Um offene Rechnungen soll es gehen in diesem Roman, jede und jeder der Figuren hat davon mindestens eine, mit den Eltern, dem Freund, der Geliebten, dem Dealer. Bei Ebay, der Polizei, beim Vermieter. Eigentlich bei der ganzen Gesellschaft und beim Leben überhaupt.
Die Geschichte spielt in einem Mietshaus in Berlin, das Haus ist ziemlich heruntergekommen, innen wie außen und seine BewohnerInnen sowieso. Gehören tut es einem eigentlich gut betuchten Psychiater, aber auch der hat Probleme, er ist kaufsüchtig und inzwischen tief verschuldet. Als seine Frau die Nase voll hat von ihm und ihn hinauswirft, zieht er aus seiner feinen Wohngegend in das alte Haus.
Seine Tochter wohnt schon dort, dick, antriebslos, der Weg, den sie noch am ehesten hinter sich bringt, ist der ins Erdgeschoß, wo der Dealer wohnt. Des weiteren finden sich im Haus noch eine kleine Verkäuferin einer Bäckerei mit ihrem achtjährigen Sohn. Sie rutscht in einen Job als Domina, der Kleine ist spielkonsolensüchtig und auch sonst zwanghaft veranlagt. Die alte Mieterin oben leidet an Demenz, ihr Enkel besucht sie, aber sie ist nicht sicher, ob er wirklich ihr Enkel ist oder jemand, der sich nur eingeschmuggelt hat, weil er Geld von ihr will. Sie gibt es ihm trotzdem. Der ‚Enkel’ hat eine Beziehung zu einer Kellnerin, die eigentlich Künstlerin ist und auch sonst nicht Fuß fassen kann.
Aus den Erinnerungen und dem Alltag der Figuren gesellen sich noch ein paar Personen dazu, Verwandte, Freunde, manche bereits tot, sie geistern durch die Köpfe der Hauptfiguren, manifestieren sich für einen kurzen Moment in einem Gegenstand, der einmal ihnen gehörte, auch sie Posten auf der Rechnung.
Daß aus diesem Buch kein Roman geworden ist, sondern ein Sammelsurium bestimmter Versatzstücke in einer Schaubude, in der man menschliche Wesen bestaunen kann, die alle irgendwie einen Hau weg haben, hat einige Gründe. Einer etwa ist die Überzeugung bei jüngeren AutorInnen, daß Romanfiguren als Seltsamkeiten konstruiert werden müssen, um überhaupt einen Platz in einer Geschichte zu finden. Der zweite ist die Überzeugung, daß schlichte Außensicht von Figuren gleichzusetzen ist mit nüchternem, gar klinischem Sezieren. Eine dritte ist die, daß AutorInnen offenbar annehmen, daß sie selbst außerhalb gesellschaftlicher Entwicklungen stehen und es daher unnötig ist, zu überprüfen, ob man eigentlich etwas anderes in die Tastatur klickert als Klischees. Oder zu prüfen, ob das, was man für eine Geschichte hält, wirklich eine ist und nicht nur ein Oberflächenphänomen.
In Mahlkes Text springen eine die all die Details über Existenzen am Rand der Gesellschaft wie des Nervenzusammenbruchs an, die man inzwischen wie gelernte Vokabeln nacheinander abhaken kann. Der Psychiater, der selbst das größte psychische Problem hat, die gescheiterte Ehe gutsituierter Paare, das Kind aus reichem Haus mit der eingedellten Persönlichkeit. Die verlassene und deswegen für Prostitution anfällige Alleinerziehende, der Computersüchtige kleine Sohn, die Fäkalienverliebten Drittkläßler, der äußerlich charmante, aber innerlich geknickte Taugenichts, die prekäre Künstlerin, die kellnert, und die demenzkranke Alte.
