Berliner Aufzeichnungen
Verlag: Suhrkamp, 2001
Gebundene Ausgabe: 328 Seiten
Kurzbeschreibung:
Das Neue ist, so banal es klingt, vorerst nichts anderes als eine Zwei, gefolgt von drei Nullen. Von den einen gefürchtet, von den anderen euphorisch begrüßt: das Jahr 2000 nach Christus. Ein Moment von Anfang, von tabula rasa, so scheint es. Und doch steckt in allem Neuen das Alte, im nie dagewesenen Jetzt, unabgegolten, das Einst. Es ist der Augenblick, in dem die Masse Vergangenheit kritisch wird.
Das erste Jahr ist Durs Grünbeins Versuch einer persönlichen Bestandsaufnahme, ein Arbeitsbuch im Turnus eines ganzen Jahres, eine Sammlung von Reflexionen über so unterschiedliche Motive wie Kindheit, Weltkrieg, Kannibalismus, Genomrevolution, die Zusammenhänge von Dichtung und Trance und die Geburt der eigenen Tochter. Grünbeins Tagebuch ist ein Gang durch die Zeiten, durch Städte wie New York, Pompeji, Moskau oder Berlin, vertieft ins Zwiegespräch mit den Gedanken und Werken der großen Ahnen, kundiger Begleiter wie Baudelaire und Mandelstam, Seneca und Augustinus, Darwin und Cézanne.
Über den Autor:
Durs Grünbein wurde am 9. Oktober 1962 in Dresden geboren. Seit 1986 lebt er nach kurzzeitigem Studium in Berlin, als Dichter, Übersetzer und Essayist.
Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs führten ihn Reisen durch Europa, nach Südostasien und in die Vereinigten Staaten. Er war Gast des German Department der New York University und der Villa Aurora in Los Angeles. Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Peter-Huchel-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Literaturpreis der Osterfestspiele Salzburg 2000, den Friedrich Nietzsche-Preis des Landes Sachsen-Anhalt 2004 und den Berliner Literaturpreis 2006 der Preussischen Seehandlung verbunden mit der Heiner-Müller-Professur 2006.
Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Mein Eindruck:
Mein Interesse an zeitgenössischen Tagebüchern und Journalen hat mich zu diesen Buch greifen lassen.
Es ist 2001 erschienen und enthält nach einem einführenden Prolog 1999 Eintragungen über jeden Tag des Jahres 2000. Bei Erscheinen war das Buch hoch umstritten, z.B. im literarischen Quartett mit Marcel Reich-Ranicki , damals immer noch eine der maßgebenden Literatursendungen. Da wurde über die Qualität arg gestritten. Zwischen unfreiwillig komisch (Iris Radisch) bis Grünbein bekommt den Nobelpreis, aber nicht für dieses Buch (Karasek) bis hin zu Hochintelligent (Marcel Reich-Ranicki).
Aus der Distanz kann man heute leicht nachvollziehen, warum ein Buch mit dem Titel Das erste Jahr die Erwartungen nicht erfüllt, denn Durs Grünbein erzählt in seinen Eintragungen kaum einmal etwas politisches. Schon gar nicht zieht er ein Resümee über den Zustand der Welt in diesem Jahr. Stattdessen enthält sein Journal Eintragungen über das, was ihn in dieser Zeit beschäftigt. Es entstehen teilweise kleine Essays, z.B. über
den Maler Cezanne, über Suizid, über Stephan Hermlin, Walter Benjamin, Proust, Pushkin und vielen anderen.
Lyrik ist natürlich ein großes Thema im Buch, immer wieder streut Grünbein Gedichte ein. Jedoch nur in angemessenen Umfang, so funktioniert das gut.
Spannend wird es, wenn Durs Grünbein über seine Kindheit schreibt, die Passagen über und mit seinen Großvater und die Eintragungen über seine Familie.
Ein zentrales Ereignis nimmt viele Seiten im Buch ein: Die Geburt seiner Tochter Vera.
Über ihre ersten Erlebnisse schreibt er immer wieder. Gegen Ende des Buches erkrankt das Baby, aber am 31.12. ist das schlimmste überstanden und Grünbein feiert Sylvester im engsten Kreis mit seiner Frau Eva und Freunden bei klassischer Musik. So endet das Buch.
Ein kleiner Kritikpunkt: In der zweiten Hälfte nimmt die Tochter die Gedanken des Dichters so gefangen (verständlicherweise), dass mir die anderen Themen nicht mehr ganz so konzentriert erscheinen wie gegen Anfang des Buches.
Manches (vieles) fand ich sehr interessant, zu einigen Themen hatte ich keinen Bezug. In der Summe hat sich das Buch für mich sehr gelohnt.