert: 224 Seiten, Verlag: Westend (5. Oktober 2015), ISBN-10: 3864891167, ISBN-13: 978-3864891168, Preis: 16,99 Euro.


    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22286
    Weitere Texte des Rezensenten:
    http://cleo-schreiber.blogspot.com


    Harry Popow: „Platons Erben in Aufruhr. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe“, Verlag: epubli GmbH, Berlin, 316 Seiten, www.epubli.de , ISBN 978-3-7375-3823-7, Preis: 16,28 Euro


    Harry Popow: „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder.“ Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3

    Impression vom „Probe-Aufstand“


    Von Harry Popow


    Unvergesslicher 10. Oktober 2015: Stoppt TTIP, TTIP ohne uns, bremst die Macht der Konzerne. Flaggen, Fahnen, Spruchbänder, Trommelwirbel, Trompeten, Transparente – ein farbenfrohes Bild, ein großes Gedränge bereits am Berliner Hauptbahnhof. Lachende Gesichter, Einmütigkeit bei Menschen allen Alters, Familien mit Kindern. Vor uns ein junges Ehepaar. Sie führt einen etwa fünfjährigen Jungen an der Hand. Er schräg hinter ihr. Auf dem Arm ein Kleinkind. Sie dreht sich immerfort nach ihrem Mann um, ein unsagbar liebes Lächeln im Gesicht. Sie strahlt ihn an. Eine stille und wunderschöne Szene. Ruhige Gewissheit in schrillender Umgebung. Im Interesse des Lebens, nur darum geht es. Welch ein Bild...


    Fröhlichkeit gegen dumpfes Gebaren der USA, das Freihandelsabkommen durchsetzen zu wollen. Ein endlos scheinender Demonstrationszug bewegt sich vom Bahnhof durch die Innenstadt in Richtung Siegessäule. Langsam, ganz langsam geht es vorwärts. Laute Musik, wieder Trommeln. Eine tolle Stimmung wie schon lange nicht mehr.


    Meine Gedanken schweifen zurück. 11. Oktober 1949: Mit Fackeln, mit Trommeln und Trompeten – die Gründung der Republik wird gefeiert. Auf dem Marx-Engels-Platz. Großes Hoffen, große Erwartungen an ein humanistisches Deutschland. Dann der sich anbahnende Abbruch großen Bemühens – der 4. November 1989. Meine Frau und ich wieder dabei, auf dem Alex. Für eine bessere Politik der DDR. Gute Worte am Rednerpult. Alles ohne Gewalt. Doch die Kapitalkeule zerschlägt jegliche Bürgerinitiativen für eine andere und bessere DDR. Jahrzehnte später, in den Jahren nach 2013 bis 2015: Demos gegen Fluglärm in Friedrichshagen. Wieder sind wir dabei.


    Und heute bei dieser größten Demo seit Jahren in Berlin. Die Macher sprechen von 250.000 Teilnehmern, die Polizei nur von 150.000. Ganz doofe beschränken sich auf nur 100.000 Teilnehmern. Ein Aufruf, ein Nein, ein Wille einer Masse von Bürgern, die mit über 600 Bussen und mit Sonderzügen aus allen Teilen Deutschlands angereist kamen. Die im Neoliberalismus zu Einzelkämpfern abgestempelten und unter der Flagge der Vielfalt zu allen Meinungen zugelassen Bürgern finden hier und heute zu einem großartigen WIR zusammen. Man fühlt sich mitgerissen, in eins mit der Einsicht: Wir lassen uns vom US-Kapital im Bündnis mit dem in der BRD nicht in die Suppe spucken. Aber was tun, wenn die Obrigkeit sich nicht zuckt? Auf einem Schild lese ich: Aufstand. Das wärs, denke ich. Wem sollte da der Schreck in die Glieder fahren?


    Am anderen Ufer der Spree sehen die friedlich demonstrierenden Volksmassen das Regierungsviertel. Nach nicht bestätigten Augenzeugenberichten baut man dort bereits eine Mauer um den Sitz der Regierung und des Parlaments. Man tüftelt darüber, wie man sich ein neues Volk wählen könne...


    Achtung: In Stellung gebracht wurden indessen rings um das Regierungsviertel – und nicht nur dort - die berüchtigten vom Kapital ausgehaltenen Medienkanonen mit den hochbezahlten Flachzangen, den Medienkanonieren. Einer von ihnen ist Alexander Neubacher. Er reitet wie Münchhausen im SPIEGELONLINE vom 10.10.2015 u.a. folgende Attacke: „Die dümmsten Parolen auf den Anti-TTIP-Plakaten bedienen dabei genau jene Ressentiments, mit denen in rechten Kreisen schon immer gegen "die Hochfinanz", "die Konzerne" und "das Kapital" gehetzt wurde. Dass bei diesen "Konzernen" in Deutschland einige Millionen Menschen beschäftigt sind, die wiederum ihre Arbeitsplätze zu einem wesentlichen Teil dem Handel mit anderen Ländern verdanken, scheint keine Rolle zu spielen.“

    NRhZ_Krank


    „Krank durch Früherkennung" - von Frank Wittig


    Vorsorge auf dem Prüfstand


    Buchtipp von Harry Popow



    Du fühlst dich gesund, hast aber ein Zipperlein. Gehste zum Arzt oder... Soll ich oder soll ich nicht? Keine Frage, man sollte... Aber was dann, wenn der Arzt – aus persönlicher Verantwortung heraus – Symptome feststellt, die zu einer Vorsorgeuntersuchung Anlass geben. Es geht um einen oder um mehrere Tests, man kann schon sagen Fahndung, auf Grenzwerte, Screening genannt. Soweit so gut. Aber was ist, wenn die vorbeugende medikamentöse Behandlung – mitunter monatelang - gar nichts ans Licht befördert? Eine Früherkennungsmaßnahme ohne Resultat? Eine unnütze Untersuchung? Und wenn du dabei noch krank wirst, durch eine Überdosierung? Dann sitzt der Schock tief. Dann merkst du endlich, dass dein Vertrauen in die Medizin missbraucht wurde. Deine Gesundheit wurde in Krankheit umgewandelt und dabei ist Geld geflossen, viel Geld. Allerdings nicht in deine Taschen.



    Wer dabei die Gewinner sind, das erfährst du in dem Buch „Krank durch Früherkennung“ von Frank Wittig. Der Autor opponiert keineswegs gegen die Vorsorge, schon gar nicht gegen das Gesundheitswesen insgesamt. Im Gegenteil, er unterstreicht, wenn sich etwas verändert, wenn dauernde Störungen auftreten, dann sollte man zum Arzt gehen. Eigentlich eine banale Aufmunterung, denn niemand rennt ohne Grund zu seinem Weißkittel. Wovor der Autor allerdings warnt, ist die im deutschen Gesundheitswesen überstrapazierte Überdiagnostizierung. Man hat etwas festgestellt, „das aber im Leben nicht gefährlich geworden wäre“. (Seite 33)

    Dr. Frank Wittig studierte Literaturwissenschaft und Psychologie, arbeitete als Wissenschaftsjournalist und seit 1996 als Redakteur und Autor beim Südwestrundfunk in der Abteilung Wissenschaft mit dem Schwerpunkt Medizin. Auf 214 Seiten lässt der Autor kaum eine Krankheit aus, die für die Bürger von großem Interesse sind. Krebs nimmt dabei einen vorderen Platz ein sowie Cholesterin, Bluthochdruck, Blutzucker, Glaukom oder Thrombose. Alles Bereiche, bei denen jeder Laie sehr zahlreiche Hintergrundinformationen erhält.

    Verweisend auf den „Eid des Hippokrates“ nimmt der Autor die aktuellsten und besten Studien zu den jeweiligen Themen – deutsche als auch in den USA getätigte - unter die Lupe. Wenn die Ärzteschaft nicht bereit ist, Früherkennung kritisch zu beleuchten, dann müssen die Patienten es tun. Dazu diene auch dieses Buch. (S. 12) Es gehe schlicht darum, die Chancen und Risiken von Vorsorgemaßnahmen abzuwägen. Um es noch genauer zu sagen: Beim allgemeinen Gesundheitstest, dem Check-up 35, werden kaum Krankheiten diagnostiziert, sondern Grenzwertverletzungen. Etwa mit den Worten: Sie haben zu hohen Blutdruck“. Frank Wittig warnt: Das Risiko, Opfer von unnötiger Medizin zu werden ist sehr viel größer als die Chance, aus der Früherkennung Nutzen zu ziehen. (S. 15) Die reale Gefahr einer ernsten Krankheit liege oft nur „im einstelligen Prozentbereich“. So auch in dem so wichtigen Bereich bei Herz-Kreislauf-Störungen. (S.17) Auf Seite 32 schreibt er von einer erschütternden Tatsache bei Brustkrebs, dass durch das Mamma-Screening „in zehn Jahren pro 2.000 Frauen zehn Frauen unnötig gegen Krebs therapiert wurden: Bestrahlung, Teilresektion oder Amputation, Chemotherapie.“ Von einer sinnlosen Kastrierung von Frauen schreibt er auf Seite 153. So wurde bei 1.292 Frauen „infolge der vaginalen Sonografie“ zumindest ein Eierstock herausoperiert. 212 aber hatten tatsächlich Krebs.

