Der Ausflug der toten Mädchen - Anna Seghers

  • 'Die berühmteste Erzählung der Seghers' heißt es sofort, wenn die Sprache auf diesen Titel kommt.
    Die Geschichte ist vor über sechzig Jahren entstanden, 1943/44 in Mexiko, dem einzigen Land, das damals bereit war, die heimatlose Antifaschistin aufzunehmen.
    In Mexiko beginnt und endet die Erzählung auch. Auf einem Spaziergang in der fremden Umgebung erinnert sich die Ich-Erzählerin in einer traumartigen Sequenz an einen lange zurückliegenden Schulausflug, 1914, in ihrer Heimat, irgendwo am Rhein. Lehrerinnen und Klassenkameradinnen tauchen auf, später kommt auch eine Klasse mit Jungen dazu. Man spielt, redet, es gibt Kaffee und Kuchen auf einer Terrasse über dem Rhein. Die ganze Schulzeit wird lebendig, aber lebendiger noch wird, was die Zeit des Ersten Weltkriegs und mehr noch des Nationalsozialismus aus ihnen allen gemacht hat. Aus ganz normalen jungen Mädchen, Schulkameradinnen, Freundinnen werden die Jüdin, die Nationalsozialistin, die fromme Bürgerin, die Heuchlerin, die Konservative, die Drückebergerin, die Heimatlose. Fast alle sind am Ende tot.
    Erzählt wird ruhig, vermeintlich sachlich, aber tatsächlich mit einem geradezu perfiden Wissen um genau das eine Wort, die präzise Beschreibung, die den Schrecken wieder und wieder n seiner ganzen Wucht aufbrechen lassen. Stimmung und Inhalt der Geschichte steigern sich gegenseitig in eine geradezu gespentische Atmosphäre.
    In meiner Ausgabe nimmt das 31 Seiten ein. Die sollte man sich durchaus mal gönnen.
    Magali

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • magali
    Wenn ich das bei Amazon richtig verstehe, sind in dem Band drei Erzählungen enthalten; deine Beschreibung bezieht sich auf die Titelgeschichte, und die nimmt 31 Seiten ein.
    Hab ich das jetzt richtig? :gruebel

    Surround yourself with human beings, my dear James. They are easier to fight for than principles. (Ian Fleming, Casino Royale)

  • MaryRead
    ja, genau.
    In dem Band sind noch zwei weitere, Post ins Gelobte Land (Ermordung einer jüdischen Familie, die nur in ihren Briefen überlebt) und Das Ende. Das ist sozusagen das Schlußkapitel zum 'Siebten Kreuz'. Ich bin nicht ganz so glücklich damit, verstehe aber, warum Seghers es geschrieben hat.(Eher politische als literarische Gründe, würde ich sagen). Es geht um den Untergang des sadistischen KZ-Wärters in dem Roman.
    Hier kam es mir, als Thema in der Rubrik 'Klassiker', auf den 'Klassiker' unter den Erzählungen an, den Renner von Seghers' sozusagen.
    magali

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus