Werft die Gläser an die Wand - Juliane Inozemtsev

  • Über die Autorin
    Juliane Inozemtsev ist freie Journalistin aus Berlin. Sie hat in Russland und Deutschland Slawistik studiert und arbeitet unter anderem für die Berliner Zeitung. Sie lebt mit Mann und zwei Kindern in Berlin und auf der Krim.


    Kurzbeschreibung
    "Ein russischer Seemann? Muss das sein?" Julianes Eltern sind entsetzt, als sie von ihrer neuen Liebe Wanja erzählt. "Der hat wahrscheinlich in jedem Hafen eine - und trinkt ständig Wodka ..." Auch ihre Schwiegereltern sind skeptisch, schließlich wissen alle Russen, dass deutsche Frauen im Haushalt keinen Finger rühren und vor allem nicht kochen können. Trotzdem werden die beiden ein Paar, und so kommt es, dass Juliane Wanjas Mutter vorkochen muss. Ihre neuen Freunde wundern sich über ihre unelegante, dafür wärmende Partykleidung, und Juliane staunt über den russischen Körperkult. Eine deutsch-russische Liebe mit Hindernissen und Happy End.


    Meine Rezension
    Eigentlich habe ich nun weiß Gott genug dieser Multikulti-Beziehungskisten-Bücher gelesen. Und wenn man fies sein möchte, kann man auch durchaus behaupten: Kennt man eines, kennt man alle.


    Doch dieses Buch ist mir aufgrund seines Titels, der mich sehr an den Liedtext zu “ Moskau“ von Dschinghis Khan erinnerte :grin (was sicher auch genau so beabsichtigt ist), ins Auge gestochen und daher habe ich nach längerer Zeit halt mal wieder eines „dieser“ Bücher gelesen.


    Natürlich hat die Autorin mit diesem durchaus autobiographisch angefärbten Roman das Rad nicht neu erfunden. Doch die Geschichte, wie zwei naive zwanzigjährige Flugbegleiterinnen „zur Abwechslung“ auf einem russischen Frachter anheuern und dort zwei Männer kennenlernen, das hat schon was.


    Aus Julianes Flirt wird mehr, sie läßt den Kontakt zu Wanja nicht abreißen und obwohl es für beide nicht leicht ist, treffen sie sich immer wieder. Visaprobleme behindern sie dabei ebenso wie Geldknappheit: Juliane studiert noch und Wanja verdient auch noch nicht so üppig als „studierender Seemann“. Doch die beiden kriegen das immer wieder hin und beginnen auch, die Sprache des Partners zu lernen.


    Dabei machen ihnen immer wieder ihre kulturellen Eigenheiten zu schaffen: in Wanjas z.B. Heimat fragt man die Menschen nicht aus, um sie nicht zu brüskieren. Bei uns hingegen zeugt es von Interesse, wenn man einem neuen Bekannten Fragen zu Beruf und Familie stellt. Doch das ist natürlich nur einer von vielen kulturellen Stolpersteinen, in die die beiden treulich hineintappen. Doch die beiden wursteln sich durch…


    Mir hat dieses Buch überraschend gut gefallen. Natürlich ist von einem Buch diesen Genres kein allzu großer literarischer Wurf zu erwarten – aber das hat mich anhand der netten Geschichte auch nicht gestört. Ich fand es unterhaltsam, welche grundsätzlichen Unterschiede zwischen den beiden Kulturen bestehen und wie beide den Spagat schaffen, in der Fremde zurecht zu kommen, ohne sich selbst dabei aufzugeben. Erstaunlicherweise scheinen diese Stolpersteine größer zu sein als die Tatsache, daß Wanja als Seemann immer wieder Monate unterwegs ist und seine junge Familie dann ohne ihn auf sich gestellt ist.


    Nett geschrieben läßt sich das Buch locker an einem gemütlichen Nachmittag wegschmökern. Sicher ist es kein Verlust, wenn man dieses Buch nicht gelesen hat – ich habe mich aber auch schon schlechter unterhalten als damit. Ich würde auf einer Zehnerskala auf jeden Fall solide 7 Punkte vergeben.

