Die Rückkehr der Karavellen - Antonio Lobo Antunes

  • Verlag: Luchterhand
    Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 280 Seiten


    Originaltitel: As Naus
    Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann


    Kurzbeschreibung:
    In Lissabon rasen Pferdekarren und Autos aneinander vorbei, vor Anker liegen Öltanker und Karavellen. Die großen Seefahrer der Frühen Neuzeit drängen sich mit Touristen neugierig durch die engen Gassen der Altstadt. Mit diesem karnevalesken Roman, in dem er den portugiesischen Nationalmythos gegen den Strich bürstet, hatte António Lobo Antunes 1988 nach sechs autobiographischen Büchern ein großes historisches Thema gefunden und sich endgültig international etabliert.


    Über den Autor:
    António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren. Er studierte Medizin, war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das mittlerweile mehr als zwanzig Titel umfasst und in über dreißig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den "Großen Romanpreis des Portugiesischen Schriftstellerverbandes", den "Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur", den "Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft" und zuletzt 2007 den Camões-Preis.


    Über die Übersetzerin:
    Maralde Meyer-Minnemann, geboren 1943 in Hamburg, erhielt 1992 den "Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen", 1997 den Preis "Portugal-Frankfurt", 1998 den "Helmut-M.-Braem-Preis" und wurde 2005 für den "Preis der Leipziger Buchmesse" nominiert.


    Mein Eindruck:
    Viele Romane von Antonio Lobo Antunes ähneln sich von Thema und Form. Die Rückkehr der Karavellen, den Antunes schon 1988 geschrieben hat, ist ein anderer Fall. Ein ungewöhnliches Buch, in dem Antunes Vergangenheit und Gegenwart ineinander aufgehen lässt. Das erreicht er mit einer bestimmten Methode, um portugiesische gesellschaftspolitische Ereignisse darzustellen.
    Zum einen ist da die Rückkehr der portugiesischstämmigen Menschen aus Angola, als dort 1974 mit der Nelkenrevolution die portugiesische Kolonisation endete. Eine Menschenschar aus Afrika tauchte in Portugal auf, die dem Land fremd und auch nicht wirklich willkommen ist.
    Zum anderen bindet Antunes Figuren und Ereignisse der historischen Geschichte Portugals ein. So prallt die alte auf die neue Welt. Altmodische Karavellen kommen hereingesegelt, während daneben in der Stadt die modernen Flugzeuge starten. Manche der Heimkehrer tragen bekannte Namen und lassen die historischen Personen in das moderne Lissabon geraten, welches bei Antunes abgewandelt Lixboa heißt.
    Da sitzt zum Beispiel ein Spanier, ein ehemaliger Losverkäufer und Soldat, der Miguel de Cervantes heißt und unermüdlich an einem Roman namens Quichotte schreibt.
    Auch Federico Garcia Lorca und Luis Bunuel laufen mal durchs Bild.


    Wir begegnen einen Rentner und einen Mann namens Luis, der versucht, den Leichnam seines verstorbenen Vaters zu beerdigen.
    Dank dem reichhaltigen Glossar kann man Luis als einen Nationaldichter Portugals aus dem 16.Jahrhundert identifizieren.
    Der Rentner hingegen scheint Vasco da Gama zu sein.
    Zweifellos übersehe ich als Unkundiger der portugiesischen Geschichte auch viel, aber es macht Spaß doch so einiges zu entdecken.


    Dieses komplexe Buch wäre schwer zu enträtseln, wenn es nicht glücklicherweise ein langes, erläuterndes Vorwort von der Portugalkennerin Ilse Pollack gäbe.
    Durch deren Erklärungen und dem Glossar kann man sich als Leser einen Weg durch Antunes Sprachdschungel schlagen.


    Antunes nutzt eine bildreiche Sprache mit langen Sätzen, teilweisen absurden Inhaltes, dabei intensiv und von poetischen Momenten durchdrungen.
    Ein Beispiel:

    Zitat

    Eine Wasserschüsselhelligkeit enthüllte die Kräne, die Umrisse der Karavellen aus Ceylon, in der Ferne die Glutflamme der Eisenhütte, und das Skelett des Hingerichteten auf dem Altar seines Galgens.


    Es sind surreale, intensive Bilder, die Antunes erzeugt.


    Es ist ein kritisches Bild, das Antunes von Portugal zeichnet. Die Afrika-Heimkehrer fühlen sich verloren und finden sich kaum zurecht in ihrer neuen, alten Heimat, indem gerade erst die Diktatur beendet ist und sich die Gesellschaft erst noch finden muss. Die Heimkehrer haben viel verloren. Eng zusammengepfercht hausen sie, mit armseligen Jobs. In vielen kleinen Kapiteln erzählt Antunes von ihnen.
    Die Erzähler wechseln, aber manchen Figuren begegnet man immer wieder.


    Gemildert wird die Düsterheit durch den parodistischen Witz, den Antunes hier anwendet und der nicht unbedingt typisch für sein Gesamtwerk ist.
    Das ist wohl auch der Grund, warum ich diesen Roman ganz besonders schätze.


    Ich habe die gebundene Ausgabe wieder gelesen, die ich schon lange besitze, aber inzwischen ist auch eine Taschenbuchausgabe erschienen.


    ASIN/ISBN: 3442747791