Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Fink
Kurzbeschreibung:
Glas (Totenglocke), im Original 1974 erschienen, nimmt in Derridas Werk eine besondere Stellung ein; es ist eines seiner wichtigsten und enigmatischsten Bücher, das lange Zeit keinen Übersetzer im Deutschen gefunden hat und sich dennoch allen späteren, mittlerweile recht schnell ins Deutsche übertragenen Büchern immer schon paradigmatisch eingeschrieben hat.
»Schon die Form von Glas weicht ab; sie folgt ohne erkennbaren Anfang, ohne Ende, ohne Kapiteleinteilungen allein einem durchlaufenden Doppelspaltenprinzip, vielfach auch noch unterbrochen durch die Eröffnung weiterer kleiner Fenster im Text, der also aus zwei Kolumnen, zwei Säulen, zwei simultanen Texten besteht, die zwei Autoren gewidmet sind, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, und die zugleich zwei ganz unterschiedliche Diskurse, Genres repräsentieren
Über den Autor:
Jacques Derrida (1930-2004) lehrte Philosophie in Paris und den USA.
Mein Eindruck:
Der französische Philosoph Jacques Derrida hat mit Glas 1974 eins der fordernsten Bücher der modernen Literatur geschrieben. Ein Vergleich mit Finnegans Wake von James Joyce ist nicht abwegig.
Natürlich hatte ich schon vor dem Kauf davon gehört, dass das Buch weder Anfang noch Ende besitzt. Das es aber tatsächlich mitten in einem Satz beginnt, hat mich dann schon überrascht. Herausfordernd ist auch das Buchformat. Quadratisch und auf jeder Seite zwei Textsäulen. Links beschäftigt Derrida sich mit Georg Friedrich Wilhelm Hegel, rechts mit Jean Genet. Der Textfluss reißt nie ab, es gibt keine Kapitel und kaum einmal Absätze, wohl aber Einschiebungen von Text, meist in kleiner Schriftgröße, die teilweise Erläuterungen oder eine Art Fußnoten darstellen, dann aber auch manchmal zu eigenem Leben erwachen.
Es heißt auch von Kennern, dass die beiden auf den ersten Blick unabhängigen Texte doch miteinander in Verbindung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Zunächst ist das nicht von mir zu erkennen, ich lese daher immer abwechselnd längere Passagen
Nun kann ich nicht gerade behaupten viel von Hegel oder Genet zu wissen.
Daher entgeht mir vermutlich viel, möglicherweise auch das wesentliche. Dennoch gibt es viel zu entdecken. Die fehlenden philosophischen Vorkenntnisse nehmen auch die Vorbelastung. Wer nicht spielerisch an Glas herangeht, wird keine Freude an dem Buch haben.
Anfangs geht Derrida auf Hegels Phänomenologie des Geistes ein, nennt die Blumenreligion (Unschuld) und den Wandel zur Tierreligion, dem Kampf. Bald ist die Sprache vordringliches Thema, was mich bei Derrida nicht überrascht.
Weitere Themen sind die Familie, das Denken und was es ausmacht sowie sehr viel vom Christentum und Mythologie.
Was mich überraschte war, dass Mitte des Buches viele Briefe von und an Hegel zitiert werden. Aber auch das gehört dazu, um das ganze Leben Hegels abzubilden.
Derrida spricht über Hegels Philosophie, die Sprache nähert sich an. Spät im Buch startet Derrida eine Kant-Hegel-Debatte, was ich ganz originell fand.
Als Begleitbuch habe ich „Hegel“ von Martin Gessmann au sdem Herder-Verlag genutzt.
Das Derrida der Welt von Hegel ausgerechnet Jean Genet zur Seite stellt, ist schon verblüffend. Jean Genet war ein Dichter und Romanautor sowie Dramatiker äußerst extremer Stoffe.
Die beiden scheinen nicht unbedingt Brüder im Geiste zu sein.
Es wird jedoch angedeutet, das vielleicht die beiden Kolumnen auf das selbe hinauslaufen könnten. Hegel und Genet als Geist und Körper, als Ordnung und Unordnung.
Es gibt auch die Vermutung, die Genet-Säule könnte nur ein Unterstützungsprozess für das Kernstück um Hegel sein. Diesen Ansatz teile ich jedoch nicht.
Jean Genet lebte noch als Derrida Glas schrieb. Ob er Glas wohl gelesen hat?
Der Genet-Part ist sprachlich viel gewagter, geradezu überbordend. Genet wird viel zitiert, aus fast allen Werken. Es fiel mir schwer, mich von diesem Teil zu lösen und wieder zu Hegel zurückzufinden.
Allerdings will ich nicht verhehlen, dass das entstehende Unverständnis schließlich seine Wirkung zeigt und die extreme Form inklusive der Obzönität des Textes ihn irgendwann nur noch schmerzhaft und schwierig lesbar macht. Da fängt man schon an, vieles nur noch zu überfliegen, aber ich denke doch, das ich später noch einige Male zu Glas zurückkehren werde. Ich habe das Gefühl, noch lange nicht fertig zu sein mit dem Buch und das erste Lesen von Glas ist sowieso nur eine erste Annäherung.
Erwähnen möchte ich noch, dass Derrida am Ende des Buches wieder auf Hegels Blumenreligion zurückkommt und sich diese Säule doch noch irgendwie schließt.
Das Buch hat zwei Übersetzer: Hans Dieter Gondeck und Markus Sedlaczek, die am Ende des Buches zu jeweils ihrer Kolumne, der linken und der rechten, Anmerkungen machen. In die Anmerkungen habe ich mich selten vertieft, um den Lesefluss nicht zu stören, der mir bei Glas sehr wichtig war.
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ASIN/ISBN: 3770541103 |