Fikry El Azzouzi: Sie allein

  • Fikry El Azzouzi: Sie allein
    DuMont Buchverlag 2017. 256 Seiten
    ISBN-10: 3832195807
    ISBN-13: 978-3832195809. 22€
    Originaltitel: Alleen zij
    Übersetzer: Ilja Braun


    Verlagstext
    In der Küche des Restaurants, das Eva mit ihrem Freund in Brüssel betreibt, arbeitet Ayoub, ein junger Mann marokkanischer Herkunft. Er wirkt intelligent, wach, interessant, aber wie aus einer anderen Welt; uneinschätzbar, fremd. Eva und er kommen sich näher und plötzlich so nah, dass beiden klar wird: Ihren weiteren Weg wollen sie zusammen gehen. Trotz vieler Verdächtigungen, Vorurteile, Widerstände. Neu anfangen.
    ›Sie allein‹ erzählt die berührende Geschichte von zwei Menschen, die zusammenfinden – vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die auseinanderfällt. Denn während die beiden ein Paar werden, gleitet ihr Land ab in einen Strudel aus islamistischem Terror, rechter Gewalt und einem politischen Populismus, der plötzlich wieder Menschen zweiter Klasse erzeugt.
    Fikry El Azzouzi zeigt einmal mehr, dass er die brisanten Themen unserer Zeit in mitreißende, beklemmende Literatur verwandeln kann. ›Sie allein‹ ist ein kraftvoller, hochaktueller Roman, der in Belgien gerade für Furore sorgt.


    Der Autor
    Fikry El Azzouzi, geboren 1978 in Temse, Belgien, ist ein flämischer Autor marokkanischer Herkunft. Er machte sich einen Namen als Kolumnist und Dramatiker und wurde u.a. mit dem Autorenpreis für Theaterkunst 2013 ausgezeichnet. 2010 erschien sein Debütroman ›Het Schapenfeest‹, 2014 folgte die Novelle ›De handen van Fatma‹. El Azzouzi gehört zu den wichtigen politischen Stimmen seines Landes. Er lebt in der Nähe von Antwerpen. In Deutschland erschienen bisher seine Romane ›Wir da draußen‹ (2016) und ›Sie allein‹ (2017).


    Inhalt
    In aller Kürze: Warum sollten Sie dieses Buch lesen?
    Weil ein Mann mit marokkanischen Vorfahren darin einfühlsam die Situation einer Frau beschreibt, die ihre Liebe zu einem Marokkaner in alle Richtungen verteidigen muss.


    Inhalt
    Sie nannten die neue Küchenhilfe Abu Abwasch – Ayoub spülte im Restaurant von Eva und ihrem Freund Stefaan das Geschirr. Ein Abwäscher arbeitet so lange wie das Restaurant geöffnet ist, bei Ayoub sind das 16 Stunden. Ohne ihn müsste der Laden schließen, falls der Chef sich nicht selbst ans Spülbecken stellt. Die 25-jährige Eva, die die Geschichte in der Ichform erzählt, nimmt zunächst an, als Marokkaner wäre Ayoub automatisch gläubiger Muslim. Mit einer Portion Selbstironie blättert der Neue jedoch auf, was seine Persönlichkeit ausmacht. Seine Eltern sind Einwanderer aus Marokko, er ist Vegetarier, Serienfan, GoT-Zuschauer, hat die Schule abgebrochen und sich mit allerlei Jobs durchgeschlagen – und wird im Brüssel der Gegenwart aufgrund seiner Herkunft automatisch für verdächtig gehalten. Wenn du Allah anrufst, machst du dich automatisch verdächtig; mit einem Satz, auf dem eine ganze Religion aufbaut.


    Eva hat sich auf das Restaurant-Projekt nur Stefaan zuliebe eingelassen und hält das inzwischen für keine gute Idee mehr. Während im alltäglichen Stress hinter den Kulissen des Lokals rumgeschrien, gemobbt und Schlimmeres getan wird, verliebt sich Eva zunächst zögernd in Ayub. Die junge Liebe zeigt sich Eva wie ein Sprung ins kalte Wasser. Voller Zweifel, ob ihre Liebe zu einem prolligen jüngeren Mann von stürmischem Temperament gut gehen kann, gerät sie in Rechtfertigungszwang. Würde sie ernsthaft konvertieren? Ihrem Mann gehorchen? Sich den Vorstellungen ihrer Schwiegermutter unterwerfen? Du musst Männer kolonisieren, gib ja keinen Fußbreit nach, damit du nicht kolonisiert wirst, mahnt Busenfreundin Hannah. Eva muss sich fragen, was sie für Ayubs Religion bereit ist aufzugeben, zu welchen Kompromissen sie für diese Liebe bereit ist. Die Bedrohung durch Terroranschläge hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass Ayub Eva bittet, das muslimische Glaubensbekenntnis zu lernen und zu sprechen, falls ihm etwas passieren sollte. Während Eva in der allgemeinen Panik allein aufgrund ihrer Beziehung zu Ayub als Sympathisantin verdächtigt wird, nimmt die Handlung dystopische Züge an.


    Fikry El Azzouzi beschreibt aus der Sicht der Frau mit „Sie allein“ sehr einfühlsam die Liebe eines ungleichen Paares. In einer an ihren Rändern dystopischen Handlung wirft er dabei die Frage auf, wie privat Religion noch ist, ob sein Belgien in diesem Roman sich zur Diktatur entwickelt hat und wer letztlich für die Entstehung von Hass verantwortlich ist. Sein Erzählton ist frech bis ironisch, der Humor an der Grenze des Zynismus. Als Leser muss man sich leicht betreten fragen, wo Spaß und Ernst ineinander übergehen, über welche Inhalte man heute noch spotten darf– und vor allem, wer darf das?


    Fazit
    Fikry El Azzouzis erster in Deutschland erschienener Roman „Wir da draußen“, spiegelte zu stark die Realität muslimischer Jugendlicher wieder, um als Fiktion auf mich zu wirken. Mit seinen Übergängen zu dystopischen Entwicklungen im durch Terrorismus bedrohten Brüssel und Evas ernüchternder Konfrontation mit dem Islam spielt „Sie allein“ meiner Ansicht nach in einer ganz anderen Liga. Ein brennend aktueller Roman – und eine bewegende Liebesgeschichte.


    10 von 10 Punkten