Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war - Joachim Meyerhoff

  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
    Verlag: Kiepenheuer&Witsch; Auflage: 13 (14. Februar 2013)
    Sprache: Deutsch
    ISBN-10: 3462045164
    ISBN-13: 978-3462045161
    Größe und/oder Gewicht: 20,6 x 13,4 x 3,2 cm



    Kurzinhalt:
    Ist das normal? Zwischen Hunderten von körperlich und geistig Behinderten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzuwachsen? Der junge Held in Joachim Meyerhoffs zweitem Roman kennt es nicht anders – und mag es sogar sehr. Sein Vater leitet eine Anstalt mit über 1.200 Patienten, verschwindet zu Hause aber in seinem Lesesessel. Seine Mutter organisiert den Alltag, hadert aber mit ihrer Rolle. Seine Brüder widmen sich hingebungsvoll ihren Hobbys, haben für ihn aber nur Häme übrig. Und er selbst tut sich schwer mit den Buchstaben und wird immer wieder von diesem großen Zorn gepackt. Glücklich ist er, wenn er auf den Schultern eines glockenschwingenden, riesenhaften Insas sen übers Anstalts gelände reitet. Joachim Meyerhoff erzählt liebevoll und komisch von einer außergewöhnlichen Familie an einem außergewöhnlichen Ort, die aneinander hängt, aber auseinander-gerissen wird. Und von einem Vater, der in der Theorie glänzt, in der Praxis aber stets versagt. Wer schafft es sonst, den Vorsatz zum 40. Geburtstag, sich mehr zu bewegen, gleich mit einer Bänderdehnung zu bezahlen und die teuren Laufschuhe nie wieder anzuziehen? Oder bei Flaute mit dem Segelboot in Seenot zu geraten und vorher noch den Sohn über Bord zu werfen? Am Ende ist es aber wieder der Tod, der den Glutkern dieses Romans bildet, der Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist, die Sehnsucht, die bleibt – und die Erin nerung, die zum Glück unfassbar pralle, lebendige und komische Geschich ten produziert.


    Autoreninfo:
    Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, ist seit 2005 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. In seinem sechsteiligen Zyklus »Alle Toten fliegen hoch« trat er als Erzähler auf die Bühne und wurde zum Theatertreffen 2009 eingeladen. 2007 wurde er zum Schauspieler des Jahres gewählt.Für seinen Debütroman wurde er mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis 2011 und dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Weiterer Titel bei Kiepenheuer & Witsch: »Alle Toten fliegen hoch. Amerika«, Roman, 2011, KiWi, 1277, 2013.


    Eigene Meinung:


    Titel: Zu Hause in der Psychiatrie...


    Das Buch trägt zwar den Untertitel "Alle Toten fliegen hoch Teil 2", jedoch muss man für mein Empfinden Teil eins nicht kennen, um das Geschriebene zu verstehen.


    Der Autor Joachim Meyerhoff, in der Familie nur Josse genannt, lässt uns an einzelnen Episoden aus seiner Kindheit und Jugend teilhaben. Diese ist etwas ganz Besonderes, denn er ist auf einem Psychiatriegelände groß geworden, da sein Vater dort jahrelang Arzt und Direktor der Klinik war.


    Wie ist es als "normaler" Junge zwischen körperlich und geistig behinderten Jugendlichen groß zu werden? Ist das komisch? Und wie verändert das ein Familienleben? Völlig normal? Na klar.


    Mit Spannung liest man vom Leben der Familie, die aus einem Hund, drei Brüdern und den Eltern besteht. Beim Lesen erlebt man alle möglichen Emotionen, denn es ist nicht alles nur lustig. Mal schmunzelt oder lacht man, mal wird man aber auch traurig und könnte weinen.


    Mir hat besonders das Verhältnis unter den Geschwistern gefallen, die sich auch immer mal gern geärgert haben. Ich fühlte mich dabei an meine eigene Kindheit erinnert, denn Schabernack unter Geschwistern ist doch das Normalste der Welt.


