Dieses Buch ist ein Unterhaltungs- und Frauenbuch, und als solches würde ich es als mittelgut gelungen bezeichnen. Es behandelt Themen, die wohl eher die weibliche Leserschaft ansprechen werden: ungewollte Kinderlosigkeit, Adoption, kulturelle Differenzen, Eheprobleme, die Suche nach den eigenen Wurzeln, Schuld, Vergebung, Versöhnung. Und vor allem: die Rollen von Müttern und Töchtern.
Die Autorin hat selber indische Wurzeln, wurde aber in Toronto geboren, und lebt heute in Kalifornien. Genau dies merkt man auch, meiner Meinung nach: sie siedelt ihre Geschichte zwischen zwei Kulturen an, und zwar den Paaren Somer und Kris in den USA, und Kavita und Jasu in Indien. Die Geschichte ist aber auf sehr typisch amerikanische, „unterhaltungslastige“ Art und Weise angelegt, vor allem, was das Verhalten und die Entwicklung der Figuren angeht (hier insbesondere der Männer). Der Leser, der sich schon intensiver mit Indien befasst hat, wird es merken: Indien gerät in diesem Buch zu wenig mehr als farbiger Kulisse, das eigentliche Verständnis der Autorin liegt bei den amerikanischen Charakteren und Verhaltensweisen. Das mag man so oder so beurteilen – sicher ist ein Unterhaltungs-Bestseller keinem Sachbuch gleichzustellen. Dennoch darf mir die Bemerkung erlaubt sein, dass ich von einer indischstämmigen Autorin mehr erwartet hätte.
Das Buch ist durchgehend im Präsens geschrieben, was prinzipiell ein guter Einfall ist. Das Präsens ist, gerade bei Familiengeschichten, ein wenig aus der Mode gekommen – hier sorgt es jedoch für mehr Unmittelbarkeit. Schwieriger hingegen finde ich die Technik, die Handlung permanent und abwechselnd auf die zwei Familien „aufzusplitten“, und das auch noch über große zeitliche Lücken hinweg. So mussten zwangsläufig manche Figuren zu kurz kommen. Besonders die amerikanische Adoptivmutter Somer blieb mir persönlich sehr fremd.
Gut gelungen hingegen sind etliche „farbige“ Details, wie Ess- und Kleidungsgewohnheiten. Soziale Missstände hingegen können, schon allein vom Umfang des Buches her, nur angerissen werden. Der Handlungsfaden des Buches ist überwiegend auf den Unterhaltungsaspekt abgestimmt – die Zweifel des adoptierten Kindes, seine Selbstfindung, und seine – letztlich unbestimmt bleibende – Suche nach seinen leiblichen Eltern. Dies muss man wiederum der Autorin zugute halten: sie hat der Versuchung erfolgreich widerstanden, ein reines Happy End herbeizufabrizieren.
Sicher, das Buch spricht einen ganz bestimmten Nerv an, und wird sich sicherlich brauchbar verfilmen lassen. Es hat, gerade zum Ende hin, sehr emotionale Anteile, die jedoch meines Erachtens zu Lasten der Wahrscheinlichkeit gehen. Wie so oft, bleibt die Bewertung dieses Buches letztlich Ansichtssache.