Checkmate – Dorothy Dunnett (Lymond Chronicles 6)

  • Erstmals erschienen 1975


    Gut zehn Jahre sind vergangen, seit man als Leserin zum ersten Mal Francis Lymond, Master of Culter getroffen hat und zusammen mit ihm Schottland, England, Frankreich, Malta und ein halbes Dutzend weiterer Orte bereist hat, eine nahezu unübersehbare Zahl von Romanfiguren getroffen, die so lebendig wurden, daß man sicher war, sie würden vor einer stehen, wenn man vom Buch aufsieht, und in einen Mahlstrom haarsträubender Ereignisse geriet, aus dem Rettung kaum möglich schien.
    Dunnett zeigt eine Welt im Chaos, rasend, jeder Augenblick unsicher. Neues bildet sich und zerfällt im nächsten Augenblick, nichts scheint von Bestand. Zugleich scheint alles möglich, jede und jeder ist aufgerufen, ihr Glück zu machen. Es ist das Lebensgefühl der Renaissance, geschickt und gescheit für eine Saga eingefangen, die einzig zu dem Zweck geschrieben scheint, Leserinnen zu verwirren. Den letzten Band liest man demnach immer mit der brennenden Frage im Hinterkopf, ob es Dunnett gelingt, all die offene Fragen aus den vorherigen Bänden befriedigend zu lösen.


    Die Autorin schert das offenbar kein Bißchen. Das erste, was sie tut, ist, ihren Helden in eine Klemme zu bringen, aus der er über weite Strecken der Geschichte auch nicht herauskommen wird. Handlungsort ist Frankreich 1557 und 1558. Die französisch-schottische Hochzeit, der Krieg mit Spanien, die Gegnerschaft zu England bilden den historischen Hintergrund für politische und Familienintrigen, vor allem aber für eine hoch emotionale Liebesgeschichte eines verheirateten, aber nicht zusammenlebenden Paars.


    Mehr als die vorhergehenden Bände der Reihe ist Checkmate ein Liebesroman. Die Frage, wie Menschen zusammenfinden, zusammenleben und zusammenpassen, ist die allbeherrschende. Die Frage wird auch bei den historischen Figuren gestellt, Ehen, Verlobungen, außereheliche Beziehungen. Dunnett zeigt zahlreiche Facetten. Sympathie, Zuneigung, Abneigung, Gleichgültigkeit, Kameradschaft, Vernachlässigung, Mißverständnisse, die Folgen des falschen Worts im falschen oder im rechten Augenblick, Folgen des Schweigens, des ungesagt Gebliebenen, von Lüge und Wahrheit. Beziehungen zwischen Menschen scheinen zeitweilig völlig unmöglich, Interessen unvereinbar, jede Liebe zum Scheitern verurteilt.


    Man merkt erst jetzt, wie genau die Kerntruppe der Figuren von Anfang an gezeichnet wurde, jede Charakterentwicklung der vorhergehenden fünf Bände beweist jetzt ihre innere Logik.
    Die Liebe siegt, aber ihr Preis ist hoch und zuweilen genau das, was man nicht zu zahlen bereit war. Weniger als ein Leben wäre für Lymond auch nicht genug gewesen. Ein derart überhöhter zentraler Charakter braucht ein überhöhtes Ende und das wird es dann auch.


    Die Ereignisse aus den vorgehenden Bände fließen nicht nur ein, werden aufgeklärt oder zu einem schlüssigen Ende geführt. Dunnett nimmt viel mehr Kernthemen und typische Elemente jedes einzelnen Bands noch einmal auf. Man hat das ganze Panorama bei diesem letzten Mal vor Augen. Den allbeherrschenden Bruderzwist und die verletzte Ehre aus dem ersten, die Abenteuerromanatmosphäre mit absurd komischen halsbrecherischen Jagden, Söldnertum und Kriegerleben des dritten usw. werden von den Figuren unter den nun herrschenden Bedingungen noch einmal durchlebt. Sie verändern sich dadurch noch ein letztes Mal, die letzten Entscheidungen werden getroffen, damit das Spiel zu Ende gehen kann.


    Natürlich ist der Text mit Zitaten aus Literatur und Musik der Zeit gespickt, mit Anspielungen auf Kunst und Kultur seit dem antiken Griechenland und wundervollen Klatschgeschichten über die Hofgesellschaft aus zeitgenössischen Botschafterberichten. Die Dialoge sind pointiert, gleich, ob es um Politik oder Persönliches geht. Tragisches schwenkt blitzschnell ins Komische und umgekehrt, das Erzähltempo ist enorm. Den schmerzlichen Liebesgeschichten entspricht grausames Kriegsgeschehen, für Frieden und Friedliches sind nur kurze Momente vorgesehen.


    Eine für die Autorin wesentliche Frage, die nach dem Einfluß des Schicksals, wird ausgiebig erörtert. Ihre Figuren finden ihre jeweils persönlichen Antworten darauf.
    Die Leserin findet auf jeden Fall Antworten auf die offenen Fragen und wahrscheinlich noch ein Dutzend mehr auf Fragen, die sie bis dahin gar nicht hatte. Aber Dunnett liest man eben, um überrascht zu werden. Rundum und immer wieder aufs Neue.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Stand auf meiner 'Dieses Jahr noch zu erledigen oder-du-bist-des-Todes' - Liste.
    :grin


    Ich vermelde an dieser unpassenden Stelle - none better - auch gleich, daß ich infolge eines überraschenden Eingriffs des allwaltenden Schicksals um diese Jahreszeit seit einer Woche in Besitz von - tadaa - PIF bin.


    :wow



    ;-)

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Zitat

    Original von magali
    Stand auf meiner 'Dieses Jahr noch zu erledigen oder-du-bist-des-Todes' - Liste.
    :grin


    Hui, Du bist aber streng zu Dir! :lache
    Hat sich aber gelohnt!


    Zitat

    Ich vermelde an dieser unpassenden Stelle - none better - auch gleich, daß ich infolge eines überraschenden Eingriffs des allwaltenden Schicksals um diese Jahreszeit seit einer Woche in Besitz von - tadaa - PIF bin.


    Zu PIF gibt es aber noch eine Rezension hier, da war ich offenbar noch motiviert, im Gegensatz zu den letzten beiden Bänden. *schäm* Jedenfalls, war das eines von denen, die Du ausgelassen hattest?