Hoffnung ist Gift – Iain Levinson

  • Hoffnung ist Gift – Iain Levinson



    Inhalt
    Jeff Sutton, Taxifahrer in Dallas, USA, fährt eine Frau vom Flughafen in eine noble Villengegend. Da sie nicht genug Geld dabeihat, bittet ihn die Dame noch mit ins Haus. Als kurz darauf ihre zwölfjährige Tochter verschwindet, steht für die Polizei fest, dass hier nur einer als Täter in Frage kommt. Der unbescholtene Taxifahrer wird in Untersuchungshaft genommen und im Trakt der Todeskandidaten untergebracht. Dort ist sein einziger Gefährte Robert, ein gefühlskalter Mörder. Ausgerechnet er glaubt an Jeffs Unschuld - aber glaubt Jeff selbst noch an Gerechtigkeit? Am Tag der Urteilsverkündung nimmt sein Fall eine überraschende Wendung ... Ein Krimi, der auf einer wahren Geschichte beruht.



    Autor
    Iain Levison, geboren 1963 in Aberdeen/Schottland, lebt seit 1974 in Amerika, wo er u.a. als Lastwagenfahrer, Maler und Krabbenfischer gearbeitet und an der Universität von Villanova Anglistik studiert hat. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, darunter Französisch, Italienisch, Deutsch und Niederländisch.


    Meine Meinung
    Ein sehr beeindruckendes Buch.
    Der erste Eindruck – so sehr ich ja ab und an über unser Rechtssystem meckere – gegen das amerikanische ist es hier ein Paradies.
    Das sind die Momente, in denen ich sehr froh bin, in Deutschland zu leben.


    Jeff Sutton, als Taxifahrer in Texas tätig, wird plötzlich und unerwartet von zwei Polizisten an seinem freien Tag „besucht“ und auch sogleich aufs Revier geführt.
    Natürlich – wie es scheinbar in Amerika an der Tagesordnung ist - in Handschellen.
    Ihm wird vorgeworfen, die 12-jährige Tochter einer Kundin aus ihrem Haus entführt zu haben.


    Die Behandlung auf dem Polizeirevier ist in meinen Augen grausam. Vor allem in psychischer Hinsicht.
    Die beiden Polizisten wünsch ich meinem ärgsten Feind nicht als Gegner.
    Jeff kommt ins Untersuchungsgefängnis, wartet auf seinen Haftprüfungstermin.
    Auch die Behandlung der Justizangestellten ist nicht sehr viel besser als die der Polizisten – ebenso wenig die Unterbringung - von der Behandlung als Mensch, als Individuum ganz zu schweigen.


    Auf sich allein gestellt, als mutmaßlicher Kinderschänder und Mörder (auch wenn das Opfer nicht einmal aufgefunden wurde, somit kein Mensch weiß, ob das Mädchen eventuell noch am Leben ist) im Trakt der Todeskandidaten untergebracht, fristet Jeff dort vor sich hin.
    Seine Unschuld glaubt ihm niemand, nicht einmal sein Pflichtverteidiger.
    Einzig der Hinrichtungskandidat Robert – ein mehrfacher Mörder – glaubt ihm.


    Sehr gut werden Jeffs Gedanken beschrieben. Sein Verbot, das er sich selber auferlegt, nicht zu hoffen um nicht durchzudrehen.
    Seine Resignation über seine Behandlung, das Rechtssystem, das ihn zum unselbständigen Menschen macht, ihm keinerlei Entscheidung mehr läßt.


    Das Ganze ist sehr intensiv beschrieben, der Schreibstil in Ich-Erzählweise - schnörkellos, auch schonungslos und sehr gut zu lesen.
    Der Leser dringt praktisch in Jeffs Gedanken ein und nimmt so an seinem Leben teil.


    Für mich doch sehr erschreckend, wie das dortige Rechtssystem „funktioniert“.
    Wenn man es überhaupt funktionieren nennen kann und nicht nur als eine Art Selbstdarstellung der redegewandtesten Menschen bezeichnen sollte.
    Die extremen Unterschiede zwischen Menschen die Geld haben und eben denen, die es nicht haben.



    Fazit
    Ein Buch, das bei mir einen langanhaltenden Eindruck hinterlassen hat. Ein Krimi – so man es denn Krimi nennen kann, da ich es eher als einen Roman bezeichnen würde - der noch lange im Gedächtnis nachhallt.
    Es vermittelt viele Eindrücke wie unterschiedlich das System in Amerika verschiedene Menschen behandelt.
    Sehr beeindruckend zu lesen.

