Dtv
304 Seiten
Kurzbeschreibung:
Mit diesem Roman setzte Erich Loest Mitte der siebziger Jahre alles auf eine Karte. Nach sieben Jahren Zuchthaus und sieben Krimis, mit denen er sich über Wasser gehalten hatte, schrieb er gegen alle Tabus in der DDR an.
Manfred Jäger urteilte über „Es geht seinen Gang“: „Der Roman ist konzipiert als Gegenbild zu dem lügnerisch geschönten, retuschierten offiziellen Gemälde, das die Medien täglich aufs neue ausmalen. Loest macht die wirkliche DDR erlebbar. Er ist ein naiver, ganz unphilosophischer Erzähler, er verheddert sich nicht in Abstraktheiten. Man kann durch seinen Text hindurch das Land fühlen, riechen und schmecken, weil er einen genauen Blick für Details hat und doch nicht in die Beliebigkeit von bloßen Aufzählungen abgleitet. Loest weiß, wie und was die Leute in den Betrieben und Kneipen reden.“
Diese Genauigkeit macht den Wert des Romans aus und wurde ihm zum Verhängnis: Die Zensur stoppte seine Verbreitung.
In der Bundesrepublik erzielte er hohe Auflagen, wurde zum Schullesestoff, wurde übersetzt und verfilmt. „Das gelbe Buch“ nannten es seine Verehrer in der DDR, für die es zum Kultbuch wurde. Jetzt kehrt es heim zu den Lesern, die Gespür für Nuancen und ein feines Ohr für alle Schwingungen haben. Wenn über vierzig Jahre DDR und DDR-Literatur Bilanz gezogen werden wird: An „Es geht seinen Gang“ kommt dabei keiner vorbei.
Über den Autor:
Erich Loest (1926, Mittweida/Sa.–2013, Leipzig); 1944/45 Kriegsdienst, 1947–1950 Volontär und Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung, ab 1950 freischaffender Schriftsteller (Debüt „Jungen die übrig blieben“), 1957 Ausschluss aus der SED, Verurteilung zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus (Bautzen) aus politischen Gründen, nach Entlassung wieder als Schriftsteller tätig, 1979 Austritt aus dem Schriftstellerverband aus Protest gegen Zensur, 1981 Ausreise in die Bundesrepublik. 1990 Rückkehr nach Leipzig, wo er 1996 Ehrenbürger wurde. 1994–1997 Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller.
Loest bekam unter anderem den Hans-Fallada-Preis, den Marburger Literaturpreis, zweimal den Jakob-Kaiser-Preis, 2009 den Deutschen Nationalpreis sowie den Kulturgroschen 2010 des Deutschen Kulturrates zuerkannt, einige seiner Bücher wurden verfilmt.
Mein Eindruck:
Es geht seinen Gang ist ein ganz entscheidendes Buch im Schaffen von Erich Loest.
Es erschien 1978 in der DDR und enthält leise, aber klare Kritik an einem System, dass seine Bürger beherrschen wollte.
Dieses Buch beschreibt eigentlich nur den Alltag eines Mannes, der sich von der DDR-Struktur nicht vereinnahmen lassen will. Es ist somit ein Zeitportrait. Loest war der Wirklichkeit verpflichtet und zeigte die Realität.
Zur Handlung: Wolfgang Wülff ist Ingenieur, jedoch ohne Ambitionen auf eine Führungsposition. Er ist verheiratet mit Kind. Seine Frau ist von seiner Passivität enttäuscht und erwartet mehr Einsatz von ihm. Wolfgang Wülff ist kein revolutionärer Held, kein Aufständler, eher ein Durchschnittstyp. Vielleicht war gerade daher die erhöhte Identifikation mit ihm leicht möglich.
Dass Loest mit diesem Roman damals den Nerv der Zeit getroffen hat, zeigt das große Interesse am Buch sowohl von Lesern als auch von den Zensoren, die weitere Auflagen verhindern wollten. Nur mit Mühe konnte Loest eine zweite Auflage abtrotzen, die jedoch nur gering ausfiel. Wenig später ging Loest in den Westen.
Über die Behinderung des Romans „Es geht seinen Gang“ und dem Umgang mit missliebigen Schriftstellern in der DDR hat Erich Loest ein ganzes Buch veröffentlicht: Der vierte Zensor.
Ich habe „Es geht seinen Gang“ jetzt in einer Minileserunde gelesen und war wieder beeindruckt. Tatsächlich ist der Roman auch heute noch gut lesbar. Er wirkt nicht verstaubt, seine Figuren sind glaubhaft, die Struktur gut aufgeteilt.
Erich Loest meidet das Spektakuläre, arbeitet stattdessen das Wichtige heraus!
Dennoch gibt es durchaus effektvolle Szenen, z.B. die im Schwimmbad als Wolfgang mit einem Vater in Streit gerät, der seinen kleinen Sohn mit Gewalt das schwimmen beibringen will.
Der Roman ist ein moderner Klassiker, den man auch heute noch sehr empfehlen kann.