Close up - Heike Abidi (12 -15 Jahre)

  • Die Informationen innerhalb der Spoilermarkierungen kann man mitlesen, muss es aber nicht tun. Sie enthalten keinen Geheimnisverrat, sondern lediglich weitere Informationen zu Personen und Handlungsverlauf.


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    Heike Abidi: Close up, Hamburg 2013, Oetinger Taschenbuch GmbH, ISBN 978-3-86430-014-1, Softcover, 190 Seiten, Format: 20,2 x 13,6 x 2,4 cm, EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A).


    Seitdem Josephine „Josie“ Kappelmann, 14, als Kind den Spielfilm MATHILDA gesehen hat, ist sie ein Filmfan. Und seit sie von ihrer inzwischen verstorbenen Mutter eine Kamera mit Videofunktion geschenkt bekommen hat, dreht sie selbst Filme. Ihr Berufsziel: Regisseurin. Ihr großes Vorbild: Kathryn Bigelow.


    Mit ihren Freundinnen Neele (Drehbuch) und Antonia (Schauspiel) hat sie das Filmstudio Dreamteam Entertainment gegründet. Derzeit arbeiten sie an einem Trailer für einen Thriller. Sie wollen damit auf Sponsorensuche gehen und den Film tatsächlich realisieren. Josies 16-jährige Schwester Käthe findet das lächerlich. Ihr Vater hält die Filmerei für ein harmloses Hobby und lässt Josie machen, solange die Schule nicht darunter leidet. Wie schlecht ihre Noten tatsächlich sind, ahnt er nicht.


    Was der Vater sicher nicht erlauben wird, ist Josies Teilnahme an einem Regie-Workshop für Jugendliche in Los Angeles, bei dem ihr Idol Kathryn Bigelow ein paar Kurse gibt. Das wäre zwar eine enorme Chance für Josie, doch wird ihr Kumpel Ole aus der Film-AG wohl alleine hinfliegen müssen. Er hat wohlhabende Eltern, denen es nichts ausmacht, für so eine Veranstaltung 5.000,- Euro plus Reiskosten hinzublättern. Josies und Käthes Vater verdient als Dozent an der Technischen Universität nicht so viel, dass er sich derartige Extravaganzen für seine Töchter leisten könnte.


    Da ist die Idee von Freundin Neele vielleicht gar nicht so schlecht. Sie will unbedingt, dass sie alle drei an einem Casting teilnehmen: „Hübsche, schauspielerisch begabte Mädchen zwischen zwölf und fünfzehn für Rollen in TV-Serien, Filmproduktionen und Werbespots gesucht.“ (Seite 19) Obwohl Josie das ganze ja eigentlich blöd findet. Sie sind Dreamteam Entertainment, das jüngste Filmstudio Hamburgs und keine „Haufen oberflächlicher Hühner, die hoffen, entdeckt zu werden, weil sie so hübsch lächeln und mit dem Po wackeln können.“ (Seite 19)


    Aber wenn’s Geld bringen kann, kann man es ja mal probieren. So richtig ernst nimmt Josie die Probeaufnahmen nicht und geht die Sache ganz unverkrampft an. Und fällt aus allen Wolken, als die Casting-Agentur sie wirklich für einen Werbespot engagieren will. Vater sagt ja, und die 3.000,- Euro Gage plus ihr Erspartes reichen für den Regie-Workshop in Los Angeles. Was will sie mehr?



    Die Freundinnen wollen alles haarklein erzählt bekommen und sind begeistert. Für Josi dagegen ist der Ausflug ins Schauspielfach mit diesem Spot erledigt. Bis das Angebot kommt, einen Gastauftritt in einer Fernsehserie zu übernehmen. Kumpel Ole flippt aus vor Begeisterung, als sie ihm davon erzählt. Er ist ein Fan der Reihe. Ja, wenn die Serie so toll ist und wenn es 4.500,– Euro Gage bringt, dann kann man ja mal darüber nachdenken. Ist ja schon toll, wenn einem Profis so etwas zutrauen!


    Da ihr Vater nach wie vor keine Ahnung hat, dass Josie versetzungsgefährdet ist und ihre Energie besser auf die Schule verwenden sollte, erlaubt er die Dreharbeiten. Und die öffnen Josie die Augen. So viel Einsatz an Fachpersonal und teurer Technik ist also notwendig, um eine professionelle Sendung zu realisieren! Und sie und ihre Freundinnen haben sich gleich einen kompletten Kinofilm vorgenommen! Auf einmal kommt Josie ihr Spielfilmprojekt total größenwahnsinnig und albern vor. Nein, das können sie vergessen. So wird das nichts. Vielleicht liegt ihre Zukunft doch eher vor als hinter der Kamera?


