Das Meer am Morgen - Margarit Mazzantini

  • Dumont, 2012
    Originaltitel: Mare al mattino Einaudi, 2011
    Aus dem italienischen von Karin krieger


    Kurzbeschreibung:
    Libyen, Sommer 2011: Jamila entgeht knapp Gaddafis Truppen. Mit ihrem kleinen Sohn Farid flieht sie quer durch die Wüste bis ans Meer. Ihre Ersparnisse überlässt sie einem Schlepper, der sie in ein überfülltes Boot verfrachtet. Jamila hofft auf eine Zukunft in Europa, doch schon bald mangelt es an Trinkwasser und Benzin. Schließlich hat sie nur noch einen Wunsch: länger durchzuhalten als ihr Sohn, um ihn nicht allein sterben zu lassen.
    Auf Sizilien geht der achtzehnjährige Vito am Strand spazieren und findet eine Kette, wie sie arabische Kinder tragen. Er denkt an seine Mutter Angelina, die in Libyen aufgewachsen ist. Als Gaddafi an die Macht kam, musste sie nach Italien fliehen, aber die Sehnsucht nach der früheren Heimat lässt ihr keine Ruhe: Sie reist nach Tripolis und macht sich auf die Suche nach Ali, ihrer ersten großen Liebe. Doch Ali ist inzwischen beim libyschen Geheimdienst. Bestürzt kehrt Angelina nach Italien zurück, wo sie den Ausbruch des Bürgerkriegs und die Bombardements der NATO am Bildschirm verfolgt.
    In eindringlichen Bildern erzählt Margaret Mazzantini von den individuellen Schicksalen, die sich hinter den aktuellen Ereignissen in der arabischen Welt verbergen.


    Über die Autorin:
    Margaret Mazzantini, 1961 in Dublin geboren als Tochter eines italienischen Vaters und einer irischen Mutter. Ihre Karriere begann sie als Theaterschauspielerin. Ihre Romane ›Die Zinkwanne‹ und ›Geh nicht fort‹ wurden zu internationalen Bestsellern. Allein ›Geh nicht fort‹ wurde in Italien über 1,5 Millionen Mal verkauft, in 32 Sprachen übersetzt und 2004 mit Penélope Cruz verfilmt. ›Das schönste Wort der Welt‹ wurde ausgezeichnet mit dem Premio Campiello 2009. Margaret Mazzantini ist mit dem Schauspieler und Regisseur Sergio Castellitto verheiratet. Sie haben vier Kinder und leben in Rom.
    www.margaretmazzantini.com



    Mein Eindruck:
    Die Autorin erzählt von dem Jungen Farid, der von Beduinen abstammt und der mit seiner Mutter aus Libyen flüchtet, nachdem sein Vater von Gaddafis Geheimdienst ermordet wurde.
    Diese tragische Flüchtlingsgeschichte wird wie eine Klammer um die Geschichte Vitos gelegt, die den größten Teil des kurzen Romans einnimmt, und verbindet so die beiden Handlungsebenen.
    Vitos Mutter wurde in den sechziger Jahren mit 11 Jahren aus Libyen vertrieben und wuchs in Italien auf.
    Erst als Vito schon erwachsen ist, fahren sie und Vitos Großmutter für eine kurze Zeit zurück nach Tripolis.


    Der Stil ist poetisch angelegt, was mich am Anfang störte, da er Wüsten- und Beduinenromantik stützt, doch das endet spätestens mit der Vertreibung und bei der inneren Geschichte wird die Sprache so Teil der Geschichte, dass sie stimmig ist.


    Wie die Geschichte ein Stück mir vollkommen unbekannte Geschichte erzählt, ist sehr interessant. Tripolitanien! Von 1934 bis 1943 gab es einen italienisch-libysche Kolonie. Auch nach Libyens Unabhängigkeit lebten noch italienische Siedler dort, die erst nach dem Militärputsch durch Gaddafi endgültig vertrieben wurden.


    Neben diesem historischen Hintergrund überzeugt auch, wie Margarit Mazzantini verdeutlicht, dass Vertriebene sich mit einem Teil ihres Seins immer nach der verlorenen Heimat sehnen.


    Dazu kommt noch die Thematik der Situation der Flüchtlinge, die sich der Schlepper aussetzen und selbst, wenn sie die Flucht überleben sollten, es noch schwer haben.


    Erstaunlich, wie ein so kurzes Buch so viele Themen sinnvoll und überzeugend miteinander verknüpfen kann.