    Jedes Kapitel erzählt eine Episode aus dem Leben des Autors, man kann also entweder am Stück lesen oder mal eine Pause machen ohne dass man den Faden verliert.


    Fazit: Eine Lebensgeschichte die berührt und dem Leser die Augen öffnet. Absolut empfehlenswert!


    P.S.: Besonders gelungen finde ich die Inneneinbandgestaltung, wo die Katze im Querschnitt zu sehen ist. Sehr kreativ...


    Bewertung: 9/10 Eulenpunkte

  • Eine tragikomisch Familiengeschichte verspricht der Klappentext, und irgendwie stimmt das auch, aber irgendwie auch nicht.
    Es hört sich zumindest kurios an, was recht plakativ auf dem Buchumschlag prangt: Zuhause in der Psychatrie.
    Vordergründig sind es diese äußeren Umstände, die diese Familiengeschichte so besonders machen. Denn Meyerhoff wächst in einem Haus auf einem riesigen Anstaltsgelände für wie auch immer behinderte Kinder auf. Sein Vater ist Direktor der Klinik, direkt nebenan sind in verschiedenen Gebäuden auf verschiedenen Stationen die Behinderten untergebracht. Aber obwohl hier noch die teils grausligen psychatrischen Methoden der siebziger angewandt werde, ist Meyerhoffs Vater keineswegs ein Halbgott in weiß, sondern ein zutiefst menschenfreundlicher Arzt, dem die Gesellschaft der Kranken und seine eigene Familie vollkommen für ein erfülltes Leben ausreichen.
    Unter diesen ungewöhnlichen Umständen also wächst Meyerhoff auf, wobei die Behinderten eher am Rande, als ganz „normale“ Nachbarn, ein Rolles spielen, als kuriose Randerscheinung.


    Prägend ist vielmehr die Kernfamilie, und da in erster Linie der Vater. Der ist ganz der zerstreute Professor, der sich für alles begeistern kann, so lange sich sein Wissensdurst im Lesesessel befriedigen lässt, an der praktischen Umsetzung aber, etwa an einem Segelkurs, konsequent scheitert. Seine Erziehungsmethoden sind ungewöhnlich (wobei „Methode“ vielleicht schon etwas übertrieben ist), denn wie er seine Patienten so nimmt, wie sie sind, geht er eigentlich auch mit seinen drei Söhnen um. Das überfordert die Kinder einerseits, ist oft peinlich (etwa, wenn er mit seinen unvermeidlichen anzüglichen Witzen kommt), gewährt ihnen andererseits aber auch ungewöhnliche Freiheiten.
    Die Mutter dagegen ist eher blass, zumindest, wenn man ihre Persönlichkeit außerhalb ihrer Mutterrolle betrachtet.
    Und dann sind da noch die beiden älteren Brüder, die den kleinen Josse schikanieren, wo es nur geht. Ansonsten aber ebenfalls blass und unbedeutend wirken.


    Dieses Buch ist der zweite Teil der Familiengeschichte Joachim Meyerhoffs. Nach „Alle Tote fliegen hoch“, bei dem sein Austauschjahr in den USA im Mittelpunkt steht, schildert er in „Wann wird es endlich wieder wie es war“ seine Kindheit.
    Und das ist weniger eine Familiengeschichte, sondern ein rührendes Portrait von Meyerhoffs Vater. Ich zweifle zwar, ob das beabsichtigt war, aber mir erschien der als ein exzentrischer aber liebenswerter, als hoch intelligenter, humorvoller aber dennoch lebensuntauglicher Menschenfreund, der seiner Zeit weit voraus war. Kurz: ein richtig sympathischer Kerl.


    Dieser Eindruck wurde umso stärker, als, wie schon im ersten Buch, Meyerhoff seltsam um sich selbst kreist und irgendwie jede Empathie für sein Umfeld vermissen lässt. Dieses Muster wird lediglich beim Vater durchbrochen, was ahnen lässt, welchen Einfluss, im positiven wie im negativen Sinne, dieser Mann auf die Kindheit seiner Söhne ausgeübt hat.


