Beiträge von MelanieM

    Zwei Sachen haben mich beschäftigt. Zum einen die Aussage, dass Fritz um der Gerechtigkeit willen das Gesetz schon mal verbiegt. Nach eigenem Gutdünken. Ich weiß, was hier gemeint ist, finde ich aber prinzipiell nicht gut. Irgendwie hat mich gestört, wie das ausgedrückt war. Das klang negativ für mich. Nach Selbstjustiz.

    Man muss Fritz aus seiner Sozialisation heraus sehen. Als er jung war, war es das Gesetz, Kranke zu töten, politische Gegner einzusperren und es war so "halblegal", Juden und andere missliebige Personen zu vergasen. Ich sage "halblegal", weil das ja im Geheimen passierte, es gab dafür kein Gesetz. Aber für das Einsperren politisch andersdenkender Menschen, für ihre Hinrichtung und auch für die Euthanasie und die Zwangssterilisationen gab es Gesetze. Wer sie nicht befolgte, stellte sich gegen das Gesetz. Und genau das ist damit gemeint. Wenn Gesetze Unrecht zu Recht erklären, muss man sich überlegen, ob sie nicht auch schon mal verbiegen darf, oder ob es sogar Pflicht wäre.

    Und erschütternd, dass man einen solchen Test brauchte, wenn man als geouteter Homosexueller seine Approbation wieder wollte. Das dauerte ja noch eine ganze Weile, bis sich da etwas tut. Dennoch sehr sehr schräg. Hier ist das Opfer natürlich einer von den Schlechten. Aber ganz prinzipiell erschreckend.

    Das war ja von mir in "Die Stimmlosen" absichtlich so dargestellt. Krüger wurde für Kindermord im Rahmen der Euthanasie zweimal freigesprochen - weil das damals erlaubt war. Für seine Homosexualität kam er ins Gefängnis - weil das damals verboten war. Und am Ende sagte Richard ja, dass er nun schon drei Verfahren gegen Krüger erlebt hat - und alle waren eine Schande für die deutsche Justiz. Es sollte der bittere Beigeschmack bleiben. Am Ende kommt Krüger ins Gefängnis und darf nicht mehr als Arzt arbeiten - das hat er verdient. Aber die Gründe waren falsch, weil er es nicht wegen seiner Homosexualität verdient hat, sondern wegen der Kindermorde.

    Aber vielleicht mal die Frage an MelanieM , ob sie weiß (Quatsch eigentlich, natürlich weiß sie!!!), wie sich ein Mensch wie Dr. Krüger (jetzt mal unabhängig von seiner Rolle im Buch) hätte rehabilitieren können ...

    Es wäre tatsächlich nur durch eine erfolgreich bestätigte Konversionstherapie möglich gewesen. Wenn er hätte nachweisen können, dass er nicht mehr homosexuell ist. Und das glaubhaft darlegt. Deshalb wollte er das Attest von seinem Intimfeind, weil das unanfechtbar gewesen wäre. Richard hätte niemand unterstellt, Krüger ein Gefälligkeitsattest auszustellen. Ansonten durften Homosexuelle damals viele Berufe nicht mehr ausüben. Sie durften nichts machen, wo sie mit Jugendlichen zu tun hatten, und sie konnte auch nicht mehr Juristen werden, wenn sie wegen Homosexualität vorbestraft waren. Ärzte, Lehrer, alle möglichen sozialen Berufe und alle juristischen Berufe waren Ihnen nicht mehr zugänglich. Sie konnte auch als Handwerksmeister keine Lehrlinge mehr ausbilden - sie könnten die ja "verderben". Künstler ging noch, oder einfacher Handwerksgeselle, oder einfacher Arbeiter, aber ganz viele Berufe fielen flach. Und da wir heute wissen, dass Konversionstherapien nicht funktionieren, gab es im Prinzip keine Chance, wenn man erst mal als Homosexueller vorbestraft war.