    Oder ein Beispiel zum Darmkrebs: „Von 1.000 Studienteilnehmern, die sich der Früherkennung unterzogen, erkrankten sechs Personen am Krebs im unteren Darmabschnitt und eine Person verstarb daran.“ In der Kontrollgruppe ohne Spiegelung erkrankten neun Personen, zwei verstarben. Eine Reduktion von zwei auf eins also, so der Autor. Toll! (S. 163) Aus einer aktuellen Studie gehe hervor, dass 2.000 Frauen zehn Jahre lang zum Screening gehen müssten, „damit eine tatsächlich durch diese Maßnahme vor dem Brustkrebstod gerettet wird“. (S. 29) Es gehe lediglich um Gewebeveränderungen, die entdeckt und behandelt werden, „die in ihrem Leben nicht `klinisch´geworden wären. (S. 36) Ein Fall von Überdosierung – eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Radiologen. Deshalb gehöre Mamma-Screening vor Gericht. (S. 38) So oder ähnlich sieht es bei allen Früherkennungsmaßnahmen aus, stellt der Autor ernüchtert fest: „Deutsche Gynäkologen verstümmeln vorsätzlich und sinnlos eine unnötige große Zahl der Frauen, die sich ihnen vertrauensvoll ausliefern.“ (S. 157)

    Nun muss man kein Wissenschaftler sein, um die Ursachen der Treibjagd nach noch gesunden Menschen zu erkennen, die mittels kostspieliger Vorsorgeuntersuchungen in die Fangnetze der Weißkittel geraten und damit dem Gewinnstreben der Pharmaindustrie genüge tun. Auf den Seiten 159/160 zieht Frank Wittig gegen das Gewinnstreben zu Felde, das besonders in der Medizin so fatal ist. Es gehe um unglaublich viel Geld. „Denn es steht dadurch nicht mehr das im Zentrum, worum es in der Medizin eigentlich immer gehen sollte: das Wohl der Menschen.“ Der ökonomische Gewinn sei eine unheilvolle Triebkraft „in unserer heißgelaufenen Medizin“. (S. 47) Als Beispiel nennt er ZERO, eine Selbsthilfeorganisation in den USA, die angeblich die Interessen der Patienten vertritt, in Wirklichkeit aber die der Industrie. Zu den Sponsoren, so der Autor, gehören u. a. die Pharmafirmen Abbott, Astra, Zeneca, Pfizer und Sanofi, „die mit teuren Hormonpräparaten bei `Prostata-Patienten´ ordentlich Kasse machen“. Weiter: Beim Cholesterinsenken erziele man einen Jahresumsatz von 30 Milliarden Dollar. Das sei ein starker Grund, dieses Geschäftsmodell mit gekaperten Fachgesellschaften von oben her auf Kurs zu bringen. Pharmafirmen wenden im Schnitt drei Prozent ihres Marketingbudgets für Sonderzuwendungen an ausgewählte Professoren auf. „So wird die öffentliche Berichterstattung manipuliert.“ (S. 98) Früherkennung ist ein Wahnsinnsgeschäft, schreibt er! (S. 53)

    Wer gewohnt ist, den Fachkräften auf medizinischem Gebiet alles bedenkenlos zu glauben, dem wird diese Lektüre wie ein Sturm im Wasserglas erscheinen. Offen, ehrlich, faktenreich und entlarvend, was die „Anstrengungen“ zur Profitmaximierung auch im medizinischen Bereich betrifft. So präsentiert sich ein außergewöhnliches Buch. Was Wunder, wenn es auf Widerstand in unserer Gesellschaft stoßen wird, entzieht es doch mit dieser Aufklärung gegenüber den Patienten den Pharmazeuten, der Industrie und den Ärzten zusätzliche Einnahmequellen. Möglicherweise!!

    Methoden der Täuschung sind in der Medizin ähnlich wie die in der Politik, das lässt sich u.a. an folgenden phraseologischen Aussagen ablesen: Man will die Wahrheit kleinreden, Kritiker nennt man Querulanten, man begrüße zwar Kritiken, entschuldigt sich mit schlechtem Gewissen und mache trotzdem weiter. Eingesetzt werde eine gezielte Desinformation, auch bediene man sich der astrologischen Ratgeber und man missbrauche populäre Persönlichkeiten für die Lobhudelei von Medikamenten. Frank Wittig spricht unverblümt von einem medizinisch-industriellen Komplex, der staatliche Strukturen für die Medikalisierung der Gesellschaft instrumentalisiere. (S. 140) Die Manipulation von Studien oder das Verschweigen von negativen Studienergebnissen „gilt als Kavaliersdelikt“. (S. 101)

    Er, der Autor, sei keinesfalls ein Robin-Hood, der gegen gesellschaftliche Missstände ins Feld ziehe, schreibt er auf Seite 159, halte aber die Kritik an der Medizin für wichtig, „da sie immer wieder auf das Intensivste in unser Alltagsleben“ hineinreiche. Man muss ihm bescheinigen, durch eine klare Sprache und direktes Ansprechen der Leser ein wohltuendes Klima der Vertrautheit zwischen Autor und Leser geschaffen zu haben.

    Welchen Rat kann der Autor den Lesern geben? Die Politik müsse Fachgesellschaften entmachten und die „Deutungshoheit in medizinischen Fragen in unabhängige Hände legen“. (S. 198) Der einzelne Patient solle extrem skeptisch sein und stets fragen, welche schädlichen Nebenwirkungen zu befürchten seien. Auch im Internet, so bei „Cochrane-Netzwerk“, finde man gute Informationen. Grundsätzlich gehe es stets darum, sich gründlich zu informieren, zum Beispiel im vertrauensvollen Gespräch mit dem jeweiligen Arzt.

    An dieser Stelle muss der Rezensent vermerken, dass der Autor zwar die Symptome der Ausbeutung vieler Patienten benannt und die totale Ökonomisierung des Gesundheitswesens in der freien Marktwirtschaft frontal angegriffen, dabei aber notwendige Veränderungen im Gesellschaftssystem nur punktuell angesteuert hat. Ein Wunsch, sicherlich im Namen zahlreicher interessierter Leser: In einer weiteren Auflage könnten Begriffsbestimmungen der wichtigsten medizinischen Vokabeln von großem Nutzen sein.

    Es sei zum Schluss an ein Gesundheitswesen erinnert, das keinem Profitstreben unterlag und in dem das Wohl des Menschen oberste Priorität hatte. Dazu folgendes Zitat aus „Saschas Welt“, Blogger Norbert Gernhardt: „Das Gesundheitswesen in der DDR zählte zu den fortgeschrittensten in der Welt. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere die kostenlose medizinische Versorgung und Betreuung der DDR-Bürger, die generelle Arzneimittelfreiheit und die Vorsorge am Arbeitsplatz. Die DDR war ein sozialistischer Staat, in dem mit der Krankheit eines Menschen kein Geld zu verdienen war. (…)“
    (PK)

    Frank Wittig: „Krank durch Früherkennung. Warum Vorsorgeuntersuchungen unserer Gesundheit oft mehr schaden als nutzen“, gebundene Ausgabe: 214 Seiten, Verlag: Riva (7. September 2015), 1. Auflage, Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3868836306, ISBN-13: 978-3-86883-630-1, Größe und/oder Gewicht: 15,7 x 2,4 x 21,7 cm, 19.99 Euro

    (1) http://sascha313.blog.de/2013/…ndheitswesen-ddr-16116463 /

    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung:
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22102


    Weitere Texte des Rezensenten:
    http://cleo-schreiber.blogspot.com


    Harry Popow: „Platons Erben in Aufruhr. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe“, Verlag: epubli GmbH, Berlin, 316 Seiten, www.epubli.de, ISBN 978-3-7375-3823-7, Preis: 16,28 Euro


    Harry Popow: „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder.“ Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3

    Hallo uert, herzlichen Dank für die trefflichen Worte. Lösungen, danach wird von so vielen Autoren und Lesern gefragt. Aber: Es gibt keine generelle für alle verbindliche Lösung. Ich glaube, dass es darauf ankommt, sich - wie Du es tust - schlau zu machen. Ich danke also auch als Rezensent. Gruß Harry

    „Trilogie des Scheiterns. Drei Erzählungen, Kurzgeschichten, was auch immer“


    Delikates von Egbert Scheunemann auf dem Teller


    Buchtipp von Harry Popow



    Nein, das glaube ich jetzt nicht. Da wähne ich mich plötzlich im Portugiesen, einem Restaurant, in das ich öfter einkehre. Wegen des guten Geschmacks, essensmäßig, getränkemäßig und auch sonst. An meinem Tisch zwei unbekannte Herren. Vor Hunger kriege ich die Augen nicht so recht auf und glaube in meiner träumerischen Art, Tucholsky und Kästner vor mir zu sehen. Wie denn das? Waren das nicht...? Ja, natürlich, jene, die vor Krieg gewarnt hatten. In ihrer spöttischen Art. Geliebt und verehrt von hauptsächlich Intellektuellen. Aber was haben deren Wortmahnungen gebracht? Gescheitert waren sie, zerbrochen an mancher Dummheit, keiner wollte glauben, wovor sie warnten. Ich schüttele den Kopf. „Gescheitert“, flüstere ich vor mich hin.



    Ja, ja, das stimme schon, meint einer, der sich plötzlich aus dem Nebel meiner Wahnvorstellung gelöst hat und mir seinen Namen zuruft: Egbert Scheunemann. Was? Wer? Nie gehört. Unverblümt und nahezu marktschreierisch ergänzt er, er habe das Buch „Trilogie des Scheiterns“ geschrieben. Nicht ohne dabei an große Vorbilder wie eben – welch ein Zufall – an Tucholsky und Kästner gedacht und sie bewundert zu haben.

    Mein Gegenüber schnippst mit dem Finger, der Kellner schnellt heran, und gibt – offenbar eine Delikatesse – die Bestellung auf. Jeder bezahle für sich, so sei es doch recht, fragt er mich. Ich nicke, ohne zu wissen, was da auf mich zukommen sollte. Ich befühle meine Gesäßtasche, aber die ist wie gewohnt sehr dünn anzufassen. Ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen, da stellt der Kellner mit aller Behutsamkeit einen überdimensionalen Teller vor mich hin, darauf nichts weiter liegt als ein dünnes Bändchen mit dem zuvor von meinem Gegenüber angekündigten Titel. Auf dem Klappentext lese ich flüchtig folgende Zeilen: „Die Protagonisten der drei in diesem Band zusammengefassten Erzählungen beherrschen die Kunst des Scheiterns in ganz exaltierter Weise. Leiden Sie mit! Lachen Sie mit...“

    Erstaunt und fragend schaue ich den Herrn Egbert an. Ich habe Hunger, schreie ich ihm wortlos entgegen. Er muss es an meinem dummen Gesichtsausdruck gemerkt haben. Ich verstehe, sagt er, aber das hier stillt einen anderen Hunger, wenn sie wissen, was ich meine. Unglaublich, ich bin entrüstet. Sollte ich tatsächlich Appetit auf geistige Kost haben, wo ich doch – genauso wie sicherlich Tausende andere Bundesbürger – dem nahezu entwöhnt bin? (Ich spreche nicht von gesellschaftskritischen Werken, die gekonnt Kritik dort ansetzen, wo nichts mehr zu retten ist, an angeblich unverrückbaren Zuständen!)

