Die Kunst des Wartens
Catherine Charrier
rowohlt
ISBN: 3498008048
256 Seiten, 19,95 Euro
Über die Autorin: Catherine Charrier, geboren 1962 in Alençon in der Normandie, studierte Kunstgeschichte und Kunst an der „École du Louvre“. Sie lebt und arbeitet in Paris. «Die Kunst des Wartens» ist ihr erster, in Frankreich begeistert aufgenommener Roman.
Marie ist eine ganz normale, moderne berufstätige Frau. Sie ist verheiratet und irgendwann beginnt sie eine Affäre mit einem ebenfalls verheirateten Mann. Roch verspricht ihr schon nach kurzer Zeit: „Wenn das noch ein Jahr so weiter geht, werde ich sie verlassen und dich heiraten.“ Von da an beginnt für Marie eine Zeit des Wartens.
Sie nennt diesen Tag der Versprechung den „Tag X“. Alles, was sie zukünftig an kurzen Szenen dieser Affäre beschreibt, enthält als Überschrift die schlichte Anzahl der Tage nach diesem Tag X. Dass sie irgendwann bei Tag x+4682 landen wird, zeigt, wie naiv sie sich lange Zeit den ewig gleichen Hoffnungen der Geliebten in aller Welt hingibt.
Als intelligente Frau mit einem anspruchsvollen Job und später auch zwei Kindern, glaubt sie tatsächlich, dass es ausgerechnet bei ihr und Roch anders ist, als bei all den anderen heimlichen Pärchen; dass ihr Geliebter es ernst mit ihr meint und hinterfragt lange Zeit überhaupt nicht, warum er sich nicht von seiner Frau trennt. Sie akzeptiert die üblichen Ausreden, die sicher viele Geliebte schon anhören mussten. „Sie hat gerade eine schwere Zeit, da kann ich sie nicht allein lassen…“ „Das Kind braucht mich im Moment unbedingt…“ etc., etc., alles, was man nicht schon mal irgendwo gehört oder gelesen hat, nimmt sie als in ihrem Fall einzigartig hin.
Die Bequemlichkeit, von Roch, zu Hause ein warmes Nest zu haben und nebenbei eine Geliebte, die ihm im Bett das bietet, was seine Ehefrau scheinbar nicht bieten kann, die ihm eine bereichernde Beziehung schenkt und die er hinhält, so lange es geht, fällt ihr nicht auf.
Das Buch hat mich nach dem Lesen mit ambivalenten Gefühlen zurück gelassen. „Die Kunst des Wartens“ ist eine intelligent erzählte Geschichte einer Affäre, deren Verlauf schon fast klassisch zu nennen ist.
Ich musste in zweifacher Hinsicht viel Geduld aufbringen; einmal mit Marie, die so dumm ist, den ewig gleichen Vertröstungen eines Liebhabers zu glauben und dem Schreibstil, der zeitweise sehr ermüdend war. Lange Bandwurmsätze verlieren sich in Betrachtungen jeder noch so kleinen Banalität. Ganze Kapitel sind kursiv geschrieben und philosophieren langatmig über das Warten an sich und die Natur des Wartens. Zu allem Überfluss vermeidet die bemitleidenswerte Ich-Erzählerin sehr gern die wörtliche Rede. Das funktioniert nicht immer gut und nimmt einigen Szenen die Deutlichkeit und Prägnanz, die sie verdient hätten.
Erst im letzten Drittel finden sich ein paar realistische Szenen, die mich als Leserin aus der etwas einschläfernden Handlung aufzuwecken vermochten.
Fazit: Eine intelligent geschriebene Geschichte über eine ganz normale Affäre, die einen klassischen Verlauf nimmt. Leider konnten mich die langen Bandwurmsätze und die ermüdenden philosophischen Einschübe nicht besonders für diesem Roman einnehmen. Vielleicht spricht das Buch Leserinnen mehr an, die sich gerade in einer ähnlichen Situation wie Marie befinden…