Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (23. Januar 2012)
Originaltitel: The Still Point
ISBN: 978-3630873350
Preis: Euro 19.99 / CHF 28.50
Autorin
Amy Sackville wurde 1981 geboren und lebt in London. Sie studierte Literatur und Theaterwissenschaft in Leeds und Oxford und beschloss dann, Creative & Life Writing an der Goldsmiths University in London zu belegen. Für ihren ersten Roman „Ruhepol“ wurde sie 2010 mit dem John Llewellyn Rhys Prize ausgezeichnet, dem ältesten englischen Literaturpreis für den besten Roman des Jahres von jungen Autoren unter 35, den vor ihr u.a. V. S. Naipaul und Angela Carter erhielten; außerdem stand der Roman auf der Longlist des Orange Prize for Fiction und des Dylan Thomas Prize.
Kurzbeschreibung/Klappentext
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verschwindet der Forscher Edward Mackley bei einer Expedition zum Nordpol spurlos. Er lässt eine junge Witwe zurück, Emily, die ihr Leben lang geduldig auf seine Rückkehr wartet – so die Familiengeschichte. Hundert Jahre später, an einem heißen Augusttag, sichtet Edwards Urgroßnichte Julia seine Hinterlassenschaft, streift durch das alte dunkle Haus der Familie, in dem sie seit kurzem mit ihrem Mann Simon wohnt. Sie versucht die ersten Risse, die sich in ihrer Ehe zeigen, zu ignorieren, und während Simon in seinem Architekturbüro in London arbeitet, versetzt sie sich in die einsame, wartende Emily, in den Forscher, der mit seinen Gefährten die »Persephone« verlässt, als das Schiff vom Packeis ergriffen wird, und zu Fuß sein Glück versucht, träumt von der weiten Schneelandschaft, den kalten und doch sanften Farben, verdrängt ihre eigene Sehnsucht und Einsamkeit.
Meine Meinung
"Der Ruhepol der sich drehenden Welt liegt über ebenjenem Pol um den wir alle kreisen. Er gleicht einem Heiligtum, einer Konstante und Menschen mit einem Traum und grossem Tatendrang haben grosse Qualen gelitten um ihn zu erreichen. Die ganze Welt richtet sich nach ihm aus und das Gradnetz orientiert sich an diesem Fixpunkt."
Die eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, handelt von Edward Mackley, einem (fiktiven) berühmtem Polarforscher der kurz nach der Jahrhundertwende auf einer Expedition zum Nordpol spurlos verschwunden ist und im saphirblaufunkelnden Eismeer seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Nur das unendliche, geduldige Schweigen der Arktis kennt seine letzten Gedanken und Handlungen vor seinem Tod. Er hinterlässt eine sehnsüchtig auf seine Rückkehr wartende Emily und man erzählt sich heute noch die Familiengeschichte vom Mann im Eis und Schnee und von der Frau, die zurückblieb und beim geduldigen Warten auf ihn ungewollt eine kleine Legende erschuf.
"Es ist auch ohne die Einmischung der Zukunft anstrengend genug der Vergangenheit, die die Gegenwart durchdringt, habhaft zu werden."
Julia ist die Urenkelin von Edward Mackley und sie hat ihren Job gekündigt und sich zur Aufgabe gemacht die Fragmente ihres Erbes zu sichten und zu ordnen. Mit einer tröstlichen Gleichförmigkeit sitz Julia auf dem Dachboden inmitten von Patina überzogenen Kisten und Edwards und Emilys unsortierten Habseligkeiten. Anstatt sich dieser Aufgabe mit Entschlossenheit anzunehmen hat sich ihr Leben zu einem geruhsamen Trödeln durch die Zimmer ihrer Kindheit verlangsamt. Verträumt sichtet sie alte Truhen, liest Briefe und verliert sich hoffnungslos in Gedankenspielen. Zwischendurch von der Frage belastet ob sie das Richtige tut und wozu es gut sein soll uralten Staub aufzuwirbeln. Ihr entgehen aber die ersten Risse ihrer Ehe mit Simon...
Die erstaunlich junge Autorin, Jahrgang 1981, belegte an einer Londoner Universität einen Creative & Life Writing Kurs. Und es ist genau jener Sprachstil für den man für verschieden Literaturpreise nominiert wird. Unglaublich dicht und verschnörkelt, der Text filigran, nuanciert durchsetzt mit zahlreichen Adjektiven werden reihenweise zu Herzen gehende Wortschöpfungen kreiert. Es gibt in diesem Roman fünfzehn, zwanzig oder noch mehr kleine Passagen die für sich genommen anbetungswürdig sind. Aber es ist auch eine Sprache die mich vom Inhalt abgelenkt und etwas den Lesefluss genommen hat. Der Erzählstil ist eine schmale Gratwanderung zwischen einer poetisch-eindringlichen Emotionalität der aber phasenweise in banale Trivialität abgleitet. Bei jedem Leser verläuft diese Grenze anderes und je nach dem wo sie sich befindet wird die Geschichte die Leserschaft spalten.
Die ersten Hälfte des Romans hat mich begeistert, ja geradezu euphorisch habe ich die lyrisch anmutende Sprache gelesen und genossen. Im Verlauf der Geschichte hat sich meine Begeisterung leicht abgekühlt und ich habe mich mehr auf den Sprachstil als auf den Inhalt fokussiert. Die Sprache ist denn auch die unsichtbare Kraft die die Geschichte zusammenhält. Für Leser die eine poetische Erzählung mögen ist dieses Buch eine Entdeckung, inhaltlich hätte man rückblickend wohl etwas mehr daraus machen können, insbesondere die Gegenwartsgeschichte mit Julia und Simon hätte etwas mehr Hintergrund und Tiefe gut angestanden. Ein Roman den man in aller Ruhe und Entspanntheit geniessen sollte. Insgesamt ein sehr vielversprechendes Debüt einer jungen Autorin die ich im Auge behalten werde und diese Geschichte ist allemal 8 Eulenpunkte wert.