Saskia Jungnikl: Papa hat sich erschossen

  • Saskia Jungnikl: Papa hat sich erschossen
    FISCHER Taschenbuch 2014. 256 Seiten. Klappenbroschur
    ISBN-13: 978-3596030729. 14,99€


    Verlagstext
    Sein Tod teilt mein Leben in eine Vorher und Nachher
    »Am 6. Juli 2008 kritzelt mein Vater etwas auf einen mintgrünen Post-it-Zettel. Er steigt die Wendeltreppe hinunter in die Bibliothek und holt seinen Revolver. Dann geht er durch den schmalen Gang hinaus aus unserem Haus in den Hof. Dort legt er sich unter unseren alten großen Nussbaum. Ich weiß nicht, ob er dabei irgendwann gezögert hat. Ich glaube, er wird noch einmal tief eingeatmet haben, als er da lag. Vielleicht hat er sich noch kurz die Sterne angesehen und der Stille gelauscht. Dann schießt er sich in den Hinterkopf. Sein Tod teilt mein Leben in ein Vorher und Nachher.« Hautnah und unsentimental erzählt Saskia Jungnikl über den Freitod ihres Vaters. Sie schreibt über die Ohnmacht, die ein solch gewaltvoller Tod hinterlässt und wie ihre Familie es schafft, damit umzugehen, über Schuldgefühle, Wut und das Entsetzen, das nachlässt, aber nie verschwindet.


    Über die Autorin
    Der Artikel über den Suizid ihres Vaters, den Saskia Jungnikl in der österreichischen Tageszeitung »Der Standard« veröffentlichte, löste eine riesige Resonanz aus und wurde mit der Ehrenden Anerkennung des Claus-Gatterer-Preises und des Leopold Ungar Journalismuspreis ausgezeichnet. Seit 2007 schreibt die 1981 im Burgenland geborene Journalistin als Redakteurin unter anderem für die Stadtzeitung »Falter«, die Österreich-Ausgabe der »Zeit«, das Monatsmagazin »Datum« und den »Standard«.


    Inhalt
    Mit dem journalistischen Präsens werde ich mich wohl nie anfreunden können, weil es mein Sprachgefühl verwirrt. Als Saskia Jungnikl den Anruf ihrer Mutter erhält, dass ihr Vater sich erschossen hat, fließen für sie Gegenwart und Vergangenheit ineinander, sie erzählt alle Ereignisse konsequent im Präsens, anfangs in kurzen, einfachen Sätzen. Die österreichische Journalistin nähert sich dem Schock über die Selbsttötung ihres Vaters über seinen Nachlass im Elternhaus, der seine vielfältigen Interessen zeigt, und entfaltet dann atmosphärisch dicht das Leben eines Mannes, der rastlos nach neuen Herausforderungen suchte, ein Studium der Publizistik und eine Ausbildung als Regisseur und Dokumentarfilmer absolvierte. Seine Erziehung und sein Einfluss auf die Tochter sind unverkennbar.


    Die Autorin wurde als drittes Kind der Familie nach zwei Söhnen geboren. Till, der zweite Sohn, war durch Ereignisse kurz nach seiner Geburt geistig behindert. An dieser Stelle wird deutlich, welchen Sinn die Überlappung der Ereignisse in der Erinnerung der Autorin haben; denn der Vater tötete sich an Tills Geburtstag, vier Jahre nach Tills Tod. Ein doppelter Todesfall in der Familie erschwert allen betroffenen Angehörigen den Trauerprozess. In der Familie Jungnikl richten die beiden Todesfälle den Blick auf die besondere Beziehung zum behinderten Bruder als Mittelpunkt der Familie. Deutlich wird, dass Männer mit dem Schicksal einer Behinderung in der Familie anders umgehen als Frauen. Auch Saskia Jungnikls Vater hat in besonderer Weise mit Tills Schicksal gehadert. Der biografische Teil des Buches, der das Familienleben im Burgenland schildert, die Erziehung der Kinder, die Musikerkarriere des Vaters, seinen spät gefunden christlichen Glauben, seine Arbeit als Autor und Regisseur, lesen sich so fesselnd, dass ich mich gefragt habe, warum über diesen vielseitigen Vater keine eigene Hardcover-Biografie mit seinem Foto auf dem Umschlag erschienen ist.


    Breiten Raum nehmen die Suche der Angehörigen nach den Gründen des Suizids ein und ihr Grübeln, wer von den Ängsten und Depressionen des Vaters gewusst haben sollte. Ob überhaupt die winzige Möglichkeit bestanden hätte, einen stets so konsequent handelnden Mann zu überzeugen, seine Depression behandeln zu lassen, fragen sich die Hinterbliebenen. Recherchen zum Thema allgemein ergeben, dass Männer im Alter seltener an Depressionen leiden als Frauen, wenn sie daran erkranken jedoch größere Probleme haben, den Tunnel wieder zu verlassen, der direkt auf die Selbsttötung zuzuführen scheint.


    Drastische Kritik übt Saskia Jungnikl an der eigenen Profession. Zwar gibt es - in Deutschland - ein Netzwerk gegen Depression, das medizinischem Personal das Erkennen einer Depression erleichtern soll; die einzigen, die aus dem Kampf gegen Selbsttötungen ausscheren, sind jedoch die Journalisten. Der so genannte Werther-Effekt belegt empirisch, dass eine sensible und zurückhaltende Berichterstattung über aktuelle Fälle die Zahl der Suizide messbar verringert, während sensationsgierige Berichte die Selbstmordzahlen in die Höhe schnellen lassen.


    Fazit
    Saskia Jungnikl berichtet von ihrer Trauer und ihren Schuldgefühlen nach dem Suizid ihres Vaters, sie gibt sehr berührend Einblick in das Leben mit einem geistig behinderten Angehörigen und zeigt ihren Lesern, wie Selbsttötungen die Familienbeziehung aus dem Gleichgewicht bringen können. Das Buch habe ich mit einer kurzen Pause in einem Zug durchgelesen.


    9 von 10 Punkten


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