Glenn Meade - Die letzte Zeugin
Inhalt:
Carla Lane wurde die Kindheit gestohlen. Mit ihrer Familie ist sie in einem bosnischen Gefangenenlager untergebracht - und als dort ein grauenvolles Massaker geschieht, ist Carla die einzige Überlebende.
Zwanzig Jahre später begibt sie sich auf die Jagd: Sie will ihren verschollenen Bruder finden. Und die Bestien, die ihr Leben zerstört haben. Doch die sind ihrerseits fest entschlossen, die einzige Zeugin für immer zum Schweigen zu bringen...
Der Autor:
Glenn Meade wurde 1957 in Dublin geboren. Viele seiner Romane waren internationale Bestseller. Sie wurden in zwanzig Sprachen übersetzt und begeistern immer wieder sowohl Presse als auch Leser.
Meine Meinung:
Wenn man den Klappentext liest, ist man am Anfang des Buchs ein wenig verwirrt und denkt "hey, wo ist ihr Trauma", aber ich fand den Ansatz wie man sich dem genähert hat sehr interessant und konnte Carla so auch zunächst in ihrem normalen Leben kennenlernen. Ich würde gar nicht mal sagen, dass sie mir total sympathisch war, aber es war angenehm über sie zu lesen und sie war selbst eigentlich eher weniger markant in ihrer Art, ihre Vergangenheit und ihre Geschichte war klar der interessantere Punkt.
Die Geschichte beruht auf vielen wahren Ereignissen und einer "Augenzeugin-Geschichte" wie man im Nachwort erfährt und die Schilderung der Ereignisse konnte mich mitnehmen. Es werden sehr viele Erzählstile gewählt, mal die Du-Perspektive, was ich sehr erfrischend fand, dann der sonst auch übliche Erzählstil und schließlich die Episoden aus dem Tagebuch von Carlas Mutter, die mich sehr bewegt haben.
Leider müsste ich große Teile der Vergangenheit spoilern, daher sage ich dazu nur allgemein, dass mich Carlas Suche und Entdeckungen sehr berührt haben und ich ihre Hoffnung geteilt habe...
Die Thrillerhandlung besteht daraus, dass das, was in der Vergangenheit geschehen ist irgendwo weitergegangen ist, dass die "kleinen Helfer" niemals strafverfolgt wurden und was daraus wurde...und wie diese Leute nach der Kenntniserlangung von der "letzten Zeugin" Carla erfahren...wir begleiten Carla bei dem Weg in ihre Vergangenheit mit damaligen Weggefährten und vielen Nebenrollen, von denen man manche aus der Vergangenheitsperspektive schon zu kennen glaubte und andere nicht kannte, aber sie waren allesamt für mich immer sehr passend und interessant.
Man erfährt auch nicht nur aus der Opferperspektive etwas über die Geschichte, das fand ich eigentlich sehr gelungen, wenn auch klar der Fokus bei Carla lag.
Für mich hat das Buch zwei Enden...einmal Carlas private Vergangenheit und die Auflösung dieses Strangs, was ich sehr gelungen und zu Tränen berührend fand und wo ich eine 12 von 10 geben würde...und dann die Auflösung des Thrillerendes, wo Carla getrieben von ihren Emotionen und immer wieder konfrontiert damit, dass sie Rache nehmen will, den Spieß umdreht und auf die damaligen Lagerleiter "Jagd" macht...da war die Auflösung durch ein paar Andeutungen kurz bevor Carla sie selbst "zu spüren bekam" dann auch für mich als Leserin klar...aber dieses Ende konnte mich nicht so sehr mitnehmen, leider, aber ich es war auf jeden Fall eine unerwartete Wendung in der Geschichte und in der Person selbst.
Der Plot muss sich nach hinten heraus auf der Thrillerebene den Vorwurf machen lassen, unrealistisch und vom Ablauf her durch viele zufällige Gegegebenheiten aneinander zu passen, aber das minderte nicht den "Unterhaltungswert", wobei ich das Wort in Anbetracht der Gräueltaten Ende des 20. Jahrhunderts in der Balkanregion das Wort eigentlich gar nicht benutzen will...
Das Buch verleiht dieser Thematik Aufmerksamkeit und gibt ihm eine sehr persönliche Färbung, die emotional aufrüttelt. Mich so stark, dass ich nach dem ersten Drittel des Buchs davon geträumt habe, was ich selten habe, dass ich aus Büchern so sehr etwas mitnehme, dass es bis in den Schlaf reicht...man wird nicht nur in die Lager, sondern auch in die Städte mitgenommen, es sind viele Kleinigkeiten aus dem Tagebuch von Carlas Mutter, die ich jetzt nennen könnte, die mich sehr berührt haben...das soll aber nicht heißen, dass das Buch nur in Traurigkeiten und Gräueltaten versackt ehe es die Thrillerhandlung aufnimmt, auch aus Carlas Kindheit werden viele schöne und lustige Momente genannt, dennoch würde ich schon sagen, dass man sich emotional auf die Thematik einstellen können muss...will nicht sagen nichts für schwache Nerven, aber die Zustände werden wie ich finde klar beim Namen genannt.
Viele kleine Sachen, die mir sehr auffielen:
- Charaktere, wo auch die kleinsten Rollen wie Herr Banda oder Josh nicht einfach daherplätschern, sondern interessant
- die Stadtbeschreibungen, wo man das Flair nachempfinden konnte
- zu Beginn des Buchs gibt es eine Zeitachse, die den Leser kurz in die historischen Abläufe einführt
- die Darstellung der Arbeit der Gerichtsmediziner, die bei der Identifizierung der Toten aus den Massengräbern helfen bzw. auch die Suche nach Gräbern, das war sehr bewegend geschrieben
Was mache ich jetzt aus allem bei den Punkten? Das weiß ich selbst nicht genau, aber ich finde das Buch wichtig. Ich habe in einer englischen Rezension den Satz gelesen:
"There are just some books that will forever touch your heart and soul and stay with you long after you turn that final page."
Das trifft klar auf das Buch zu, ich schreibe die Rezi mit einem leichten Kloß im Hals und gebe ihr doch die Bestwertung, obwohl es ganz ehrlich eine 9,5 wäre und keine 10, aber darauf weise ich hier ja hin.
Falls die ISBN wieder nicht genommen wird, sie lautet: 9783404171903