Zum Titel dieses schmalen Buchs - es hat 122 Seiten - ist noch etwas hinzuzufügen, DDR. Darum geht es, um die Sprache der Jugendlichen der DDR. Erschienen ist das Buch 1989 beim VEB Bibliographisches Institut Leipzig.
Heinemann hat Texte und Hörbeispiele aus dem Alltag, aber auch dem Radio und von Befragungen Jugendlicher ausgewertet. Ziel ist es, Ausdrücke aufzunehmen und zu sammeln, die von Jugendlichen verwendet werden. Dazu gibt es kleine Einschätzungen und Hinweise auf Entwicklungstendenzen. Aus heutiger Sicht ist diese Vorstudie eine Momentaufnahme, die Lektüre zeigt, daß sie nicht nur historische Bedeutung hat.
Wichtig ist vor allem, daß Jugendliche direkt befragt bzw. gehört wurden. Im Unterschied zu den meisten Sammlungen von Jugendsprache ist das hier keine Zusammenstellung erfundener Begriffe, meist von JournalistInnen, um den billigen Effekts Willen. Schon im Vorwort und dann in der Einführung zeigt sich ein Unterschied in der Auffassung dessen, was unter Jugendsprach zu verstehen ist. Nicht das Exotische, Abseitige, Seltene, das Jugendliche zu Aliens unter ‚vernünftigen Erwachsenen macht, sondern eine Sprache von Klein – und Kleinstgruppen, die neben anderen Ausdrucksmöglichkeiten benutzt wird. Sprechen Jugendliche ihren Jargon, ist das für Heinemann kein Zeichen des Untergang der Kultur, sondern aus Ausdruck von Kreativität im Umgang mit Sprache.
Heinemann beschreibt klar und überzeugend, wie sich die Art, sich auszudrücken bei Jugendlichen mit dem jeweiligen Gegenüber ändert. Auch Äußerlichkeiten haben wenig mit der Ausdrucksweise zu tun. Punks unterhalten sich in grammatisch korrektem Deutsch, brave Schülerinnen reden lautstark Slang, um dann, wenn die Freundin sich verabschiedet hat, ins normale Umgangsdeutsch zurückzukehren. Häufiger Wechsel von Registern gehört zum Sprechverhalten von Jugendlichen.
Eingeteilt nach Sachthemen folgt dann das kleine Wörterbuch. Übertreibungen, Vorlieben, Abneigungen, Begrüßungen. Verbale Kraftmeierei und Kräftemessen, scherzhafte Bedrohungen, Abfälliges und Lobendes werden angeführt, strenge Grenzen werden von Heinemann allerdings gezogen, wenn es etwa um Herabsetzung von Behinderten geht. Frauenfeindliches ist kein Thema, möglicherweise deshalb, weil angeführte Ausdrücke deutlich machen, daß weibliche Jugendliche in der DDR nicht auf den Mund gefallen waren.
Interessant ist der Einfluß von Berlin als Vorbild für Ausdrücke, die prägend werden, auch wenn es nur kurzeitige Phänomene sind. Zugleich scheint es ein verstärktes Aufkommen von Dialektausdrücken und Regionalismen gegeben zu haben, womit sich Gruppen Jugendlicher gegen die Stadtkultur abgrenzten. All das sind Ideen, Thesen, Eindrücke, die Heinemann aufmerksam notiert und wiedergibt.
Aus heutiger Sicht aufschlußreich beim Lesen ist die Entdeckung, wie viele Ausdrücke noch vertraut sind bzw. zur gleichen Zeit auch in der BRD in Gebrauch waren. Auch im Westen, bei den ‚Bundis‘, bohnerte der Hamster, machten die Alten Terror, hatte die Tussi doch ein Rad ab, ausgeflippt, wie sie war, und ging Jugendlichen etwas irgendwie voll auf den Docht. Es gibt Übernahmen aus dem Westen und Umdeutungen, Joint, z.B. meinte einfach eine Zigarette.
Verblüffend sind die Begriffe aus dem Englischen, Freak, losjumpen, high oder cool. Vieles davon läßt sich direkt auf den Einfluß zeitgenössischer Popmusik zurückführen. Überraschend ist die Erkenntnis, daß es offenbar nahezu keine Ausdrücke aus den slawischen Sprachen in diese Jugendsprache(n) geschafft hat. Ebensowenig hat der DDR-Alltag Eingang gefunden. Das entspricht der Jugendsprache im Westen, ehe alles mit Werbung und den dazugehörigen Sprüchen überflutet wurde. Die Alltagskultur wirkt fast zeitlos.
Für AutorInnen ist das Büchlein eine Fundgrube, auch deswegen, weil es eine Warnung enthält, die gern in den Wind geschlagen wird. Nämlich möglichst keine längeren Texte aus Ausdrücken sog. Jugendsprache zusammenzubasteln. ‚So reden wir nicht‘ ist die übliche Reaktion derer, die sich angesprochen fühlen sollen. Heinemann hat auch dafür ein Ohr und den wachen Blick. Am Ende finden sich einige Textbelege und abgedruckte Hörbeispiele.
Erhellend, aufschlußreich, witzig und sehr informativ.