    Ansonsten wird meine Urteilskraft dieses Buch betreffend ein wenig von Nostalgie getrübt. Hier im Osten wird das ja als „Ostalgie“ verpönt, diese Verklärung der Vergangenheit, doch ich habe mich auch erwischt, mich mit einer rosaroten Brille an meine Kindheit in den Siebzigern in der westdeutschen Provinz zu erinnern. Doch der Titel dieses Buches deutet schon an, dass auch der Autor diieser Verklärung im Grunde skeptisch gegenüber steht.


    Schlucken musste ich, da ich in meinem weiteren Bekanntenkreis einen Professor für Pädiatrie habe, der als Vorbild für Professor Meyerhoff hätte dienen können. Und Familie Meisner, die Nachbarn des Ferienhauses auf dem Lande: das könnte mein verstorbener Nachbar sein, der erschreckenderweise auch noch Meißner hieß :wow


    Aber das hat nun in einer Rezi wirklich nichts zu suchen, ich vermute mal, dieser Roman ist auch jenseits meiner persönlichen Betroffenheit ein ganz gutes Buch.

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)

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  • Nett


    Eigentlich ist das Etikettenschwindel: Da steht zwar "Roman" auf dem Cover, doch zwischen den Buchdeckeln verbirgt sich eine deutlich autobiografische Erzählung, die ziemlich episodisch daherkommt. Sie erzählt von Meyerhoffs Kindheit und Jugend in der kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung "Hesterberg" in Schleswig, wobei er dort kein Insasse oder Patient war, sondern auf dem Gelände wohnte, weil der Vater, Hermann Meyerhoff, die Einrichtung leitete - ein Ensemble aus mehreren Häusern auf einem gewaltigen Grundstück, zu Hochzeiten von über tausend Menschen bewohnt.


    Im Fokus der Erzählung liegen - selbstverständlich - das originelle Umfeld, die Beziehung zum sehr eigenwilligen Vater und, damit verbunden, die Familiengeschichte der Meyerhoffs. Der kleine Joachim, der seine Geschwister nur als den " mittleren" und den "älteren" Bruder bezeichnet, leidet allerdings selbst auch an irgendeiner Störung, die ihm - im letzten Drittel des Buchs - einen kurzen Aufenthalt in einer der hauseigenen Stationen verschafft.


    Hiervon abgesehen handelt es sich zuvorderst um eine Vater-Sohn-Geschichte. Der gelehrte und im Wortsinn äußerst wissbegierige, bücherverschlingende Vater, der allerdings handwerklich und motorisch eine Null ist, wird vom Sohn verehrt und geliebt, aber jene Form von Nähe, die in "normaleren" Familien vorkommt, entwickelt sich nicht. Das veranschaulichen die in lockerem Zusammenhang stehenden und auch locker erzählten Episoden, die oft etwas sehr Anekdotisches haben, zuweilen aber ein wenig in die Beliebigkeit abdriften. Dramatik oder dramaturgische Entwicklungen fehlen weitgehend - Meyerhoff erzählt eben von seiner Kindheit, überspringt dann einen längeren Auslandsaufenthalt, weil er den bereits belletristisch verarbeitet hat, lässt ein paar weitere Jahre aus - und endet mit dem Abschied vom Vater, der schließlich einem Krebsleiden erliegt.


    Meyerhoff erzählt anschaulich, skizziert schöne Bilder, findet die richtige Sprache, zeichnet die Figuren plastisch (nach) und demonstriert durchaus auch einen Sinn für Dramatik, aber unterm Strich ist während dieser Jahre, die das Buch wiedergibt, einfach nicht sonderlich viel passiert. Der Hund ist gestorben, der Ministerpräsident kam zu Besuch, es gab einen Schneesturm und Vater Meyerhof versuchte sich erfolglos darin, Segler zu werden. Das - und einige mehr - sind hübsche, zuweilen auch sehr traurige kleine Geschichten, die natürlich vor allem die innerfamiliäre Entwicklung zeigen, eingesponnen in Begegnungen mit den bemerkenswerten Bewohnern der Einrichtung. Doch es bleibt eben alles sehr anekdotisch, und in Konfliktmomenten, von denen es ein paar gibt, meidet der Autor tiefergehende Betrachtungen, vermutlich nicht zuletzt, um sein ja reales Personal zu schonen. So erfährt man recht viel darüber, was die Familienmitglieder alles tun und sagen, während der regendurchnässte Ministerpräsident unter der Dusche steht und seine Bodyguards im Keller Tischtennis spielen, aber als es um den Unfalltod des Bruders oder die Seitensprünge des Vaters geht, verknappt sich das drastisch. Dabei hat etwa die Stoltenberg-Episode inhaltlich kaum eine Bedeutung. Und dieses Ungleichgewicht, dieser Verzicht im Persönlichen, verleiht dem Buch etwas ziemlich Oberflächliches.


