Tim Boltz: Sieben beste Tage

  • Schokokuchen mit Zehennägeln


    Schon beim Terminus "Comedyroman" im Klappentext hätte ich stutzig werden müssen. Comedyroman? Was soll das eigentlich sein? Ein Roman über Comedy, gar Comedians? Nee, oder? Doch wohl eher einer, der die Stilmittel der (Stand-Up-)Comedy verwendet. Nun, zumindest diejenigen Comedyprogramme, die ich kenne, funktionieren anders.


    In "Sieben beste Tage", einem Buch, das angeblich in den Achtzigern spielen soll, geht es um Berthold "Berti" Körner, der mit dem behinderten Bruder und einem Freund in einer WG wohnt - und davon lebt, den toten Hund einer dementen Gräfin auszuführen und auf Geburtstagsfeten Wörter und Sprüche auf die Rückseite seines Shirts zu schwitzen - er ist selbsternannter "Kunstschwitzer". Tatsächlich verwendet er Chilischoten zur Anregung der Drüsentätigkeit und vorgefertigte transparente Schablonen (die lustigerweise "Schwablonen" genannt werden). Den Hund der Gräfin verwahrt er seit dessen Tod vor einigen Jahren in einer Gefriertruhe - warum eigentlich, das wird nicht erklärt, aber Logik gehört auch nicht zu den wenigen Stärken dieser Geschichte. Und in der geht es um Hochstapelei, Missverständnisse und die Liebe. Auf dem Balkon der gräflichen Villa stehend lernt Berti die Klinikpatientin Mia kennen, weil Dach der Klinik und Balkon der Villa aus offenbar städtebaulichen Gründen (eine Besonderheit Offenbachs?) so direkt nebeneinander liegen, dass man sich sogar in die Augen schauen und geflüsterte Worte verstehen kann. Mia, die in sieben Tagen eine Tumoroperation vor sich hat, hält ihn für reich, er hält Mia für sperrig, aber tatsächlich ist sie total süß und hübsch, was Berti aus dramaturgischen Gründen nicht erkennen kann. Dafür begreift Mia erst nach jenen sieben Tagen, was selbst der mental schallgedämpfteste Leser schon nach ein paar Seiten verstanden hat: Sie ist die klassische Hübschdoofe. Überhaupt sind die Figuren in diesem Buch durch die Bank nicht viel schlauer als Schweineschnitzel.


    In einer absurden Parallelhandlung macht Körner via BILD-Zeitung Karriere, aber all das ist so blöd, herbeikonstruiert, unlogisch und peinlich, dass man es kaum erwähnen muss. Was im Roman erzählt wird, dient ohnehin nur dazu, banale Witze und vermeintlich lustige Situationen vorzubereiten, wobei die Witzchen dankenswerterweise auch noch erklärt werden - und die Situationskomik in eine Kategorie fällt, für die sich sogar Mario Barth schämen würde. Der Rest ist vorhersehbar, überraschungsfrei, plump und so ungeheuer langweilig, dass man bei entsprechenden Wortfindungsversuchen ins Schwitzen gerät. Der Humor von "Sieben beste Tage" bewegt sich zwischen infantilem Pipikakaamüsement (so listet Boltz fast eine Seite lang Synonyme auf, die den extremen Duft der Defäkationsprodukte seiner Hauptfigur beschreiben sollen) und schlimmen Fehlgriffen, die mich an den Rand der Fassungslosigkeit gebracht haben, wie etwa diesem: Gegen Ende des Romans erwartet Berti Körner die Angebetete in der gräflichen Wohnung, hat einen Schokokuchen gekauft und auf dem Wohnzimmertisch drapiert, schneidet sich dort aber auch noch rasch die Zehennägel. Als Mia etwas zu früh klingelt, schnipst er die Nägel weg, doch sie landen auf der Torte. Mia futtert diese Torte dann - und hält die Zehennägel für Kokosraspeln. Zum Brüllen, oder?


    Neben solchen Geschmacklosigkeiten, Schablonenpersonal und intensivem Ideen-Recycling findet sich in diesem Buch nichts, das es lesenswert machen würde. Selbst die daherbehauptete Verortung in den Achtzigern besteht lediglich daraus, dass der (unvermeidliche) "Rubik's Cube" erwähnt, auf das nagelneue "Knoppers" und den amtierenden US-Präsidenten Reagan verwiesen wird. Und, klar, aus der bahnbrechenden Innovation, am jeweiligen Kapitelende Songtitel aus jener Zeit zu erwähnen.


    Gegen entspannte, lässige, lustige, liebenswürdige Romane ohne großen Anspruch ist nichts zu sagen, ganz im Gegenteil. Es ist sehr schwer, Leser zum Lachen zu bringen. Zumindest bei mir ist es Tim Boltz nicht gelungen. Ich war dem Weinen überwiegend näher; für mein zusammenfassendes Urteil möge sich jeder, der mag, ein Pipikakasynonym aus Boltz' Arsenal aussuchen.

  • Ich interpretiere deine Rezi mal so: Daumen extrem nach unten zeigend... ;-)


    Allerdings stellt sich für mich die Frage: Ist das jetzt literarischer Masochismus wenn das Buch nicht schon nach wenigen Seiten der Entsorgung zugeführt wird?


    Ach ja - noch was: Ggf. könnten die Schweineschnitzel jetzt beleidigt sein. :grin

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • "Weichei" war bislang das erste und einzige Buch, das ich von Boltz gelesen habe, und es konnte mich nicht unbedingt vom Hocker hauen. Von daher verzichtete ich auf weitere Titel des Autors, aber "Sieben beste Tage" weckte dann doch mein Interesse - zumal jeder ein zweite Chance verdient. Aber leider wurde auch ich ziemlich enttäuscht. Dass die oftmals total vorhersehbare und gerne auch mal ins Dämliche gehende Handlung bei Romanen dieser Art eigentlich nur dazu dient, immer mal wieder was Lustiges unterzubringen, bin ich ja gewohnt. Aber Boltz' Gags wollten bei mir einfach nicht zünden. Und das war auch schon bei "Weichei" der Fall. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, von anderen Kritikern - die das tausendmal besser können als ich - abzuschreiben, aber auch ich hätte das Fußnägel-Fiasko als bestes Beispiel für Boltz' Humorniveau aufgeführt. Viel ärgerlicher finde ich jedoch, dass im Kurztext die 80er aufgeführt werden bzw. die Handlung in diesem Jahrzehnt spielt (oder: spielen soll). Letztlich sorgten allerdings nur ein paar Produktnamen oder das namentliche Erwähnen des damaligen US-Präsidenten dafür, dass ich alle paar Seiten mal wieder daran erinnert wurde, dass hier von den 80ern die Rede ist. Und natürlich das Ausbleiben irgendwelcher SMS- oder Facebook-Fettnäpfen. Ansonsten hätte sich die Handlung auch 2015 abspielen können. Leider erneut kein Treffer, aber immerhin flott wegzulesen, so dass sich meine dadurch entstandene vergeudete Lesezeit noch im Rahmen hielt. Definitiv mein letzter Boltz-Roman.


    2/10