Hellblauer Himmel, in den fröhlich-bunte Luftballons entschweben: ganz harmlos kommt dieser Bildband von Andrea Diefenbach daher. Doch schon der Titel „SPID. AIDS in Odessa“ lässt ahnen, dass es sich dabei um einen alles andere als vergnügliches Buch handelt.
Diefenbach hat mehrere aids-infizierte Menschen mit der Kamera begleitet und sie und ihr Umfeld portraitiert. Aus diesen Fotos ist ein Buch entstanden, das einen gerade wegen der Unaufgeregtheit der Bilder, die frei von jeglichem Schockeffekten sind, irgendwo ganz tief im Gedärm trifft. Denn anders als Boris Mikhailov, der bekannte ukrainische Fotograf, der hier das Vorwort geschrieben hat, hält Diefenbach nicht drauf auf das Elend, sondern zeigt ganz normale Menschen, die zwar irgendwann in ihrem Leben gestrauchelt sind, die aber dennoch einfach leben wollen.
Kurze Begleittexte skizzieren das Leben der Portraitierten. Odessa liegt an der Drogenschmuggelroute nach Westeuropa, sehr viele Menschen sind deshalb drogenabhängig. Das, die weitverbreitete Armut aber auch die Gewalt in der Gesellschaft sind die Gründe für die hohe Aids-Rate in Odessa. Medikamente sind für viele unerschwinglich, Aids-Kranke werden gesellschaftlich geächtet und selten existieren funktionierende Familien, die die Kranken auffangen könnten. So veranschaulicht dieses Buch auch, was passiert, wenn eine Gesellschaft quasi über Nacht den freien Kräften der Märkte ausgeliefert wird. Wer im täglichen Wettbewerb nicht mithalten kann, verliert nicht nur sein Anrecht auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse, etwa Gesundheitsversorgung, sondern auch das Recht auf ein Minimum an Menschlichkeit. Mit ihren Bildern gelingt es Diefenbach, denjenigen, die in ihrer Heimat nur als Müll betrachtet werden, ein Stück Menschsein zurückzugeben.
Trotz des mir unerklärlich günstigen Preises ist dieser Bildband, sowohl was den hochwertigen geprägten Einband, als auch was die Qualität der Bilder angeht. Ein Buch, das ich trotz seines schweren Inhalts immer mal wieder gerne zur Hand nehme.