    Etwas grinsen musste ich bei der Szene mit der Telefonzelle, nein, nicht wegen der 20 Pfennig, sondern weil die Kripo ihre Hilfsmannschaft über eine Telefonzelle anrufen muss. Ich habe selbst durchaus noch das Zeitalter der Telefonzellen miterlebt, aber wie schnell man so etwas dann doch vergisst...

    Ja, als Kripo-Beamter ruft er sie nicht über Funk, er muss telefonieren. Und Handys wurden erst in den 1990er Jahren für Privatpersonen erschwinglich.


    Ich freue mich sehr, dass das Buch Chancen hat, ein Lieblingsbuch von dir zu werden. Mir machte es auch Spaß, wenn sich Helden aus verschiedenen Reihen miteinander "messen" - Friederike muss sich ja auch einiges einfallen lassen, um Fredi zu überzeugen, andererseits findet er sie ja auch sympathisch und hilfreich, deshalb lässt er sich darauf ein.

    Und dass er Regeln beugen konnte, weiß man ja aus seiner Vergangenheit, wenn es zum Nutzen der Gerechtigkeit ist.

    ch habe absolut keine Ahnung, wer der Mörder sein könnte, einiges deutet ja ziemlich gezielt auf eine Person - aber wäre das nicht zu einfach im jetzigen Stadium?

    Wen vermutest du denn?

    Ich habe natürlich nicht geplant, dass alle Reihen mal zusammenkommen. Das ging nach und nach. Richard, der in Mehr als die Erinnerung als junger Mann auftreten durfte. Professor Wehmeyer, Fritz und Julia, die kleine Rollen in Hafenschwester 2 (Professor Wehmeyer) und Hafenschwester 3 (Wehmeyer, Fritz und Julia) haben. Und dann, als Mohlenberg 4 geplant wurde, war mir klar, ich will, dass es ein richtig rundes Feuerwerk wird, an dem sowohl Neueinsteiger als auch Fans Spaß haben. Wer alle Bücher kennt, freut sich, weil es eine Fortsetzung von allen drei Reihen ist, und wer sie nicht kennt, kommt trotzdem klar.

    Genau, es war auch nach damaligen Vorschriften verboten, einen Polizeibeamten zu foltern, um ein Geständnis zu erhalten. Zumal Fredi dann ja Dank Lilli als unschuldig galt. Da hätte Gerd auch Probleme bekommen können. Er wusste ja, dass er etwas Verbotenes tat, aber er war ein Mitläufer und hatte sogar Spaß an der Macht, die er da hatte. Und genau das hat Fredi ihm nicht verziehen.

    Stellt sich nur die Frage, was aus ihm geworden wäre, wäre er damals geblieben. Hätte er sich auch irgendwie rauswinden können?

    Ja, er hätte bei der Polizei bleiben können. Dann wäre er wegen seiner Gestapo-Mitgliedschaft zwar auch von den Briten interniert worden, aber nach maximal einem Jahr wieder rausgekommen und hätte vermutlich ab 1950 wieder in den Polizeidienst gehen können. Fredi beschreibt ja ganz gut, wie das damals war und wie viele hohe Polizeioffiziere noch in der Bundesrepublik eine SS-Vergangenheit hatten. Gerd hatte eben Angst vor Fredi, weil der ihm ja unterschwellig gedroht hat, er wolle ihn nie mehr bei der Polizei sehen, sonst würde er erfahren, warum Sturmbannführer Rohrbeck sich lieber erschossen hätte, als sich seinen Zorn zuzuziehen. Daraufhin hat Gerd sich ja voller Angst an die Front gemeldet. Natürlich hätte Fredi gar nichts machen können, Rohrbeck hat sich ja aus anderen Gründen erschossen, wegen der emotionalen Krise, die er hatte. Aber das wusste der 19-jährige nicht. Er ist also nicht nur Täter, sondern auch Opfer seiner Zeit.