    Und nun werde ich unhöflich und frage meinen Tischgegenüber nach seinem Tun und Lassen, worauf er sechs Bücher anführt, die er bereits veröffentlicht habe. Oh, denke ich, ein Autor? Ergänzend meint dieser, es seien kritische Bücher, die ihm sozusagen aus den Händen gerissen werden. Ein Titel frisst sich in mein Hirn: „Chronik des (nicht nur) neoliberalen Irrsinns“. Ich horche auf. Das ist nach meinem Geschmack. Also klemme ich mich an das vor mir liegende Heftchen und vergesse Hunger, Kneipe und Tischnachbarn.

    Wenn auch das Scheitern, das Versagen, das Pleitemachen, das Abbrechen, eines Studiums z. B., keine großen Besonderheiten in der heutigen marktwirtschaftlich geprägten Szene darstellen, dachte ich, so ist es doch interessant, wie es anderen ergeht, wie sie sich durchschlagen, mit mehr oder weniger Erfolg im Ellenbogenkampf. Und lachen will ich auch. Also lese ich auf den 104 Seiten von drei Leuten, die sich mit Ach und Krach durch den Alltag schlängeln. Sie nennt der Autor David, Aaron und Edgar.

    Nun, die ersten beiden, so kriege ich schnell mit, haben Angst vor Begegnungen, bei denen sie sich festnageln müssten oder sind zu feige, sich möglicherweise dem anderen Geschlecht zu nähern. Irgendwie kommen sie nicht zum Ziel. Man könnte sie vorschnell als Trottel abtun. Sollen sie doch so lahmarschig weitermachen, sind sie ja selber schuld. Bei Edgar sieht es schon gewaltig anders aus. Er hat eine Geschäftsidee. Muss man ja haben, will man auf sich aufmerksam und womöglich schnell Knete machen. Und sei die Idee noch so verrückt. Gut überlegt, klug und taktisch vorgehend, robbt er sich an vermeintliche und tatsächliche Gönner und Investoren heran.

    Wie er dabei vorgeht, raffiniert, mit großem Gehabe und Getue, sich jeglichen marktbedingten Verhaltensweise anpassend, ist nicht nur köstlich zu lesen, es ist amüsant und man kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. Er veralbert den Marktschwachsinn, den Modekonsumblödsinn, gibt vor einem Manager mit für ihn fremden Wörtern an wie „Sprachstrukturen“ und „Wirklichkeitsstrukturen“, denn, lügt er glatt, er sei als Autor in Sachen Politik, Ökonomie und Philosophie tätig, und nun habe er ein tolle Idee, denn er müsse ja irgendwie zu Geld kommen. Auch ein Sozialtrottel, der er war, habe natürlich seine Geistesblitze.

    Kurz: Dieser ulkige und vom Lebenskampf gebeutelte Edgar tut alles, um sich an den Mann, sprich an den Manager und so an das erhoffte Kapital zu bringen. Mit Lügen, mit viel Tamtam und Aufgeschneide. Der Autor Egbert Scheunemann hat ein gutes Händchen für Metaphern, Vergleiche und Wortzusammensetzungen (Katerausschwitzgymnastik, Schädelbekämpfungsprogramm). Sein durchgehend in indirekter Rede gehaltener Text liest sich flüssig, wobei der Leser angehalten ist, die Pointen nahezu in jedem Absatz zu suchen und zu finden.

    Atemlos und noch laut lachend lege ich das schwarze spannende kleine Büchlein endlich aus der Hand und wollte mich beim Autor, meinem Gegenüber, herzlich bedanken. Doch der war offensichtlich davongeeilt, sicherlich, um eine neue Episode über einen schwerfälligen Rezensenten, der wohl an seinem Text gescheitert sein dürfte, eine tiefgründig ausgefeilte, sachlich geschriebene Buchbesprechung zu Papier zu bringen – oder besser – in die PC-Tasten zu hauen. Des Autors offerierte Poesie-Satire auf dem großen Werbeteller hat dem Markt gemäß jedoch gut funktioniert. Der geistige Hunger ist geweckt. Bis zum nächsten Mal, Herr Egbert Scheunemann, rufe ich in Gedanken. Oder waren es Kästner und Tucholsky? Hier im Portugiesen natürlich. Herr Kellner, bitte Hefeweizen. Für alle drei...(PK)


    Egbert Scheunemann: Trilogie des Scheiterns. Drei Erzählungen,
    Kurzgeschichten, was auch immer, Hamburg-Norderstedt 2015, ISBN 9783734746659, 104 Seiten, 9.80 Euro

    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung:


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22013&css=print


    Weitere Texte des Rezensenten:


    http://cleo-schreiber.blogspot.com


    Harry Popow: „Platons Erben in Aufruhr. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe“, Verlag: epubli GmbH, Berlin, 316 Seiten, www.epubli.de, ISBN 978-3-7375-3823-7, Preis: 16,28 Euro


    Harry Popow: „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder.“ Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3

    „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ - Michael Lüders


    DAS EIGENTOR der „GUTEN“


    Buchtipp von Harry Popow



    Wer wüsste das nicht – spätestens seit dem 9/11.2001 wird die Welt in zwei Lager geteilt. Die Guten und die Bösen. Wer die ersteren sind, das bestimmen die USA, Großbritannien und die Staaten der EU, allen voran Deutschland, wer die Bösen sind ebenfalls. Damit die Welt endlich zur Ruhe und zu Wohlstand komme. Und wenn es sein muss, dann mit Gewalt. Krieg gegen den Terror?

    So simpel und vereinfacht fangen mitunter Märchen an, doch wir leben in einer realen Welt der sozialen Trümmer, die zunehmend irreal erscheint. Das Erscheinungsbild ist erschütternd, lässt traumatisierte Bürger ängstlich den Kopf schütteln ob der ungeheuren Flüchtlingsströme, ob des Blutvergießens im Konflikt Israel/Palästina oder durch die Gräueltaten des „Islamischen Staates“. Millionen ergreifen die Flucht.


    Warum? Die einstige Kolonialisierung und heutige Globalisierung, die imperialistische Kriegspolitik der USA und ihrer NATO-Verbündeten, die finanzielle und materielle Unterstützung von Terrormilizen wie al-Qaida und Islamischer Staat (IS), die verhängten Embargos sowie unser krankes Banken- und Finanzsystem (Stichworte: Troika, IWF, Austeritätspolitik, Rettungsschirme für Banken, Griechenland) verursachen und hinterlassen Blutspuren, Not und Leid. Ein weltweiter Konflikt zwischen Gut und Böse?

    Wer sich von dieser verdummenden Formel nicht vereinnahmen lassen will, der lese das sehr tiefgründig recherchierte Buch mit dem Titel „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ von Michael Lüders. Er war viele Jahre Nahost-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT. Er kennt alle Länder der Region, hat sie persönlich bereist. Ein Kenner des Orient.

    Die Region von Algerien bis Pakistan, in diesem Krisenbogen mit unzähligen Interessengruppen und Konfliktherden, mit Bildern der Religiosität und der Gewalt, setzt der mutige Autor ein hochkompliziertes Puzzlespiel zu einem einzigartigen Mosaik zusammen. Endlich, möchte man sagen. Er tut das als freischaffender Journalist und nimmt damit den großen und kleinen bürgerlichen Medien, diesem unendlichen Schweigekartell, wenn es um tiefe gesellschaftliche Ursachen geht, die Arbeit ab.

    Lüders holt weit aus. Er bringt die Ingangsetzung der sogenannten Verteidigung westlicher Werte mit dem Sturz Mossadegh 1953 im Iran zur Sprache, der sich als demokratisch gewählter Premierminister mit der Nationalen Front gegen die britische Vorherrschaft stemmte und deshalb gestürzt und ins Gefängnis geworfen wurde. Der Autor analysiert im Einzelnen die vom Westen inszenierten Kriege gegen Irak, Libyen, Syrien sowie gegen die Gewaltpolitik im Konflikt Israel/Palästina.

