Erstmals erschienen 1999
Das Echorium ist der Ort der Singenden, auf der Insel der Echos fern im Meer. Die Sängerinnen und Sänger leben in einer Gemeinschaft von Kind auf und halten mit ihren Liedern die Welt im Gleichgewicht. Ihre Lieder sind mächtig, gefürchtet und begehrt zugleich, sie beeinflussen diejenigen, die sie hören, heilen, trösten, können aber auch töten.
Es ist nicht leicht, eine echte Sängerin/ein echter Sänger zu werden, das entscheidet sich in der Pubertät. Vor allem Jungen leiden darunter, daß sie mit dem Stimmbruch oft die Fähigkeit zu einer wirklich großen Stimme verlieren. Einer von ihnen ist Kherron. Er ist überzeugt, ein großer Sänger zu sein, aber die Lehrerinnen und Lehrer hindern ihn daran, das zu zeigen, findet er. Er reagiert trotzig und aufsässig, vor allem Rialle hat unter ihm zu leiden. Eines Tages findet Kherron einen fremden Mann auf der Insel, einen Schiffbrüchigen. Kherron beschließt ihm zu helfen, im Gegenzug soll der Mann ihm die Flucht von der Insel ermöglichen. Das gelingt tatsächlich.
Beunruhigende Nachrichten vom Festland veranlassen die Singenden, eine Delegation übers Meer zu schicken. Zu ihrer Überraschung ist Rialle dabei, obwohl sie ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen hat. Vom Festland aus geht es in die Berge, ins Fürstentum der Karch. Ausgerechnet dort aber lauert jemand, der die Lieder der Singenden besitzen möchte.
Damit beginnt eine ebenso aufregende wie farbig ausgemalte Abenteuergeschichte voller Musik, seltsamer Wesen, Intrigen, höchsten Gefahren, einer Menge Blut, haarsträubenden Verfolgungsjagden übers Meer und zu Land, und Rettungen in letzter Minute. Die Welt der Singenden ist wunderschön ausgedacht und ausgemalt. Beeindruckend ist nicht nur die Insel mit dem Echorium, die Gemeinschaft der Singenden, alle in grauen Seidengewändern und mit blaugefärbten Haaren, damit nichts von den Liedern ablenkt, sondern auch die Meereswesen und die Karchfestung in den Bergen. Roberts gelingt das alles mit wenigen Worten, ihre Geschichte hat keine dreihundert Seiten. Die Erlebnisse auf den Schiffen, eine Seeschlacht, die Meermenschen und ihre Welt sind ein besonderer Entwurf, den man nicht leicht vergißt. Abweisend, hart und winterlich ist die Welt der Karch, wo sich die jungen Heldinnen und Helden dann wieder treffen.
Spannung entsteht vor allem aus der Figurenzeichnung, Kherron ist ein ambivalenter Held und selbst, als es der Leserin klar ist, auf welcher Seite er steht, wissen es seine Altersgenossinnen noch lange nicht. Rialle wirkt ein wenig defensiv, trotzdem hängt vieles im Verlauf der Handlung allein von ihr ab. Sie muß lernen, aktiver zu werden, so, wie Kherron lernt, sich zurückzunehmen.
Es gibt viel Magie und Gegenmagie, ihr Einsatz steigert sich, Roberts wartet bis fast zum Schluß, bis sie ihr magisches Feuerwerk endgültig zündet. Auf das jugendliche Publikum wird gerade bei blutigen Szenen nicht allzu viel Rücksicht genommen. Die Menschen sind grausam, wenn sie ihre Gier befriedigen wollen, das gehört zu den Lehren, die unaufdringlich dahinter stehen.
Das Ende kommt ein wenig abrupt, es gibt ein wenig Romanze mit einer Prise Unerwartetem. Die Entscheidung über Kherrons Zukunft ist eine Spur zu schön und glatt, aber das wird vor allem erwachsene Leserinnen stören. Abgesehen davon bietet der Roman auch für sie originelle, eigenständige Fantasy von beträchtlicher Qualität.
Zum Entdecken und Wiederlesen immer noch empfehlenswert.