November einer Hauptstadt - Ismail Kadaré

  • Gebundene Ausgabe Verlag: Kiel, Neuer Malik


    Aus dem Albanischen von Robert Schwarz


    Kurzbeschreibung:
    Der November des Jahres 1944 ist der Monat der vollständigen Befreiung Albaniens am Ende des nationalen Befreiungskampfes. Die letzten Tage des "alten" Regimes und die ersten Tage der neuen Volksmacht bilden den historischen Hintergrund dieses Romans, der einen der zentralen Kristallisationspunkte albanischer Geschichte behandelt. Kadaré nimmt die Befreiung Tiranas als Folie, um auf ihr Einzelschicksale und das kollektive Schicksal des Volkes zu einem großen Epos zu verschmelzen.
    Im Mittelpunkt des Romans steht eine Partisaneneinheit, zu der der Bauer Sherif Goreni, der Städter Javer, der schüchterne Thanas, der jähzornige Mete All, der Griechischlehrer Dino Sinojmeri, das Mädchen Teuta und ein Taubstummer gehören. Sie haben den Auftrag, den Rundfunksender Tiranas zu erobern, um dem Land, das lange Zeit stumm war, wie der behinderte Partisan, seine Stimme wiederzugeben. Nachdem die ganze Stadt befreit ist, soll der Sender wieder in Betrieb genommen werden. Die Partisanenpatrouille macht sich auf den Weg, um das technische Personal und die Angestellten herbeizuholen und führt auf ihrem Gang durch die Stadt den Leser in die einfache Bevölkerung des bürgerlichen Tirana ein, aber auch unter Großgrundbesitzer, Kollaborateure und Kriegsgewinnler. Die Ereignisse dieses Novembers werden auch zum tragischen Wendepunkt für den Schriftsteller Adrian Guma - ein Mann, der auf der Suche nach der Wahrheit ist und daran zerbricht...
    Kadaré verknüpft mit virtuoser Leichtigkeit die vielfältigen Schicksale und schafft ein eindringliches, lebendiges Mosaik, das die Brutalität, die Melancholie, die Ängste, aber auch und vor allem die Hoffnung dieser Tage widerspiegelt. Im Zusammenhang mit den heutigen Unruhen in Albanien, die erneut getragen sind von der Hoffnung, daß das Land seine Stimme, die Stimme der Demokratie, erringen kann, gewinnt dieses bereits 1975 geschriebene Werk fast prophetische Züge und eine besondere Aktualität und Brisanz.


    Über den Autor:
    ISMAIL KADARÉ, geboren 1936 in Gjirokastra, Albanien. Studium der Literaturwissenschaft in Tirana und am Gorkij-Institut für Weltliteratur in Moskau. Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion 1961 Rückkehr nach Albanien. Arbeit als Redakteur in Tirana, heute als Berufsschriftsteller. Seit 1990 lebt er mit seiner Familie in Frankreich im politischen Exil. Seinen Asylantrag begründete er mit seiner Enttäuschung über den Reformunwillen der Regierung in Tirana und das Fehlen der Möglichkeiten für eine legale Opposition in Albanien. Weltgeltung erlangte Kadaré vor allem durch seine Romane, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt sind.


    Mein Eindruck:
    Literarisch faszinierend, fragt man sich doch, warum Ismail Kadare (der politisch auch nicht ganz unumstritten war) diesen 1975 erschienen Roman im Jahr 1990 umarbeitete.
    Solche Veränderungen lassen ein zwiespältiges Gefühl zurück. Warum steht ein Autor nicht zu seinen frühen Romanen?


    Davon abgesehen, ist es interessant zu lesen, wie Kadare ein historisches Ereignis romanhaft verarbeitet.
    1939 bis 1944 war Albanien von den italienischen Faschisten besetzt.
    Auch die deutsche Wehrmacht ist vor Ort.
    Dieser Roman zeigt die Befreiung der albanischen Hauptstadt Tirana im November 1944.


    Es dominieren Kämpfe und strategische Vorgehensweisen bei der Befreiung der Stadt, da eine Partisaneneinheit im Mittelpunkt gestellt.
    Das kann beim längeren Lesen ermüdend wirken, die Partisanen werden zunächst auch nur wenig charakterisiert. Deswegen ragte für mich das zweite, sehr atmosphärische Kapitel heraus, das eine Ausnahme bildet. Hier werden die Gedanken und Gefühle eines Schriftstellers dargestellt, der politisch zwischen allen Stühlen steht. Anscheinend Kritiker des alten Systems, hegt er auch keine Sympathien für die kommunistische Partei. Er wandert durch die Stadt! Die Leichen von Kommunisten sind aufgehängt, hingerichtet von den Faschisten. Die Stadt in Schock. Nur die Prostituierten gehen ihrem nächtlichen Beruf weiter nach.
    Seine Ausweglosigkeit treibt den Schriftsteller zum Selbstmord. Ein düsteres Kapitel.


    Danach geht es mit den Partisanen weiter, die sich entschlossen, aber manchmal auch halbverrückt verhalten.
    Nur das lange sechste Kapitel bricht den Roman noch einmal auf und stellt Ereignisse aus der Sicht einer Sprecherin von Radio Tirana dar.


    Dann ist die Befreiung erreicht und eine Diktatur wird für die nächste eingetauscht!