Das Maß des Lebens – Elfriede Ziering

  • Erstmals erschienen 1984


    In dieser Erzählung geht es um das Sterben. Sandra, gerade einundzwanzig Jahre alt, hat Lymphdrüsenkrebs. Sandra ist hochmusikalisch, vor allem liebt sie italienische Opern. Ihre Mutter ist Österreicherin, ihr Vater Engländer, aufgewachsen ist sie in Kanada. Für ihr Kunstgeschichtsstudium kam sie nach Europa, nach Wien zu ihrer Tante Edith.


    Ihre Tante erzählt die Geschichte von Sandras Sterben, denn sie erlebt es direkt mit, sie erfährt es als erste, sie muß es den Eltern beibringen, sie setzt sich mit den Ärzten, der Krankenhausverwaltung, dem ganzen medizischen Apparat auseinander, an den nicht nur Sandra von einem Tag auf den anderen gefesselt ist.
    Die Geschichte spielt zwischen Februar 1971 und Mai 1972. Ziering enthält uns kein Detail der damals üblichen Behandlung vor, Bestrahlungen in hoher und höchster Dosis, unzulängliche oder extreme Medikation, die Machtkämpfe behandelnder Ärzte, die verordnete gute Laune der Krankenschwestern. Und auch kein Detail der Folgen für die Betroffenen.


    Der Roman ist keine Anklage gegen unzureichende Behandlung, eher die Beschreibung eines erbarmungslosen Ablaufs von Entwicklungen. Der körperliche Verfall scheint ebenso unausweichlich wie die Fehler, die ihren Grund doch vornehmlich nur im Nichtwissen und dem damaligen Stand der medizinischen Forschung haben. Alles hat sich gegen Sandra verschworen, ihr eigener Körper an erster Stelle. Ihre Versuche, dem nahen und immer schrecklicher werdenden Ende Schönheit entgegenzusetzen, ändern nichts, auch nichts an Sandras psychischer Verfassung. Linderung gibt es nur vorübergehend, für einen Moment.
    Die kantigen stricheligen schwarz-weiß-Illustrationen von Volker Wendt sind manchmal Ruhepunkte im Text, dann wieder erschreckt er mit gespenstischen Szenen, die an Kubin erinnern.


    Auf den nicht einmal 150 Seiten werden insgesamt zwei Lebensläufe beschrieben, so aufs Wesentliche reduziert, daß man den Eindruck gewinnt, man läse einen mindestens doppelt so langen Roman. Abwechselnd mit Edith spricht Sandra in ihren Tagebuchnotizen über das, was ihr widerfährt. Ihr Aufbegehren, ihre innere Rebellion spiegeln sich im gesamten Text, auch im Bericht Ediths. Es liegt eine untergründige Wut hinter den Zeilen.


    ‚Das Maß des Lebens‘ ist eine rundum grausame Geschichte, ausgezeichnet formuliert und gerade deswegen abschnittsweise kaum erträglich. Ein Schreckensbericht, voller Grauen. Erlösung bringt der Tod, Trost nicht.


    Ein Hinweis: Hin und wieder findet man diese Erzählung unter der Rubrik ‚Jugendbuch‘. Das ist es ganz sicher nicht.


    Elfriede Ziering (geb. 1918) ist eine österreichische Autorin, sie veröffentlicht Erzählungen und Romane seit 1945.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus