Lichter des Toren -Botho Strauß

  • Der Idiot und seine Zeit


    Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
    Verlag: Diederichs (21. August 2013)



    Kurzbeschreibung:
    20 Jahre nach seinem aufsehenerregenden Essay »Anschwellender Bocksgesang« knüpft Botho Strauß an dessen radikale Zeitgeistkritik an. Im Zentrum des neuen Buches stehen die Fragen: Kann die flexibilisierte und durchinformierte Existenz wieder Boden und Mitte gewinnen? Was kann dem Überfluss ein Ufer sein?


    »Das Beste, was man tun kann: im Atem, in der Umwälzung, im steten Wandel der Werke zu leben. Ihre Höhe immer aufs Neue zu ermessen, sich zu berauschen an der Wirkung gewisser Gipfelstürmereien. Alles Übrige ist Fusel, gemischt aus billigem Schein, aus ebenso unverbindlichen wie unwahrscheinlichen Realien. Etwas, das man getrost den Obdachlosen der Globalität, den Vagabunden der Netze überlassen darf.«


    Über den Autor:
    Botho Strauß, geboren 1944 in Naumburg/Saale, zählt zu den bedeutendsten Dramatikern und Essayisten unserer Zeit. Sein Werk wurde mit vielen Preisen gewürdigt, darunter auch mit dem Büchner-Preis. Er lebt in der Uckermark und in Berlin.


    Mein Eindruck:
    Die Bücher von Botho Strauß hatte ich bisher immer gemieden, weil er in erster Linie ein Theater-Autor ist, was ich nicht so favorisiere. Außerdem umgab Botho Strauß das Stigma, menschenverachtend zu schreiben. Die öffentliche Meinung steuerte gegen ihn.
    Heutzutage lasse ich mich nicht mehr von so was beeinflussen und die pessimistische Weltsicht von Botho Strauß ist inzwischen bei mir willkommen.


    Dennoch ist Lichter des Toren ein befremdendes Buch. Ein Stück zeitgenössischer Zivilisationskritik angesiedelt irgendwo zwischen Prosa und Essay. Der Idiot und seine Zeit lautet der tonangebende Untertitel. Doch wer der Idiot eigentlich ist, wird nicht auf Anhieb klar. Ist es derjenige, der den gängigen Trends nachläuft, lauter Facebook-Freunde sammelt und unkritisch allen im Leben gegenüber steht, nur noch konsumieren, aber nicht mehr denken kann? Oder ist es der Eremit, der sich dem verweigert und sich zurückzieht, dabei immer mehr ein Außenseiter wird? Doch eigentlich ist Botho Strauß Position ja klar, er vermisst die einzelgängerischen Individualisten. Zentral an seiner Kritik ist die Beliebigkeit des Netzes, Als Leser kann man das annehmen oder auch frei davon bleiben und nur den glasharten, egozentrischen Gedankengängen des Autors folgen.


    Das Buch startet mit einer Passage als ein junger Mann mit seinem offenbar geistig behinderten Bruder die Landstraße heruntergeht. Der Bruder scheint nicht unglücklich zu sein, obwohl er vieles von Außen nicht wahrnimmt und in seiner eigenen Welt lebt. Allerdings hat der Behinderte keine Wahl. Hat der Normalo sie?


    Dostojewskis Idiot, der Fürst Myschkin, kommt eigentlich nicht schlecht weg bei Strauß. Auch Swifts oder Flauberts “Verblödung” verachtet er nicht, die Massen, die sich am Konsum berauschen hingegen schon. Sie sieht er als wehrlos gegen jeglichen Einfluß von Außen.


    Viele Passagen gleichen dann immer mehr Aphorismen. Manchmal musste ich an Cioran denken, in einzelnen Teilen auch an Walsers Meßmer.
    Es gibt einige Leitfiguren: Jean Paul, Paulus und Valery.


    Abschließend noch ein Wort zur Arbeit des Verlags Diederichs. Sie haben dieses buch so ansprechend gestaltet, dass es mir im Buchladen gleich auffiel und ich fast nur aus diesem Grund spontan beschlioß, das Buch zu kaufen.


    Dann noch eine kleine Warnung. Lichter des Toren ist ein pessimistisches Buch. Nur wer sowieso schon am Leben verzweifelt ist, kann sich dem gefahrlos widmen, Wer noch einen Funken Lebensfreude besitzt und sich bewahren möchte, hält sich besser fern.


    ASIN/ISBN: 3424350885