    Die mit einer Fülle von Fakten verdichtete Argumentation und die Aufhellung der Machenschaften der westlichen Elite geht mit klaren Aussagen zu den vorgegebenen und tatsächlichen Ursachen der Verwüstungen und terroristischen Bedrohungen einher. So gehe es darum, „geopolitische Widersacher auszuschalten, zu schwächen oder kleinzuhalten“. (S. 9) Auf Seite 47 zitiert der Autor Präsident Bush senior, der sagte - die Carter-Doktrin von 1980 bestätigend - der Zugang zum Öl des Persischen Golfs und die Sicherheit befreundeter Schlüsselstaaten seien entscheidend für die nationale Sicherheit der USA. Zu den Ursachen gehören vor allem die Gewinne der US-Rüstungskonzerne (S. 82). Man habe die Aussicht auf einen „neuen 30-jährigen Krieg“, so Leon Panetta, ehemaliger CIA-Chef und Verteidigungsminister von 2011 bis 2013. Die amerikanische Politik folge nicht einer hegemonialen Vernunft, die auf ein Gleichgewicht der Kräfte abziele, sondern darauf, „die politische und wirtschaftliche Vorherrschaft der USA weltweit zu sichern“. (S. 100)

    Gründlich analysiert der Autor die Ursachen der Entstehung des IS. Wie der Überfall auf Irak zeigt, hat sich in seinem Gefolge der Islamische Staat - sozusagen gefördert durch die Aggression der USA - erst gebildet. Den Angriffskrieg der USA gegen Irak im Jahre 2003 hatte u.a. Chaos, die Auflösung der irakischen Armee und das Verbot der Baath-Partei als „krimineller Vereinigung“ zur Folge. Das war sozusagen die Geburtsstunde des sunnitischen Widerstandes gegen die amerikanische Besatzung und die neuen militärischen Machthaber, das war der Grundstein für Terror und Gewalt. Während vor der Zerstörung des Irak, so lesen wir auf Seite 53, die religiöse Zugehörigkeit zu Sunniten oder Schiiten „nur eine untergeordnete Rolle“ spielte, erwuchsen später daraus Al-Qaida und 2006 die Vorläuferorganisation des Islamischen Staates. Die Brutalität der Dschhad-Miliz „Islamischer Staat“, so der Autor, habe ihre ideologischen Wurzeln in Saudi-Arabien, ebenso die heutige Konfrontation zwischen Sunniten und Schiiten. Die erzkonservative Strömung des Islam, der Wahhabismus, sei dort Staatsreligion. Demnach seien vor allem alle Muslime ungläubig. Der rechte Glaube bemesse sich im bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Herrscher, dem Kalifat oder König. (S. 28) Unzweideutig warnt Michael Lüders: Der Islamische Staat sei mittelfristig „weniger eine militärische als vielmehr eine ideologische Gefahr“. (S. 100)

    Was hinter den Kulissen der Weltbühne passiert, wird von den Mächtigen durch vielerlei verschiedene Bühnenvorhänge massiv verdeckt, verschleiert. Michael Lüders stellt Zusammenhänge her, das, was unüblich geworden ist, um die imperiale Herrschaft nicht zu gefährden. So verweist er auf die ideologischen Hintergründe, mit denen die westlichen Eliten ihr Vorherrschaftsstreben in Nahost und überall in der Welt bemänteln. Wie soll man zum Beispiel „wertorientiertes“ Handeln, so die Behauptung der westlichen Politik, verstehen, wenn sie „im Nahen und Mittleren Osten“ vielfach „verbrannte Erde“ hinterlässt? (S. 7) Verpackt in der dreisten und heuchlerischen Lüge, sie betrieben „ein weltweit angelegtes Demokratisierungs- und Wohlfahrtsprogramm“. Auf Seite 114 heißt es dazu, wer eine feudale Ordnung zwangsweise demokratisieren will, schafft „naturgesetzlich ein Machtvakuum, das anschließend von gewalttätigen Gruppen gefüllt wird, ob mit oder ohne Islam im Wappen“. Zum Grundmuster westlicher Politik gehöre vor allem die „Dämonisierung des Gegners im Vorfeld“ der eigentlichen kriegerischen Enthauptung.

    Nicht unbedingt förderlich zum tieferen Verständnis der Interventionen der westlichen Welt sind die bedauernden Worte des Autors von Fehlern und Dummheiten, davon, man könne nicht über seinen Schatten springen, von fehlendem Pragmatismus der USA. Kann man allerdings von einem Imperialismus, der selbst tief in der Krise steckt, anderes erwarten? Lüders fügt allerdings mutig hinzu: „Vermutlich wird dieser fehlende Pragmatismus am Ende den Niedergang der Weltmacht noch beschleunigen.“

    Welche Lösungen bietet der Autor an? Das sei schwierig zu beantworten, meint ehrlich der Autor. Immerhin sei die Religion, der Islam, zum Sammelbecken für die Unzufriedenen geworden. Die Tragik der arabischen Welt liege in ihrer Zerrissenheit, „der Gleichzeitigkeit von Rückständigkeit und Moderne“. (S. 60) Es herrsche Mangel an demokratischen Erfahrungen, es fehle das Verständnis für soziale Fragen. (S. 61) Konfessionalismus und Stammesdenken würden häufig einhergehen mit Intoleranz und Gewaltbereitschaft. (S. 62) In der Regel seien die Mittelschichten zu schwach für Veränderungen. Wer Al-Qaida oder den IS, den fanatischen Wahhabismus erfolgreich bekämpfen will, so Lüders auf Seite 86, der müsse an die Wurzel gehen, an das saudische Regime, aber wer wolle sich schon mit dem weltweit größten Erdölproduzenten anlegen? Auch seien die Menschen im Orient grundsätzlich viel religiöser eingestellt und leben in der arabisch-islamischen Welt, in der feudalstaatliche Elemente dominieren. Säkulare Bewegungen könnten sich erst in einer Industriegesellschaft durchsetzen. (S. 127)

    Auf den letzten beiden Seiten seines aufklärerischen und faktenreichen Buches plädiert Michael Lüders dafür, "die Welt nicht länger in ein „wir“ und „die“ zu unterscheiden. „Die großen Bruchlinien verlaufen nicht zwischen Staaten, Religionen oder Ideologien. Sondern dort, wo es um die Verteilung von Ressourcen geht. Einen ´Kampf der Kulturen´ gibt es nicht. Wohl aber einen Kampf um die Fleischtöpfe.“ (S. 173) Er schreibt von kleinen Schritten zur Veränderung, von Demut und auch davon, die Kriegsakteure, „Verderber und Schreibtischtäter“ - wenn sie vorläufig auch nur aus Kostengründen mit Drohnen drohen - vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu stellen. Wie wär´s auch damit: Stopp aller Waffenlieferungen in diese Region. Und: Die Souveränität aller Staaten achten – entsprechend dem Völkerrecht.

    Wollten wir bei der eingangs genannten Märchenstunde bleiben, so müssten wir konstatieren: Sie schießen Eigentore, die angeblich GUTEN. Sie werden dies aber nicht akzeptieren wollen. Da hilft nur eins: Abpfiff des stets Trümmer hinterlassenden Spiels.

    Wünschenswert wäre in einer neuen Auflage dieses Buches ein Anhang mit Begriffserklärungen wie u.a. Wahhabismus, Sunniten, Schiiten, Muslimbrüder, Kalifat, die im Text zwar erwähnt und teilweise erklärt werden, aber ein neuerliches Nachschlagen erschweren. Danke Michael Lüders für diese „aufmüpfige“ Lektüre. (PK)

    Michael Lüders: „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“, Taschenbuch: 175 Seiten, Verlag: C.H.Beck; Auflage: 8 (31. Juli 2015), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3406677495, ISBN-13: 978-3406677496, Größe und/oder Gewicht: 12,3 x 1,7 x 20,5 cm, Preis: 14.95 Euro

    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21954&css=print


    Weitere Texte des Rezensenten:


    http://cleo-schreiber.blogspot.com


    Harry Popow: „Platons Erben in Aufruhr. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe“, Verlag: epubli GmbH, Berlin, 316 Seiten, www.epubli.de, ISBN 978-3-7375-3823-7, Preis: 16,28 Euro


    Harry Popow: „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder.“ Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3)



    Online-Flyer Nr. 525 vom 26.08.2015

    „Kriege im 21. Jahrhundert: Neue Herausforderungen der Friedensbewegung“


    Monster-Geschwister



    Buchtipp von Harry Popow



    Da schreckt ein Kaffeekränzchen plötzlich hoch als in Nachbars Garten ein Schuss fällt. Da reißt es aber keinen unbedingt vom Stuhl, wenn man am 1. Juli 2015 in der „Linken Zeitung“ vom 1. Juli 2015 folgende Sätze des US-Autors Stephen Lendman (1) online zu lesen bekommt: Gegenwärtig erlebe man „die gefährlichste Epoche der Weltgeschichte“. Die von den USA „beherrschte Tötungsmaschine NATO ist ein außer Kontrolle geratenes Monster, das eine wahnsinnige Strategie verfolgt. Der Weltfrieden ist bedroht, wie nie zuvor. Das Schicksal der Menschheit steht auf Messers Schneide. In imperialer Arroganz riskieren die USA und die NATO den atomaren Weltuntergang.“

    Wer dabei unbelehrbar nach wie vor den Kopf schüttelt und mit den Schultern zuckt und dennoch einen wachen politischen Blick behalten will, dem sei das Aufsehen erregende politische Sachbuch mit dem Titel „Kriege im 21. Jahrhundert. Neue Herausforderungen der Friedensbewegung“ aus dem Sonnenberg Verlag, herausgegeben von Rudolph Bauer, wärmstens ans Herz gelegt.

    Die Beiträge in diesem Band fußen auf Vorträgen während einer Tagung der Initiative Antikriegskonferenz (AKK) im Oktober 2014. Deren Ziel war es u.a., „das antimilitaristisch-kritische Bewusstsein zu schärfen und die außerparlamentarische Antikriegsbewegung zu stärken“. (S. 35)

    Wenn der kriegsvorbereitende Zustand als normal empfunden wird, dann kann die Politik samt ihrer hörigen Medien bei unbedarften Lesern und Hörern einen Erfolg verbuchen. Anders diejenigen, die sich empört abwenden von Krieg und Kriegsgeschrei, die mit Wort und Tat dagegenhalten – und das sind „Millionen Menschen in der Bundesrepublik und in Europa, die keine Kriege befürworten, keine unterdrückerische Politik (wollen), keine ausbeuterische Ökonomie, kein die nationalen Grenzen überschreitendes Militär und keine Geheimdienste, welche sich öffentlicher demokratischer Kontrolle entziehen“. (S. 337)

    Werden sie die Kraft und den Willen haben, das Säbelrasseln nicht nur in die Schranken zu weisen?

