Gebundene Ausgabe: 187 Seiten
Verlag: Matthes & Seitz Berlin, 2012
Originaltitel: [L'Hydre de Lerne
Aus dem Französischen von Brigitte Grosse
Kurzbeschreibung:
Mit außergewöhnlichem Gespür für Innenwelten erzählt Cécile Wajsbrot die Geschichte einer Frau, die in der Betreuung ihrer kranken Angehörigen sich selbst abhandenzukommen droht. Sie evoziert die schmerzhafte Umkehrung der Familienverhältnisse, einer Eltern-Kind-Relation unter vertauschten Vorzeichen. Von den Verlusten des Kriegs und der Erfahrung materieller Not verschont geblieben, muss diese Generation doch mit einem ganz ähnlichen Schmerz leben: zu sehen, wie die Eltern ihr Wissen, ihr Gedächtnis, ihre Sprache, ihre Persönlichkeit verlieren. Lebenden Toten gleich irren sie durch unsere Welt und haben sich doch für immer aus dieser verabschiedet. Ein einfühlsamer, zutiefst berührender Bericht über die Macht familiärer Bande, den kräftezehrenden Kampf gegen die Hydra Alzheimer und damit auch das Ringen um das eigene Leben.
Über die Autorin:
Cécile Wajsbrot, 1954 geboren, lebt als Romanautorin, Übersetzerin aus dem Englischen (u.a. Virginia Woolf) und Deutschen (u.a. Marcel Beyer, Wolfgang Büscher) sowie als Essayistin in Paris und Berlin. Auf Deutsch u.a.: ›Aus der Nacht‹ und ›Nocturnes‹. Cécile Wajsbrot war 2007 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
Über die Übersetzerin:
Brigitte Große, 1957 in Wien geboren, lebt als Übersetzerin aus dem Französischen (u.a. Georges-Arthur Goldschmidt, Frédéric Beigbeder, Linda Lê) und Englischen (Caroline W. Bytum) in Hamburg. Übersetzerpreis der Stadt Hamburg (1994), Hieronymusring (1999).
Mein Eindruck:
Die Köpfe der Hydra ist eine Familiengeschichte. Die Familie ist jüdischer Herkunft, der Vater kam mit 17 nach Frankreich, die Sprache lernte er nie so wichtig. Familienmitglieder wurde auch deportiert, aber andere überlebten.
Die Erzählerin gehört also der Generation der Kinder der Überlebenden an, das prägte auch ihr Leben. Sie ist Schriftstellerin. Literatur spielt eine große Rolle in ihrem Leben und wird im Buch auch öfter thematisiert.
Eine neue Tragödie in der Familie ist, dass ihr Vater als auch ihre Tante an Alzheimer erkrankt sind.
Cécile Wajsbrot habe ich einmal bei einer Lesung gesehen. Da wirkte sie auf mich ruhigen zurückhaltend, fast fragil und sehr sensibel. Dieser Eindruck lässt sich auch auf die Prosa dieses Buches übertragen, bei dem ich einen starken autobiographischen Einfluss vermute. Die Autorin selbst diskutiert das autobiographische Moment in der Literatur anhand der Texte von Virginia Wolfe. Eine Schriftstellerin, die sie selbst übersetzt hat.
Es ist mehr Bericht als Roman. Sie verarbeitet ihre Erfahrungen bei der Betreuung in sprachlich poetischer Form. Es ist aber auch ein Buch, dem man die schmerzhafte Entstehung anmerkt. Der Kampf gegen Alzheimer ist ein hoffnungsloser, bei dem der Tod am Schluß steht. Das Buch unterscheidet sich durch seine Melancholie von dem vergleichbaren “Der alte König in seinem Exil” von Arno Geiger, der wesentlich optimistischer schreibt. Aber das ist wohl auch dem jeweiligen Veranlagung geschuldet, Bei Wajsbrot geht es auch darum, dass man die Situation annehmen muss. Sie schreibt über die Begleiterscheinungen der Krankheit, von denen die Angehörigen betroffen sind. Nicht zuletzt gehören dazu auch finanzielle Probleme, die sich stellen um die Erkrankten entsprechend zu versorgen. Auch die Organisation des Alltags ist schwierig.
Der Text ist illusionslos, fast schonungslos, daher auch ein wenig deprimierend.
Dennoch: Cecile Wajsbrot ist eine literarische Autorin, die mit Sprache umgehen kann, was ich sehr schätze.