Titel: Der Lüster
OT: O lustre
Autorin: Clarice Lispector
Übersetzt aus dem brasilianischen Portugiesisch: Luis Ruby
Verlag: Schöffling und Co.
Erschienen: September 2013
Seitenzahl: 365
ISBN-10: 3895616214
ISBN-13: 978-3895616211
Preis: 22.95 EUR
Das sagt der Klappentext:
Auf den ersten Blick ist das Leben der jungen Virg¡nia unauffällig: Nach ihrer Kindheit auf dem Landsitz ihrer Großmutter führt ihr Weg sie in die Stadt, und erst nach Jahren kehrt Virg¡nia wieder nach Hause zurück. Geprägt von ungewöhnlichen Kinderspielen mit ihrem Bruder Daniel, der mit ihr die mysteriöse "Gesellschaft der Schatten" gründet, führt Virg¡nia selbst ein Schattendasein, das im Widerspruch zu ihrem aufgewühlten Innenleben steht. Obwohl sie Beziehungen eingeht, bleibt sie einsam, unabhängig und in sich gekehrt. Doch während sie sich in Gedanken eine eigene Welt erschafft, dringen wiederholt seltsame Dialogfetzen oder flüchtige Szenen in ihr Bewusstsein als Vorboten des Schocks, der ihrem Leben schließlich eine überraschende Wendung gibt.
Die Autorin:
Clarice Lispector (1920 - 1977) wurde in der Ukraine geboren, gelangte mit ihrer Familie auf der Flucht vor Pogromen in den ländlichen Norden Brasiliens und lebte später in Rio de Janeiro. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, studierte sie Jura und begann eine Karriere als Journalistin. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren wurde sie Schriftstellerin.
Meine Meinung:
Es ist gut das diese Autorin „wiederentdeckt“ wurde. Denn „ein Vergessen“ hätte sie nicht verdient. Der Roman „Der Lüster“ ist von einer sprachgewaltigen aber auch leisen und zurückhaltenden Art. Ein Roman der sicher nicht leicht zu lesen ist. So musste ich manche Seiten zwei- oder sogar dreimal lesen um ihren Sinn gänzlich zu erfassen. Die Autorin macht es ihren Lesern nicht leicht, sie geht keine sprachlichen Kompromisse ein, sie schreibt so wie sie schreibt und so will sie auch gelesen werden. Sie macht keine Zugeständnisse, sie scheint immer sehr viel wert auf die eigene Authenzität zu legen. Irgendwo las ich, dass sie „quasi gegen den Strich“ schrieb. Und es ist eben dieser Nonkonformismus der dieses Buch zu einem wirklich beeindruckenden Leseerlebnis macht. Keine leiche Kost, ein Buch das die volle Aufmerksamkeit der Leser einfordert.
Es sind eben auch solche Sätze die mich geradezu begeistert haben:
„Dieses Dasein aus Eis. Einmal! Einmal, bei einem raschen Blick – versprühte der Kronleuchter Chrysanthemen und Freude. Ein anderes Mal – während sie durchs Esszimmer rannte – war er ein züchtiger Samen“.
Dieser Roman erschien 1946 und hat aber bis heute nichts von seiner ganz besonderen Faszination eingebüsst. Er widmet sich eben auch – wie der Klappentext es treffend beschreibt – der wagemutigen und konsequenten Erforschung eines weiblichen Bewusstseins.
Aber – leider – bin ich mir auch sicher, dass viele Leser dieses Buch nach wenigen gelesenen Seiten beiseite legen werden. Wer eher seichte Lesekost bevorzugt, der sollte sich die Geldausgabe für dieses Buch sparen, denn er wird enttäuscht sein. Wer aber in die südamerikanische Literatur der etwas anderen Art eintauchen möchte, den wird dieses Buch sicher auch faszinieren. 8 Eulenpunkte für eine Autorin die hoffentlich nie wieder am „Rand des Vergessens“ stehen wird.