    Der interessierte Leser wird aus diesem Buch die Erkenntnis gewinnen, dass es höchste Zeit ist zum Widerstand. Der dürfte nicht leicht fallen, denn die Bundesregierung vertuscht ihre Kriegsvorbereitungen, indem sie das Militärische zur Normalität erklärt. Das Verbrecherische hat also einen offiziellen Anstrich. Man soll sich an Krieg gewöhnen. Und die BRD an der Seite der Monster. Als deren Standbein, als deren Aufmarschgebiet gen Osten. Nicht mit Schüssen vorerst, nur mit Drohgebärden, nein, der Kampf gegen die Menschen kommt auf leisen Sohlen. Mit Phrasen und Floskeln, die die Wahrheit in den Dreck treten, mit Lügen und Geschichtsfälschungen, die die Köpfe der Menschen verwirren, die die Willigen und Angepassten möglicherweise wieder an die Waffen rufen könnten.

    Schon in den Schulen wird vorgegaukelt, wir würden „in der besten aller heute möglichen Welten … leben.“ (S. 14) Auf diese Art flüstert man Kindern und Jugendlichen ein, unbesorgt in die Zukunft zu schauen und der Politik größtes Vertrauen entgegenzubringen. Keiner bezweifelt, dass es vielen Deutschen weder am Essen noch an Zufriedenheitspillen für das tägliche Gebrauchtwerden im kapitalistischen Profit- und Marktgetriebe mangelt – trotz der immer zahlreicher werdenden Streiks und Proteste gegen wachsende Armut und soziale Ungerechtigkeit. Wer aber vernimmt das zunehmende Kriegsgeschrei, die Verlagerung schwerer Waffen gen Osten? Das unter dem nebelhaft verschleiernden Wort von angeblicher Sicherheit erneute Säbelrasseln? Es gerät gar nicht erst ins Blickfeld der im Showtheater sitzenden und selbstgefällig nickenden gut situierten und oft politisch wenig nachdenklichen Mitbürger?

    Diese 374-seitige Lektüre ist wahrlich nicht die einzige Quelle für die Antikriegsbewegung, was aber dieses Buch auszeichnet, sind die vielfältigen Themen von sechzehn Autoren, die sowohl die Hintergründe der sogenannten Neuvermessung der Welt als auch die auf leisen Sohlen daherkommenden Methoden der Volksverdummung aufs Korn nehmen. Das geschieht mit einer verblüffenden Vielzahl von Fakten und Zitaten, die manchen Leser überfordern könnten, mitunter auch zum Widerspruch reizen, die allerdings auch Hilfestellung geben, sich persönlich und im Verbunde mit Gleichgesinnten zur Wehr zu setzen. Wie hieß es doch? „Nie wieder Krieg“. Heute von den Mächtigen umgewandelt: „Nie wieder Krieg ohne uns.“ (S. 281)

    Die Kriegsvorbereitungen durch die deutsche Politik am Gängelband der USA werden durch die Autoren von verschiedenen Seiten aus beleuchtet, gegliedert in drei Teile: Militarisierung, Mobilisierung und Einspruch, die sich wiederum u.a. untergliedern in ideologische Aufrüstung in Schulen, die Rolle von Videospielen, das Vermischen von ziviler und militärischer Sicherheit, die soziale Kriegsmobilmachung, die Rolle der Medien als Kriegspartei, die zunehmende Rolle der Geopolitik, den politischen Widerstand, Perspektiven der Friedensbewegung sowie den Zusammenhang zwischen Kriegen, Katastrophen und Kapital.

    Wie in anderen politischen Sachbüchern, die sich kritisch mit dem kapitalistischen System auseinandersetzen, wird auch in diesem Buch auf ein Phänomen aufmerksam gemacht: Die Herrscherelite vermeidet aus „gutem Grund“ - das offenbart sich tagtäglich in fast allen bürgerlichen Medien - jegliche Ursachenforschung, die die Hintergründe des Profitstrebens und des Kampfes um Vormachtstellungen in der Welt und um Ressourcen aufhellen könnte, mit Recht befürchtend, sie würde dabei ihr eigenes Grab schaufeln.

    Deren Abwehr gegenüber aller grundsätzlichen Gesellschaftskritik zeigt sich in einer verblümten Sprache, der Verbreitung einer wirklichkeitsfremden Dreifaltigkeit von Frieden, Freiheit und Wohlstand und im Namen von Menschenrechten. Welch ein Hohn! Wer das nicht glauben mag, der lese u.a. auf Seite 330: „Der Selbstbezug westlicher Politik ist geprägt von der Überzeugung, dass ´unsere` Zivilisation und Kultur Ausdruck der höchsten menschlichen Entwicklung ist; dass mithin ´unser`Wirken in der Welt für alle nur segensreich sein kann; dass es ´dem Westen` deshalb auch zustehe, sein Modell des Wirtschaftens und politischen Handelns sowie sein Menschen- und Weltbild der Menschheit überzustülpen, notfalls auch mit militärischer Gewalt.“

    Diese Anmaßungs- und Arroganzpolitik stinkt zum Himmel. Das Eigene sei also rein, das Andere blutgetränkt. Wir haben mit dem Elend der Welt nichts zu tun, wir wollen aber lindern. Damit seien „Vorkriegsverhältnisse erreicht“. (S. 57) So ist der Ruf nach einem starken Staat zu verstehen, nach Aufrüstung, nach Umdeutung von „Verteidigung“ in „Sicherheit“, deshalb das heuchlerische „Mitgefühl“ mit Flüchtlingen, deshalb der Schulterschluss von Polizei, Geheimdiensten und Militär. In diesem ´Sicherheitskonzept´ spielen „die Bekämpfung der sozialen, ökonomischen und ideologischen Ursachen und Bedingungen von Terrorismus, Gewalt und Kriminalität demgegenüber allenfalls eine untergeordnete Rolle...“ Mit Massenüberwachung, Vorratsdatenspeicherung und militärischer Aufrüstung sei den Konflikten allerdings nicht beizukommen. (S. 147)

    Auf Seite 342 heißt es zum Widerstand gegenüber dem gefährlich wütenden Großkapital: „Wer sich gegen Militarisierung und Kriege, für Demokratie und Gerechtigkeit engagiert, darf nicht verkennen, dass es das Kapital ist, dessen in wiederkehrenden Krisen einmündende Mechanismen den Frieden bedrohen und totalitäre Bewegungen wie auch Terror und Katastrophen erzeugen.“ Um einen atomaren Zerstörungswahn zu stoppen, beruft sich der Herausgeber Rudolph Bauer auf Marx, es müsse gelingen, die bestehenden Verhältnisse „zum Tanzen zu bringen“. (S. 341)

    Der Rezensent sieht dieses Buch über die Kriege des 21. Jahrhundert nicht nur als Bildungswerk an, sondern als Anregung zum Umdenken, als Pflichtlektüre für´s demokratische Mitbestimmen. Die sechzehn Autoren wirbeln das politische Show-Gesülze tüchtig durcheinander und lassen aufgeweckte Leute hinter die Kulissen schauen. Nimmt man die Gefahren für den Bestand der Welt ernst, so ist es die menschlichste aller Pflichten, nicht nur dieses Buch, sondern alle geistigen Gegenströmungen in sich aufzunehmen und zu überlegen, was und wie man etwas tun kann, um die scheinbaren Grenzen des Machbaren zu überwinden, vorausgesetzt, man findet die Kraft und hat den Mut zum Verändern. Die eingangs erwähnten Monster-Geschwister, sprich das superreiche Kapital, hat seine Existenzberechtigung längst verloren, es möge durch vereintes – auch außerparlamentarisches – Handeln Schritt für Schritt entsorgt werden.



    Autoren: Prof. Dr. Rudolph Bauer (Bremen), Volker Eick (Berlin), Julian Firges (Kassel), Dr. Rolf Gössner (Bremen), Prof. Dr. Franz Hamburger (Mainz), Prof. Dr. Peter Herrmann (Rom), Claudia Holzner (Kassel), Prof. Dr. Sönke Hundt (Bremen), RA Otto Jäckel (Berlin), MdB Ulla Jelpke (Berlin), Dr. Matthias Jochheim (Frankfurt/Main), Prof. Dr. Hans-Jörg Kreowski (Bremen), Dr. Günter Rexilius (Mönch.gladbach), Helmuth Riewe (Ganderkesee), Michael Schulze von Glaßer (Kassel), Prof. Dr. Jörg Wollenberg (Bremen) (PK)

    (1) „Linke Zeitung“ ergänzt: Stephen Lendman lebt in Chicago. Er ist über lendmanstephen@sbcglobal.net zu erreichen.
    (2)
    http://www.linkezeitung.de/ind…er-tuerschwelle-russlands

    Rudolph Bauer (Hrsg.): Kriege im 21. Jahrhundert. Neue Herausforderungen der Friedensbewegung. Friedenspolitische Reihe. Band 01, 2015 Sonnenberg Verlag, 374 Seiten, ISBN 978-3-933264-77-0, Preis: 19,80 Euro

    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21787&css=print


    Weitere Texte des Rezensenten:
    http://cleo-schreiber.blogspot.com

    Harry Popow: „Platons Erben in Aufruhr. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe“, Verlag: epubli GmbH, Berlin, 316 Seiten, www.epubli.de , ISBN 978-3-7375-3823-7, Preis: 16,28 Euro

    Harry Popow: „In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder.“ Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3)

    Platons Erben in Aufruhr


    Von Harry Popow


    Perlen der Erkenntnis findet man – wer wüsste das nicht - sowohl im Alltag, als auch beim kritischen Lesen. Über fünfzig politische Sachbücher wollten – in guter Zusammenarbeit mit der Neuen Rheinischen Zeitung, Herausgeber und Redakteur Peter Kleinert – von Harry Popow gründlich durchforstet, besprochen und veröffentlicht werden. Welch ein Vergnügen des Denkens, von dem Bertold Brecht schrieb.


