Gebundene Ausgabe, 128 Seiten
Verlag: Edition Nautilus, 2015
Aus dem Französischen von Lena Müller
Kurzbeschreibung:
Der Skandalroman aus Frankreich über die Unlebbarkeit des Asylsystems, erzählt in verstörend schönen Bildern.
»Erschlagt die Armen!« ist Titel eines Prosagedichts von Charles Baudelaire, und die Protagonistin dieses Romans scheint ihn wörtlich genommen zu haben: Die junge Frau schlägt einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf und findet sich in Polizeigewahrsam wieder. Dort soll sie sich erklären:
Was treibt eine dunkelhäutige Frau indischer Abstammung, die in der Asylbehörde als Dolmetscherin zwischen Asylbewerbern und Beamten vermittelt, zu einer solchen Tat? Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Asylbewerber, deren offensichtliches Elend der Behörde nicht reicht – und ist angewidert vom System, deren Teil sie geworden ist. Als Migrantin bleibt sie fremd in den Augen der Beamten, aber auch für ihre ehemaligen Landsleute ist sie fremd – als eine, die es geschafft hat. Schließlich scheint es auch für sie in der menschengemachten Enge der Welt keine andere Begegnung als den Angriff zu geben.
Erschlagt die Armen! ist ein zorniger Roman, der in kraftvoller, bilderreicher Sprache aufrüttelnde Fragen zu Identität und Zusammenleben in einer globalisierten Welt stellt.
Über die Autorin:
Shumona Sinha, geboren 1973 in Kalkutta, lebt seit 2001 in Paris. An der Sorbonne schloss sie ihren Magister in Literaturwissenschaft ab. Von 2001 bis 2008 arbeitete Sinha als Lehrerin für Englisch an weiterführenden Schulen; ab 2009 war sie als Dolmetscherin für Asylsuchende tätig. Nach der Veröffentlichung von Erschlagt die Armen! 2011 verlor sie ihre Arbeit bei der französischen Migrationsbehörde. Ende 2013 erschien ihr dritter Roman Calcutta, ebenfalls vielfach ausgezeichnet. Sie veröffentlichte mehrere Gedichtbände auf Französisch und Bengalisch. 2008 erschien ihr erster Roman Fenêtre sur l’ Abîme.
Mein Eindruck:
Es handelt sich um einen kurzen Roman, der nahezu die Form einer Litanei besitzt. Teils ist wütender, verzweifelter Form geschrieben, aber auch mit poetischem Ausdruck. Der Text ist sehr intensiv zu lesen.
Der Titel ist provokativ. Mir wäre für ein literarisches Werk ein weniger krasser Titel lieber gewesen, aber Ziel war es ja wohl, Skandal auszulösen, um etwas zu erreichen.
Die Protagonistin ist Übersetzerin bei Bearbeitung von Asylanträgen in Frankreich. Sie übersetzt die hilflos vorgetragenen Geschichten der Asylsuchenden. Da das System so unzureichend ist, müssen die Begründungen für Asylanträge zu den Anforderungen passen. Daher sind die Angaben der Migranten häufig erfunden.
Die Übersetzerin, die eigentlich neutral sein muss, ist immer mehr Druck ausgesetzt.
Und eines Tages entlädt sich ihr Zustand und sie schlägt in der Metro einen pöbelnden Migranten mit einer Flasche über den Kopf. Dafür muss sie sich verantworten und dieser Text ist ihre Form, das Erlebte zu verarbeiten.
Die geschilderten Details wirken extrem glaubwürdig. Das ergibt sich daraus, dass die Autorin selbst als Übersetzerin gearbeitet hat und sie das System von innen heraus schildert. Angeblich wurde ihr deswegen sogar von der Behörde gekündigt.
Ich musste im Vergleich an den Roman Ohrfeige von Abbas Khider denken. Der war zwar leichter und humorvoller, aber die Verzweiflung der an einem ungenügenden System Beteiligten ist spürbar.
Erschlagt die Armen! Ist ein harter Text, er hat aber literarische Qualitäten und sicher eine Existenzberechtigung, die aber nicht von rechten oder linken Interessengruppen ausgenutzt werden sollte. Nicht alle Asylanten sind Lügner, nicht alle Bearbeiter der Behörde überfordert.