    Lieben Gruß,


    Batcat


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)

  • Hm, das klingt durchaus interessant und wünschenswert für einen Urlaubslesetag :grin


    Hast Du "kulturelle" Erfahrungen mit Russen - also ich meine, sind das hauptsächlich viele Klischees, die in dem Buch mit verarbeitet werden, oder sind Dir da die ein oder andere Situation selbst schon einmal untergekommen?
    Ich glaube ja nicht, dass hier nur auf Klischees herumgeritten wird, da die Autorin ja beide "Welten" kennt, aber ich finde das immer etwas ärgerlich, wenn nur die alten bekannten Themen aufgegriffen werden und es sich eher wie die Dos & Don'ts eines Marco Polo Reiseführer liest ;-)

  • Ich bin zwiegespalten, was mein Interesse für dieses Buch angeht... Einerseits klingt es für mich, als gebürtige Russin, interessant quasi die "andere Sicht" dieser Kulturen zu sehen. Andererseits habe ich Angst, dass es tatsächlich zu viele Klischees bedient... Schon allein der Titel ist für mich ein Hindernis, weil ich noch nie in meinem Leben davon gehört oder mitbekommen habe, dass jemand in Russland Gläser gegen die Wand wirft, egal bei welcher Veranstaltung auch immer. :gruebel (Selbst wenn es eine Andeutung auf das Lied von Dschinghis Khan ist)
    Und auch die Sache mit dem "Fremde nicht ausfragen", indem man ihm oder ihr aus Interesse Fragen zu Beruf und Familie stellt, kenn ich anders. Das fällt überhaupt nicht böse auf und gehört doch zum Kennenlernen irgendwie dazu oder irr ich mich?


    Vielleicht sollte ich es doch lassen, ich bin etwas zu pingelig :grin

  • Zitat

    Original von TataClysm
    Vielleicht sollte ich es doch lassen, ich bin etwas zu pingelig :grin


    Nein, ganz im Gegenteil, ich finde, Du solltest es unbedingt lesen :grin


    Nee, im Ernst: Ich denke, es kann dann doch jemand nur das Buch wirklich total objektiv beurteilen, der so wie Du eben beide Kulturen kennt. Ich nehme mir mal heraus, zu sagen, dass es hier bestimmt noch mehr außer mir gibt, die da sehr gespannt wären :-)


    (Aber ich kann auch Dein Zögern auf jeden Fall verstehen, ich denke, mir würde es genauso gehen - weil ich mich doppelt und dreifach ärgern würde, wenn ich nur lauter Klischees über mich & meine Landsmänner lesen würde...)

  • Die Klischees tauchen zwar schon hier und da auf, werden aber immer auch als Klischees entlarvt. Wie eben das mit dem Gläser an die Wand werfen z.B. Im Vordergrund steht auf jeden Fall die Liebesgeschichte, die kulturellen Unterschiede sind nicht die Hauptaufhänger der Story.

    Lieben Gruß,


    Batcat


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)

  • Zitat

    Original von dschaenna


    Nein, ganz im Gegenteil, ich finde, Du solltest es unbedingt lesen :grin


    Nee, im Ernst: Ich denke, es kann dann doch jemand nur das Buch wirklich total objektiv beurteilen, der so wie Du eben beide Kulturen kennt. Ich nehme mir mal heraus, zu sagen, dass es hier bestimmt noch mehr außer mir gibt, die da sehr gespannt wären :-)


    Hm, wenn das so ist, dann sollte ich mir das wohl doch mal anschauen. Vielleicht kann ich das sogar demnächst irgendwie besorgen und lesen :-)

  • Zitat

    Original von TataClysm


    Hm, wenn das so ist, dann sollte ich mir das wohl doch mal anschauen. Vielleicht kann ich das sogar demnächst irgendwie besorgen und lesen :-)


    :knuddel1
    Aber nicht dich zwingen, wenn du nicht magst :-)

  • Meine Meinung:
    Mich hat dieser kleine Liebes- und Familienroman sehr gut unterhalten.
    Juliane nimmt ihre Liebe zu Wanja ernst und versucht alles um ihm Nahe zu sein.
    Die Schwierigkeiten der beiden in der jeweiligen Kultur, kamen mir autentisch vor. Wanja ist meiner Meinung nach nachsichtiger mit Juliane, wie sie mit ihm. Die Beziehung zu einem Ausländer ist schon eine Herausforderung, aber dann noch mit einem Seemann, der monatelang auf See ist, stelle ich mir nicht so einfach vor.
    Klischees kamen von beiden Kulturen vor, wurden dann aber gleich aufgeklärt. Dadurch gab es lustige Szenen.
    Juliane Inozemtsev erzählt mit Humor und Witz