    Es sind ruhestörende Autoren, die nach vorne denken und schreiben, es sind deren Werke, die nicht immer auf die Bestsellerlisten gelangen und auch in Printmedien als Rezensionen kaum zu finden sind und dennoch tiefgründig recherchierte Wegweiser darstellen. Folgen Sie den Spuren Platons und anderer Intellektueller und lassen sich inspirieren von deren Kraft der überzeugenden Worte. Lesen sie in dem Tipp zum Titel „Blattkritik“ vom Versagen der von Geldgebern abhängigen und dem Erwerb unterliegender Medien, eine demokratische Öffentlichkeit herzustellen. Grinsen sie mit, wie Konsumenten zum Shoppen verführt werden. Oder wie und warum Mord `´(s)geschäfte vom Staat geduldet und gefördert werden. Erfahren sie von den Tränen des Vaterlandes bei den Konflikten zwischen Israel und den Palästinensern. Oder wie eine Chamäleon-Dame ihr Volk verschaukelt. Oder wie Mumia Abu-Jamal (USA) in einem amerikanischen Dok-Film sehr warmherzig und lebendig als aufrechter Klassenkämpfer beschrieben wird. Oder wie Daniela Dahn das Privateigentum an Produktionsmitteln unter Beschuss nimmt...


    Nicht weniger interessant: Essays sowie kritische Tagebuch- und Blog-Notizen einschließlich E-Mails zum politischen Alltag. Besuchen sie das sowjetische Ehrenmal in Treptow, lesen Sie eine interessante Zwiesprache mit Tamara... Oder amüsieren Sie sich über ein „fiktives“ Wortgefecht mit einem, der Substanz für ein Gewürz hält. Oder erleben Sie eine Feld- und Waldwanderung, die mit einer kleinen Überraschung endet. Oder die Premiere eines italienischen Dokumentarfilms im Filmtheater Babylon. Oder den Dank eines Piraten für die Besprechung seines Buches.


    Jedes Wort und jeder Satz – wie kann das anders sein – aus sehr subjektiver und privater Sicht des Autors und seiner Leser. Lassen sie sich kurzweilig entführen in die Welt des Widerstands gegen beabsichtigte Sinnentleerungen, bewusst provozierter Hohlköpfigkeit, gegen gesellschaftlichen Stillstand. Zu entdecken sind Anzeichen aufkommenden Lichts, die munter machen können, die Hoffnung wecken – als Platons Erben.


    Harry Popow: „Platons Erben in Aufruhr. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe“, Verlag: epubli GmbH, Berlin, 316 Seiten, www.epubli.de , ISBN 978-3-7375-3823-7, Preis: 16,28 Euro


    http://www.epubli.de/shop/buch…Popow-9783737538237/44867

    „Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“ - Ernst Wolff


    Völker im Würgegriff


    Buchtipp von Harry Popow



    Es sind Wolfszeiten, in denen wir leben. Warnte nicht schon Aristoteles (384 v. u.Z - 322 v.u.Z.), immer gebe die Ungleichheit „Veranlassung zu bürgerlichen Unruhen und Revolutionen“? Über zweitausend Jahre später registrieren die Menschen eine noch nie dagewesene soziale Ungleichheit: Heute verfügen 85 der reichsten Einzelpersonen der Welt über 1,7 Billionen US-Dollar und damit über genau soviel wie 3,5 Milliarden Menschen oder die Hälfte der Menschheit. Das stelle man sich einmal vor: Nur wenige Prozent der Menschen herrschen diktatorisch über die gesamte Menschheit.

    Nachzulesen ist dies in dem von Ernst Wolff veröffentlichten Buch „Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“ auf Seite 212. Bezogen lediglich auf den Internationalen Währungsfonds heißt es im Klappentext: Er erpresst Staaten. Er plündert Kontinente. Er hat Generationen von Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft genommen und ist dabei zur mächtigsten Finanzorganisation der Welt aufgestiegen. Die Geschichte des Internationalen Währungsfonds (IWF) gleicht einem modernen Kreuzzug gegen die arbeitende Bevölkerung auf fünf Kontinenten.

    Der Autor, 1950 geboren, wuchs in Südostasien auf, besuchte in Deutschland die Schule und studierte in den USA. Er arbeitete als Journalist, Dolmetscher und Drehbuchautor. Seit vier Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Wechselbeziehung von Wirtschaft und Politik.

    Ernst Wolff legt mit seinem Buch faktenreich die dramatischen Folgen einer Politik dar, die darauf aus ist, neoliberale Reformen durch die Vergabe von Krediten zu erzwingen. Wenn der IWF neben der Weltbank und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sowie die Welthandelsorganisation World Trade Organization (WTO), die EZB und die EU als ganzes auch keine unbekannten Finanzgrößen sind, so erschrickt der Leser bei der Unzahl ihrer Feldzüge und kriegführenden Armeen, um das globale Finanzsystem zu stabilisieren. Bemerkenswert ist folgende Aussage des Autors auf Seite 131: „Bei der Suche nach neuen globalen Anlagemöglichkeiten spielten das Urteil des IWF über die Kreditfähigkeit des jeweiligen Landes“ und seine Folgsamkeit bei der Durchsetzung neoliberaler Strukturreformen eine entscheidende Rolle. Mit anderen Worten: Um das zu Bruch gehende kapitalistische System als ganzes zu retten, bediene man sich der Kreditvergabe. Wer diese in Anspruch nimmt, kommt bekanntermaßen in Teufels Küche, verstrickt sich in ein Krakennetz der Verschuldung. Dafür kommen nicht etwa die Schuldigen des Finanzsektors auf, sondern sage und schreibe die abhängig Beschäftigten und die Armen.

    Mit unglaublicher Akribie hat der Autor auf 234 Seiten das raubtierhafte Vorgehen des IWF auf internationalem Parkett dargestellt. Er berichtet über die von den USA initiierten Anfänge bereits 1944, „die Grundzüge einer Wirtschaftsordnung für die Nachkriegszeit festzulegen“. (S. 23). Es ging um „die Fixierung aller Kurse an den US-Dollar“ und um die „Beschneidung der Souveränität des Rests der Welt durch die von nun an dominierenden USA“. (S. 15) Mitspracherecht erhielten die Länder nur entsprechend ihrer eingezahlten Beiträge. Um diesen Trick und die wahren Ziele des IWF zu verschleiern, sprach man vom „freien Handel“ und von der „Abschaffung des Protektionismus“. (S. 16)

    Ich halte diese geschilderte Ausgangsposition des Internationalen Währungsfonds für überaus wichtig, handelt es sich doch „um eine von den USA ins Leben gerufene , von ihnen beherrschte und allein auf ihre Interessen zugeschnittene Einrichtung, mit der die neue Supermacht sich neben der militärischen auch die wirtschaftliche Weltherrschaft sichern wollte“. (S. 18)

    Mit diesem Hintergrundwissen ist die aggressive Politik des Kapitals nach 1945 zur ökonomischen Zurückdrängung des Ostblocks, die Einmischung und die Unterordnung gegenüber solchen Ländern wie Afrika, Chile, Irland, Jugoslawien oder gar Zypern und Griechenland klarer als Klassenauseinandersetzung und nach 1989 als Versuch der Osterweiterung zu verstehen.

    So wird Volk für Volk ausgebeutet, ökonomisch geknechtet - ob Mexiko und Argentinien, Südafrika und Indonesien. Sogar vor Kriegseinsätzen scheut das Großkapital nicht zurück, siehe Jugoslawien oder Libyen. Reformen im Zuge des Neoliberalismus, Armutsbegrenzung, strukturelle Anpassung, Re-Finanzierung und Schocktherapie – sie führen unabdingbar zu Armut, Knechtung und größere Abhängigkeit, zu größeren Ausgaben, zu Entlassungen im öffentlichen Dienst, Privatisierungen im Gesundheits- und Bildungswesen, zu Lohnkürzungen und Steuererhöhungen für die lohnabhängige Bevölkerung.

    Obwohl der Autor den engen Zusammenhang zwischen dem IWF und dem Streben des Kapitals nach Maximalprofit und Weltherrschaft durchaus nachvollzieht, bleibt er – vor allem bei der nahezu neutralen Beurteilung des Ost-West-Konfliktes – bei der Charakterisierung der Finanzmärkte als fehlerhafte Entwicklungen stehen und berührt die tieferen Ursachen des Konfliktes zwischen Arm und Reich nicht nach den objektiv herrschenden Eigentumsverhältnissen. Immerhin entlarvt er die Finanzelite als im Stillen agierende Marionettenspieler, die „als Inhaber von Banken, Hedgefonds, Versicherungen und Großkonzernen“ das wirtschaftliche Geschehen bestimmen und als Besitzer der globalen Medien auch das Bild festlegen, „das den Menschen von der Welt vermittelt wird“ und in denen die Rolle der Finanzmächtigen weitgehend verschleiert wird. (S. 136)

    Fragt man nach der Veränderbarkeit der Welt, nach Lösungen im Interesse der Menschen, die ohnehin unter der Kreditwirtschaft – und nicht nur dabei – zu leiden haben und deren Widerstand immer brutaler unterdrückt wird, dann muss Ernst Wolff passen, wie viele andere Autoren mit ihm. So gesteht er auf Seite 217, dass das bestehende System mit zunehmender sozialer Ungleicheit gezwungen sein wird, „auf immer härtere Polizeistaatsmethoden zurückzugreifen. Wenn auch diese nicht mehr wirken, bleiben ihnen nur noch zwei Optionen – die Einsetzung von Diktatoren und die Entfesselung von Kriegen“.

