Xiaolong, Qiu "99 Särge"

  • Ziemlich sperrige, aber dafür informative Geschichte



    Hm! Das soll also ein Krimi sein? Okay, es geht um Verbrechen und deren Aufklärung durch einen Ermittler. Aber "spannend" würde ich das Buch nicht direkt nennen... womit ich das Buch keineswegs aburteilen will! Vielleicht hatte ich einfach zu wenig Vorkenntnisse. Für mich war es jedenfalls ein wenig anstrengend, mich durch dieses Dickicht aus politischen Informationen hindurchzulesen.


    In erster Linie würde ich dieses Buch so beschreiben: eine anschauliche Darstellung der politischen Machenschaften im heutigen China, genauer gesagt, in Shanghai. Inspector Chen wird eigentlich nur als Berater zu einem scheinbaren Selbstmord hinzugezogen. Deswegen, und auch, weil er die wahren Hintergründe zu kennen glaubt, erlaubt er sich einige Freiheiten. Er wagt es, eigene Ermittlungen anzustellen, zu hinterfragen, andere Wege zu gehen. Und dabei findet er so einiges heraus, das nicht ganz "koscher" ist...


    Das Buch ist wirklich geballte Politik! Wobei ich den Autor, der seit den späten 80er Jahren übrigens in Amerika lebt, sehr, sehr mutig finde! Er ist ziemlich unverblümt, und legt seinen Figuren etliche unliebsame Wahrheiten in den Mund. Das betrifft einerseits den Wohnungsbau, die Vergabe von Posten, und auch die Kontrolle des Internets, die in China schon beinahe paranoide Ausmaße angenommen hat.


    Sobald ich mich eingelesen hatte, habe ich das Buch eher auf diesen Aspekt hin gelesen. Ich musste mich sehr konzentrieren, wurde dafür aber mit vielerlei Erkenntnissen belohnt. Ich fühlte mich, als habe mich der Autor an die Hand genommen, und führe mich durch seine alte Heimat. Besonders pikant: er lässt sogar einen "unliebsamen Künstler", einen "gewissen Ai", am Rande in der Handlung auftauchen... eine ziemlich unverhohlene Anspielung auf Ai Weiwei! Gewagt...! Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn der Autor in China verboten wäre...


    Ferner habe ich mich über etliche "Blüten am Wegesrand" doch sehr gefreut. Chinas Kochkunst kommt mehrfach ausführlich vor, und auch die Geschichte hinter manchen Gerichten, sowie regionale Besonderheiten. (Das unterscheidet sich doch sehr von dem, was man hierzulande in China-Lokalen bekommt...!). Zweitens, Inspector Chen ist sehr belesen, und zitiert oft klassische chinesische Gedichte oder andere Literatur. Hier bedauere ich ein wenig, kein Chinesisch zu können - da im Original sicher noch die Reime oder das Versmaß erhalten sind.


    Inspector Chen hat ein besonders höfliches und delikates Verhältnis zu Frauen - er behandelt seine eigene Mutter wie ein rohes Ei, und auch zu der hübschen Journalistin, mit der er es in diesem Fall zu tun bekommt, ist er ausgesprochen zuvorkommend. Es entspannt sich sogar eine zarte Romanze...


    Was mich aber wirklich gestört hat, ist das relativ offene Ende. Chen findet zwar denjenigen, der den Rummel um den toten Politiker losgetreten hat - aber den eigentlichen Mörder nicht. Immerhin, es ist klar, es war Mord. Vielleicht findet manch ein Leser das auch passend - mich hat es jedoch gewurmt.


    Insgesamt finde ich das Buch nicht schlecht - aber so völlig anders, als ich persönlich das Wort "Krimi" interpretiert hätte...

    Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. (Karl Valentin)

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