San Miguel
T.C. Boyle
Übersetzer: Dirk van Gunsteren
ISBN: 978-3446243231
Carl Hanser Verlag
448 Seiten, 22,90 Euro
Über den Autor: T.C. Boyle wurde 1948 in Peekskill, im Hudson Valley, geboren und wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf. Nach ausschweifenden Jugendjahren in der Hippie- und Protestbewegung der 60er Jahre war Boyle Lehrer an der High School in Peekskill und publizierte während dieser Zeit seine ersten Kurzgeschichten in namhaften Zeitschriften. Heute lebt er mit seiner Frau und drei Kindern in Kalifornien. Bis ins Jahr 2012 unterrichtete er an der University of Southern California in Los Angeles 'Creative Writing'. Für seinen 1987 erschienenen Roman "World´s End" erhielt Boyle den PEN/Faulkner-Preis.
Kurzbeschreibung: Eine einsame Insel vor der Küste von Kalifornien, die für die einen die Hölle ist, für die anderen das Paradies: Die schwindsüchtige Marantha verschlägt es 1888 nach San Miguel. Während sie sich, geplagt vom rauen Klima, von Monotonie und Einsamkeit, dem Leben entzieht, schafft es Adoptivtochter Edith, dem tyrannischen Vater und der verhassten Insel zu entfliehen. Jahrzehnte später zieht Elise Lester dorthin und findet mit ihrer Familie ihr Glück. Die Presse in den USA feiert die Lesters mitten in der Weltwirtschaftskrise als Inbild vom Mythos der Pioniere, doch die Idylle trügt. Boyle gelingt es meisterhaft, in dieser großen Saga das Schicksal dreier starker Frauen lebendig werden zu lassen.
Meine Meinung: T.C. Boyle hat versucht, mit diesem Buch die Geschichten der Familien Waters und Lester, die tatsächlich auf San Miguel gelebt haben, nachzuerzählen. Trotzdem ist so viel Fiktion in dem Buch, dass er selbst es als Roman bezeichnet.
San Miguel ist eine der Kanalinseln vor der kalifornischen Küste. 1888 verspricht Will Waters seiner schwindsüchtigen Frau Marantha, dass sie an der guten Seeluft wieder gesund werden würde. Marantha und ihre Tochter Edith erwartet auf der Insel ein verdrecktes und herunter gekommenes Farmhaus und absolute Langeweile. Endlose scheinende Tage voller Nebel, Sturm und Regen halten Mutter und Tochter in der Ödnis gefangen und während sich der Hausherr mit dem Dienstmädchen „anfreundet“, flirtet die Tochter des Hauses mit Jimmi, dem Farmhelfer.
Auch Jahre später, als eine andere Familie auf die Insel zieht, hat sie denselben spröden Charme, wenn auch ein besseres Haus zu bieten, doch diese Familie findet fast ihr Glück auf San Miguel…
Eigentlich ist es eine recht ruhige Geschichte, die manchmal, ebenso wie die Insel selber, in die Langeweile abgleiten könnte, würde nicht die Erzählkunst Boyles jedes noch so kleine Detail zu etwas Besonderem machen. Er erweckt die Insel und ihre Bewohner zum Leben und schnell ist man fasziniert von der Stimmung, die immer auch ein wenig hoffnungsvoll daher kommt, so als würde gleich, im allernächsten Moment etwas geschehen. Obwohl das recht selten der Fall ist, bleibt man einfach dabei und erlebt mit den Menschen die rauen Lebensbedingungen, die kargen Einkünfte und die kaum vorhandenen Abwechslungen, durchsteht Schicksalsschläge und ist die ganze Zeit insgeheim froh, mit dem Buch in der Hand an einem gemütlichen Ort sitzen zu können und nur von der unwirtlichen Umgebung zu lesen.
Über weite Strecken hat mir das Buch sehr gut gefallen, doch dann hat Boyle mit Edith eine der interessantesten Figuren in diesem Roman einfach so im Nichts verschwinden lassen. Es ist, als fehle dem Buch dadurch der gesamte Mittelteil. Mit dem Verlassen der Insel scheinen auch die Personen für ihn als Erzähler uninteressant zu werden, obwohl irgendwann die Geschichte von Edith nebenbei und im Zeitraffer berichtet wird, so war ihr Abtauchen zu abrupt und das, was später über sie erzählt wurde, klang so sehr nach einem abenteuerlichen Leben, dass ich mir gewünscht hätte, es weiter verfolgen zu dürfen. Aus diesem Grund wirkt das Buch auch ein wenig unfertig auf mich und lässt mich mit dem Gefühl zurück, dass mir als Leserin einiges vor enthalten wurde.
Mein Fazit: Ein sehr gutes, ein ruhig erzähltes Buch, das wunderbar erzählt ist und dem man aufgrund des meisterhaften Stils fast, aber auch nur fast die verschwundene Lebensgeschichte einer der Hauptpersonen verzeiht. 8 von 10 Eulenpünktchen