Rowohlt, 2013
288 Seiten
Kurzbeschreibung:
«Wann passiert es schon, daß einem die Verlängerung des eigenen Lebens angeboten wird?» Der Anruf kommt um kurz nach zwei. Ein junger, sterbenskranker Mann geht ans Telefon, und eine Stimme sagt: Wir haben ein passendes Spenderorgan für Sie. Auf diesen Anruf hat er gewartet, diesen Anruf hat er gefürchtet. Soll er es wagen, damit er weiter da ist für sein Kind? Er nimmt seine Tasche und läßt sich ins Berliner Virchow-Klinikum fahren. Von der Geschichte und Vorgeschichte dieser Organtransplantation handelt «Leben»: von den langen Tagen und Nächten im Kosmos Krankenhaus neben den wechselnden Bettnachbarn mit ihren Schicksalen und Beichten – einem Getränkehändler etwa, der heimlich seine Geliebte besucht, oder einem libanesischen Fleischer, der im Bürgerkrieg beide Brüder verlor. Beim Zuhören bemerkt er zum ersten Mal, daß auch er schon ein Leben hinter sich hat. Und da, in seinem weißen Raumschiff Krankenbett, unterwegs auf einer Reise durch Erinnerungs- und Sehnsuchtsräume, kreisen die Gedanken: Wen hat er geliebt? Für wen lohnt es sich zu leben? Und welcher Mensch ist gestorben, so daß er weiter leben kann, möglicherweise als ein anderer als zuvor? David Wagner hat ein berührendes, nachdenklich stimmendes, lebenskluges Buch über einen existentiellen Drahtseilakt geschrieben. Ohne Pathos und mit stilistischer Brillanz erzählt er vom Lieben und Sterben, von Verantwortung und Glück – vom Leben, das der Derwisch eine Reise nennt.
Über den Autor:
David Wagner, 1971 geboren, debütierte im Jahr 2000 mit dem Roman «Meine nachtblaue Hose» und veröffentlichte in der Folge den Erzählungsband «Was alles fehlt», das Prosabuch «Spricht das Kind», die Essaysammlung «Welche Farbe hat Berlin» sowie den Roman «Vier Äpfel», der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Für sein Buch «Leben» wurde ihm 2013 der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. David Wagner lebt in Berlin.
Mein Eindruck:
Schon als Kind lebt David Wagner mit einer lebensbedrohlichen Lebererkrankung, die sein Leben einschränkt.
Verschiedene Stadien des Krankheitsverlaufs, auch akute mit Krankenhausaufenthalten, werden beschrieben.
Am Anfang mit geplatzter Ader in der Speiseröhre, was er nur knapp überlebt.
Schließlich kommt die Chance auf eine Lebertransplantation.
Kurze Kapitel, 277 insgesamt, sorgen dafür, dass die Beschreibungen besonders intensiv wirken.
Natürlich ist es für den Leser auch nicht ganz einfach, so nahe herangezogen zu werden an den Kranken, da es den stark autobiographischen Bezug gibt. Wegen diesem Aspekt ist das preisgekrönte Buch auch nicht ganz unumstritten. Ich finde, es ist die Entscheidung des Autors, die der Leser akzeptieren sollte.
Mit “Du stirbst nicht” von Kathrin Schmidt gab es einen vergleichbares Buch, das sogar den deutschen Buchpreis gewann.
Das zeigt mir, dass solche Bücher nur gut funktionieren, wenn die literarische Verarbeitung angemessen ist. Ein Betroffenheitstext dieses Ausmaßes wäre unerträglich.
Einige Passagen sind literarisch wirklich gut. Wagner arbeitet mit der Sprache,
Denkt z.B. warum das Wort Verpflanzung nicht mehr verwendet wird, sondern nur noch Organtransplantation. Solche Einfügungen fand ich interessant.
Er schreibt keine medizinischen Abhandlungen, findet stattdessen treffende Metaphern.
Seine Wahrnehmungen sind abhängig vom jeweiligen Bewusstseinszustand, den ihm die Krankheit erlaubt. Mal ist er nicht klar bei sich, mal konnte er nur an die Decke oder Wand sehen, dann stellt er sich vor, wer und wie der Spender des Transplantats sein könnte.
Es folgen Reha, Komplikationen, erneuter Krankenhausaufenthalt.
Ironie fehlt nicht, wenn Wagner z.B. bemängelt, dass es im Krankenhaus nur wenige Tage nach seiner Lebertransplantation Leberwurst zum Abendbrot gibt.
Es gibt noch mehr originelle Anekdoten, die dem Buch die Schwere nehmen.
Insgesamt hat Wagner die passende Sprache für seine Geschichte gefunden.