    Der Mensch in der Zwangslage, ja, ganze Völker, ausgeliefert den wenigen aber milliardenschweren Finanzoligarchen? Wer als Leser dieses spannenden Sachbuches die verbrecherischen Machenschaften des IWF und der Finanzelite im Zusammenhang mit der Allgemeinen Krise des Kapitalismus und dem anfälligen Epochenumbruch herauszufiltern vermag, wird auf seine Kosten kommen – und – mehr tun, als nur den großen Crash abzuwarten. Auch der Autor lässt den Mut nicht sinken. Er setzt auf neue Chancen, wenn wir die Lügen der Politiker und der Medien durchschauen und neue „Kampf- und Organisationsformen“ entwickeln. Eine neue Gesellschaftsordnung muss her, in der die sozialen Bedürfnisse der Mehrheit im Mittelpunkt stehen. Für den IWF und andere derartige Organisationen wird darin aber kein Platz sein. (S. 215) Bis dahin bleiben die Völker im Würgegriff der Finanzoberen - die Alarmzeichen stehen auf Rot.(PK)

    Ernst Wolff: „WELTMACHT IWF — Chronik eines Raubzugs“. Tectum Verlag, Marburg 2014, 1. Aufl. (17. September 2014), Broschiert: 234 Seiten, Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3828833292, ISBN-13: 978-3828833296, Größe und/oder Gewicht: 15 x 1,8 x 21,3 cm, Preis: 17,95 Euro

    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung

    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21438&css=print


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com


    NEU: Kritischer geht es nicht – dieser und weitere 55 Buchtipps sowie Notizen zum Zeitgeschehen, gebündelt in diesem Buch:


    Harry Popow: „Platons Erben in Aufruhr. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe“, Verlag: epubli GmbH, Berlin, 316 Seiten, www.epubli.de , ISBN 978-3-7375-3823-7, Preis: 16,28 Euro


    http://www.epubli.de/shop/buch…Popow-9783737538237/44867

    "Ökonomie des Müßiggangs" – Autor Thomas M. Maritsch


    Tiefgang & Höhenflüge


    Buchtipp von Harry Popow



    "Ökonomie des Müßiggangs", so der Titel eines 680 Seiten dicken Buches von Thomas M. Maritsch. Der Untertitel: „Zur Sozio- und Psychopathologie von Arbeit, Eigentum und Geld – naturalistische Betrachtungen zur Wirtschaftsphilosophie“. Da überbekommt den Leser mindestens das Nachdenken. Sich abrackern in der Arbeit wie ein Pferd und gleichzeitig faul sein, genießen? Wie soll das zusammengehen? Ohne Zweifel, man ist verwirrt. Sollst du weniger arbeiten und mehr genießen? Sollst du arbeiten, um endlich richtig zu leben? Macht dich etwa das Wirtschaften, sprich Arbeiten, so langsam kaputt, hast keine Zeit mehr für dich und deine Familie? Und: Was ist überhaupt Ökonomie? Ist es nicht der berüchtigte Kapitalismus? Und wie ihn überwinden? Wer ist denn der Autor?


    Thomas M. Maritsch ist Jahrgang 1960. Nach einem Studium der Sozialwissen-schaften arbeitet der Autor in der Software-Industrie als Systemdesigner, also als Vermittler zwischen Anwendern und Entwicklern. Er ist daher seit langer Zeit darin geschult, möglichst klare und verständliche Kommunikationsstrukturen zu realisieren. Als Mitarbeiter multinationaler Unternehmen sind ihm die Mechanismen des ökonomistischen Denkens und Handelns bestens vertraut. Daneben widmet er sich noch immer kritisch den Zusammenhängen zwischen Politik, Philosophie und Gesellschaft. Bisherige Veröffentlichung: „Keine Löcher. Eine alltagstaugliche Naturphilosophie“, 2009.


    Lassen wir die eingangs aufgeworfenen Fragen beiseite und sehen wir uns an, was der Autor unter Müßiggang versteht. Und da kommt gut in der Philosophie bewanderten Lesern folgende inhaltliche Aussage auf Seite 589 bekannt vor: „Was wir bisher nur einer kleinen Minderheit gestatten, (…) den Millionären und Milliardären, das können wir uns mit einer besseren Organisation alle leisten: Zeit zum Atmen, genügend Raum“ für Wünsche, „geringe Notwendigkeit für Erwerbsarbeit, sondern weit umfangreichere freie Entfaltung der Persönlichkeit...“ Auf Seite 612 plädiert er für ein Konzept „von lustvollem Müßiggang“ nur bei notwendigem Aufwand, was er auf Seite 593 in den bekanntem Slogan münden lässt: Jedem sollte doch einleuchten, „dass wir arbeiten, um zu leben, aber nicht leben, um zu arbeiten“.


    Der Autor möchte zeigen, dass Wirtschaften auf ganz anderen Grundvoraussetzungen aufbauen muss und kann. (S. 19) Seine Gegenposition zur „glorifizierten Marktfreiheit“ ist darauf angelegt, „Arbeit, Eigentum, Geld, Werte, Produktions- und Verteilungsfragen und vieles mehr auf eine humanistische, rationale, aufgeklärte und naturalistische Weise zu verstehen“. (S. 20)


    Thomas M. Maritsch operiert vordergründig mit Begriffen wie Makroprozessen, Subsystemen, Makrophänomenen und anderen, die offensichtlich vor allem dem Bereich der Computerwelt entlehnt sind. Er will zeigen, „wie irreal, irrational und zerstörerisch wir handeln, wenn wir uns so verhalten, wie es die Ökonomie vorschlägt oder immer öfter sogar aufzwingt“. Deshalb gehe er naturalistisch an die Analyse der Wirtschaft heran, um die „tatsächlichen Auswirkungen auf uns Menschen“ einschätzen zu können. Der Autor will sich unabhängig machen von „gängigen ideologischen Kontroversen“. (S. 31/32)


    Die Leser sollten sich nicht an dem undefinierten WIR stoßen, auch nicht daran, dass Maritsch bisher erkannte – aber nicht immer beachtete oder geleugnete – Gesetzmäßigkeiten im Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung weitgehend unbeachtet lässt, ja, sie völlig ignoriert (siehe die Klassiker-Erkenntnisse von Marx und Engels) und stattdessen den Blick mehr auf das Bewusstsein wirft (idealistische Sicht), der allein dazu fähig wäre, den Weg zu einem machbaren Humanismus freizukämpfen.


    Es ist nicht nur erstaunlich und bewundernswert, wie der Autor aus seiner naturalistischen Sicht in drei größeren Abschnitten Detailanalysen als auch mögliche Alternativen vorlegt, sondern mit nahezu jedem Kapitel von ihm entworfenen Illusionen und Utopien in dankenswerter Weise den zukünftigen Umwälzern der Geschichte Überlegenswertes mit auf den Weg gibt. Klardenkende werden es dem Autor allerdings ankreiden, dass er dabei durchgehend an die Vernunft appelliert: „Wenn wir uns also in einem demokratischen System befinden, kann die Mehrheit der Menschen, also gerade diejenigen ohne überbordenden Anteil an Macht und Reichtum, die vorhandene Oligarchie ablösen, und, wenn es sein muss, sogar ins Gefängnis bringen“. (S. 611) Dem Autor gelingt es im Ganzen gesehen, die Begriffe Eigentum, Geld, Arbeit, Markt, Profitmaximierung, Entfremdung, Neoliberalismus oder Sinn des Daseins und andere für jedermann anschaulich darzustellen.


    Als intellektuellen und politischen Mangel empfindet der Rezensent die Kaltstellung bisheriger ökonomischer Gesetzmäßigkeiten, die ja nicht naturbedingt und schon gar nicht durch Willensentscheidungen von Akteuren im Verlaufe der Geschichte entstanden sind und heute – besonders durch die Ideologie des Neoliberalismus – weltweit ausufern und zu Barbarei und neuen Kriegen tendieren. Wunschträume nach einer besseren Welt gehen nur dann auf, wenn sie von knallharten Realitäten ausgehen, wissenschaftlich fundiert sind und kühn und tatkräftig von den bisher Benachteiligten gemeinsam umgesetzt werden. Wer dabei die im sozialistischen Lager errungenen Erfahrungen allerdings sträflich ignoriert, sie ad acta legt, der versperrt sich den Zugang zu besseren Einsichten, zur Zukunft.


    Das Buch des Thomas M. Maritsch ist ein kluger Wälzer, der dazu beitragen möge, weitere politische Angriffe gegen das noch übermächtige Kapital zu starten und die gesellschaftlichen Bedingungen für die Dominanz der Akteure gänzlich umzuwälzen. Vorausgesetzt, man verlässt die längst überholte Schiene des einsamen und erfolglosen NUR-WOLLENS. Mein persönliches Fazit aus diesem Buch von Maritsch: Je tiefer man wissenschaftlich zu loten vermag, desto geringer fallen Höhenflüge aus. Aber: Das Paket der Illusionen lässt sich als nachdenkenswertes Gut für neue Ordnungen festmachen.(PK)


    Thomas M. Maritsch: „Ökonomie des Müßiggangs. Zur Sozio- und Psychopathologie von Arbeit, Eigentum und Geld – naturalistische Betrachtungen zur Wirtschaftsphilosophie“, gebundene Ausgabe: 680 Seiten, Verlag: Books on Demand; erste Auflage 24. Juli 2014, Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3735754805, ISBN-13: 978-3735754806, Hardcover, 680 Seiten, € 53,90


    Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21321&css=print


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com


    Edit: ISBN ergänzt. LG JaneDoe

    „Die Eroberung Europas durch die USA“ - von Wolfgang Bittner


    „Friedensengel“ bedrängen den Frieden


    Buchtipp von Harry Popow



    Diejenigen, von denen in dieser Rezension die Rede ist – sie nennen sich Freunde. Es sollen Friedensengel sein. Sie kommen in großen Scharen aus Übersee, im Bunde mit der NATO. Sie hatten sich bereits nach 1945 in Westdeutschland ökonomisch und militärisch festgebissen, und nun ist die gesamte EU dran. Sie erobern die Völker nur mit einem Ziel: Um gegen die Ostvölker – wie eh und je – angeblich „gewappnet“ zu sein. „Auf zum neuerlichen Marsch gen Osten?“


    Dazu gibt es ein neues Buch mit dem Titel „Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine“ von Wolfgang Bittner. Es hat 148 Seiten und ist eine Chronologie der Aufpeitschung imperialer Machtinteressen gegenüber Russland – vor allem in den letzten Monaten und Jahren. Der Autor spannt den Bogen von der Osterweiterung der NATO, entgegen vertraglichen Vereinbarungen mit Gorbatschow, über Begehrlichkeiten Deutschlands und anderer EU-Staaten auf neue Absatzmärkte in Osteuropa, über die von den USA finanzierte „orangene Revolution“ im Jahre 2004, über die Maidan-Bluttaten, über das auf der Krim vom Parlament beschlossene Referendum zum Beitritt zur Russischen Föderation bis zu den Ereignissen im September 2004.