    Die Frauen seiner Generation in der Familie arbeiten ja schließlich auch alle, trotzdem sie verheiratet sind.

    Seine Schwester hat das damals ja auch mit Hilfe der Mutter sehr energisch durchgekämpft, Journalistin zu werden. Und da hat Thomas früh gelernt, wann Männer lieber einfach den Mund halten und ihren Hobbys nachgehen sollten ;-) - Seine Mutter hat in ihrem ersten Leben als Leni Ellerweg ja auch gearbeitet, indem sie die Sprechstundenhilfe ihres Mannes war.

    Aber das musste sein, ich will diesen Band als Bindeglied und Abschluss für diverse Figuren genießen können. Und ich glaube, wenn ich nicht gerade die Hafenschwester und verstummte Liebe gelesen hätte, wäre das weniger einfach. Eigentlich bräuchte man für diese Bücher Familienstammbäume.

    Ich bin sehr gespannt, wie dir die weiteren Zusammenkünfte gefallen :-)

    Charlotte und Thomas: Das geht ja richtig flott mit den beiden. Aber da scheint es auch einfach zu passen. Zumindest sieht es so aus, als würden sie sich einfach so nehmen wie sie sind.

    Die beiden sind ja auch keine naiven Teenies mehr. Thomas ist 41 und Charlotte 36. Die reden gleich wie erwachsene Menschen. Außerdem sind sie ja beides gute Partien jeweils füreinander. Sie sind auf einer Wellenlänge, Thomas muss keine Angst haben, dass Charlotte hinter seinem Geld her ist und Charlotte muss keine Sorgen haben, dass er sich in ihre Berufstätigkeit unangemessen einmischt. Er hat genug eigene Hobbys.

    Erinnerst du dich aus Hafenschwester 3 noch an Gerd Malthus? Ich fand es wahnsinnig spannend, in diesem Roman nicht nur die Helden zu receyceln, sondern auch die Schurken - einer wird Mordopfer, der andere Täter und der dritte Verdächtiger und prügelnder Ehemann.


    Ingrid war ja schon in Mohlenberg 3 immer etwas zurückhaltend ihrem Mann gegenüber und verbrachte die Zeit, wenn die Söhne im Sommerlager waren, lieber auf Mohlenberg. Eben weil ihr Mann schon immer gewalttätig war. Ihr Schwiegervater hat noch versucht, das etwas zu unterbinden, aber als er dement wurde, hatte er keinen Einfluss mehr. Deshalb mochte Ingrid ihren Schwiegervater ja auch und besuchte ihn regelmäßig.

    Dann hast du ja jetzt auch schon Brunos kurzen Telefonauftritt gehabt und die kurze Anmerkung der Persienreise (über die ja im Sommer ein ganzes Buch kommt), und außerdem hat Friederike das angewandt, was sie in Band 3 von Fräulein Wermut über das Ausfragen von Kneipiers gelernt hat.


    Die HIAG ist historisch belegt, ihre Zeitung ist bis 2014 erschienen.

    Dass die SS durchaus heterogen war, was es schwierig machte, den Einzelfall zu beurteilen, wisst ihr ja schon aus Band 3. Es war ein Unterschied, ob jemand wie Brehm oder Hermann agierte, oder ein Mitläufer wie Markmann war, der "nur" die Dienstrangangleichung aus Karrieregründen mitgemacht hat. Gerade diese Unterschiede führten dazu, dass sich später alle immer auf die "harmlose" Variante beriefen. Die Tatsache, dass jemand bei der SS war, besagt allein noch nicht, dass er persönlich auch an Verbrechen beteiligt war, das kann man immer nur aus dem Kontext erkennen. Das war ja auch jahrelang der Grund, warum die ehemaligen SS-Leute darum kämpften, als normale Soldaten angesehen zu werden.