"Der Tod kann mich nicht mehr überraschen" von Heike Vullriede

  • Dieses Buch liegt für mich auf einem schmalen Grat zwischen philosophisch-religiöser Abhandlung und "tatsächlichem" Roman. Die Autorin, selbst mit buddhistischem Hintergrund, hat hier versucht, buddhistisch inspirierte Gedanken über Leben, Tod und das "Loslassen-Können" in eine Romanhandlung zu verweben. Dabei herausgekommen ist ein sehr gut lesbares Buch, das den Leser tief betroffen macht - das als Roman, als "Buch an sich" jedoch noch besser hätte sein können.


    Ich möchte zukünftige Leser nun nicht verschrecken, die vom Buddhismus nichts wissen. Es ist nicht so, dass die Autorin quasi mit der Brechstange ihre Thesen und Ansichten zu vermitteln sucht. Aber wenn man es weiß, und sich ein wenig mit Buddhismus auskennt, dann sind die Bezüge einfach nicht von der Hand zu weisen. Man kann das Buch selbstverständlich auch ohne diesen Bezug lesen - doch dann entgeht einem doch ein gut Teil der Aussage.


    Worum geht es eigentlich? Um einen Mann mittleren Alters, Marvin Abel, der sich unvermittelt mit einer tödlichen Diagnose konfrontiert sieht: Hirntumor, und auch noch der schlimmste, ein Glioblastom. Das Buch beschreibt, überwiegend aus Marvins Perspektive, seine noch verbleibende kurze Lebenszeit zwischen Diagnose und seinem tatsächlichen Tod. Anfangs verläuft die Handlung dabei noch ziemlich dicht an der Chronologie (Krankenhaus, Chemotherapie, Besuche); dies löst sich jedoch im letzten Drittel etwas auf. Die Handlung nimmt am Schluss eine sehr unerwartete Wende, wodurch der Titel des Buches letztlich sehr ironisch erscheint: der Tod kann einen eben doch immer (!) überraschen, auch wenn man vorher noch so abgeklärt war.


    Ich habe aus diesem Buch etliches mitnehmen können. Gut getroffen fand ich zum Beispiel die verschiedenen Positionen und Verdrängungsmechanismen, welche Marvins Besucher einnehmen. Die Ehefrau tut beinahe so, als sei nichts, der Bruder will Geld, der Kollege gibt zu, Abläufe in der Firma manipuliert zu haben, für andere ist er schon so gut wie tot, die meisten sind hilflos, und so weiter. Ich weiß, dass alle diese Reaktionen tatsächlich vorkommen können, und fand sie realistisch geschildert.


    Marvins eigene Entwicklung fand ich teilweise ein wenig abstrus, das mag aber auch daran gelegen haben, dass ein Hirntumor eben die Persönlichkeit des Menschen, bis hin zu Wahnvorstellungen, verändert. Nur hätten hier meiner Meinung nach andere schriftstellerische Mittel, wie eine Schilderung durch ein Familienmitglied, noch besser gewirkt.


    Alles spitzt sich bis zu den letzten Szenen des Buches hin zu. Marvin durchläuft relativ typische Stadien, wie sie in der Psyche eines Sterbenden so ablaufen: über Verdrängung, Wut, Verhandeln, bis hin zu Resignation und Annahme. Schade fand ich dabei nur, dass im letzten Drittel des Buches, wie bereits erwähnt, etliches aus der Chronologie der Ereignisse gestrichen wurde. Das hat dem Buch seine Glaubwürdigkeit als "Roman" ein wenig geschmälert.


    Vielleicht ist dieses Buch gerade deshalb auch für ein breiteres Publikum gut geeignet: es überfordert nicht durch eine ausufernde Rahmenhandlung (die ich mir persönlich allerdings doch ausführlicher gewünscht hätte), es schildert typische Abläufe, es menschelt zwischendurch ziemlich stark, und es macht seelische Nöte verständlich. Es regt die Gedanken an, ohne zu sehr als Pamphlet rüberzukommen. Nur eine vollständige Durchdringung des Themas aus allen Blickwinkeln sollte man nicht erwarten.