Broschiert: 128 Seiten
Verlag: litradukt
Originaltitel: Je suis vivant
Übersetzt von Ingeborg Schmutte
Kurzbeschreibung:
Port-au-Prince 2010: Das Anwesen der wohlhabenden Familie Bernier ist vom Erdbeben verschont geblieben, aber die Katastrophe erschüttert ihr Leben dennoch. Alexandre, der älteste Sohn, leidet an Schizophrenie. Die Anstalt, in der er 40 Jahre gelebt hat, muss schließen, die Familie hat 48 Stunden, um ihn nach Hause zu holen. Seine Rückkehr verändert das Leben aller Hausbewohner, von der über achtzigjährigen Mutter bis zum Dienstpersonal. Verschüttete Erinnerungen treten wieder zu Tage, hinter den Konflikten in einer Familie treten die Risse der haitianischen Gesellschaft zutage.
Über die Autorin:
Kettly Mars, geboren am 3. September 1958 in Port-au-Prince, Haiti erhielt eine klassische Bildung und arbeitete als Verwaltungsangestellte. Ab den 90er Jahren wurde sie in Haiti als Lyrikerin bekannt. Als Prosaautorin machte sie sich durch die Romane Kasalé (2003) und L’heure hybride (2005) einen Namen. Das Zweideutig-Unbestimmte, das in diesem Titel zum Ausdruck kommt, kennzeichnet auch ihren 2008 erschienenen Roman Fado.
Über die Übersetzerin:
Dr. Ingeborg Schmutte, geb. 1930 in Starnberg
Kindheit in Ostpreußen, Flucht
Studium der Romanistik, Germanistik und Anglistik in Tübingen, Toulouse und Paris
Gymnasiallehrerin
Leitung des Deutschen Pädagogischen Seminars in Buenos Aires 1988–1992
Übersetzung zahlreicher belletristischer Werke und Sachbücher aus dem Französischen und Spanischen.
Mein Eindruck:
Dieser neue Roman der haitianischen Autorin zeigt eine der Auswirkungen, die das schwere Erdbeben von 2010 unter anderen nach sich zog.
Da nach dem Erdbeben auch eine Pflegeanstalt für psychisch erkrankte nicht mehr bewohnbar ist, werden die Menschen nach Hause zu ihren Familien zurückgeschickt. So geht es auch dem schizophrenen Alexandre, der 40 Jahre in der Anstalt verbrachte. Eine schwierige neue Situation für ihn und seine Angehörigen. Die 86jährige Mutter ist geschockt, auch Alexandres Geschwister sind betroffen.
Der Roman enthält viele kurze Kapitel, meist aus 1 oder 2 Seiten, bei denen die Erzählfiguren ständig wechseln. Im Prinzip handelt es sich immer um innere Reflexionen von Alexandre, den Familienmitgliedern oder Personal. So entsteht ein Gesamtbild, das schlüssig eine Familiengeschichte erzählt.
Diese Erzählform ist übrigens nicht schwer zu lesen, es ergibt sich schnell aus dem Zusammenhang, wessen Perspektive gerade eingenommen wird.
Aus den geschilderten Erinnerungen über Alexandres Kindheit und Jugend entsteht zusätzlich ein Zeitportrait, das u.a. auch zeigt, dass die Zeit der Diktatur besonders auch gegen psychisch Kranke unmenschliche Härten bedeutete.
Ein gelungener, sehr verdichteter Roman!