CCCP – Cosmic Communist Constructions Photographed – Frédéric Chaubin

  • Sozialistische Architektur? Da fallen einem vielleicht stalinsche Zuckerbäckerbauten ein, man hat die zerfallende sowjetische Plattenbaustadt Pripjat vor Augen, vielleicht auch noch seltsame Brunnen „from outer space“ auf agarophobisch anmutenden Riesenplätzen.
    Chaubin dagegen nähert sich seinem Sujet mit ganz unvoreingenommenen Blick. Er ist für dieses Buch durch die ehemalige Sowjetunion gereist und hat Sternstunden der Sowjetarchitektur aufgestöbert und in brillanten Bildern dokumentiert.


    Der Band ist nach den verschiedenen Funktionen von öffentlichen Bauten in die Kapitel Entertainment and Culture, Science and Technology, Sports and Youth, Health and Resorts, Rites and Symbols unterteilt, was schon eine recht nützliche Vorsortierung dieser für westliche Augen recht ungewöhnlichen Gebäude vornimmt.
    Denn die meisten dieser Orgien in Beton setzen sich über jede Bautradition hinweg, alles, was statisch machbar ist, wird zementiert, eloxiertes Aluminium setzt ausgiebig güldene Akzente. Innen kontrastieren sozialistische Diaramen mit der abstrakten Umsetzung zentralasiatischer Symbolik.


    Ein Teil der fotografierten Bauten , die wie UFOs in Innenstädten gelandet oder in den Wäldern der Taiga abgestürzt wirken, verdanken ihren schaurigschönen Charme zu einem nicht unerheblichen Teil einem schon fortgeschrittenen Grad des Verfalls.


    Andere dagegen sind nur auf den ersten Blick irritierend, bei näherer Betrachtung erstaunen sie durch eine konsequente Umsetzung des bauhaus'schen Credos „Form folgt Funktion“. Etwa der Fernsehturm von Riga, der futuristisch grazil in seltsamen Kontrast etwa zu dem größenwahnsinnig anmutenden Fernsehturm in Taschkent steht.
    Konsequent auch die erdbebensichere Ausführung von Kinos und Theatern in zentralasiatischen Republiken, die ganz offensichtlich gebaut wurden, den Naturgewalten zu trotzen und diese Funktion gar nicht zu verbergen versuchen.


    Oft hat man zwar den Eindruck, dass die offensichtliche Symbolik schon wieder entlarvend ist, etwa bienenstockartige Hotelbauten: für jeden ein Kämmerchen, aber am Ende zählt nur das Volk als Ganzes. Demgegenüber stehen freilich kreisförmige Hotels wie das auf dem Titel, in dem jedes Zimmer Meerblick hat und das somit egalitäre Ideale architektonisch umsetzt.


    Alles in allem ein großartiges Band, der selbst architekturkritischen Blindfischen wie mir jede Menge Interpretationsspielraum liefert und den ich immer wieder zur Hand nehmen kann, um überraschende, verstörende, erstaunliche Details zu entdecken. Und wer auch nur einmal versucht hat, den Eindruck von großen Gebäuden photographisch festzuhalten, kann vor den Fotos, die auf beeindruckende Weise den Geist dieser Bauten wiedergeben, nur den Hut ziehen. Denn diese Bilder sprechen für sich, eine ausgiebige Kommentierung ist deshalb überflüssig.

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)