Thomas Böhm: Das Lesekreisbuch
Berlin Verlag Taschenbuch 2011. 144 Seiten
ISBN-13: 978-3833307737. 7,95€
Verlagstext:
So spannend wie die erste Seite eines neuen Romans ist die erste Minute eines Lesekreistreffens. Hat jemand eine lebenswichtige Weisheit entdeckt? Banalen Blödsinn? Oder eine wunderbare Stelle? Thomas Böhm erläutert, wie man die Lesekreisfreunde und die lesenswertesten Bücher findet. Wie sich die Treffen gestalten lassen —von der Diskussionsleitung bis zum passenden Menü. Daneben enthält das Buch Gedanken zur Tradition des geselligen Lesens und Lektürevorschlägen bekannter Autoren — kurz: alles, was Sie brauchen, um schon bald selbst die erste Minute Ihres Lesekreises zu erleben.
Lesekreise: ein wenig französischer Salon, ein bisschen Literarisches Quartett — und viel geteilte Lesefreude
Inhalt:
Das erste Buch, in dem ich einen Anhang für Teilnehmer an Lesekreisen entdeckte, war Drachenläufer. Da der Berliner Taschenbuchverlag inzwischen weitere Bücher mit Bonusmateriel veröffentlichte, liegt es nahe, nun eine Anleitung zur Organisation von Literaturgruppen vorzulegen. Thomas Böhm, langjähriger Programmleiter des Literaturhauses Köln, leitete dort den regelmäßigen Lesekreis, der aus knapp 50 ständigen und gelegentlichen Mitgliedern bestand. Die Auswahl der Titel orientierte sich an den zu Lesungen ins Literaturhaus eingeladenen Autoren. Die Tradition, sich in Lesegruppen über ein vorher festgelegtes Buch auszutauschen, stammt aus dem englischen Sprachraum. Betont wird von den Teilnehmern, wie sehr sie die Atmosphäre genießen, in der es fern jeder Konkurrenz um den Austausch unterschiedlicher Standpunkte geht. Böhm erläutert, wie ein neuer Literaturkreis zu organisieren ist und unterhält mit netten Anekdoten. Interessenten werden über Wahl des Ortes, einer Diskussionsleitung, der Auswahl der Bücher und den Ablauf einer Diskussion informiert. Zwei Listen von Fragen zu gelesenen Büchern können der Schärfung der eigenen Lesebrille dienen. Der Fragenkatalog diszipliniert schon beim Lesen des ausgewählten Buches. Gefallen hat mir die Tradition (nach Max Furr) aus der amerikanischen Unterrichtspraxis, vorab Rollen zu vergeben und einen Zusammenfasser, einen Konnektor, einen Wortfinder, einen Passagensucher und einen Kultur-Vermittler die Diskussion führen zu lassen. Lyrikdiskussionen, Lektüretagebücher, Gesprächsführung, Umgang mit Gästen oder neuen Mitgliedern, literarische Kennenlernspiele, regelmäßige Zwischenbilanzen zum Verlauf der Gruppentermine und ein launiger Ausflug in literarische Salons sind ebenfalls Thema der Anleitung. Die Auflistung von Diskussionsfragen und literarischen Spielen fand ich sehr hilfreich. Der Autor steht Diskussionen über Bücher im Internet (einige Vorschläge in Lesekreisen stammen inzwischen aus virtuellen "Leserunden") distanziert gegenüber und hat zum Einkauf im Internet wenig grundlegend recherchiert. Findmybook ist kein Versandantiquariat, sondern eine Metasuchmaschine, um nach gebrauchten Buchtiteln zu suchen. Im Anhang schlagen Sigrid Löffler, Dennis Scheck u. a. Prominente ihre 10 Favoriten für einen möglichen Lesekreis vor. Da ich weder Zettels Traum noch Ulysses in einer Lesegruppe verschlingen möchte, halte ich mich lieber an die bodenständigen Vorschläge von Antje Deistler vom WDR.
Fazit:
Von Böhms Sichtweise des intellektuellen Großstädters, der sich regelmäßig im Feuilleton überregionaler Zeitungen informiert, sollten Interessenten an Lesekreisen sich nicht abschrecken lassen. Ein Lesekreis lässt sich von einer kleinen, engagierten Gruppe von Gründungsmitgliedern auch ganz ohne intellektuellen Anspruch organisieren.
7 von 10 Punkten