Über Rechtfertigung, Eine Versuchung – Martin Walser

  • Essay
    Rowohlt, März 2012


    Kurzbeschreibung:
    Gerechtfertigt zu sein, sagt Martin Walser, war einmal das Wichtigste. Staaten legitimieren sich durch Gesetze, Regierungen durch Wahlen. Aber der Einzelne? Zum Beispiel Josef K. im «Proceß» von Franz Kafka. Für Martin Walser ist das Buch der «Roman einer Gewissenserforschung, einer Suche nach Rechtfertigung», so wie Josef K. für ihn der letzte Romanheld ist, der das Fehlen von Rechtfertigung als Drama erlebt und daran zugrunde geht. Demgegenüber leben wir seit langem ohne das Bedürfnis nach Rechtfertigung, ja ohne auch nur die Frage danach. Rechtfertigung wird ersetzt durch Rechthaben. Dass uns recht zu haben genügt, nennt Martin Walser eine Verarmung. Um deutlich zu machen, was uns abhandengekommen ist, geht er zurück in die Vergangenheit: von Kafka zu Augustinus; zu Luther, Calvin und Max Weber; zu Nietzsche und Karl Barth, in deren Gegenüberstellung das Buch seinen Höhepunkt hat. «Einschlafen», sagt er, «könnte ich ohne sie. Aber um aufzuwachen aus dieser und jener Verschlafenheit, brauche ich beide.» «Über Rechtfertigung» ist Gewissenserkundung und Suche, Annäherung an Vorbilder und Vordenker, um über «verführerische Sprachbewegungen» zu den entscheidenden Fragen des Lebens, Glaubens und Schreibens vorzudringen. Oder zumindest zu einer Ahnung von dem, was fehlt.


    Über den Autor:
    Martin Walser, geboren am 24. März 1927 in Wasserburg/Bodensee, lebt als freier Schriftsteller in Nußdorf/Bodensee. Zu seinem umfangreichen Werk gehören neben Romanen, Filmen und Theaterarbeiten auch zahlreiche Hörspiele. Als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren erhielt er zahlreiche Preise, u.a. 1957 den Hermann-Hesse-Preis, 1962 den Gerhart-Hauptmann-Preis und 1965 den Schiller-Gedächtnis-Förderpreis. 1981 wurde Martin Walser mit dem Georg-Büchner-Preis, 1996 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg und 1998 dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 2008 bekam er den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten.


    Mein Eindruck:
    Der Anlass von Martin Walsers 85 Geburtstag dürfte auch dieses Buch, das diesen Monat erschienen ist, in Aufmerksamkeit eines größeren Publikums rücken.
    Dabei ist es durchaus ein anspruchsvolles Essay, das das gewählte Thema mit vielen Bezügen zur Literatur, Philosophie und Theologie behandelt.
    Aber man liest es nicht wegen dem Thema alleine sondern um Erkenntnisse über Einflüsse auf Walsers Schreiben zu erlangen.


    Walser stellt Zusammenhänge gerne über Zitate und Erwähnungen von Größen wie vor allen Kafka, aber auch Robert Walser, Thomas Mann u.a. dar.
    Er schreibt: „Sie sind alle gleich radikal, Jean Paul, Dostojewski, Kafka und Robert Walser.“ (Seite 10)
    Als Leser möchte man dieser Liste Martin Walser hinzufügen.


    Bevor sich Walser in sein Thema vertieft, nähert er sich an, indem er die Rechtfertigung am Beispiel von Jean Ziegler und Joachim Gauck darstellt. Er sieht sie als Menschen, die sich gerechtfertigt fühlen. Eine Einstellung, die er für sich selber nicht so einfach in Anspruch nimmt.
    Kurz erwähnt er seine Rede in der Paulskirche 1998, die damals einen Skandal auslöste und für die er lange Zeit in den Zwang der Rechtfertigung kam.
    Er schreibt über Leseerfahrungen und dem „Reizklima des Rechthabenmüssens“ im Leben eines Schriftstellers.


    Dann konzentriert sich Walser auf das Thema im Zusammenhang mit Glauben und Philosophie und stellt Nietzsche (Also sprach Zarathrusta u.a.) dem Schweizer Pfarrer Karl Barth (Der Römerbrief) entgegen.
    Als Gedankenspiel stellt sich Walser ein Seminar mit diesen beiden als Thema vor und nimmt so dem Text wieder etwas von seiner Strenge. Dennoch wird jetzt viel vom Leser abverlangt.
    Zu Details über Nietzsches und Barths Werk kommen noch griechische Mythologie, Augustinos Bekenntnisse und Hölderlin hinzu.
    Der durchschnittlich gebildete Leser wird nicht allen Anspielungen oder Gedankengänge Walsers komplett folgen können, aber einiges kann man sicher mitnehmen.


    Gegen Ende (Kapitel 9) kommt Walser noch einmal direkt ins Private zurück, nennt die Frommen aus dem Dorf seiner Kindheit und Jugend und zieht zur Glaubensfrage auch aktuelle Bezüge, zum Beispiel anhand dem Unfall in Thomas Gottschalks Show Wetten Dass und dem gemeinsamen Beten um das Leben des Verletzten.
    Im letzten Kapitel zieht er ein Resümee des Themas im Einklang zu Kafka.


    Es ist ein schlichtes, schmales, aber durchaus schönes Buch mit Lesebändchen.


    ASIN/ISBN: 3498073818