    Neele und Antonia sind enttäuscht, dass Josie ihr Filmprojekt so einfach aufgeben will. Schließlich haben sie auch eine Menge Arbeit darin investiert. Dass Josie immer mehr Zeit in der Filmwelt verbringt und weniger mit ihnen, passt ihnen auch nicht. Steht Josie bald ohne Freunde da?


    „Beruflich“ geht es für sie Schlag auf Schlag. Nach der Gastrolle in der Fernsehserie folgt ein Spielfilmangebot. Doch der Drehtermin kollidiert mit dem Regie-Workshop in den USA. Jetzt muss Josie sich entscheiden, welchen Traum sie verwirklichen möchte: Den von der Schauspielkarriere oder den, Regisseurin zu werden? Allerdings könnten beide Träume ruckzuck ausgeträumt sein: Wenn sie die Klasse wiederholen muss, wird ihr Vater ihr weder die Dreharbeiten noch den Regie-Workshop erlauben …


    CLOSE UP ist spannend, lustig und faszinierend – selbst für Erwachsene. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, Dreharbeiten mitzuerleben? Und wir lernen so interessante Dinge wie die Definition des Begriffs „Diva“: Das ist „ein Schauspieler mit persönlichen Assistenten und mehr Sonderwünschen als Talent.“ (Seite 131). Sowas sagt einem ja sonst keiner!


    Josie mit ihrer leidenschaftlichen Liebe zum Film ist eine sehr sympathische Heldin. Selbst ihren Alltag sieht sie durch die Brille einer künftigen Regisseurin. „Ende der Rückblende. Schnitt. Frühstücksszene im Hause Kappelmann.“ (Seite 66) Tagträume, Wunschvorstellungen, Gedanken, Gefühle, Unausgesprochenes … das alles beschreibt sie mit diesen fiktiven Filmszenen und Regieanweisungen. Das gibt ihr wohl manchmal das Gefühl, Kontrolle über ihr Leben zu haben, was in Wahrheit nicht immer der Fall ist. Vieles passiert einfach, und Josie reagiert darauf. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem sie Entscheidungen treffen muss und nicht alles seinen Gang gehen lassen kann.


    Heike Abidis Romanheldinnen sind zum Glück niemals passive Tussis, die zu Hause sitzen und auf den Prinzen warten. Sie haben Ziele, die sie – wenn auch manchmal auf Umwegen – ansteuern. So ist das auch bei Josie.


    „Ich wollte über eine Jugendliche schreiben, die zwar einen großen Traum hat, aber keinen der gängigen Mädchenträume – die also weder Model noch Sängerin noch Schauspielerin werden will“, sagt die Autorin in einem Interview mit Judith Kaiser vom Oetinger Verlag. Das ist eine erfreuliche Abwechslung und ein Zeichen für Josies eigenständige Persönlichkeit. Habt Träume, Mädels, und macht was draus! Aber lasst euch nicht verbiegen!


    Interessante Information am Rande: Die Szenen in den Filmstudios sind wunderbar bildhaft und überzeugend beschrieben, doch die Autorin hat keinerlei Filmerfahrung. In dem Verlagsinterview erklärt sie: „Ein Bekannter, der selbst schon Werbespots gedreht hat und als Standfotograf bei einer TV-Serie gearbeitet hat, war meine beste Quelle und einer meiner Testleser. So kommt es, dass das, was ich beschrieben habe, durchaus authentisch ist, ohne dass ich selbst jemals in einem Filmstudio war. Nun ja, Autorinnen, die historische Romane schreiben, waren ja auch noch nie im Mittelalter.“
    Auch wieder wahr! Alles eine Frage der Recherche und des Vorstellungsvermögen. Kein Zweifel, dass Heike Abidi ihr Handwerk beherrscht und hier einen überaus unterhaltsamen Roman geschrieben hat.


    Die Autorin
    Heike Abidi, Jahrgang 1965, liebt Bücher, seit sie lesen kann. Bevor 2012 ihr erster Unterhaltungsroman erschien, studierte sie Sprachwissenschaften und wurde freiberufliche Werbetexterin. Mit Mann, Sohn und Hund lebt sie in der Pfalz bei Kaiserslautern.

    Und was die Autofahrer denken,
    das würd’ die Marder furchtbar kränken.
    Ingo Baumgartner