  • Danke für die schöne Rezi Johanna. Ich bin heute noch in der Buchhandlung um das Buch herumgeschlichen, jetzt kommt es definitiv auf meine WL =)

  • Dieses spannende und beeindruckende Buch wäre mir fast entgangen, hätte ich hier nicht die tolle Rezi von Johanna gelesen. :-)


    Es ist ein erschreckender Gedanke, unschuldig im Gefängnis zu landen. Auch in unserem Land rechnet man damit, dass einige Gefangene eine Haftstrafe verbüßen, für eine Tat, die sie nicht begangen haben.


    Trotzdem kann man hier davon ausgehen, dass die Verdächtigen und potentiellen Täter vernünftig behandelt werden und wenigstens eine Chance für sie besteht, wieder aus dem Knast herauszukommen. Das scheint in den USA anders auszusehen.
    Es geht in diesem Buch um Jeff Sutton, einen Taxifahrer, der ganz plötzlich kein Mensch mehr zu sein scheint, denn ihm wird vorgeworfen, das Kind einer Kundin entführt und getötet zu haben.
    Jeff wird für ihn völlig überraschend aus seinem Alltag herausgezogen und verhaftet. Die Polizei macht ihre Arbeit schlampig und es scheint, als wolle man mit ihm einen schnellen Fahndungserfolg präsentieren. Niemand glaubt seinen Beteuerungen, dass er unschuldig sei und nachdem er der brutalen Polizei-Willkür ausgesetzt war, findet er sich im Todestrakt wieder, da er in seiner Untersuchungshaft vor den anderen Häftlingen abgeschirmt und geschützt werden muss.


    Der Schreibstil in diesem Buch ist so dicht, dass man von Anfang an sofort in die Handlung findet und eigentlich fast die ganze Zeit mit der Hauptfigur mitleidet. Erzählt wird das Ganze aus der Sicht von Jeff und hier ist der einzige Kritikpunkt: Seine Sprache ist bewusst simpel dargestellt, als solle gezeigt werden, dass es sich hier um einen einfachen Mann handelt, doch seine Gedanken und seine Sicht auf andere Menschen und auf das Geschehene ist sehr intelligent und diese Diskrepanz fällt auf.


    Trotzdem stört dieser Punkt nicht so sehr, dass man das Buch deshalb abbrechen würde, denn die Beobachtungen und Erlebnisse von Jeff sind so interessant, dass man immer weiter lesen muss. Natürlich wird der Gerechtigkeitssinn und der Glaube an die Justiz angesprochen und man schwankt die ganze Zeit zwischen Fassungslosigkeit und Wut und begreift zusammen mit dem Protagonisten, was es bedeutet, ins Gefängnis zu kommen.


    Ein ganzes Leben wird einfach so ausgelöscht - die Wohnung gekündigt, der Job weg, die Bankkonten eingefroren, Kreditkarten gesperrt und alle Freunde, Kollegen und Bekannte haben sich abgewendet – wer glaubt einem noch, wenn doch Ermittler und Presse das Gegenteil behaupten? Wie schnell wird man stigmatisiert?


    Das Buch wirft viele Fragen auf, zeigt ein Rechtssystem, das man sich so nicht wünschen kann und nimmt sich eines unbequemen Themas an. Der Schluss ist so beeindruckend und verwirrend, und sorgt dafür, dass man das Buch nicht so schnell vergisst.


    Mein Fazit: Absolut lesenswert – 10 Eulenpünktchen

  • Wenn ein Buch ein Ende hatte, mit dem ich kein bisschen gerechnet habe, dann war es dieses. Das hat mich doch sehr überrascht und auch verwirrt.


    Ansonsten kann ich mich den positiven Rezensionen hinsichtlich der Gedanken von Jeff und der äußeren Atmosphäre mit der Art der Ermittlungen und dem Rechtsstaat, wie er da dargestellt wird nur anschließen.
    Ich hatte die Befürchtung, dass es bei dem Buch dauern wird, bis ich mit Jeff "warm werde", aber ich habe schnell gemerkt, dass es mir darauf gar nicht mehr ankam. Die Charaktere standen für mich gar nicht so sehr im Vordergrund, sondern die Systemkritik und die Art, wie alles ablief, waren so deutlich, dass Jeff auch John oder Tony hätte heißen können und ich da nicht mehr gestolpert wäre.


    9 Punkte.