Gebunden,
396 Seiten,
19,99 Euro
Klappentext:
Ein Ort im Ausnahmezustand
Das ist eine unglaubliche und zugleich sehr deutsche Geschichte mit wahrem Hintergrund: Kaum ist die Mauer gefallen, wird ein ganzer Ort von der Vergangenheit eingeholt, und keine Gewissheit über Besitz und Recht, Gut und Böse gilt mehr.
Die kleine Salomon-Weinreb-Straße macht nach einem leichten Anstieg plötzlich eine Kehrtwende, als hätte sie es sich anders überlegt. „Wendehammer am Ende der Straße“ informiert ein Schild an der Einmündung. Die Siedlung ist auf unauffällige Art schön, man spürt die angenehme Nachbarschaft, ein entschleunigtes Leben.
Seit jedoch eine jüdische Erbengemeinschaft auf alle Grundstücke Restitution angemeldet hat, heißt es, hier werde den Leuten im Wortsinn der Boden unter den Füßen entzogen. Jeder, der eines der schlichten Häuschen besitzt, muss sich der Frage von Schuld oder Mitschuld stellen. Bilder der tot geglaubten Juden werden entworfen und Geschichten konstruiert, die zum eigenen Leben passen. So wird die Erzählung von den Folgen einer Rückforderung zur Leinwand für das lebendige Porträt einer Nachbarschaft, die ihre Sicherheit und Homogenität verliert, weil man eine moralische Lösung nur suchen, aber nicht finden kann.
Autorin:
Kathrin Gerlof, geboren 1962 in Köthen/Anhalt, studierte Journalistik und arbeitete als Redakteurin für verschiedene Tageszeitungen. Sie lebt als Journalistin und Romanautorin in Berlin. “Das ist eine Geschichte” ist ihr vierter Roman.
Meine Meinung:
"Das ist eine Geschichte" – ein Titel, den man auf so ziemlich jeden Roman schreiben könnte, und dennoch scheint er in diesem Fall nicht so ganz zu passen. Dieses Buch ist auf gleich mehreren Ebenen mehr als nur EINE Geschichte: Zum einen dadurch, daß hier die Geschichten von vielen Personen erzählt werden, die in die Sache mehr oder weniger involviert sind – in erster Linie natürlich die Bewohner. Zum zweiten dadurch, daß jede Person eine eigene Geschichte hat. Und zum dritten schließlich dadurch, daß sich jeder so seine eigene Geschichte zusammenreimt zu dem, was damals beim Verkauf der Grundstücke 1938 wirklich passierte.
Die Autorin hat die Perspektive des Beobachters gewählt und beschreibt ganz unaufgeregt die kleinen und großen Dramen, die sich aus Sicht der Protagonisten abspielen. Zwischendurch läßt sie zudem die beiden Brüder Salomon und Hermann Weinreb auferstehen, um sie erzählen zu lassen, wie sie im 19. Jahrhundert das Gut mit dem umgebenden Land erwarben.
Etwas Aufmerksamkeit erfordert das Buch durch eine an manchen Stellen eigenwillige Interpunktion (literarische Stolpersteine?) und das fehlende Kennzeichnen der wörtlichen Rede, insgesamt läßt es sich jedoch gut und flüssig lessen.
Mir hat die Geschichte sehr gefallen, ich möchte sie jedem weiterempfehlen, der sich nicht nur für die deutsche Geschichte, sondern auch für die Menschen interessiert, die sie betrifft.
10 Punkte.