Da sie auf das Innere der Figuren nicht eingeht, aber etwas beschreiben möchte, gefällt sich Mahlke in dem gleichfalls üblichen detailverliebten Beschreiben des Ambiente. Keine Wolldecke, keine Socke, kein Kugelschreiber, auf den nicht ihr Blick fällt. Natürlich ist alles zerfranst, ausgeleiert, brüchig und meist aus Plastik. Verfärbt und grau. Damit nicht genug, taucht als nächster Programmpunkt der Ekelfaktor auf. Schweiß und abgestandener Kaffee und wenn er nicht abgestanden ist, dann ist es wenigstens Espresso, bitterbitterbitter. Und schwarz. Kalter Zigarettenrauch, Toilettengestank. Kein schwarzer Rand unter den Nägeln bleibt der Leserin vorenthalten. Ecce Tampon!
Zugleich bemüht sich Mahlke, emotional alles im Vagen zu lassen, man schreibt ja nüchtern. Nur keine Empathie, Sympathie. Das Thema der Verlorenheit des Individuums, das die Moderne aufgenommen und bearbeitet hat, scheint in postmoderne Köpfe vorgedrungen zu sein. Leider wird es dort mit der Beliebigkeit verwechselt und gleichgesetzt. Alles ist gleich. Daß das Umfeld grau und düster ist, ist eine Setzung. Sieht man genau hin, ist es das Grau der Langweile, das hier ans Licht tritt.
Damit verkommt das Konstrukt zu einer Aneinanderreihung von dem, was man unhinterfragt als bedeutend verinnerlicht hat. Tatsächlich hat nichts hier Bedeutung. Das Ganze bezieht sich nur auf sich selbst, steht und fällt mit der Autorin, beliebig nach Lust und Laune. Das ist keine Tragik, nichts hier ist unausweichlich, hier läuft kein Weltgetriebe, kein Mechanismus, der irgendetwas im Inneren zusammenhält. Vage bleibt auch die Behauptung, daß das alles mit gesellschaftlichen Bedingungen zu tun hat. Männer in Geschäftsanzügen tauchen auf, werfen schwerwiegende Worte wie Liquidation oder Egoismus in den Raum und gehen wieder ab. Da draußen regt sich offenbar etwas, aber was, und was es mit den Figuren zu tun hat, ist nicht wichtig genug, daß man sich darum kümmert. Man könnte, der Zeitgeist bewahre, sich in einer Lage wiederfinden, wo man Position beziehen müßte.
Nichts so schlimm, wie das! Beschränken wir uns lieber darauf, bildschöne, klare Sätze zu bauen, gleichmäßig, wie vom Fließband. Jeder wie der andere, keiner ragt heraus, stellt sich quer, man könnte sich beim Schreiben verletzen.
Es stellt sich am Ende heraus, daß allein die Autorin eine Rechnung offen hat, bei der Literatur nämlich.
Nun muß Literatur nicht das Leben abbilden. Sie muß auch keine Mission erfüllen, nicht die Gesellschaft verbessern. Unentwegt Pappfiguren aufmarschieren lassen, die auf putzig-skurrile Art herumhüpfen, vage Bezüge zu behaupteten gesellschaftlichen Zusammenhängen herstellen und sich dann noch halbherzig an Existenzielles als literarisches Thema anhängen, de facto aber nur blank Körperlich-Kreatürliches beschreiben, ist ganz bestimmt nicht ihre Aufgabe. Mehr noch, wenn das geschieht, ist es keine Literatur, keine fiktionalisierte, gestaltete neue Realität. Dieser Roman gibt sich nur literarisch. Ob man sich, wie einst, Pappattrappen von Büchern ins Regal stellt, um den Anschein zu erwecken, daß man gehobene Literatur liest oder einen solchen Roman, bleibt sich gleich. Beide sind das Vortäuschen von etwas, das nicht vorhanden ist.
Müßte ich wählen, würde ich die buntbedruckten Pappschächtelchen nehmen. Die kann man noch mit Wichtigem füllen.