    Der Autor hält sozusagen den Finger am Puls der Ukraine-Krise. Mit ihren nahe am dritten Weltkrieg gefährlichen Zuspitzungen, mit ihrem Auf- und Ab von gegenseitigen wirtschaftlichen und militärischen Drohungen, mit ihren bürgerlichen Medien-Lügen und mit den Beschwichtigungen und angemahnten Gegenmaßnahmen durch die russische Seite.


    Gewiss, viele Tatsachen sind bekannt, decken sich mit den kritischen Analysen der Autoren Brigitte Queck und Peter Strutynski (Hg.), um nur zwei Beispiele zu nennen, die die Ukraine im Fokus der NATO und den Konflikt als ein Spiel mit dem Feuer charakterisieren. Meiner Meinung nach ist die Herangehensweise des Autors Wolfgang Bittner, die Ereignisse chronologisch darzustellen, gut dazu geeignet, die Abfolgen und die gegenseitige Bedingtheit der Tatsachen und ihrer Ursachen deutlich herauszuarbeiten. Unübersehbar das Bemühen, die Hauptschuldigen, die Brandstifter der Krise und die Instrumentalisierung der EU durch die USA und durch die NATO, an zahlreichen Textstellen kenntlich zu machen. Erhebliche Beihilfe leisten dem Autor dabei u.a. der niederländische Publizist und Politikwissenschaftler Karel van Wolferen, der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser, der einstige Bundestagsangehörige, OSZE-Vizepräsident sowie verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU im Bundestag,Willy Wimmer, sowie Albrecht Müller, Publizist und Herausgeber des Internetportals NachDenkSeiten.


    Bereits auf der Seite 14 stellt der Autor fest: „Die westlichen Politiker fallen zurück in den Kalten Krieg.“ Er zitiert auf Seite 54 den Niederländer van Wolferen, der betont, dass die US-amerikanische Politik eine „Geschichte wirklich atemberau-bender Lügen“ (ist): „Über Panama, Afghanistan, Irak, Syrien, Venezuela, Lybien und Nordkorea.“ Nicht zu vergessen die Besetzung unseres Planeten mit einigen tausend Militärbasen. Als Ursachen benennt Albrecht Müller u.a. den Vormarsch der Neokonservativen und der Rechten in den USA im Umfeld der Teaparty-Bewegung. Zu Wort kommt auf Seite 49 Willy Wimmer: „Das amerikanisch- Kiew-ukrainische Ziel dieses Vorgehens wird notfalls auf den offenen Krieg mit Russland aus sein, um letztlich die Ukraine als Bollwerk … gegen Russland nutzen zu können. Sollte es gelingen, die Ukraine derart den USA dienstbar zu machen, wird es einen kompletten Riegel unter US-Kontrolle zwischen dem Baltikum über Polen und die Ukraine zum Schwarzen Meer geben.“ „Russland“, so der Autor auf Seite 92, solle „durch einen neuen ´Eisernen Vorhang´ von Westeuropa getrennt“ werden.


    Die Eskalation des Konfliktes mit Russland sei in wesentlichen Elementen ebenso bewusst und mutwillig „herbeigeführt worden wie der Überfall auf den Irak;“ zitiert Wolfgang Bittner die Einschätzung in German Foreign Policy. Der Autor lässt es an Fakten zur Destabilisierung der Lage in der Ukraine nicht fehlen. So pflegt die Stiftung „Open Ukraine“ des Oligarchen Arsenij Jazenjuk intensive Beziehungen zum US-Außenministerium und zur NATO „und wird von einflussreichen westlichen Organisationen gesponsert“. Mehr als fünf Milliarden Dollar hätten die USA für den „Regime Change“ in der Ukraine gespendet, was „in den westlichen Medien kaum zur Sprache“ kam. (S. 25) Erwiesen sei auch, so der Autor auf Seite 35, „dass subversive Kräfte, insbesondere westliche Geheimdienste und allen voran die CIA, die Maidan-Bewegung vorbereitet und finanziert haben“, abgesehen davon, „dass sich hochrangige westliche Politiker seit Jahren in die inneren Angelegenheiten der Ukraine eingemischt haben“. (S. 35) Nicht nur Politiker, sondern ebenso Journalisten in maßgeblichen Positionen werden von der CIA, vom US-Außenministerium und von Konzernen finanziell unterstützt. „Dazu gehören die Atlantik-Brücke, Goldmann Sachs Foundation, The American Interest, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Atlantische Initiative und Münchner Sicherheitskonferenz.“ ( S. 41)


    Der Autor verweist auf einen Aufruf vom 25. Mai, den etwa 10.000 Bürger unterzeichnet haben, der Konflikt um die Ukraine sei das Resultat der EU- und der NATO-Erweiterung. Mit der Durchsetzung des Assoziierungsabkommens habe man mit Unterstützung der antirussischen und faschistischen Kräfte in der Ukraine dazu beigetragen, „Russland militärisch einzukreisen“. (S. 44)


    Der angeblichen Friedensengel erinnert sich der aufgeweckte Leser bei der Ankündigung des NATO-Generalsekretärs, in der Westukraine Manöver abzuhalten, beim Versprechen Obamas, „für die zusätzliche Stationierung von Truppen in osteuropäischen Ländern“ eine Milliarde Dollar auszugeben sowie militärisch an der Seite Polens, Litauens und Rumäniens zu stehen. (S. 53) Mehr noch: Die NATO beschloss, siehe Seite 94, „den Aufbau einer neuen Krisen-Eingreiftruppe und einen Aktionsplan für Osteuropa, der neue NATO-Stützpunkte im östlichen Bündnisgebiet vorsieht“. Bleibt die dringliche Frage: „Wird der Moment kommen, in dem klar wird, dass es bei der Ukraine-Krise als allererstes darum geht, Star-Wars-Raketen auf einem langen Abschnitt der russischen Grenze in Stellung zu bringen. Was Washington … die Möglichkeit eines Erstschlages eröffnet?“, so ein Zitat von van Wolferen. (S. 68) Die US-Regierung gehe mit der Rüstungs- und Erdöl-Lobby im Rücken im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, schreibt Wolfgang Bittner. (S. 54) In Bezug auf Europa mache man sich nichts vor. Wimmer weist zu Recht darauf hin, dass den USA „nicht an einem wirtschaftlich starken, friedlichen Europa liegt“. Die amerikanischen Globalkonzerne seien mit gefüllten Kassen dabei, das von der europäischen Industrie aufzukaufen, „was bisher noch nicht im Bestand der USA ist“. (S. 71) „Die Ukraine scheint die Blaupause für weiteres Vorgehen in Europa und darüber hinaus zu werden“, so Wimmer auf Seite 62. Ergänzend dazu der Autor: Zuerst werde ein Land aufgemischt, bis es zum Bürgerkrieg kommt, „und hinterher spielen USA, EU und NATO den Friedensengel“. (S. 66)


    Wolfgang Bittner klagt nicht nur die Brandstifter für die Ukraine-Krise an, sondern auch die Medien, die die Rolle der Brandbeschleuniger übernommen haben. So zitiert er den Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser, der feststellt, „dass es eine Art ´NATO-Netzwerk` … gibt“, bei dem sowohl kritische Fragen zum Bündnisfall als auch zur Ukraine-Krise tabu sind. Die NATO-Osterweiterung werde praktisch nie erwähnt, die Hintergründe des Regierungssturzes in der Ukraine nicht genannt.


    Das Fazit zieht der Autor, indem er festhält, die USA sind kein Vorbild für Frieden und Freiheit, seit über einem halben Jahrhundert schon nicht mehr. Spätestens seit dem 11. September 2001 sei dort „eine Schranke der Rechtsstaatlichkeit gefallen“. (S. 109) „Man wünschte den USA Politikern, dass die den Mut hätten, das eigene Land als Interventionsfall zu erkennen“, so Wolfgang Bittner auf Seite 110.


    Der chronologische Bericht des Autors ermöglicht aufmerksamen Lesern, die Fakten im Zusammenhang zu erfassen, wie sich eine Tatsache aus der anderen ergibt, wie sich die USA zunächst die EU und dann, mit deren Schützenhilfe, Russland gefügig machen wollen. Sein Verdienst besteht in der klaren Auflistung der schrittweise begangenen kriegsvorbereitenden Machenschaften zur Ausrichtung der Ukraine samt der EU zum Aufmarschgebiet gen Osten. Werden dabei Putins Warnungen, die NATO nicht so dicht an die Grenzen Russlands vorrücken zu lassen, überhört? Mitunter schreibt der Autor vom möglichen Gesinnungswandel, vor allem der BRD-Regierung im Konflikt zwischen Ost und West. Allerdings geben die Machteliten dazu wenig Raum zum Weiterdenken. Auf Aggressionen vom Großkapital im Streben nach Ressourcen getrimmt, ist mehr Wachsamkeit als Hoffnung auf Veränderung angesagt. Es wird weiter an der Eskalationsschraube gedreht, stellt Wolfgang Bittner auf Seite 91 bitter fest. „Friedensengel“ bedrängen den Frieden. Nach wie vor. (PK)


    Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine“. Broschiert: 148 Seiten, Verlag: VAT Verlag André Thiele; Auflage: 1 (1. Oktober 2014), ISBN-10: 3955180298, ISBN-13: 978-3955180294, Größe: 11,6 x 1 x 20,5 cm, Preis: 12,90 Euro


    Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung


    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21117


    Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com