    Trotzdem macht es Spaß, die Geschichte(n) zu lesen, vom originellen Miteinander in der Einrichtung zu erfahren, und wenn es um die Selbstreflexion des Erzählers geht, gibt es auch so etwas wie Tiefgang. Bleibt ein sympathisches, gut geschriebenes, unterhaltsames, nostalgisches Buch, dem aber leider eine entscheidende Komponente zu fehlen scheint. Also: Nett.

  • Ich habe eher zufällig direkt nach dem ersten Teil den zweiten Teil des Zyklus gelesen und glaube, dass ich mir den dritten Teil erstmal schenken werde.
    Ich kann mich Toms Fazit anschließen, denn mehr als "nett" fand ich das Buch tatsächlich nicht. Und eigentlich kann ich mir auch bei diesem Buch eine Rezi schenken, denn eine qualitativ hochwertigere, die ebenso meine Meinung darstellt, steht ja direkt über meiner. :lache


    Ich habe mich oft gefragt, ob ich an dieses Buch mit den falschen Erwartungen rangegangen bin. Vermutlich ist dies der Fall. Zum einen habe ich tatsächlich gedacht (gehofft?), dass der Psychiatrie-Aspekt eine größere Rolle spielt und war dann etwas enttäuscht. Zum anderen hab ich irgendwie (wobei mir jetzt gar nicht mehr klar ist, wie...) etwas mehr Hype um Meyerhoff in Erinnerung gehabt und habe "etwas ganz Großes" erwartet.*


    Ich empfand das Buch als eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger interessanten Anekdoten, wobei ich mich öfter gefragt habe, warum das so furios und außergewöhnlich ist, wenn jemand so detailliert über sein Leben erzählt. Es mag ja sein, dass ich einfach auch nicht der passende Adressat für das Buch oder dass ich noch ein paar Jährchen leben muss, um die Intensität des Buches zu spüren. Ich glaube tatsächlich, dass es so ist, wie es Tom schreibt - mir war das Buch an den wichtigen Stellen zu oberflächlich, an manchen hat es mich fast gelangweilt. Etwa in der Mitte des Buches hab ich sogar überlegt, es abzubrechen.
    Es gab aber sehr wohl auch Abschnitte oder Kapiteln, die mir richtig gut gefallen haben (in der Summe waren es aber wenige, behaupte ich). Hin und wieder hab ich sogar herzhaft gelacht. Und der Tod des Vaters und das sog. Doppelleben kam zwar für mich zu kurz (dafür, dass es so groß am Umschlag angekündigt wird, kommt es reichlich spät), aber es waren die kleinen Momente und Gesten (Josses Besuch beim kranken Vater, z.B.), die ich dann doch sehr rührend fand. Aber wie gesagt - in der Summe war mir dies eindeutig zu wenig.


    Naja, vielleicht les ich noch den dritten Teil, aber nicht direkt jetzt. :lache


    Mit den Punkten tue ich mir sehr schwer....vielleicht 7/10.



    *Ich glaube tatsächlich, dass es so war, dass mich erst "Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" an Goethes Werther erinnert hat, ich allein darum schon neugierig wurde. Dazu kamen die "Lobpreisungen" am Cover und ein Freund, der gerade den zweiten Teil las und sehr begeistert war.

    With love in your eyes and a flame in your heart you're gonna find yourself some resolution.


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