Detroit disassembled - Andrew Moore

  • Sie gehören schon zur Ikonografie des Spätkapitalismus, die Bilder aus Detroit: vernagelte Eigenheime, zugewucherte Brachen, aufgegebene Fabriken. In „Detroit disassembled“ ist dieses ganze Elend in einem Bildband versammelt, wobei die Betonung auf „ganze“ liegt, denn neben den spektakulären Bildern, die einem sofort bei Erwähnung des Namens „Detroit“ in den Sinn kommen, wird hier das ganze Ausmaß, die Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs vor Augen geführt.
    Es sind nicht nur die Fabriken, die verfallen, sondern auch das gesamte öffentliche Leben: ehemalige Bibliotheken, in denen nur Berge verschimmelter Bücher an ihre einstige Bestimmung erinnern. Geschlossene Schulen, bei denen sich niemand die Mühe gemacht hat, sie wenigstens leerzuräumen, so dass eine ungute Erinnerung an die aufgegebene Stadt Pripjat bei Tschernobyl aufkommt; auch hier scheinen schlagartig die Menschen verschwunden zu sein. Selbst vor Kirchen macht der Verfall nicht halt.


    Andererseits fasziniert der Prunk, der Gigantismus, in dem diese Gebäude ursprünglich errichtet worden waren. Das United Artists Theatre etwa, ein Kino aus den 20er Jahren, erinnert an eine Kathedrale und im Michigan Theatre hat nach seiner „Umnutzung“ ein ganzes Parkhaus Platz. Auch die gewaltige Fassade des Hauptbahnhofs wirkt im Leerstand, also ihrer offensichtlichen Nutzlosigkeit, noch bedrückender.


    Ich gebe ja zu, ein wenig makaber ist das ja schon: ein prächtiger Bildband, ein klassisches Coffeetablebook über eine Stadt im Niedergang. Aber vielleicht war ich deshalb so fasziniert, weil mich viele diese Bilder an Leipzig nach der Wende erinnert haben. Auch hier gab es Fabriken, bei denen der Eindruck entstand, die „Werktätigen“ seien nur mal eben in die Pause verschwunden. Da standen noch Bierflaschen und Kaffeetassen neben Maschinen, die schon viele Jahre still standen. Auch hier gab es leerstehende Häuser, deren frühere Bewohner im wahrsten Sinne des Wortes alles stehen und liegen gelassen haben. Auch hier war schön zu beobachten, mit welcher Geschwindigkeit sich die Natur ungenutzte Flächen und Gebäude zurückholt.


    Doch in Detroit ist natürlich alles viel größer, der Fall tiefer, die Folgen für die verbliebene Bevölkerung gnadenloser. Und das hat Andrew Moore auf großartige Weise fotografiert. Die Photos sind perfekt komponiert, so künstlerisch, dass man oft glaubt, Gemälde vor sich zu haben, in einer Art umgekehrtem Photorealismus. Er hat ein Gespür für Motive und Farben und versteht es, auch kleine Details in Szene zu setzen. Dass er vor lauter Symbolik manchmal ins optisch pathetische abdriftet, etwa beim Photo eines zerstörten Klassenzimmers mit dem Graffito „God has left Detroit“, sei gerne verzeihen. Denn trotz des düsteren Themas ist dieser hochwertige Bildband eine Augenweide.

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)